Jörg Schulz’ langer Arm?

Nikola Franić ist neuer Geschäftsführer der Deutschen Schachjugend. Ende Februar gab die DSJ bekannt, es habe sich eine Vielzahl von Bewerberinnen und Bewerbern auf die seit dem unfreiwilligen Abgang von Jörg Schulz freie Stelle beworben. Am Ende eines mehrstufigen Auswahlverfahrens sei die Wahl auf den 38-Jährigen gefallen.

Franić ist in Zagreb geboren und in Lippstadt aufgewachsen, wo er erste Kontakte zum organisierten Schach knüpfte, speziell zum LSV/Turm Lippstadt. Dort, ebenso wie später beim SK Marburg, hat er sich in der Jugendarbeit eingebracht. Als Student in Marburg war Franić ehrenamtlich im Vorstand des Allgemeinen Deutschen Hochschulverbands engagiert. „Als erstes möchte ich den Verband bestmöglich kennenlernen, indem ich möglichst viele Veranstaltungen begleite und so einen guten Eindruck von der DSJ und ihren vielen Helfern bekomme“, sagte Franić in seinem Antrittsinterview auf der DSJ-Seite.

Nikola Franic, DWZ 1632, SK Marburg. | Foto via Deutsche Schachjugend

Ein Interview zum Antritt, im Prinzip ein schöner Akzent, der den neuen DSJ-Chef von seinem künftigen DSB-Pendant in der Geschäftsstelle unterscheidet: Marcus Fenner hat den Leuten drei Jahre und ungezählte Unsäglichkeiten später immer noch nicht mitgeteilt, wer er ist, wofür er steht und wohin er steuern will. Franić hat zumindest die ersten beiden Fragen beantwortet, bevor er sich ans Werk macht. Aber mit einem Passus in seinem Antrittsinterview hat er sogleich für Irritation gesorgt.

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Angesichts des gespaltenen, unverändert reparaturbedürftigen Verhältnisses zwischen Jugend und Schachbund hätte er sagen können, dass er für eine Befriedung und für konstruktive Zusammenarbeit steht, dafür, die Kräfte des deutschen Schachs zu vereinen. Damit hätte er eine wichtige Baustelle markiert und ein Zeichen in Richtung Normalität gesetzt, ein Zeichen, zu dem sich die DSB-Führung bislang nicht hat durchringen können. Stattdessen sagte Franić:

„In Jörg Schulz habe ich einen aktiven Unterstützer als Kollegen in der Geschäftsstelle an meiner Seite. Das Wissen und die geballte Erfahrung von Jörg möchte ich als Grundlage nutzen, um mit meinem frischen `Blick von außen´ und möglichst vielen Ideen zur Weiterentwicklung des Verbands beizutragen.“

Einerseits weiß der DSJ-Berater Jörg Schulz gewiss viel, kennt jede Menge Leute und hat manche Erfahrung gesammelt, von denen Franić profitieren wird. Wie wertvoll Schulz‘ Wissen ist, wäre auch so bekannt gewesen. Andererseits ist Schulz in der anderen, dem DSB zugeordneten Hälfte der Geschäftsstelle ein personifiziertes rotes Tuch.

Muss man damit sogleich wedeln? Und: „In der Geschäftsstelle an meiner Seite“? Als der erdbebenhafte Kulturkampf Fenner-Schulz eskaliert war, wurde Jörg Schulz verboten, diese Geschäftsstelle zu betreten. Seitdem ist nicht bekannt geworden, dass dieses Verbot aufgehoben ist.

Die Dauerbaustelle. | Foto: Deutscher Schachbund

Beginnt der neue DSJ-Geschäftsführer nun also mit einer Provokation, indem er sich als erste Amtshandlung öffentlich in die Tradition der DSB-Reizfigur schlechthin stellt? Eine unbedachte Aussage des Neuen in Unkenntnis der Verhältnisse war es jedenfalls nicht, dann hätte nachträglich jemand eingegriffen. Aber die oben zitierten Zeilen stehen seit dem 28. Februar unverändert auf der DSJ-Website, sie sind so gewollt. Brückenbau geht anders.

Irritation hatte vor dem Antrittsinterview schon die Personalentscheidung des DSJ-Auswahlgremiums ausgelöst: in manchen Landesverbänden des DSB ebenso wie in Landesschachjugenden, überall dort nämlich, wo die Defizite der Jugendorganisation in Sachen Buch- und Kassenführung besonders stark gewichtet werden.

Beim Kongress 2020 hatten DSB-Geschäftsführer Marcus Fenner und -Schatzmeister Hans-Jürgen Weyer unisono gefordert, die Schachjugend müsse nun in erster Linie einen veritablen Buchhalter einstellen. Seitdem läuft innerhalb der DSJ eine intensive Debatte über die Defizite und die Frage, in welchem Maße sie bestehen. Speziell die bayerische Schachjugend hält sie für eklatant. Die aktuelle DSJ-Führung sieht das anders.

Jörg Schulz. | Foto: DSJ

Bestimmt braucht das deutsche Schach keine zweite fantasie- und farblose, verschanzt-unbewegliche Organisation, deren Spitzenleute in erster Linie sehr gut Zahlen in Formulare eintragen können. Aber angesichts der Vielzahl von Leuten, die sogar innerhalb der Schachjugend anmahnen, die Ära der Bargeldkasse in der Hosentasche müsse nun enden, liegt nahe, dass in dieser Hinsicht Handlungsbedarf besteht. Allgemein war erwartet worden, dass das Profil des neuen DSJ-Geschäftsführers diesen Handlungsbedarf spiegelt.

Das Profil des einstigen Lehramtsstudenten Nikola Franić spiegelt es nicht, es steht mit seinem Fokus auf Jugendarbeit, Jugendaustausch, Jugendbegegnung in der Tradition von – Jörg Schulz. Hat der als DSJ-Berater bei der Auswahl seines Nachfolgers ein gewichtiges Wort mitgesprochen? Das entscheidende gar?

Kevin Högy zum Referenten für Leistungssport gewählt – NSV
Kevin Högy. | Foto: DSB

Während bei der DSJ das Auswahlverfahren lief, galt bei der Mehrheit der Beobachter jemand anderes als Favorit auf die freie Stelle, als gesetzt sogar: Der bisherige DSJ-Mitarbeiter Kevin Högy. Der hatte ein abgeschlossenes BWL-Masterstudium vorzuweisen und einen A-Trainerschein. Dazu der Umstand, dass im deutschen Schach außerhalb von Lippstadt und Marburg schon Leute von ihm gehört haben. Und der Umstand,. dass schon vor Monaten der DSB um Högys Dienste geworben hatte.

Diese Personalie hätte eine Brücke zwischen den Schachorganisationen sein können, auch hier liegt Schulz-Einfluss nahe. Neben seiner BWL- und Compliance-Expertise hätte der niedersächsische Leistungssportreferent Högy einen weiteren Fokus eingebracht, den auf Leistungssport. Und das wiederum ist ein Feld, für das der einstige DSJ-Geschäftsführer nie viel übrig hatte. Familie Pähtz kultiviert ihren Groll gegen Jörg Schulz deswegen seit Elisabeths Kindertagen.

Nun hat die Besetzung der DSJ-Geschäftsführerstelle dem DSB einen zusätzlichen Mitstreiter beschert. Seitdem die Entscheidung für Franić verkündet ist, firmiert Kevin Högy auf der DSB-Website als DSB-Mitarbeiter. Zuvor war er dort als DSJ-Mitarbeiter aufgeführt.

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Siegfried
Siegfried
3 Jahre zuvor

Wie kann ein gekündigter Angesteller ohne Amt so großen Einfluss auf die Auswahl seines Nachfolgers ausüben? Jörg Schulz ist die Graue Eminenz – wie Helmut Kohl – von der die Schachjugend erst noch laufen lernen muss.

Last edited 3 Jahre zuvor by Siegfried
Ein echter Holsteiner
Ein echter Holsteiner
3 Jahre zuvor

Nicht nur im DSB läuft vieles schief, die DSJ ist nicht im Ansatz besser, auch wenn sie dies in den vergangenen Jahren immer sehr gut geschafft hat zu vertuschen. Transparenz gleich null, viele noch zu junge und unerfahrene LSJ fallen leider immer wieder darauf ein. Was muss eigentlich noch alles passieren? Versuchte Manipulation von Kassenprüfern durch Herrn Schulz, keine Kontovollmacht für einen Kassenwart, fragwürdige Hotelverträge durch Herrn Schulz verhandelt, Mobbing von Andersdenkenden, selbst ein Mitglied des Vorstandes emfand in der letzten Jugendversammlung, dass der Vorwurf der Korruption im Raum steht, usw.. Die Auswahl des Geschäftsführers ist nun der absolute Gipfel.… Weiterlesen »

Ankonfred
Ankonfred
3 Jahre zuvor

Ein wenig Sachverstand ist schon notwendig. Keine Berührungspunkte? Dann sollte man mal die DSJ-Veranstaltungen besuchen.
Ein Finanzreferent kann nur so zeitnah buchen, wie ihm die Belege vorgelegt werden. Und wenn dies der GF nicht macht…
Gerade als Verband ist man in der Pflicht ordnungs-, satzungs- und sachgemäß zu handeln. Da geht es nicht um 300 EUR. Man schaue sich den verwalteten Etat doch einmal an.

Olaf Nevermann
Olaf Nevermann
3 Jahre zuvor

Liebe Schachfreunde, ichhatte mr den Kriterienkatalog für den Geschäftsführer angesehen und mir auch ein paar eigene Gedanken gemacht. Folgende grundsaätzliche Fähigkeiten erwarte ich von einem Geschäftsführer, besonders einer Bundesorganisation: – abgeschlossenes Studium im Bereich Wirtschaft – Führungserfahrung – Erfahrung im Aushandeln von Verträgen – Erfahrung im Bereich Schach, sowohl organisatorisch als auch praktisch – umfangreiche Tätigkeiten auf Vereins-, Landes- und wünschenswerter Weise Bundesebene – eigene Ideen, diesen Verband zu führen und zu vertreten – Fähigkeit zum selbstständigen Handeln Was davon erfüllt der neue Geschäftsführer? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich auf diesen gut dotierten Posten nicht andere und qualifiziertere… Weiterlesen »

Daniel Hendrich
Daniel Hendrich
3 Jahre zuvor

Aus dem Artikel könnte man fast sowas wie Kritik an der DSJ herauslesen? Das kann ja aber nur ein Irrtum sein oder? 🙂

Nachgedacht
Nachgedacht
3 Jahre zuvor

Was ist in der DSJ Geschäftsstelle los? Jetzt hat offenbar der nächste Mitarbeiter gekündigt.
Die DSJ sucht nicht nur einen sondern zwei Mitarbeiter.

Schindler
Schindler
3 Jahre zuvor

Brisante Informationen enthüllt bei Paul Meyer-Dunker. Empfehlung für DSJ Mitgliederversammlung Vorsitzenden und Finanzverantwortlichen nicht zu entlasten.

Nachgedacht
Nachgedacht
3 Jahre zuvor

Die DSJ hat eine fünfstellige Summe nach eigenen Angaben für den Jugendkongress und die DLM in den Sand gesetzt. Gleichzeitig nimmt die DSJ Spenden ein und behauptet, damit das Jugendschach in Deutschland voranzutreiben. Tatsächlich wird das Geld benötigt um Löcher zu stopfen.

Last edited 3 Jahre zuvor by Nachgedacht
trackback

[…] Jörg Schulz steht. Högy, der allgemein als Schulz‘ Nachfolger erwartet worden war (und es dann nicht wurde), steht außerdem eher auf Seiten derjenigen, die finden, dass es in der DSJ-Buchhaltung vor der […]

Michael Juhnke
Michael Juhnke
3 Jahre zuvor

Mich interessiert, womit die im Artikel getroffene Aussage “Und der hat als DSJ-Berater bei der Auswahl seines Nachfolgers ein gewichtiges Wort mitgesprochen” belegt ist. Meinen zugegebenermaßen etwas beschränkten Informationen nach war J. Schulz weder an der Stellenausschreibung noch in irgendeiner Form an der Kandidatenauswahl beteiligt. Auch hat er den neuen GF soweit ich weiß erst nach der Anstellung kennengelernt.
Dass J. Schulz nach Einstellung eines neuen GF diesem seitens der DSJ e.V. als Berater zur Seite gestellt wird, war mit dem DSB abgestimmt und schon auf dem Kongress in Magdeburg kommuniziert worden. Angesichts des umfangreichen Aufgabengebiets macht dies auch Sinn.

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
3 Jahre zuvor

Wenn die DSB-Spitze rote Tücher sieht, dann sollte man seine Sichtweise überprüfen.
Zusammenarbeiten ist immer besser als gegeneinander zu arbeiten.
Diese einfache Erkenntnis sollte man sich zu eigen machen.

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
3 Jahre zuvor

Der neue DSJ-Geschäftsführer hat auch schon seine erste Infokonferenz mit den Jugendvertretern der Landesverbände durchgeführt. Und für die Geschäftsstelle wird eine personelle Unterstützung gesucht.
Die Deutschen Jugendmeisterschaften 2022-2025 werden auch schon geplant und entsprechend kommuniziert.
Es läuft also. 🙂

Gustaf Mossakowski
3 Jahre zuvor

Da sind ein paar Fehler im Artikel: – Verantwortlich für die mehrstufige Auswahl des neuen Geschäftsführers war vorab eine vierköpfige Gruppe mit aktuellen DSJ-Vorstandsmitgliedern und einem ehemaligen Vorsitzenden. Die Endauswahl fand dann zusammen mit dem Geschäftsführenden Vorstand der DSJ zusammen statt. Der ehemalige Geschäftsführer hat wie die gesamte Schachöffentlichkeit (inkl. dem restlichen DSJ-Vorstand und aktuellen und ehemaligen hauptamtlichen Mitarbeitern) erst nach Abschluss des Verfahrens mitbekommen, wer es wird. – Die Bewerber um die Stelle waren und sind außerhalb dieser Gruppe niemandem bekannt. Mir auch nicht. Daher ist es verwunderlich, dass es aus offenbar nicht informierten Kreisen einen Favoriten gegeben haben… Weiterlesen »

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
3 Jahre zuvor

Eine Brücke zwischen den Schachorganisationen hatte man sich auch davon versprochen, dass die beiden Vorsitzenden (DSB + DSJ) aus dem selben Landesverband kommen. Dass diese Annahme sich als vollkommen falsch erwiesen hat, sollte mittlerweile bekannt sein. Für die DSJ-Kasse ist auch der DSJ-Finanzreferent und nicht der DSJ-Geschäftsführer verantwortlich. Das ist selbst in den aktuellen DSJ-Ordnungen so geregelt. Und für eine Vereins- oder Verbandskasse braucht man keine Buchhaltung, dafür gibt es beim Online-Banking das runterladbare Kontojournal. In den Vereinen und Verbänden wo ich die Kasse führe, hat der Geschäftsführer mit der Kasse keinerlei Berührungspunkte und damit logischerweise auch keine Verantwortung. Von… Weiterlesen »