„Weiß kann es nicht verflachen lassen“: Michael Prusikin über das Damengambit

Was Elizabeth Harmon im Keller des Waisenhauses von Mister Shaibel über das Damengambit lernt, ist bestenfalls rudimentär. Leider erfahren die Zuschauer nicht, inwieweit die angehende Schachmeisterin im Lauf ihres Werdegangs ihre Kenntnisse der Eröffnung verfeinert. Das Damengambit spielt in gleichnamiger Serie kaum eine Rolle.

Mit José Raúl Capablanca war Beth Harmon vertraut, aber kannte sie auch die Capablanca-Formel in Karlsbad-Strukturen? Die besagt, dass ein schwarzer Springer auf d6 ideal aufgestellt ist, um a) den weißen Minoritätsangriff auszubremsen, b) mittels …Sc4 die c-Linie zu blockieren und c) immer noch nahe genug am Königsflügel steht, um mittels …Se4 die schwarze Königsattacke zu unterstützen.

Achtung, Ausbildung: Wer dachte, dass hier 11…c5 der automatische Zug für Schwarz ist, der kennt nicht die ganze Geschichte. Ein Blick ins neue Buch „Damengambit“ von Michael Prusikin.

Bestimmt ist ihr auf dem Weg zum Sieg beim Moskauer Einladungsturnier 1963 der Botwinik-Plan in Karlsbader Strukturen begegnet. Das Konzept, den g1-Springer nach e2 zu entwickeln, um dann mittels f2-f3 und e3-e4 das Zentrum aufzurollen, hat Mikhail Botwinik schon eingangs der 50er-Jahre demonstriert. Bis die Schwarzen herausgefunden hatten, was dagegen zu tun ist, dauerte es bis weit nach 1963.

Bis jemand solche Dinge systematisch aufgeschrieben hat, dauerte es noch länger. Großmeister Michael Prusikin hat jetzt nach seinem Erstlingswerk „Feuer frei!“ übers Angreifen ein zweites Buch vorgelegt: „Das Damengambit„. Wir haben mit dem Schachtrainer und Autor über sein Buch gesprochen.

Brett 1 für Deutschland: Michael Prusikin beim Mitropa-Cup. | Foto: Deutscher Schachbund

Michael, kaum haben wir dich als Buchautor vorgestellt, liegt hier schon das nächste Buch von dir. Produzierst du jetzt in Serie?

Geplant war das nicht. Es war auch nicht meine Idee. Der Vorschlag kam von Jörg Hickl, der das erste Buch herausgebracht hatte. Jörg rief mich an, als die Damengambit-Serie auf Netflix in aller Munde war. Er schlug vor, ein Buch darüber zu machen. Er hatte herausgefunden, dass das aktuellste Damengambit-Buch fünf Jahre alt ist. Mir gefiel die Idee, die Eröffnung spiele ich ein Leben lang, also habe ich zugesagt.

Ein Leben lang?

Natürlich habe ich vieles gespielt, aber das Damengambit ist eine Konstante mit beiden Farben. Die Strukturen sind mir vertraut, theoretisch kenne ich mich aus, ich mag die Eröffnung.

Warum ist das Damengambit eine gute Eröffnung?

Darf ich mich selbst zitieren? Es steht ja im Vorwort: Damengambit ist solide und zugleich kämpferisch. Im Vergleich zu Slawisch musst du zum Beispiel keine Abtauschvariante befürchten, die dir fast keine Gewinnchance gibt. Weiß kann die Partie nicht so leicht verflachen lassen. Das Damengambit ist obendrein eine Weltmeisterschaftseröffnung, die bei den meisten WM-Kämpfen auf dem Brett stand. Was willst du mehr?

Bei „Feuer frei“ hattest du das Material aus deiner Trainingspraxis schon vorliegen, musstest es nur sortieren und mit Text anreichern. War das jetzt wieder so?

Nur zum Teil. Als aus der Idee das Buch wurde, musste ich ein komplettes Repertoire anbieten, das konnte ich nicht einfach aus meinen Unterlagen ziehen. Ich musste mir einiges ganz neu erarbeiten. Aber beim Kern, dem Teil über strategische Muster und Konzepte, konnte ich durchaus aus Vorhandenem schöpfen.  

Das Buch beginnt mit einem überraschend umfangreichen Teil über Konzepte und Strukturen. Varianten kommen später.

Man sollte ja verstehen, was man am Brett tut. An der Stelle sehe ich ein Manko vieler Eröffnungsbücher, die Zugfolgen und Varianten präsentieren, aber Ideen und Konzepte hinter den Zügen vernachlässigen. Mir war es ein Anliegen, das anders zu machen. Lesen würde ich das Buch in der Reihenfolge der Kapitel: Der erste Teil ist ausschließlich den Strukturen gewidmet. Die helfen, die konkreten Theorievorschläge im zweiten Teil aufzunehmen. Wenn der Leser dort ankommt, weiß er schon, worum es geht, er ist ja mit den Stellungstypen vertraut.

Wir haben Michael Prusikin gebeten, eine Partie zu zeigen, die Lust macht, Damengambit zu spielen. Er hat sich für diese entschieden.

Ist das, was im Theorieteil steht, dein Schwarzrepertoire gegen 1.d4/2.c4?

Was dort steht, repräsentiert das, was ich bereit bin, selbst zu spielen. Ich wollte ganz ehrlich und offen zu den Lesern sein. Manches war schon da, das Damengambit ist ja seit langem Teil meines Repertoires. Anderes habe ich mir neu erarbeitet und natürlich alles mit der Engine geprüft, teilweise neu bewertet. Das Ergebnis dieses Prozesses, also das, was jetzt als Repertoire im Buch steht, ist quasi mein eigenes Schwarzrepertoire. Einiges davon hatte ich ja im Mitropa-Cup schon auf dem Brett.

Dann können sich ja jetzt Weißspieler leicht auf dich vorbereiten. Einfach im Buch nachgucken, was Prusikin spielt.

Im Prinzip schon (lacht). Alles aus dem Buch würde ich bedenkenlos gegen jeden Gegner spielen, das ist wasserdicht. Allerdings kann ich künftigen Gegnern nicht versprechen, dass ich ausschließlich das Buchrepertoire spiele. Auf dem GM-Level kommst du mit nur einer Eröffnung oder gar nur einer Variante nicht weit, da musst du variieren, um nicht ausrechenbar zu sein. Insofern halte ich mir Wege offen, abzuweichen und die Weißspieler zu überraschen.

Wer ist deine Zielgruppe?

Vereinsspieler, Amateure, auch ambitionierte Amateure, 1500 bis 2400 würde ich sagen. Ich wollte einerseits Material präsentieren, das du mit überschaubarem Aufwand beherrschen kannst, andererseits Material, das auch auf Meisterlevel besteht. An manchen Stellen war das eine Gratwanderung. Zum Beispiel habe ich im Lauf des Prozesses ein Abspiel rausgeschmissen, das ich zwar nach wie vor für gut halte, das aber während der Analyse taktisch immer komplexer und umfangreicher wurde. Also habe ich einen Schnitt gemacht, als es auszuufern drohte, und nach etwas ganz anderem gesucht – und letztlich auch etwas gefunden.  

Zum Buch hätte ich ja gerne eine pgn-Datei mit den nackten Partien und Varianten zum komfortablen Nachspielen, sodass ich nicht aufs Brett angewiesen bin.

Ja, teilweise verstehe ich das. Reines Variantenwissen lässt sich wahrscheinlich schneller am Bildschirm aneignen. Andererseits bleibt viel eher hängen, was dir durch die Finger gegangen ist. Von beiden Büchern wird es übrigens bei New In Chess eine englische, digitale Version geben. Vielleicht erscheint die dann auch bei Chessable.

Auf dem Buchdeckel steht „Damengambit“, aber es ist viel mehr drin.

Ein komplettes Schwarzrepertoire auch gegen Seitenwege, die der Weiße einschlagen kann, ob jetzt Trompowsky oder Königsindischer Angriff. Mir hat die Vorstellung gefallen, etwas Umfassendes zu erarbeiten, auch für meine eigene Praxis und die meiner Schüler. Auf Abseitiges, 1.f4 zum Beispiel, habe ich mich schon ganz oft vorbereitet, immer etwas Neues angeschaut, war aber nie vollständig zufrieden. Jetzt habe ich, egal was kommt, mit Schwarz immer ein gesundes, gutes System parat, von dem ich überzeugt bin. Und du siehst ja, dass fast alle Vorschläge für Schwarz analog zum Damengambit auf …d5 und …e6 basieren. Nur beim Orang-Utan bin ich davon abgewichen. Gegen 1.b4 ist 1…e5 der stärkste Zug.

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