Cool: 60 Jahre Eric Lobron

Motorrad, Rotwein, Selbstgedrehte. Viel mehr weiß man nicht über Eric Lobron. Es bedürfte mal eines Anrufs in Wiesbaden, verbunden mit der Frage, ob er nicht seine Geschichte erzählen mag. Die aufzuschreiben, wäre ein schönes Projekt. Erstaunlich eigentlich, dass das nie jemand gemacht hat.

Schachmeister, Globetrotter, Lebemann. Derlei Etiketten sind bestimmt nicht falsch, aber eben nur Etiketten, Klischees. Sie mit greifbarem Inhalt, mit Episoden und Anekdoten zu füllen, bis ein Bild entsteht, wäre die Herausforderung. Aus Anlass eines runden Geburtstags zum Beispiel.

In zehn Jahren vielleicht? Heute ist es zu spät, Eric Lobron feiert am 7. Mai 2020 seinen 60. Geburtstag.

Eric Lobron beim Grenke Open. Seit Mitte der 2010er-Jahre sitzt er wieder am Brett. | Foto: Georgios Souleidis/Grenke Chess.

Wenn noch gilt, was Helmut Pfleger einst gesagt hat, wird Lobron derlei Nähe gar nicht zulassen wollen: „Mag Eric in seiner Abgrenzung auch manchmal schroff und abweisend wirken, so versucht er doch, sich selbst treu zu bleiben. Diese Unbedingtheit auch gegen Widerstände ist meines Erachtens ein für ihn sehr wichtiger Wesenszug und macht ihn auf Dauer sehr sympathisch. Eric ist ehrlich, man weiß, woran man mit ihm ist.“

„Sympathisch“, seufz. Wieder so ein Etikett ohne greifbaren Inhalt.

Fernsehgroßmeister Pfleger hat mit seiner WDR-Schachsendung einige Verdienste um unser Spiel erworben, aber auch Anteil daran, dass Schach in Deutschland aus der Wahrnehmung als betuliches Altherrenspiel schwer herauskommt. Und das, obwohl Pfleger schon 1979 in London Teilnehmer einer viel Sendung war, die zeigte, wie sich Schach eben nicht onkelhaft, sondern modern inszenieren lässt. Drei Jahre später sollte dort Eric Lobron zu Gast sein.

Mehr als 40 Jahre her, sieht aber fast so aus wie heutiges Online-Schach. Die BBC produzierte von 1976 bis 1983 acht Staffeln „The Master Game„, ein TV-K.o.-Turnier. Einige deutsche Großmeister haben mitgespielt. Lothar Schmid (unten) hat es gewonnen, Eric Lobron auch.

Lobron hatte 1981 längst sein Jurastudium zugunsten einer Profikarriere aufgegeben. Er galt als einer der aufsteigenden Sterne der internationalen Szene, da lud die BBC ihn zur siebten Staffel ihrer Produktion „The Master Game“ ein. Diese Serie lief von 1976 bis 1982. Was die Briten auf den Bildschirm zauberten, galt damals als revolutionär, es war schon recht nahe am heutigen Standard: animierte Figuren, markierbare Felder fürs Erklären und Weltklassespieler, die ihre Partien selbst kommentieren.

Obendrein war es ein K.o.-Turnier, auch das zukunftweisend, ein Format, dessen Vorzüge das internationale Turnierschach erst 40 Jahre später entdecken sollte. Und ein Format, das Lobron liegt: Mann gegen Mann, nur einer kommt weiter, damit kann er mehr anfangen als mit dem traditionellen Rundenturnier. Lobron besiegte die Großmeister Quinteros, Keene sowie Adorjan und gewann die siebte Staffel. In der Liste der Master-Game-Gewinner steht Lobrons Name neben dem von Karpov, Short, Miles, Browne.

„Der Göttliche“

Tatsächlich gebar die BBC gemeinsam mit den dritten deutschen Programmen im selben Jahr einen noch stärker besetzten „TV-Worldcup“ (mit Lobron, Spassky, Karpov …), dessen Format an das der BBC-Sendung angelehnt war. Die Technik für die animierten Bretter kam dieses Mal allerdings aus Deutschland, aus München von der Schachcomputerschmiede Mephisto, und das führte zu einem Skandal, der seinerzeit dem Spiegel einen ganzseitigen Bericht über zweifelhafte Werbung in den dritten deutschen Programmen wert war.

Ob deswegen der TV-Worldcup nicht fortgesetzt wurde? Stattdessen entstand 1983 „Schach der Großmeister“, eine bis 2005 laufende Institution zwar, aber eben keine ideale Sendung. Weil man ihm ja so dankbar dafür sein musste, dass er Schach ins Fernsehen holt, machte 22 Jahre lang niemand den TV-untauglichen Mitmoderator Claus Spahn darauf aufmerksam, dass er hinter der Kamera viel besser aufgehoben wäre als davor. Pfleger und Hort alleine hätten das Format geschmeidiger gemacht.

Eric Lobrons Schachkarriere hatte Anfang der 80er gerade erst begonnen. Bis Mitte der 90er war die Frage offen, ob der Top-20-Spieler Lobron womöglich noch einen Leistungssprung machen und als deutscher WM-Kandidat in die Fußstapfen Robert Hübners treten würde. Der Wühler, Zocker und Praktiker Lobron wäre der genaue Gegenentwurf zum Grübler, Zauderer und Theoretiker Hübner gewesen.

Während dieser Jahre verdiente sich Lobron unter Schachkollegen den Beinamen „Der Göttliche“, was einerseits aus der von Pfleger genannten Schroffheit entstanden sein mag, andererseits daraus, dass Lobron seine Gaben alles andere als verbarg. „Ein Kämpfer und Optimist am Brett“, sagt Großmeister Gerald Hertneck über seinen ehemaligen Nationalmannschaftskollegen.

Am Brett wurde Lobron ab Ende der 90er seltener gesehen, Mitte der 2000er verschwand er aus der Schachszene, blieb aber online präsent. Unter dem Namen „Yardbird“ war Blitz-und Schnellschachspezialist Eric Lobron beim Internet Chess Club stets in den oberen Rängen der Blitzrangliste zu finden, das änderte sich auch nicht, als er für ein Jahrzehnt mit dem Turnierschach aussetzte.

Beim guten, alten ICC ist immer weniger los, der Yardbird hat sich ein neues Nest gesucht – und bei chess.com gefunden. Dort spielt er jetzt auf einer neuen Seite unter dem alten Namen. Auch den Morgen seines 60. Geburtstags begann er mit ein paar Partien Drei-Minuten-Blitz.

Herzlichen Glückwunsch!

Dieses aktuelle sowie das historische Bild oben entnehmen wir Eric Lobrons folgenswertem Instagram-Account.
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