Vincent Keymer im ZDF-Sportstudio – als Nummer eins der Welt!

Drei unten, drei oben, Entfernung sieben Meter. Klingt nicht so schwierig. Aber seit der Geburt des ZDF-Sportstudios mit seiner Torwand im August 1963 ist es keinem Gast gelungen, sechs Bälle durch die 55-Zentimeter-Löcher zu schießen. Am Samstagabend hat Vincent Keymer Gelegenheit, es besser zu machen als Günter Netzer, der 1974 fünfmal traf, oder als Vladimir Kramnik, dem 2002 zwei Treffer gelangen.

Garri Kasparow 1986 im ZDF-Sportstudio.

Vincent Keymer ist nicht der erste Schachspieler im Sportstudio, aber der erste deutsche und der erste Nichtweltmeister. Garri Kasparow (zweimal 1986 und 1992), Viswanathan Anand und Vladimir Kramnik waren bislang zu Gast. Der damalige Moderator Bernd Heller sagte hinterher, er würde Kasparow in seine Top 5 der spannendsten Gäste einsortieren (neben Fritz Walter, Franz Beckenbauer, Uwe Seeler und Carl Lewis): “Eine beeindruckende Persönlichkeit!”

Das ZDF-Sportstudio ist nicht mehr der Straßenfeger von einst, als es samstagabends drei TV-Programme gab und sonst nichts, aber unverändert eine Institution der deutschen Sportberichterstattung (Spiegel-Bericht “Die Torwand in Ewigkeit” für Abonnenten).

Nicht als Weltmeister, aber als Nummer eins der Welt kommt Keymer ins gut 20 Kilometer vom heimischen Saulheim entfernte Studio nach Mainz-Lerchenberg, wo die Sendung ab 22.30 Uhr aufgezeichnet wird. Neben der Handball-Europameisterschaft und den ebenfalls als Gästen eingeladenen Nationalspielern Juri Knorr und Timo Kastening sowie der Vierschanzentournee wird sich Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein dem Denksport widmen.

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Ab 23.30 Uhr wird die Aufzeichnung im ZDF ausgestrahlt. Danach wird sie voraussichtlich in der ZDF-Mediathek zu finden sein. Tickets für die Aufzeichnung im Studio zum Preis von 18 Euro waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags am Freitagvormittag noch verfügbar.

https://twitter.com/FIDE_chess/status/1742920662443073859

Nummer eins der Welt? Ja, Vincent Keymer, im November 19 geworden, führt seit Januar 2024 die Weltrangliste der Junioren an. Mit 2743 Elo teilt er sich den Spitzenplatz mit dem WM-Kandidaten Praggnanandhaa (Indien), der ebenfalls bei 2743 steht. Den Sprung an die Spitze verdankt Keymer dem Umstand, dass Alireza Firouzja (Jahrgang 2003) seit Januar nicht mehr als Junior zählt. Der Franzose hat die Juniorenweltrangliste vier Jahre lang angeführt.

“Unwürdiges Schauspiel”: Die Süddeutsche Zeitung kommentiert die Kandidaten-Qualifikation – und stellt fest, dass hinter Alireza Firouzjas Qualifikation noch ein Fragezeichen steht (Kommentar “Tricksen für den WM-Kampf” für SZ-Abonneten).

Keymer verdankt seine Position auch seinem sportlichen Hoch der vergangenen Monate. Nachdem er in der ersten Jahreshälfte auf einem 2700-Plateau verweilt hatte, folgte in der zweiten eine Reihe exzellenter Ergebnisse, verbunden mit einem Elo-Aufstieg, der ihn bis an die Top 10 der Welt heranführte, sogar in die Nähe des Turniers der WM-Kandidaten im April 2024 in Kanada.

Vincent Keymers letzte Partie 2023 am 30. Dezember – eine Blitzpartie bei der Rapid- und Blitz-WM, die für die deutsche Nummer eins durchwachsen verlief.

Nicht einmal Keymer selbst kann den Grund für den Aufschwung benennen: “Die 2700 hatte ich ja schon im September 2022 überschritten, habe die ganze Zeit weiter an mir gearbeitet, aber die Ergebnisse haben nicht gespiegelt, was ich in diesen Monaten gelernt habe. Jetzt scheint die Zeit gekommen zu sein, in der ich die Früchte dieser Arbeit ernte”, sagte er am Rande der Mannschafts-EM, bei der die von ihm angeführte Nationalmannschaft denkbar knapp Gold verpasste.

Bundestrainer Jan Gustafsson im Interview unter anderem zum EM-Silber der Nationalmannschaft.

Keymers Schachjahr 2024 beginnt voraussichtlich am kommenden Wochenende. Am fünften und sechsten Spieltag der Schachbundesliga trifft seine OSG Baden-Baden als Titelverteidiger und 17-facher Deutscher Meister auf den FC Bayern München und Aufsteiger MSA Zugzwang. Als Gegner könnten ihm Niclas Huschenbeth (FC Bayern) und Pavel Eljanov (MSA) gegenübersitzen, abhängig von der Aufstellung der Mannschaften, die traditionell erst kurz vor Spielbeginn veröffentlicht wird.

Im Februar wird Keymer als Individualsportler antreten – erst in Ostholstein bei der “Freestyle Chess G.O.A.T. Challenge” ab dem 9. Februar, für die seit kurzem Besucherkarten und Übernachtungspakete erhältlich sind. Als einer von acht Spielern wird Keymer Teil des ersten Weltklassefelds sein, das sich bei klassischer Bedenkzeit im Schach960 misst.

Der Unternehmer Jan Henric Buettner und die von ihm initiierte “Freestyle Chess G.O.A.T. Challenge”.

Ab dem 27. Februar spielt Keymer als Topgesetzter (zusammen mit Praggnanandhaa) in der Elitegruppe beim Schachfestival Prag, das 2024 das stärkste und aufregendste Feld in der Geschichte des Festivals präsentiert. Unter anderem drei WM-Kandidaten (neben Pragg dessen Landsmänner Gukesh und Vidit) werden das Kräftemessen an der Moldau als praktische Vorbereitung auf das Kandidatenturnier nutzen, bei dem im April ermittelt wird, wer voraussichtlich Ende 2024 Weltmeister Ding Liren im Kampf um die Krone herausfordert.

Im Prager “Challengers” sind noch vier Plätze frei. Die edle Besetzung des “Masters” steht fest.

(Titelfoto: John Saunders/Isle of Man chess, ZDF)

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Matthias
1 Monat zuvor

Weißensee 380 Euro für die billigste Eintrittskarte. Unglaublich 🙁

Bernd Simonis
Bernd Simonis
1 Monat zuvor

“Beim Schach kann man viel lernen”. Das sehen viele Schulen immer noch nicht so. Schach vermittelt kein “Weltwissen” wie Geschichte oder Biologie. Nicht-schachspielende Lehrkräfte begreifen den Vorzug nicht: Ohne sprachliche oder wissensbasierte Einschränkungen kreativ zu sein. Lernen, mit begrenzter Voraussicht und Fehlern zu leben und sich ständig verbessern. Konzentriert bis zum Ende zu bleiben. Politiker könnten sich davon eine große Scheibe abschneiden. Leider muss sich Vincent ganz auf die Verbesserung seines Spiels konzentrieren, er hat verständlicherweise keine Zeit, als Botschafter aufzutreten. Und warum nur im Sportstudio, nicht auch in der Kultursendung “Aspekte”?

Peter Held
Peter Held
1 Monat zuvor

Der damalige Moderator Bernd Heller sagte hinterher, er würde Kasparow in seine Top 5 der spannendsten Gäste einsortieren

Und ich hätte wetten können, damals sei Dieter Kürten der Moderator gewesen (beide Mal, 1986 und 1994(!)).

Last edited 1 Monat zuvor by Peter Held
joschi
joschi
1 Monat zuvor

Franz Beckenbauer wird immer wieder korrupt genannt, Carl Lewis dürfte gedopt haben … bleibt zu hoffen, dass Keymers Leumund einwandfrei bleibt 😉