“Die Bundesliga darf kein geschlossener, elitärer Club sein”: Markus Schäfer im Gespräch

Wie kann sich die Schachbundesliga stärker für die Nachwuchsförderung einsetzen? Wie kann sie dafür Sorge tragen, dass in der höchsten deutschen Spielklasse in Deutschland ausgebildete Spieler zum Einsatz kommen? Diese Fragen bewegen Markus Schäfer (52, SG Solingen), Präsident des Schachbundesliga e.V., seit langem.

Nun blickt die Liga auf 18 Monate des ruhenden Spielbetriebs zurück, eine Zeit, die Gelegenheit bot, diese Fragen anzugehen. Und die Liga sieht ihrem großen Finale 2019-21 entgegen, das am Donnerstag, 14. Oktober, in Berlin beginnen wird. Im Interview äußert sich Markus Schäfer über Neuerungen und Reformen, rekapituliert den Beginn der Pandemie und des schachlichen Stillstands – und gibt seinem Solinger Mannschaftskapitän eine klare Empfehlung, wen er zum Saisonfinale besser nicht einsetzt.

IM Markus Schäfer (links) am Brett, neben ihm Solingens GM Alexander Naumann. | Foto: SG Solingen

Markus, die Schachbundesliga hat allerhand nachzuholen, 7 von 15 Runden.

Darum machen wir das an einem Ort an einem Stück, das ist der sicherste und beste Weg, diese Saison abzuschließen. Ich bin sehr froh, dass die ausrichtenden SF Berlin 1903 und die Sponsoren dies möglich machen und Rahmenbedingungen bieten, die sowohl hochklassig als auch der Pandemiesituation angepasst sind. Erwähnen will ich noch, dass es uns zusätzlich gelungen ist, auch 2020 mit unserem separaten, sehr stark besetzten Meisterschaftsturnier in Karlsruhe einen Meister zu küren, eine Sonderveranstaltung unter höchsten Sicherheitsmaßgaben. Impfstoffe gab es ja damals noch nicht.

Die Liga hat die Zeit genutzt, organisatorisch und administrativ einiges anzugehen. Sie hat jetzt eine neue Website und ein neues Leitbild.

Das alte Leitbild war in die Jahre gekommen, und auch der Internetauftritt musste dringend modernisiert werden. Das neue Leitbild ist unter anderem das Ergebnis einer Debatte, die ich mitangestoßen habe. Mir ist schon lange wichtig, dass wir darüber reden, wie sich die Schachbundesliga stärker für die Nachwuchsförderung und den Einsatz in Deutschland ausgebildeter Spieler engagieren kann. Eine Arbeitsgruppe aus mehr als der Hälfte der Erstligisten hat sich dieser Fragen angenommen. Aus deren Arbeit ist unter anderem das neue Leitbild entstanden…

…und die sogenannten Teilnahmevoraussetzungen für die Bundesliga.

Die Schachbundesliga fühlt sich verantwortlich für die Förderung der Ausbildung von Spitzenspielern in Deutschland. Deswegen sollten alle Bundesligisten in der Breite den Nachwuchs fördern – und ihm in der Spitze Einsatzmöglichkeiten anbieten. Die Teilnahmevoraussetzungen sind im Wesentlichen ein Punktekatalog mit verschiedenen Anforderungen. Jeder Bundesligist kann seine Schwerpunkte individuell setzen, Schulschach zum Beispiel, muss aber eine bestimmte Mindestpunktzahl erreichen. Bei der nächsten Bundesligaversammlung am 16. Oktober in Berlin soll darüber entschieden werden.

Was wird aus der „stärksten Liga der Welt“? Wenn demnächst mehr Jugendliche in der Bundesliga spielen, wird der Elo-Schnitt sinken.

Bei den Einsatzmöglichkeiten, die Vereine in der Schachbundesliga bieten sollen, geht es um einheimisch ausgebildete Spieler. Dies können Spitzentalente sein, besonders starke Nachwuchsspieler, aber auch gestandene Meister. Und selbst wenn der Schnitt ein wenig sinkt, sind wir immer noch bequem die stärkste Liga der Welt. Das ist auch unser Anspruch, aber nicht unser alleiniger Fokus.

Der in Deutschland ausgebildete Nachwuchsspieler Vincent Keymer (SF Deizisau) wird den Elo-Schnitt der Liga gewiss nicht senken. Derzeit rankt sich um Keymers potenziellen Einsatz bei der zentralen Runde ein Rätselraten. Keymer ist fürs Magnus Carlsens Finalturnier der weltbesten Junioren qualifiziert, das sich mit dem Bundesliga-Finale überschneidet.
Der in Deutschland ausgebildete Nachwuchsspieler Vincent Keymer (SF Deizisau, hier am Brett bei der Europameisterschaft 2021 in Reykjavik) wird den Elo-Schnitt der Liga gewiss nicht senken. Beim großen Bundesligafinale in Berlin wird Keymer aller Voraussicht nach nicht spielen. | Foto: Thorstein Magnusson/Reykjavik Open

Jedenfalls darf, wenn es so beschlossen wird, künftig nicht mehr automatisch jeder Verein mitspielen, der sich sportlich qualifiziert.

Ein Nebeneffekt der Teilnahmevoraussetzungen ist auch eine gesündere Vereinsstruktur. Wir haben in den vergangenen Jahren wiederholt Vereine gesehen, die Probleme bekommen haben, weil personelle Ressourcen fehlten oder weil sie zu einseitig ausgerichtet waren. Darum glaube ich, dass es der Liga und den Vereinen helfen kann, solche Voraussetzungen zu definieren. Aber natürlich dürfen wir die Latte nicht zu hoch legen. Es muss erfüllbar sein, aber auch gewisse Anstrengungen erfordern. Sollte die Liga die Teilnahmevoraussetzungen beschließen, haben alle Vereine, auch potenzielle Aufsteiger, mehrere Jahre Zeit, sich entsprechend auszurichten. Es wird eine Übergangszeit geben.

Zwei Kritikpunkte habe ich wahrgenommen: Die Liga schaffe ein bürokratisches Monster, heißt es. Und: Die Teilnahmevoraussetzungen seien eine Idee von Großstadtvereinen für Großstadtvereine. Der Verein vom Land gucke in die Röhre, weil ihm Einzugsgebiet und Ressourcen fehlen.

Diese kritischen Anmerkungen haben wir in der Arbeitsgruppe aufgenommen, eine heterogene Arbeitsgruppe wohlgemerkt, in der auch Vereine aus ländlichen Gebieten vertreten waren. Wir haben beide Aspekte im Regelwerk berücksichtigt, auch den, dass nicht jeder Verein die gleichen Voraussetzungen hat. Was das Bürokratische betrifft: Ja, es wird ein zusätzliches Regelwerk geschaffen, aber der Aufwand für den einzelnen Verein wird in der Praxis überschaubar sein, das haben wir am konkreten Beispiel mehrerer Vereine durchexerziert und nachgewiesen.

Was passiert, wenn die Teilnahmevoraussetzungen gegen den Willen einzelner Vereine beschlossen werden?

Erst einmal hoffe ich, dass wir eine große Mehrheit der Vereine mitnehmen. Wenn nicht, müssen wir weitere Überzeugungsarbeit leisten, das liegt bei solch grundlegenden Veränderungen in der Natur der Sache.

Im Lauf dieser Saison hat die Liga mit Lingen einen Teilnehmer verloren, nun wird sich Hockenheim aus der Liga zurückziehen, und Heusenstamm will nicht aufsteigen. Einzelne Rückzüge gab es immer, nun sind es gleich drei. Ist das den pandemiebedingten Umständen geschuldet?

Die meisten Rückzüge in den vergangenen Jahren waren personellen Umständen geschuldet. Oft hängt es in den Vereinen an ganz wenigen Personen, und wenn ein oder zwei von ihnen ausfallen, dann bleibt die ganze Mannschaft auf der Strecke, weil niemand mehr die Arbeit macht und der oft persönliche oder berufliche Bezug zu den Geldgebern wegfällt. Rückzüge sind aber kein reines Bundesligaphänomen, im Gegenteil. In den unteren Ligen fällt es medial nur weniger auf. Gerade jetzt nach der Pandemie sehen wir in vielen Ligen erheblichen Schwund. In den zweiten Ligen zum Beispiel haben wir fünf Rückzüge.

Die Vereine tun sich generell schwer, wieder Tritt zu fassen, und jetzt wird es durch die Teilnahmevoraussetzungen schwieriger, mitspielen zu dürfen. Droht unter diesen Bedingungen der Verzicht auf den Aufstieg zur Regel zu werden?

Der Schritt von der zweiten in die erste Liga war immer schon mit höheren Anforderungen verbunden, organisatorisch wie finanziell. Das fängt mit der Rundenzahl an, 15 statt 9. Dazu kommen die weiteren Reisen mit höheren Kosten. Gelegentlich sind Aufsteiger zu dem Schluss gekommen, dass sie das nicht leisten können, und haben dann auf den Aufstieg verzichtet. Wir müssen immer bedenken, dass der Sprung in die erste Liga nicht zu groß werden darf. Ideal wäre in diesem Sinne, schon in den zweiten Ligen Teilnahmevoraussetzungen in Form etwas reduzierter Kriterien einzuführen. Gespräche darüber laufen bereits.

Wenn kein anderer Verein WM-Herausforderer Ian Nepomniachtchi (SV Hockenheim, hier beim Kandidatenturnier 2021) anheuert, wird der Russe in der kommenden Saison nicht Teil eines Bundesligakaders sein. Der SV Hockenheim zieht sich nach dem Finale in Berlin aus der Schachbundesliga zurück. | Foto: Lennart Ootes/FIDE
Wenn kein anderer Verein WM-Herausforderer Ian Nepomniachtchi (SV Hockenheim, hier beim Kandidatenturnier 2021) anheuert, wird der Russe in der kommenden Saison nicht Teil eines Bundesligakaders sein. Der SV Hockenheim zieht sich nach dem Finale in Berlin aus der Schachbundesliga zurück. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Würde es auch helfen, die Zahl der zweiten und dritten Ligen zu reduzieren?

Die zweite Liga, wie wir sie kennen, gibt es seit vielen, vielen Jahren. Ich glaube, die meisten Beteiligten sehen, dass Reformbedarf besteht. Ich als Zweitligaspieler und -mannschaftsführer sehe das auch. Wir als Bundesliga würden uns freuen, würde die zweite Liga ein wenig verschlankt und die Anforderungen so angepasst, dass den Vereinen der Sprung in die erste Liga leichter fällt. Solch eine Reform würden wir unterstützen.

In der Wahrnehmung vieler Beobachter würde auch der Bundesliga eine Reform guttun: weniger Mannschaften, mehr zentrale Runden, vielleicht sogar nur eine.

Unser Ansatz ist, den lokalen Bezug zu stärken. Die Vereine sollen die Möglichkeit haben, sich bei Heimspielen zu präsentieren. Würden wir mehr zentrale Runden spielen oder sogar die Liga als Rundenturnier an einem Ort austragen, fiele das weg. Richtig ist, dass die zentralen Runden sehr gut ankommen, das sind tolle Veranstaltungen, die es weiterhin geben soll. Aber würde es in einer Saison mehrere davon geben, hätten einige Vereine kaum noch Heimspiele. Weder wollen sie das, noch wäre es im Sinne der Liga.

Eine kleinere Bundesliga?

Es gibt doch mehr als genug Vereine, die in der ersten Liga spielen wollen. So lange das so ist, sehe ich keinen Grund, die Liga zu verkleinern. Es gab immer mal Bestrebungen, die Schachbundesliga als Elite-Liga auszurichten, in der sich ausschließlich die Top-Vereine versammeln. Aber damit würde sich die Bundesliga von allem, was darunter kommt, abkoppeln. In anderen Sportarten gibt es das, aber wir wollen keine Bundesliga als geschlossener, elitärer Club. Der Austausch von oben nach unten muss gewährleistet sein. Die Schachbundesliga darf nicht um sich selbst kreisen, sie muss integraler Bestandteil des Gesamtspielbetriebs bleiben. Dazu gehört, potenziellen Aufsteigern den Weg nach oben zu ebnen.

Werden wir dich in Berlin am Brett sehen?

Ich habe seit eineinhalb Jahren keine Figur angefasst. Auf dem Papier bin ich Teil des Solinger Kaders, aber ich glaube nicht, dass es eine gute Idee wäre, mich aufzustellen. Schauen wir mal.

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