WM-Stadt Hamburg? Ein Gerücht. Noch.

Der Wahrheitsgehalt eines Gerüchts lässt sich oft daran festmachen, wie konkret dieses Gerücht ist. Wenn zum Beispiel ein konkreter Begriff wie „Verlustbürgschaft“ Teil des Gerüchts ist, dann liegt nahe, dass an der Sache etwas dran ist. Sowas denkt sich ja keiner aus.

In diesem Fall leider doch. Hamburg wird nicht Schauplatz des WM-Matches 2020 sein.

Der Hammer mit fünf Rufzeichen entpuppte sich als Gerücht. Ein zu schönes, um wahr zu sein.

Wahr ist, dass in und um Hamburg gegenwärtig und in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Leute erwägen, eine große, internationale Schachveranstaltung in die Hansestadt zu holen. Das Kandidatenturnier 2018 zum Beispiel sollte nach Hamburg gehen, aber Berlin bekam den Zuschlag. Auch über die WM 2020 hat in Hamburg eine der Stadt nahestehende Veranstaltungsagentur nachgedacht, aber niemals konkret genug, um den Hut in den Ring zu werfen.

Nicht restlos glücklich mit den WM-Bewerbern 2020

Während des gerade laufenden Grand Prix waren im Theater Kehrwieder trotzdem immer wieder die Begriffe „WM-Match“ und „Hamburg“ in einem Satz zu hören. Vielleicht hat sich die Sache im Lauf der Tage hochgeschaukelt und verselbstständigt, weil es ja so schön wäre?

Für Fotografen ein Beleuchtungsalbtraum, für Spieler und Zuschauer ein wenig zu kalt: Der Grand Prix in Hamburg, an dessen Rande von Beginn an über eine mögliche WM in Hamburg spekuliert wurde. (Foto: FIDE)

Nach anfänglichen, eher abstrakten WM-Signalen kam während des ersten Grand-Prix-Wochenendes eine recht konkrete und gar nicht einmal unplausible Geschichte am Bodensee an, eine, der nachzugehen sich lohnen könnte: Angetrieben von niemand Geringerem als dem Ersten Bürgermeister, hätten sie in Hamburg kurzerhand ein Finanzierungskonzept für das WM-Match 2020 aus dem Boden gestampft und wollten nun mit einer Last-Minute-Bewerbung die FIDE überzeugen.

Schach-, Medien und Handelsmetropole

Wahr ist ja auch, dass sie bei der FIDE nach dem unglücklichen Verlauf der WM-Ausschreibung 2020 mit den beiden jetzigen Bewerbern nicht restlos glücklich sind: einerseits die reichen, aber gesichts- und schachkulturlosen Vereinigten Arabischen Emirate, andererseits das vor Schachgeschichte nur so strotzende, aber arme Argentinien. Die Schach-, Medien- und Handelsmetropole Hamburg käme da gerade Recht.

Aber zu spät.

„Die Bewerbungsfrist ist am 1. November abgelaufen.“ Zu diesem Hinweis führte eine direkte Kontaktaufnahme mit führenden FIDE-Leuten, nachdem eine offizielle Anfrage bei der FIDE unbeantwortet geblieben war. Andere Bewerber als Arabien und Argentinien seien nicht bekannt. Derselbe Tenor erklingt in Hamburg. Eine Anfrage beim Büro des Ersten Bürgermeisters führte zum Hamburger Landessportamt, und das teilte mit: „Es gibt keine konkreten Planungen für eine Schach-WM 2020.“  

Toller Plan, leider gescheitert: Vor wenigen Tagen ereilte Hamburgs Sportsenator Andy Grote die Nachricht, dass Hamburg die Frauen-Hockey-WM 2022 nicht bekommt. Wie wäre es stattdessen mit einem Schach-WM-Match?

Nicht einmal Planungen über die WM 2020 hinaus. Wahr ist leider, dass der mittelfristige Terminplan von Hamburgs Sportsenator Andy Grote in den nächsten Jahren keine internationale Schachveranstaltung in Hamburg vorsieht, weder eine WM noch ein Kandidatenturnier, und das, obwohl FIDE-Präsident Dvorkovich schon vor Monaten im Gespräch mit DSB-Präsident Ullrich Krause gesagt hat, dass er hinsichtlich kommender internationaler Turniere, auch Frauenturniere, auf Deutschland setzt. Außerdem klafft in Grotes Terminplan eine Lücke, seitdem den Hamburgern die Hockey-WM 2022 durch die Lappen gegangen ist.

Wie wäre es stattdessen mit der Schach-WM 2022?

„Ausschreibung für 2022 sollte jetzt schon laufen“

Wahr ist allemal, dass sie bei der FIDE fröhlich gucken, wenn der Name „Hamburg“ fällt, und das mag nicht nur damit zusammenhängen, dass Hamburg als Schach-, Medien- und Kaufmannstadt dem Idealbild einer Ausrichterstadt sehr nahe kommt. Wahrscheinlich ist auch der Deutsche Schachbund ein Faktor.

Der während des Grand Prix neu eskalierte Konflikt mit der Deutschen Schachjugend und all die anderen offenen Baustellen daheim zählen international nicht. Beim Grand Prix bemüht sich das Führungsduo Krause/Fenner nach Kräften, Deutschland international als attraktives Schachland und den DSB als handlungsfähige Organisation erscheinen zu lassen. Jetzt fliegen sie sogar Vincent Keymer für ein Simultan in Hamburg ein, das größte Pfund, mit dem das deutsche Schach wuchern kann.  

Schachland Deutschland: DSB-Präsident Ullrich Krause (Mitte) und DSB-Geschäftsführer Marcus Fenner (links) mit FIDE-Präsident Arkadi Dvorkovich. (Foto: FIDE)

Wenn das WM-Match 2020 in trockenen Tüchern ist, soll bei der FIDE sogleich die Planung für das Match 2022 beginnen, weil es ja selbst dafür schon recht spät ist, wie unlängst der im Rennen ums WM-Match 2020 ausgeschiedene österreichische Schach-Chef Christian Hursky im Gespräch mit dieser Seite festgestellt hat: „Eigentlich sollte die Ausschreibung für 2022 jetzt schon laufen“, hatte Hursky gesagt. „Eine Hamburger Bewerbung für das WM-Match 2022 würde uns sehr freuen“, hieß es derweil aus dem FIDE-Hauptquartier. Wir dürfen davon ausgehen, dass eine Hamburger Bewerbung beste Chancen hätte.

Schach spielende Kinder im Schatten des Obelisken: So etwas hätten die Vereinigten Arabischen Emirate nicht zu bieten.

Wer den Zuschlag für 2020 bekommt, will Dvorkovich bald verkünden. Eine Überraschung lässt sich nicht ausschließen, aber angesichts des Gefälles der finanziellen Möglichkeiten zwischen den Bewerbern wäre es fast eine Sensation, würde die FIDE das Match nach Argentinien vergeben.

In Buenos Aires sind sie sich dieses Gefälles nur allzu bewusst. Die argentinische Bewerbung spielt darum gezielt das aus, was dem Schach in Dubai fehlt: Tradition und Emotion. Auf ein WM-Match 1927 etwa können sie in Dubai nicht verweisen. Und auf einen Obelisken, in dessen Schatten am Tag der WM-Eröffnung 2000 Schüler Schach spielen werden, auch nicht.

Generell setzen die Argentinier auf diverse schachspezifische Begleitveranstaltungen, die helfen sollen, das Schach in Südamerika größer zu machen: Ein Open ist während der WM geplant, ein Süd- und Mittelamerika-Cup, eine nationale Schulschach-Olympiade, ein Frauenturnier und nicht zuletzt ein Schach-Bildungskongress.

Dubai hat stattdessen die Expo 2020.

Kein Schachbuch, eher ein historischer Schmöker, nicht ganz billig, aber eine unbedingte Leseempfehlung (und ein tolles Weihnachtsgeschenk für Schachspieler): „Pawns in a greater game“, „Bauern in einem größeren Spiel“. Mit dem Giganten-WM-Match Aljechin-Capablanca 1927 ist Buenos Aires ebenso verbunden wie mit der Schacholympiade 1939. Fast alle Nationen, die im August/September 1939 mitspielten, waren am Zweiten Weltkrieg beteiligt. Und der brach aus, als in Buenos Aires noch gespielt wurde. Keine andere Schacholympiade produzierte so viele historische Randgeschichten wie diese. Drei Spieler des britischen Teams entkamen deutschen U-Booten im Atlantik und wurden später Codeknacker im Bletchley Park. Viele andere blieben in Buenos Aires und machten Argentinien von heute auf morgen zu einer führenden Schachnation. Und nicht zuletzt fand Olympiade-Gast Stefan Zweig Inspiration für seine „Schachnovelle“.

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