Schachwetten, lohnt sich das?

Sabine liebt Zahlen, und sie liebt Schach. Nun, da in Jekaterinenburg das Kandidatenturnier beginnt, kann sie diese beiden Leidenschaften miteinander verbinden.

Sportwettenanbieter sind beim Schach umso mehr im Gespräch, seitdem Magnus Carlsen sich zum Botschafter des Glücksspielkonzerns Unibet hat ernennen lassen, eine Partnerschaft, die das WM-Match gefährdet. Seit Wochen schon verkündet die FIDE, der Vertrag mit der Expo in Dubai über das WM-Match sei so gut wie fertig, aber es will partout nicht zur Unterschrift kommen. Das liegt laut arabischen Medien vor allem daran, dass das Glücksspiel in Dubai verboten ist. Ein Unibet-Logo auf Magnus Carlsens Sakko wollen die WM-Hausherren in den Vereinigten Arabischen Emiraten nicht zulassen.

Jetzt müssen die acht WM-Kandidaten erst einmal klären, wer Magnus Carlsen herausfordert. Und wir klären mit Sabines Hilfe, ob es sich lohnt, bei einem der zahlreichen Wettanbieter den einen oder anderen Euro auf Kandidaten-Schach zu setzen.

Sabine gibt uns gerne Auskunft, sie gewährt uns sogar einen Einblick darin, worauf sie beim Kandidatenturnier setzt, worauf nicht und warum. Ihre einzige Bedingung: Sie möchte anonym bleiben. Sportwetten sind nicht illegal in Deutschland, aber wer sie so ambitioniert betreibt wie Sabine und daraus regelmäßig Einkünfte generiert, der begibt sich in eine rechtliche Grauzone.

Unibet-Botschafter Magnus Carlsen: Den neuen Schriftzug auf dem Sakko des Weltmeisters sehen weder die potenziellen WM-Ausrichter in Dubai noch der Schach-Weltverband besonders gerne. | Foto: Unibet

Worüber reden wir eigentlich? Erklär mir das Prinzip hinter Sportwetten, Wetteinsätzen und Wettquoten.

Einfaches Beispiel:. Du hast eine Münze, die nach einem Wurf entweder Kopf oder Zahl anzeigt. Den extrem seltenen Fall, dass sie senkrecht zum Stehen kommt, unterschlagen wir. Die Wahrscheinlichkeit für die beiden Ausgänge dieses Ereignisses bei einer perfekt ausbalancierten Münze beträgt je 50 Prozent. Eine faire Wettquote wäre dann jeweils «2,00» auf Kopf bzw. Zahl. Du setzt einen Euro. Gewinnst du, bekommst du 2 Euro ausgezahlt, verlierst du, ist dein Geld weg.

Die europäische Darstellung der Wettquoten ermittelst du, in dem du den Wert 1 durch die Wahrscheinlichkeit eines Ausgangs dividierst. Hier also 1 geteilt durch 0,5. Der Erwartungswert 0,5 entspricht der 50-prozentigen Wahrscheinlichkeit. Umgekehrt funktioniert es genauso. Ist dir die Wettquote des Buchmachers bekannt, kannst du daraus die Wahrscheinlichkeit ermitteln, indem Du den Wert 1 diesmal durch die Quote teilst. Du errechnest also immer den reziproken Wert.

Dieses Modell wäre ein Nullsummenspiel für denjenigen, der deine Münzwette anbietet. Wo bleibt der Buchmacher?

Der will auch leben bzw. für sein Risiko entlohnt werden, einen möglichen Gewinn des Kunden auszahlen zu müssen. Also zieht er von der Wettquote seine Marge ab. Zum Beispiel bietet er für die möglichen Ausgänge des Münzwurfs eine Quote von jeweils 1,90 an. Setzt Du jetzt einen Euro auf Kopf und gewinnst, dann erhältst Du nicht «faire» zwei Euro zurück, sondern nur 1,90 Euro.

Man kann das auch anders herum rechnen, indem man die Quoten aller möglichen Ausgänge eines Ereignisses in Wahrscheinlichkeiten umwandelt und dann addiert. In unserem Beispiel wären das 1/1,90 + 1/1,90 also  etwa 52,63% +52,63% = 105,26%. Alle möglichen Ausgänge eines Ereignisses können aber nur 100% ergeben. Die 5,26% sind der Gewinn des Buchmachers.

Nach diesem Prinzip funktionieren grundsätzlich alle Sportwetten unabhängig von der Anzahl der Ausgänge eines Ereignisses.

Hallo, liebe Leute bei bwin? Beim Schach heißt es „Partie“, nicht „Spiel“.

Mehrere Buchmacher bieten Schachwetten an, speziell jetzt, weil heute das Kandidatenturnier beginnt. Auf was und bei welchen Anbietern können wir Geld setzen?

Du kannst beim Schach auf den Turniersieger wetten. Du kannst sogenannte Head-to-Head-Wetten machen, also darauf setzen, welcher von zwei ausgewählten Spielern am Ende vor dem anderen liegt.  Du kannst auf den Ausgang einzelner Partien setzen, also auf Sieg Weiß, Remis oder Sieg Schwarz. Du kannst bei einigen Anbietern wetten, ob die Anzahl der Züge einer Partie über oder unter einem bestimmten Wert liegt. Oder sogar Geld auf den Anfangszug einer bestimmten Partie setzen.

Ich habe jetzt nicht alle Buchmacher auf ihre Schachangebote geprüft, aber Bet365, Bwin, Unibet und Tipico bieten Schachwetten zum Kandidatenturnier an. Bei den ersten drei Anbietern muss man berücksichtigen, dass diese Buchmacher neben ihrer üblichen Marge noch eine Wettsteuer von 5 Prozent auf Einsatz und Gewinn einbehalten, die sie an das Finanzamt abführen müssen. Tipico wälzt die Wettsteuer nicht auf ihre Kunden ab, hat aber dafür oft etwas schlechtere Wettquoten. Das muss man bei der Auswahl seiner Wetten berücksichtigen.

Was empfiehlst du?

Den Buchmacher seines Vertrauens sollte jeder selbst herausfinden, da will ich auch keine Empfehlungen geben. Was die Wetten angeht: Ich würde nur auf Turniersieger und einzelne, ausgewählte Partien setzen, vielleicht noch die eine oder andere Head-to-Head-Wette. Das Wetten auf Zuganzahl oder Anfangszug ist meiner Meinung nach reine Zockerei.

Warum?

Du willst ja gewinnen. Das ist bei Sportwetten wegen der Buchmachermarge und Wettsteuer heute schon schwer genug und eigentlich nur noch in Nischenmärkten möglich. Also da, wo du eventuell einen Wissens- oder Informationsvorsprung vor dem Anbieter hast. Zugzahl oder Anfangszug sind da zu banal und eher vergleichbar mit dem Setzen auf Rot oder Schwarz beim Roulette. Dort schlägst du die Margen der Buchmacher nie.

„Value“, also einen vermuteten Wert bei einer Wette gibt es eher bei den anderen Wettarten, also Turniersieger oder in den einzelnen Partien.

Value?

Viele machen den Fehler und verwechseln das Auswählen eines Favoriten für ein bestimmtes Ereignis mit einer guten Sportwette. Langfristig gewinnen wird man bei Sportwetten aber nur, wenn man grundsätzlich die Wahrscheinlichkeit eines Ausgangs besser einschätzt als der Buchmacher. Und das kann mal der Favorit und mal der Außenseiter sein. Wichtig für eine Wette ist es, dass die Wahrscheinlichkeit eines Spielausgangs, auf die ich komme, höher als die umgerechnete Wettquote des Anbieters ist.

Nehmen wir an, ich will Geld auf den Turniersieger setzen und glaube, dass es Fabiano Caruana wird. Jetzt sollte ich mir zunächst darüber klar werden, welche Gewinnchancen ich ihm einräume oder für ihn errechnet habe. Sagen wir mal, ich komme auf 40 Prozent. Dann wäre eine faire Wettquote 1/40% oder 2,50. Bietet mir ein Buchmacher eine Quote von 2,20 an,  dann mache ich langfristig Verlust. Bietet er eine Quote von 2,80, gewinne ich langfristig. Die Differenz zwischen angebotener Quote und der vor mir berechneten oder geschätzten Quote nennt man Value. Je höher das Value, desto lukrativer die Wette.

Sabine hat auf beide Herren in diesem Bild als Turniersieger gesetzt, auf den einen mehr, den anderen weniger. | Foto: Lennart Ootes/Grand Chess Tour

Ok, die Theorie habe ich verstanden. Jetzt Butter bei die Fische. Heute beginnt das Kandidatenturnier. Hast du gewettet?

Schon vor Wochen auf Ding Liren, und zwar zu einer Nettoquote von 3,00. Das ist umgerechnet eine Wahrscheinlichkeit von 33%. Meiner Meinung nach hat er wesentlich höhere Gewinnchancen, als die damalige Quote abgebildet hat. Ein Buchmacher gibt mir in meiner Einschätzung heute auch Recht, da ist die Quote auf unter 2,00 gefallen. Der schätzt Ding jetzt sogar als deutlichen Turnierfavoriten ein. Später fallende Quoten sind immer ein gutes Zeichen für Value einer getätigten Wette. Und Uneinigkeit bei Buchmachern dafür, dass hinter einem Wettmarkt grundsätzlich Value versteckt ist. Für das Kandidatenturnier ist das auch kein Wunder bei einem nachträglich eingesprungenen Kandidaten und den jetzigen Unsicherheiten rund um das Coronavirus.

Zur Absicherung habe ich aber aber auch ein wenig Geld auf Caruana zu einer Quote von 2,10 platziert. Gewinnt Caruana das Turnier, mache ich wenigstens noch ein bisschen Plus, gewinnt jemand anderes, schaue ich in die Röhre.

Den anderen Teilnehmern rechne ich keine Chance auf einen Turniersieg ein. Hätte Radjabov gespielt, dann hätte ich möglicherweise auch noch über eine Außenseiterwette nachgedacht, weil er meiner Meinung nach bei den Buchmachern mit Quoten um oder über 11,00 – wenn ich mich jetzt noch korrekt erinnere – ebenfalls unterbewertet war. Natürlich muss man sich bei so einer Wette bewusst sein, dass man sie höchstwahrscheinlich verliert. Und natürlich kann ich mich in meiner Einschätzung auch total irren.

Und die Partien heute?

Grundsätzlich glaube ich, dass die Wettquoten auf ein Remis in den jeweiligen Partien der ersten Runde zu schlecht sind. Ding Liren gegen Wang Hao, da liegt die Quote auf einen Sieg von Ding je nach Anbieter immer noch bei etwa 4,00, da habe ich zugeschlagen, das ist auch jetzt noch interessant.

MVL gegen Caruana, in der Partie lohnt es nach meiner Einschätzung, auf einen Sieg von MVL und auf einen Sieg von Caruana zu setzen. Die Quote auf MVL liegt bei etwa 9,00, die für einen Schwarzsieg Caruanas bei 6,00. Die Buchmacher bewerten die Wahrscheinlichkeit eines Remis auf etwa 78 Prozent, das ist mir bei diesen beiden zu hoch geschätzt, auch wenn es die Auftaktpartie ist.

Bei Wetten auf Spielausgänge mit Quoten über 2,50 sollte man sich aber bewusst sein, dass man dafür eventuell einen langen Atem braucht. Es kann durchaus sein, dass man bei diesen oder noch höheren Quoten längere Verlustserien hinlegt. Das kann man sogar mathematisch berechnen. Wenn ich zum Beispiel 100-mal hintereinander eine Quote von 2,50 (40% Wahrscheinlichkeit) spiele, werde ich in diesen 100 Wetten mit ziemlicher Sicherheit eine Negativserie von neun verlorenen Einsätzen haben. Bei einer Quote von 2,00 (50%) sind es sieben, bei einer Quote von 4,00 (25%) sogar 16!

Ding gegen Wang und MVL gegen Caruana sind zwei von vier Partien. Was ist mit den anderen beiden?

Von denen lasse ich die Finger. Wie steht es so schön in einem wirklich guten Buch zu Sportwetten: „Die beste Wette ist die, die Du nicht abschließt.“ Gemeint ist damit, dass man nur dann wetten sollte, wenn man den Markt versteht und auch Value in seiner Auswahl sieht. Und nicht wettet nur um des Wettens willen.

Bücher zu Sportwetten gibt es einige, darunter jede Menge Schmu à la „Wie Sie in Nullkommanix Millionen machen“. Sabine empfiehlt den Autor Joseph Buchdahl, der sei seriös. Wer sich mit den in diesem Werk aufgedröselten Konzepten vertraut machen will, der muss sich auf Arbeit einstellen. Nullkommanix-Methoden funktionieren nicht.

2 Kommentare zu „Schachwetten, lohnt sich das?

  1. Sie setzt auf MVL und Caruana – sie spielen Remis.
    Sie setzt auf Ding, Wang gewinnt.

    Ist natürlich eine Momentaufnahme, aber überzeugend geht anders.

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