Vor dem Grand Prix: zur Kasse, bitte – Kragen-Konflikt im Spitzenschach

(Update, 8.Januar – die Gemengelage lässt sich jetzt präziser darstellen: Allem Anschein nach gilt bei allen großen FIDE-Turnieren, dass es einer Genehmigung bedarf, am Brett Sponsoren-Logos oder -Accessoires zu tragen. Nach Darstellung von FIDE-Generalsekretär Emil Sutovsky ist es gängige Praxis, diese Genehmigung stets zu erteilen. World Chess hat den Ausführungen seines Chefs Ilya Merenzon zufolge anhand der FIDE-Regelung den Sponsoren der Grand-Prix-Teilnehmer jetzt erklärt, Logos oder Accessoires seien beim Grand Prix nicht erwünscht – außer der Sponsor zahlt extra.)

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Auszug aus dem FIDE-Handbuch, der Artikel, aus dem World Chess ableitet, Sponsoren der Spieler zur Kasse zu bitten, falls sie beim Grand Prix präsent sein wollen.

3:0 gewann die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am 16. August 2006 ihr Länderspiel gegen Schweden. Beinahe wäre dieses Länderspiel ausgefallen. Die Fußballer hatten mit einem Boykott gedroht. Sie wollten nicht länger gezwungen werden, in Adidas-Schuhen aufzulaufen.

Als dieser über Monate gärende “Schuh-Streit” vor dem Schweden-Spiel fast eskaliert wäre, sollte ein “Schuh-Gipfel” mit allen Beteiligten die Angelegenheit klären. Es folgte eine Einigung, die bis heute gilt: Seit dem 1. September 2006 dürfen Michael Ballack, Miroslav Klose und ihre Nachfolger in den Schuhen ihrer persönlichen Ausrüster für Deutschland auflaufen. Das Adidas-Monopol war gebrochen.

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Konflikte im Profi-Sport um die Logos von Sponsoren gibt es nicht erst, seitdem 1973 Fußball-Bundesligist Eintracht Braunschweig durchgesetzt hat, mit dem Jägermeister-Hirsch auf der Brust auflaufen zu dürfen. Sogar im Nischensport Schach sind solche Konflikte nicht unbekannt. Das WM-Match 2021 stand eine zeitlang auf der Kippe, weil Magnus Carlsen sicherstellen wollte, seinen Sponsor Unibet angemessen präsentieren zu können, bevor er den WM-Vertrag unterschrieb.

Jetzt rankt sich ein ähnlicher Konflikt um den Grand Prix, der am 3. Februar im World Chess Club Berlin beginnen soll, statt “Schuh-Streit” ein “Kragen-Streit”. Die Großmeister Vidit Gujrathi (Indien) und Anish Giri (Niederlande) haben öffentlich beklagt, dass Organisator World Chess die Sponsoren der Spieler dafür bezahlen lassen will, während der dreimonatigen WM-Ausscheidung ihre Logos zu tragen – ein Novum im Schachsport.

Betroffen ist auch der deutsche Teilnehmer Vincent Keymer. Der 17-Jährige sucht zwar aktuell Sponsoren für seine unmittelbar bevorstehende Profilaufbahn, sitzt aber traditionell mit dem Logo seines langjährigen Unterstützers Grenke am Brett. Wir haben bei der Grenke AG gefragt, wie sie mit der neuesten Entwicklung umzugehen gedenkt. Sobald eine Antwort vorliegt, wird sie hier eingearbeitet.

Nicht ohne mein Grenke-Logo: Vincent Keymer am Brett.

Die ersten Reaktionen auf Giris und Vidits Tweets sind mehrheitlich harsch-ablehnend ausgefallen – wie diese des YouTube-Riesen GothamChess:

So einseitig diese Sichtweise ist, sie enthält einen wahren Kern. Der Schachsport steht noch am Beginn seiner Entwicklung zum Zuschauersport. Für Spieler ist es nicht ganz einfach, Sponsoren zu finden, und innerhalb des zarten Schach-Ökosystems wäre allen Beteiligten gedient, würden wir Dinge einvernehmlich regeln und miteinander im Gespräch sein, anstatt einander Forderungen zu schicken.

Anstelle des gewählten Vorgehens gäbe es konstruktive Wege, die Spieler-Sponsoren in die Präsentation des Grand Prix einzubinden. Jetzt hat sich das Unternehmen mit dem schlechtesten Leumund im organisierten Schach eine neuerliche PR-Panne eingehandelt, bevor das letzte WM-Zyklus-Turnier, das es für die FIDE ausrichten darf, begonnen hat. Erinnerungen an den Versuch, unabhängige WM-Übertragungen zu verhindern, werden wach.

Die FIDE steht nicht viel besser da. Der Weltverband, der unlängst allen Ernstes versucht hat, die Schach-Weltmeisterschaft zum “FIDE-Match” umzubenennen, firmiert jetzt als Oberaufseher über den “FIDE Grand Prix”, unter dessen Dach World Chess organisiert und kommerziell verwertet. Trotzdem weisen die FIDE-Offiziellen jede Verantwortung von sich.

“Damit haben wir nix zu tun”: FIDE-Generaldirektor Emil Sutovsky und die neueste Entwicklung um den FIDE-Grand-Prix.

FIDE-Marketing-Chef David Llada war gestern auf Twitter in doppelter Funktion unterwegs. Als Bediener des FIDE-Twitter-Accounts war er emsig damit beschäftigt, auf sich gerichtete Stinkefinger gen World Chess umzuleiten.

Als Privatmann versuchte er, eine reflektierte Perspektive einzunehmen:

Im Sinne seines Arbeitgebers blendet Llada freilich aus, dass sich trotz zunehmender Kommerzialisierung des Schachsports niemand um die Effekte, Konflikte und Begleiterscheinungen gekümmert hat, die das früher oder später mit sich bringt. Die FIDE hat gerade erst stolz verkündet, dass sie 2021 mehr als 80 Prozent ihrer Einnahmen aus Sponsoring, Spenden und Übertragungsrechten generiert hat. 2020 waren es 48 Prozent gewesen, 2016 4,8 Prozent, eine bemerkenswerte Tendenz.

Angesichts dieser Zahlen wäre es dringend an der Zeit, dem Schach auf WM-Zyklus-Level ein Regelwerk zu verordnen, wie es das in anderen Individualsportarten längst gibt: Was ist mit Konkurrenzausschluss? Welche Formen der Präsentation sind erlaubt? Solche Fragen treffen im Schach auf ein Vakuum.

Aus heiterem Himmel kommt der Kragen-Streit im Schach beileibe nicht.

Mit World Chess hat sich jetzt ein für den Weltverband nützlicher Idiot offenbart, der bei seinem letzten Auftritt auf dem Eliteschach-Level voraussichtlich einmal mehr vergeblich mit dem Kopf durch die Wand zu rennen versucht, bevor eine Regelung gefunden wird, von der alle Beteiligten profitieren.

(Titelfotos: via Anish Giri/Twitter, Maria Emelianova/FIDE)

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[…] Vor dem Grand Prix: zur Kasse, bitte – Kragen-Konflikt im Spitzenschach […]

Lars
Lars
5 Monate zuvor

Gibt es eine offizielle Seite zum Grand Prix, auf der man schon ein paar Infos zum Turnierverlauf entnehmen kann? Grüße Lars

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[…] vorliegt) ließ sich unter anderem entnehmen, dass Giri und Hikaru Nakamura sich intensiv über das drohende Verbot, die Logos ihrer Sponsoren beim Grand Prix zu zeigen, ausgetauscht […]