Turnierarzt – beim Schach

Ein erster Coup ist den Veranstaltern der Dortmunder Schachtage schon gelungen, bevor ihr Turnier beginnt. Vincent Keymer wird Teil des zehnköpfigen Felds des “Deutschland Grand Prix” sein – alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Die FIDE hatte dem 16-Jährigen nach Informationen dieser Seite einen Freiplatz für den World Cup angeboten, der am Montag in Sotschi beginnt. Aber anstatt in Russland im Kreis der Weltelite einen ersten Anlauf in einem WM-Zyklus zu unternehmen, wird Keymer ab Dienstag in der Westfalenhalle spielen.

Interessante Gegner bekommt er dort auch, zwei Ex-Weltmeister zum Beispiel: Ruslan Ponomariov und Rustam Kasimdzhanov, dazu eine Reihe weiterer deutscher und internationaler Großmeister aus der guten bis gehobenen 2600-Elo-Klasse. Zwei weitere Exweltmeister werden ebenfalls präsent sein, aber anderweitig beschäftigt. Vladimir Kramnik und Viswanathan Anand spielen ab Mittwoch ein Vier-Partien-Match im “No-Castling Chess”, Schach ohne Rochade.

In diesem Kontext hatten die Dortmunder unter der Woche einen weiteren Coup verkündet, die Zusammenarbeit mit der Google-Tochter DeepMind, die seinerzeit AlphaZero erfunden hat, nicht weniger als eine Revolution des Schachs. Nach dem Kramnik-Anand-Match werden die Großmeister, DeepMind-Wissenschaftler und nicht zuletzt deren Schachmaschine die Partien analysieren und ihre Erkenntnisse auf dem Dortmunder YouTube-Kanal zugänglich machen. Die Zusammenarbeit mit dem DeepMind-Team soll eine langfristige sein, aus der ein erstes theoretisches Fundament des rochadefreien Schachs entstehen wird.

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Für die Gesundheit der Schachgrößen während des Turniers sorgt der Turnierarzt. Dr. Christoph Weber stellt sicher, dass Covid draußen draußen bleibt, während drinnen gebrütet wird. Außerdem verantwortet er das Hygienekonzept der neu aufgelegten und für den Anfang abgespeckten Dortmunder Schachtage, die im kommenden Jahr wieder Teilnehmer- und Zuschauermagnet sein sollen.

Wir haben mit Christoph Weber über Schach und Sportverletzungen gesprochen, über Covid – und über Star Trek.

Dr. Chrstoph Weber mit seinem Star-Trek-3D-Schach – das trotz aller Experimentierfreude der Veranstalter bei den Dortmunder Schachtagen nicht zum Einsatz kommen wird. Dort wird stattdessen Schach ohne Rochade gespielt. Wer das ausprobieren möchte – hier klicken. Auf Lichess haben die Dortmunder Schachtage schon begonnen. | Foto: privat

Herr Dr. Weber, Sie sind Turnierarzt beim Schach. Welche Art von Sportverletzungen erwarten Sie?

Für die typischen Sportverletzungen bin ich als Internist gar kein Experte. Trotzdem, sollte jemand auf dem Weg zum Brett stolpern und sich den Meniskus reißen, würden wir erstklassige Betreuung sicherstellen. Abseits von solchen hypothetischen Szenarien beschäftigt mich ganz konkret und in erster Linie das Thema Corona. Dass jemand erkrankt, erwarte ich zwar nicht, aber der Ablauf mit Testungen und Einhalten des Hygienekonzepts muss sichergestellt sein.

Wie kommen Sie zum Schach?

Über Carsten Hensel. Wir kennen einander privat. Als er fragte, war ich sofort bereit, bei den Dortmunder Schachtagen zu helfen. Schachlich bin ich leider unbewandert…

…Sie sind immerhin stolzer Besitzer eines Star-Trek-3D-Schachs.

Das liegt eher an Star Trek als am Schach. Star Trek verfolge ich schon lange, Kirk und Spock waren die Helden meiner Jugend. Als es die 50-Jahre-Edition des 3D-Schachs gab, habe ich sofort zugeschlagen.

Jetzt hat es einen Ehrenplatz in Ihrem Zuhause.

Allerdings. Es steht so, dass es von außen durchs Fenster zu sehen ist. Leider finde ich niemanden, der mit mir spielt. Ich habe versucht, meine Kinder zu motivieren – vergeblich.

3D-Schach spielen? Gibt es dafür Regeln?

Die Figuren sind dieselben. Es stehen nur einige auf separaten, kleinen Brettern. Gespielt wird über drei Ebenen, das ist kein normales Schach, eher eine verrückte Herausforderung. Aber es geht, 3D-Schach ist spielbar.

Neben Ihrer eigentlichen Arbeit hat Sie schon in den vergangenen Monaten die Pandemie in Atem gehalten.

Nicht nur mich. Die Pandemie hat das Weltgeschehen bestimmt, wahrscheinlich mehr, als angemessen gewesen wäre. Aber wir können uns dem ja nicht entziehen. Ich habe in mehreren Testzentren gearbeitet, in Kliniken, im Westfalenstadion, auch am Flughafen, als dort ein solches Zentrum eingerichtet war.

Und nun beim Schach in der Westfalenhalle.

Zum Glück haben wir eine extrem niedrige Inzidenz. Ich wäre überrascht, sollte es im Lauf des Turniers zu Corona-Problemen kommen. Falls doch, sind wir vorbereitet.

Worauf müssen sich die Spieler einstellen?

Der Händedruck vor und nach der Partie entfällt. Eigentlich haben wir seit April 2020 Daten, die zeigen, dass derartiger Kontakt kaum problematisch ist. Trotzdem zwingt uns die Politik, auf diese Tradition zu verzichten. Wir können das nicht ändern, aber ich halte es aus medizinischer Sicht für extrem umstritten.

Der Ellbogengruß vor der Partie, beim Kandidatenturnier erfunden von Alexander Grischuk, hat sich beim Schach nicht durchgesetzt. | Foto: Lennart Ootes/FIDE

Masken? Schutzscheiben?

Ansonsten keine Einschränkungen. Für die Zuschauer auf den Videoplattformen wird es aussehen wie das Schach, das wir von vor der Pandemie kennen. Die Behörden scheinen das Hygienekonzept so zu akzeptieren, wie wir es vorgeschlagen haben. Es ist ja auch ein restriktives Modell, Zuschauer im Turniersaal sind nicht erlaubt. Meine persönliche Meinung ist, dass wir angesichts der niedrigen Inzidenz durchaus Zuschauern Zutritt erlauben könnten. Andererseits ist unser restriktiver Ansatz für die Unangreifbarkeit des Turniers wichtig.

Werden Sie durchgehend vor Ort sein?

Nicht ich, aber erfahrene Ersthelfer. Die werden notfallmedizinisch annähernd perfekt ausgestattet sein, Defibrillator, Absauggeräte und so weiter. Außerdem ist Dortmund die Stadt der kurzen Wege, der Notarzt wäre schnell da, Kliniken sind ganz in der Nähe. Und sollte darüber hinaus tatsächlich ein Arzt benötigt werden, bin ich 24/7 erreichbar.

2022, wahrscheinlich im Frühjahr, soll die nächste Auflage des Turniers stattfinden, aber dann mit Zuschauern und hunderten, wenn nicht tausenden Teilnehmern. Wird das möglich sein?

Corona geht nicht weg, der Spuk wird nicht gänzlich vorbei sein. Aber es gibt technologischen Fortschritt, der wahrscheinlich dazu führen wird, dass gesunde Menschen nicht mehr an den Folgen einer Infektion sterben. Wir können schon Ende des Jahres mit der nächsten Generation von Impfstoffen gegen die Virusmutation rechnen. Das Drama wird dann enden, wir bewegen uns in Richtung Normalität.

Und die Zuschauer und Teilnehmer bewegen sich scharenweise in die Westfalenhalle. Das Organisationsteam hat Großes vor.

Ob Schach das Potenzial hat, Massen anzuziehen, weiß ich nicht, aber eine gewisse Schachbegeisterung nehme ich durchaus wahr. Wenn es Carsten Hensel gelingt, die Größen des Sports in die Veranstaltung einzubauen, könnten die Dortmunder Schachtage wieder eine Marke werden, die zahlreiche Zuschauer anzieht.

Die werden mehrheitlich online zuschauen. Vor allem sollen die offenen Turniere Spieler anziehen, Amateure, Hobbyspieler.

Aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht traue ich mir die Prognose zu, dass im kommenden Jahr große Schachturniere mit vielen Teilnehmern ohne nennenswertes Infektionsrisiko möglich sein sollten. Was politisch gewollt ist, mag allerdings eine andere Geschichte sein. Die vergangenen Monate haben manches Beispiel für willkürliche Regelungen offenbart. Sicher ist, dass immer mehr Menschen doppelt geimpft sind. Die Schachspieler unter den doppelt, bis dahin wahrscheinlich dreifach Geimpften können 2022 ohne Bedenken in die Westfalenhalle strömen, um ihrem Hobby nachzugehen und den großen Meistern über die Schulter zu schauen.

So sah Schach in Dortmund vor zehn Jahren aus. | via Wikipedia
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Stefan
Stefan
4 Monate zuvor

Für die Spieler wäre es vielleicht hilfreich, wenn ein Turnierarzt nicht nur die Covidmaßnahmen koordiniert, sonder sich auch darum kümmert, daß die Tische und Stühle ein möglichst gesundes und angenehmes Sitzen ermöglichen.
Vor Ort, für mein Empfinden, viel zu schmale Tische, so daß die Ellenbogen vor dem Brett nicht abgestützt werden können, nach hinten tiefer verlaufende Sitzflächen dazu, keine Armlehnen an den Stühlen. Wenn ich sehe wie große Spieler dort verkrümmt vor dem Brett sitzen, bekomme ich schon beim Zuschauen Rückenschmerzen.

Wollte es mal erwähnen, weil im Artikel steht, daß der Arzt für die Gesundheit der Spieler verantwortlich ist.

schachpotato
schachpotato
4 Monate zuvor

wo kann man 3d schachs kaufen?

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