Edgar Allan Poe und der Schachtürke

Über die Bedeutung des Schriftstellers Edgar Allan Poe müssen wir nicht streiten. Die Krimis und Horrorgeschichten des Amerikaners haben ein Genre geprägt, ja, mitbegründet.

Schach spielt in Poes Werken eine wesentliche Rolle.

Sollen wir nun dankbar und anerkennend feststellen, dass Poe unserem Spiel Mitte des 19. Jahrhunderts zu Aufmerksamkeit verholfen hat? Oder sollen wir ihn als Patzer abtun, der vom Schach selbst nach 1850er-Maßstäben so gar nichts verstand? Beides wäre nicht falsch.

Edgar Allan Poe.

„The Murders in the Rue Morgue“, veröffentlicht 1841, gilt als erste moderne Detektivgeschichte. Schach nimmt darin viel Raum ein, und das gleich zu Beginn. Poe vergleicht Schach ausführlich mit dem Kartenspiel „Whist“ (ein Vorläufer des Bridge). Der Autor stellt fest, dass das Kartenspiel dem Geist komplexere Aufgaben stellt als das Brettspiel. An anderer Stelle vergleicht Poe Schach mit Dame – und kommt zu einem ähnlichen Schluss.

Poe argumentiert, dass Schachspieler nur rechnen müssen und dass diese Rechnerei nichts mit Analyse zu tun hat. Dass wir Schachspieler abwägen, erfinden, die Intuition konsultieren und nebenbei Gedächtnisleistungen erbringen, sieht Poe nicht. Unsere Freunde von ChessBase haben Poes fehlgeleiteten Ausführungen zum Schach vor einiger Zeit einen ausführlichen Beitrag gewidmet.

Wenig bekannt ist, dass Edgar Allan Poe schon vor den „Murders“ über Schach geschrieben hat, und das sogar in einem historisch bedeutenden Zusammenhang. Poe war 1836 nämlich selbst als Detektiv tätig geworden, als er versuchte, das Geheimnis des Schachtürken zu lüften.

Das Essay „Von Kempelen und seiner Entdeckung“ ist ebenso Teil dieser gesammelten Poe-Werke wie die Detektiv- und Schachgeschichte „The Murders in the Rue Morgue“. Das Buch ist schon günstig (9,95), als Kindle-Ausgabe kostet es gar nur 99 Cent.

Diese 1769 von dem österreichisch-ungarischen Hofbeamten und Mechaniker Wolfgang von Kempelen gebaute Maschine hatte jahrzehntelanges Rätselraten ausgelöst: Kann der Türke tatsächlich spielen, oder verbirgt sich ein Mensch darin? Schließlich erkaufte sich Schachfreund Friedrich der Große die Antwort auf diese Frage, und der Schachtürke geriet für einige Jahre in Vergessenheit.

Der Schachtürke in Übersee

Kempelen starb, und ein anderer der Feinmechanik zugewandter Zeitgenosse kaufte Kemepelens Sohn die Maschine ab: Johann Nepomuk Mälzel reiste mit dem Schachtürken durch die USA, gab dort manche Vorstellung und verdiente manchen Dollar mit der in Übersee unbekannten Maschine. Unter anderem weckte er die Neugierde von Edgar Allan Poe, was 1836 zum Essay „Maelzel’s Chess Player“ führte, eine Anklageschrift.

Das Magazin „Geo“ hat jetzt die Geschichte des Schachtürken und der Detektivarbeit Poes aufgeschrieben. Ein nicht nur für Schachspieler lesenswerter Beitrag in der „Wissen“-Rubrik des Magazins:

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