Lichess-Tipps für Spielleiter und Jugendwart

Stell dir vor, du kannst zwischen zwei Online-Blitzturnieren wählen. Bei Turnier eins wird Runde für Runde zeitgleich angepfiffen, und du musst nach jeder Partie warten, bis alle fertig sind. Bei Turnier zwei bekommst du nach dem Ende der Partie sofort den nächsten Gegner – außer du willst Pause machen. Dann machst du Pause.

Ein No-Brainer? Eben nicht, wie wir erstaunt zur Kenntnis nehmen.

Unsere Lichess-Anleitung für den Vereinsvorsitzenden hat zum Ansturm deutscher Schachvereine auf die freie Schachplattform beigetragen. Nun ist speziell in den kleineren dieser Vereine eine Debatte über den Turniermodus ausgebrochen, die wir nicht antizipiert hatten. Und darum müssen wir heute nochmal über Lichess reden.

Genauer: Wir müssen über Arena-Turniere reden.

Beim Vereinsabend spielen wir seit Ewigkeiten zwei Arten von Blitzturnieren: entweder ein Rundenturnier (beim SC Überlingen “eine Runde” genannt) oder, seltener, ein Schweizer-System-Turnier, wenn zu viele Leute für ein Rundenturnier da sind. Obwohl Letzteres nicht so oft vorkommt, sind wir damit trotzdem vertraut, weil fast jedes Turnier außerhalb unseres Vereinsheims nach Schweizer System gespielt wird.

Der gestresste Spielleiter und das Rundenturnier

In der Natur des Menschen liegt, Neuem gegenüber skeptisch zu sein. Stellt der Vereinsvorsitzende fest, dass Rundenturniere auf Lichess nicht vorgesehen sind, wird er skeptisch – und fragt seinen Spielleiter, ob nicht trotzdem ein Rundenturnier möglich ist. “Doch, ist es”, sagt der Spielleiter. “Müssen wir nur nebenbei eine Turnierverwaltung laufen lassen.”

Am Ende des ersten Vereinsabends mit Rundenturnier auf Lichess stellen der Vorsitzende und sein schwer gestresster Spielleiter fest, dass das Melden von Ergebnissen, Auslosen und Verkünden der Paarungen sehr viel Zeit gekostet hat, viel mehr als beim Offline-Vereinsabend. Alle Beteiligten haben fast so viel Zeit mit Warten verbracht wie mit Spielen. Wollen wir das wirklich wiederholen?

Blitz-Arena für Titelträger im März 2020: Schachfreund Doktor Nykterstein, im richtigen Leben der amtierende Weltmeister, musste Schachfreund Alireza den Vortritt lassen.

Keine Zeit mit Rumsitzen und Warten verschwenden, flexible Pausen – das ist die Idee hinter dem Arena-Modus, den Lichess für alle Turniere anwendet. Eine Arena ist einem Schweizer-System-Turnier verwandt, aber nicht das gleiche. Wesentlicher Unterschied ist, dass statt der Rundenzahl die Dauer des Turniers festgelegt ist. Wer in der vorgegebenen Zeit die meisten Punkte sammelt, gewinnt das Turnier.

Fürs ganz kleine Turnier ist der Arena-Modus nicht ideal

Der Arena-Modus ist auf Lichess das einzige Turnierformat. Beschwert hat sich darüber bislang niemand, weil er bei den regulären großen Turnieren wunderbar funktioniert, sei es mit ein paar Dutzend oder ein paar tausend Teilnehmern.

Nun aber sprießen kleine Turniere aus dem Boden, Wettbewerbe mit 10 Spielern, wie sie der typische Verein ausrichtet. Hier bringt der Arena-Modus einen unerwünschten Nebeneffekt mit sich: Mancher Teilnehmer spielt mehrfach gegen denselben Gegner, der eine öfter, der andere seltener. Das ist dem Arena-Prinzip geschuldet, möglichst keine Pausen aufkommen zu lassen und spielfreie Teilnehmer alsbald gegen andere spielfreie Teilnehmer zu losen.

Dieser Effekt lässt sich vermeiden, indem die Vereinsmitglieder an ihrem Vereinsabend einfach bei einem der vielen großen Turniere auf Lichess mitspielen. Um 18 Uhr beginnt zum Beispiel das tägliche Blitzturnier mit in der Regel mehr als 2.000 Teilnehmern. Dort zwei Mal denselben Gegner zu bekommen, ist möglich, aber unwahrscheinlich.

“Wenn wir nicht einmal diese Gurkentruppe schlagen…”: Von der eigenen Unzulänglichkeit gefrustet, hat der Schreiber dieser Zeilen neulich die Schachfreunde aus Steißlingen öffentlich als “Gurkentruppe” bezeichnet. Das könnte der Auftakt einer wunderbaren Fehde zwischen Überlingen und Steißlingen sein, die sich per Team-Battle auf Lichess ausfechten ließe.
Der Teamchef des Vereins kann mit diesem Button Wettkämpfe gegen andere Teams oder auch Ligen initiieren. Einfach mal draufklicken. Das Teamkampf-Menü funktioniert genau wie das Turniermenü, das wir unlängst in unserer Lichess-Anleitung für den Vereinsvorsitzenden vorgestellt haben.
So sähe es aus, würde die Gurkentruppe aus Überlingen sich erdreisten, den mächtigen Hamburger SK zum Teamkampf herauszufordern.

Die Alternative, die bessere, sind Teamkämpfe. Vorsitzender und Spielleiter könnten beschließen, den Nachbarverein zum Match auf Lichess herauszufordern. Oder gar mit mehreren befreundeten Vereinen eine Liga auszuspielen. Das Team-Battle-Format stellt sicher, dass jeder Teilnehmer nur gegen Spieler anderer Teams antritt. Am Ende gewinnt das Team mit den meisten Punkten.

Der Jugendwart und seine Schäfchen

Für den Vereinsabend brächte das den schönen Effekt mit sich, dass so ein Online-Mannschaftskampf am Vereinsabend Identifikation mit der Sache generiert, womöglich sogar sportlichen Ehrgeiz. Und wer keinen Nachbarverein findet, um ihn über den virtuellen Tisch zu ziehen, der meldet sich einfach in den Quarantäneligen an. Dort messen sich mittlerweile zwei Mal wöchentlich 140 (Vereins-)Teams, Tendenz steigend, und auch dort entstehen Ehrgeiz und Identifikation: die Aussicht, sich bis in die Quarantäne-Bundesliga hochzuspielen, ist eine verlockende.

Noch ein schneller Hinweis für den Jugendwart und sein separates Jugendtraining: Hast du schon die “Schulklassen”-Funktion auf Lichess entdeckt? Lass dich als Schachlehrer registrieren, dann kannst du deine Schäfchen unter deinem Dach versammeln und mit ihnen eine separate Trainingsgruppe bilden.

Außerdem noch ein Hinweis darauf, wie Lichess für seine jährlich sechsstelligen Kosten aufkommt: Das geht nur dank Spenden, ein Modell, das in Deutschland noch längst nicht so verbreitet und akzeptiert ist wie anderswo.

Wer zu dem Schluss kommt, dass das kostenlose Bereitstellen und Pflegen einer funktionsmächtigen und aufgeräumten Schachplattform wie Lichess ein kleines Dankeschön verdient, der möchte vielleicht erwägen, einfach mal fünf oder fünfzig Dollar dazulassen.

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