Gerald Hertneck: “Mein Durchbruch”

Dass er 1991 zum SKA-Mephisto-Turnier in seiner Heimatstadt München eingeladen wurde, empfand Gerald Hertneck als “unglaubliche Ehre”. Der 27-Jährige war in dem Weltklassefeld neben 13 Großmeistern der einzige Internationale Meister. „Meine Erwartung war, dass ich irgendwo hinten in der zweiten Tabellenhälfte lande“, sagt er dreißig Jahre später.

Das Gegenteil passierte, Hertneck setzte sich im Wettstreit mit der erweiterten Weltelite vom Start weg an die Spitze. Das zum Zeitpunkt seiner Ausrichtung stärkste in Deutschland gespielte Turnier des 20. Jahrhunderts beendete er sensationell auf Platz drei. Und der Newcomer hätte im stärksten Turnier seiner Schachlaufbahn sogar noch weiter vorne landen können, wie er im Interview berichtet.

1990 bis 1994 wurde in München jeweils ein hochklassig besetztes GM-Turnier ausgerichtet. Sponsoren und Namensgeber waren bis 1993 die Firma Hegener und Glaser mit ihren Mephisto-Schachcomputern und die Schweizerische Kreditanstalt (SKA) sowie 1994 nach dem Rückzug von Hegener und Glaser alleinig die Schweizerische Kreditanstalt. Das Turnier 1991 war aus deutscher Fansicht besonders interessant, es nahmen die ersten sechs der deutschen Rangliste teil. Turnierveranstalter war ein Organisationsteam mit dem damaligen Bayern-Mäzen Dr. Heinrich Jellissen an der Spitze, im Organisationsteam waren außerdem Turnierleiter Christian Krause und Dr. Ludwig Zagler. 

Fünf der 14 Teilnehmer standen in den Top 20 der Weltrangliste.

  • Boris Gelfand, Nr. 3, ELO 2700
  • Leonid Judassin, Nr. 8, ELO 2645
  • Alexander Beliavsky, Nr. 10, ELO 2640
  • Viswanathan Anand, Nr. 14, ELO 2635
  • Robert Hübner, Nr. 18, ELO 2620
Gerald Hertneck (rechts) analysiert mit Zsusza Polgar. | Fotos via Turnierbuch/Schach-Welt

Gerald, was verbindest du mit dem Münchner SKA-Mephisto-Turnier 1991? 

Bei einer Interview-Anfrage zu München 1991 habe ich natürlich besonders offene Ohren, das war mein Durchbruch in der internationalen Schachwelt, zugleich habe ich dort meine letzte GM-Norm geholt. Diesem Turnier habe ich sehr viel zu verdanken in meiner schachlichen Karriere.

Wie war Deine Ausgangssituation bei diesem Turnier? Und wie bist Du überhaupt an die Einladung gekommen? 

Ich war damals ein mehr oder weniger unbekannter Spieler, noch nicht Großmeister, aber starker internationaler Meister. Meine Erwartung war, dass ich irgendwo hinten in der zweiten Tabellenhälfte lande. Ich habe die Einladung nur über Heinrich Jellissen bekommen, weil ich bei seiner Mannschaft Bayern München gespielt habe. Er hat das Turnier bis 1994 organisiert. Dann ist er gestorben und mit ihm auch das Turnier. Für mich war es eine unglaubliche Ehre, dass ich von ihm überhaupt eingeladen wurde, das möchte ich einmal extra erwähnen.

Zwei Jahre nach seinem Sieg in München 1991 sollte Gerald Hertneck Judit Polgar schon wieder besiegen, dieses Mal vor laufenden TV-Kameras.

Von Heinrich Jellissen war auf dieser Seite neulich die Rede, in einem Interview mit Deinem Großmeisterkollegen Stefan Kindermann, mit dem Du die Münchener Schachakademie gegründet hast. 

Auf die Jellissen-Finanzgeschichte möchte ich nicht eingehen. Davon war ich auch nicht betroffen. Jellissen hat seinen Ruf dadurch ruiniert, leider. Damals war er für uns ja wie ein Gottvater, so hat es Klaus Darga immer gesagt. Und er war absolut eine Lichtgestalt, die uns ermöglicht hat, durch die von ihm organisierten Turniere zu guten Schachspielern heranzureifen. Da muss man ihm fürs Leben dankbar sein. 

Du hast als einziger IM im Feld und somit als krasser Außenseiter gegen alle Erwartungen fünf Partien gewonnen und bist am Ende auf Platz drei gelandet. Hast Du aus diesem Turnier eine persönliche Lieblings-Gewinnpartie?

Hm, eigentlich jede! (lacht herzhaft). Die entscheidende Partie für mein gutes Turnier war wohl die gegen Anand. “Hertneck hat mit Schwarz gegen Anand gewonnen”, das höre ich selbst heute noch Leute sagen, werde selbst 30 Jahre später noch auf diese Partie angesprochen. Dass er ein Shootingstar war, wusste man damals natürlich schon, aber dass Anand später Weltmeister würde, war längst nicht absehbar. Er galt zu jener Zeit als der Schnellzieher, der kaum Zeit verbraucht hat. Aber manchmal hat er eben auch zu schnell gespielt. Die Partie gegen Anand war einfach positionell eine ganz reife Leistung. Ich habe in ein Läuferendspiel abgewickelt. Ich war damals schon sehr stark im Endspiel, das hat mir immer sehr geholfen.

Wie hat sich diese Stärke ergeben, hat das ein bestimmter Trainer gefördert?

Ich war ein Fan von den Endspielbüchern Juri Awerbachs, habe seine Werke durchgearbeitet. Endspiele wurden dann so ein bisschen meine Domäne, ich fühlte mich darin immer sehr wohl. Eröffnungen habe ich dagegen noch nie besonders gemocht. Außer Wolgagambit und Französisch. Französisch kam auch in der Partie gegen Anand aufs Brett. Das Endspiel gegen Anand war vom Feinsten.

Die Partie gegen Anand war in Runde vier. Schon vorher hattest Du Dich direkt mit zwei Siegen an die Tabellenspitze gesetzt.

In Runde eins spielte ich gegen Judit Polgar. Die gehörte damals zwar noch nicht so wie später zur absoluten Weltspitze, war aber schon die beste Frauenspielerin und klar auf dem Weg nach oben.

Judit Polgar sollte die sechs Deutschen im Turnier mit 4:2 schlagen, unter anderem besiegte sie Robert Hübner. Wie lief deine Partie gegen die damals erst 14-Jährige? 

Ein wichtiger Weißsieg im Königsinder. Das war natürlich ein sehr guter Auftakt ins Turnier. Sie ist ja eine sehr gute Taktikerin, da hat man natürlich immer Angst und denkt, das kann gefährlich werden, insbesondere wenn sie Königsindisch spielt. Aber irgendwie bin ich auf einmal in eine Stellung gekommen, die mir lag. Sie hat dann mit der Brechstange zu gewinnen versucht und das ging schief aus ihrer Sicht.

(Partiekommentare via Mega Database)

Und Dein Sieg in der zweiten Runde?

Der gelang mir gegen Eric Lobron mit dem Wolgagambit, ich habe in einer sehr scharfen Variante in nur 19 Zügen gewonnen. Das war damals eine sehr giftige Modevariante, gegen die ich mich sehr gut verteidigt habe. Das war eigentlich die einzige Partie in meinem Leben, die ich gegen Eric Lobron völlig überzeugend gewonnen habe.

Nach einem Remis gegen den damaligen Weltranglistenachten und zweimaligen WM-Kandidaten Leonid Judassin und der bereits besprochenen Partie gegen Anand hast Du in Runde fünf gegen Deinen Nationalmannschaftskollegen Matthias Wahls gewonnen – eine beim Nachspielen wirklich fesselnde Angriffspartie.

Gegen Matthias Wahls spielte ich eine unglaubliche Kombination, eine, wie sie nicht alle Tage vorkommt und die man auch nicht sofort sieht. Die war gigantisch!

Was kannst Du über den Turniersieger, den Amerikaner Larry Christiansen sagen? Gemäß seiner Elo lag er nur im Mittelfeld der Setzliste, hat das Turnier aber vor all den Favoriten und sogar mit 1,5 Punkten Vorsprung und ohne Niederlage gewonnen.

Larry Christiansen ist ein sehr, sehr aggressiver, ein toller Schachspieler. Witzigerweise hätte ich in einem Moment gegen ihn gewinnen können. Aber das ist ja nicht repräsentativ, wenn man es auf die ganze Partie betrachtet.

Die Niederlage gegen Christiansen in der neuten Runde scheint Dich ja nicht groß belastet zu haben, Du hast danach direkt zurückgeschlagen mit einem Schwarzssieg gegen John Nunn, der war damals die Nummer 33 der Welt.

Ja, gegen John Nunn, das war wieder ein sehr gelungener Franzose. Es war für mich irgendwie ganz komisch bei dem Turnier. Ich war das ganze Turnier über …

… im Flow?

Ja, Flow passt sehr gut. Ich habe mir in diesem Turnier auch nach meinen beiden Niederlagen keine negativen Gedanken gemacht. Man muss wissen, John Nunn ist ein sehr gefährlicher Angriffsspieler und Taktiker und dem hab ich mit meinem Franzosen jeglichen Wind aus den Segeln genommen.

Deine von Dir schon angesprochenen andere Niederlage im Turnier war in der vorletzten Runde gegen Alexander Beliavsky, der am Ende punktgleich mit Dir, aber nach Wertung einen Platz vor Dir auf Platz zwei landete.

Und ich hätte sogar selber Zweiter werden können! Ich habe in dieser Partie nämlich einen Fehler gemacht. Ich habe das Remis durch Zugwiederholung ausgeschlagen, weil ich unbedingt gewinnen wollte. Mit Schwarz und gegen Alexander Beliavsky wohlgemerkt – der war damals die Nummer 10 der Welt! Und das ist dann nach hinten losgegangen und irgendwann war die Partie verloren.

Wenn man sich die Rundenergebnisse anschaut, war eine große Dynamik im Turnier. Es gab überdurchschnittlich viele entschiedene Partien im Vergleich mit anderen Turnieren, in den ersten drei Runden gab es in 15 von 21 Partien einen Sieger. Woher kam diese Blutrünstigkeit?

Ob ein Schönheitspreis ausgeschrieben war, weiß nicht mehr sicher, aber ich glaube ja. Es war generell das Prinzip von Jellissen, ein attraktives Teilnehmerfeld zusammenzustellen, möglichst kämpferische Spieler einzuladen.

Du hast bis 1994 an jedem Turnier teilgenommen.

Es hatte einen ganz besonderen Charme, bei diesen Turnieren gegen die erweiterete Weltelite zu spielen. Es lief dort eigentlich auch immer ganz gut für mich, auch in den nachfolgenden Jahren. Aber nie mehr so gut wie beim ersten Mal. Wobei das 1991 sicher auch mit dem guten Start zusammenhing. Das Tragische ist, dass ich diese Leistung später nie wieder erreicht habe.

München 1991 war das das stärkste Turnier Deines Lebens, sowohl was Gegnerschaft, als auch Deine eigenen Leistung betrifft.

Ja. Es war das maximal Unwahrscheinlichste, dass ein junger Spieler, der international noch nicht bekannt ist, so weit nach vorne kommt. 

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