Ausländerregel in der Schachbundesliga? – Markus Schäfer: „Bin dafür.“

Nach der Hälfte der Saison ist der Spielbetrieb ausgesetzt. Die Mannschaften in der stärksten Liga der Welt haben Zwangspause, hinter den Kulissen rauchen die Köpfe. Wie geht es weiter in der Schachbundesliga? Und wann?

Unter anderem über diese gegenwärtige Ungewissheit haben wir mit Markus Schäfer gesprochen. Der Präsident der Schachbundesliga blickt mit uns zurück auf eine angefangene Saison, über der der Schatten eines Rückzugs liegt, und voraus auf kommende Serien, in denen sich das eine oder andere ändern könnte.

Schäfer besorgt die Tendenz, dass in den oberen Ligen des Schachs immer weniger Deutsche am Brett sitzen. Diesen Trend möchte er per Erlass stoppen: Eine Regel solle festschreiben, dass in jeder Mannschaft ein bestimmtes Minimum an Partien von Einheimischen gespielt werden muss.

IM Markus Schäfer am Brett. | Foto: Georgios Souleidis/Schachbundesliga

Der Bundesliga-Vorstand hat unmittelbar nach dem Lingener Rückzug mitgeteilt, der SV Lingen habe „fahrlässig“ und auf „unzureichenden Finanzierungsgrundlagen“ am Wettbewerb teilgenommen. Wie bewertest du zwei Monate später die Situation?

Genauso. Unsere Einschätzung hat sich bestätigt, dass eine Finanzierungslücke ausschlaggebend für den Rückzug war. Ein außergewöhnlicher Fall übrigens. Wenn es zu Rückzügen aus der Bundesliga kommt, liegt das in der Regel nicht am Geld, sondern an personell-organisatorischen Problemen, weil der Spielbetrieb des Vereins so sehr an einzelnen Personen hängt, dass die Erstligazugehörigkeit nicht weitergeführt werden kann, sobald diese Person nicht mehr weitermachen kann oder will.

In den ersten Runden haben die Lingener personell gepowert und oben mitgespielt. Dann das plötzliche Ende. Für den Beobachter sah es aus, als habe dort jemand vergessen, dass das Budget eine Saison lang halten muss, nicht vier Spieltage.

Ob der SV Hockenheim den Elo-Riesen aus Baden-Baden den Titel streitig machen kann?

Auch wegen dieses Ablaufs fühlte sich der Rest der Liga ja geschockt und vor den Kopf gestoßen. Der Rückzug verzerrt die sportliche Situation, und der Reisepartner, Werder Bremen in diesem Fall, ist in besonderem Maße benachteiligt. Was genau in Lingen dazu geführt hat, dass es so gelaufen ist, weiß ich nicht.

Aus Baden-Baden kam der Vorschlag, in der Schachbundesliga ein Lizenzierungsverfahren einzuführen.

Zusammen mit den Vereinen haben wir inzwischen eine abschreckende Sanktionierung eingerichtet, um Rückzüge zu vermeiden. Die Vereine sind angehalten zu planen, nicht nur finanziell, auch hinsichtlich personeller Ressourcen. „Lizenzierung“ oder vielleicht treffender „Zulassungsverfahren“ ist tatsächlich kein neuer Vorschlag. Weil wir in den vergangenen Jahren einige Rückzüge erlebt haben, haben sich Vereine und Bundesligavorstand 2018/19 damit eingehend beschäftigt. Es ist bereits eine Art Katalog entstanden, auf den wir zurückgreifen könnten. Ich wäre dafür offen. Im Katalog geht es zum Beispiel um einen wichtigen Punkt, den ich eben schon angesprochen habe: Probleme, die zum Rückzug führen, sind in den meisten Fällen personell-organisatorischer Natur …

… wie lässt sich das abstellen?

Wir müssen die Vereine dazu bringen, sich möglichst breit aufzustellen, das ist ein Appell, der nicht erst seit neuestem an alle Vereine ergeht. Wir wissen natürlich, dass es in vielen Vereinen schwierig ist, Leute zu finden, die die Arbeit machen. Aber es gilt zu verhindern, dass der Bundesligabetrieb an wenigen oder im Extremfall sogar an nur einem Menschen hängt.

Was steht noch im Katalog?

Es gibt noch eine Reihe von sportlichen, wirtschaftlichen und rechtlichen Kriterien. Bei all dem müssen wir aber immer bedenken, dass wir uns nicht zu weit von den Staffeln der Zweiten Bundesliga entfernen dürfen. Es muss weiterhin einen Austausch in Form von Auf- und Abstieg geben. Wird der Abstand zu groß, werden wir kaum noch Vereine finden, die bereit sind aufzusteigen. Und das darf auf keinen Fall passieren. Wenn wir also über ein Zulassungsverfahren reden, dürfen wir die Anforderungen nicht so hoch schrauben, dass Zweitligavereine nicht mehr aufsteigen können oder wollen. Wir bewegen uns da in einem Spannungsfeld.

Das deutsche Schach hat manches schöne publizistische Projekt geboren, alle sind eingeschlafen. Leider auch das wunderbare „Deep Chess„. Der Youtube-Kanal von Deep Chess war seiner Zeit voraus, er würde heute genau so funktionieren. Leider hatten damals die Schachspieler Youtube noch nicht entdeckt.

Wird diese Saison zu Ende gehen?

Wir beschäftigen uns mit einer Reihe von Optionen, um auf alle Szenarien vorbereitet zu sein, je nachdem, wie sich die Corona-Pandemie entwickelt. Das geht bis hin zu der extremen Überlegung, die laufende Saison nach einem Jahr Pause weiterzuspielen. Eine andere Überlegung wäre, ausgefallene Runden im Sommer nachzuholen. Auch über die Frage, ob man eine Saison abbrechen kann, denken wir nach. Alles steht und fällt damit, wie die Pandemie weitergeht, wann es Impfstoffe gibt. Das kann heute noch niemand seriös abschätzen.

Ähnliche Ungewissheit beim Schach wie bei anderen Sportligen.

Mit dem Unterschied, dass Profiligen einen enormen Kostenapparat und entsprechenden Finanzierungsdruck von außen haben. Das haben wir ja bei der Fußball-Bundesliga gesehen, die sich anfangs von Woche zu Woche gehangelt hat und sogar ohne Zuschauer spielen wollte, um irgendwie doch noch einen Spieltag ins Fernsehen zu bekommen.

Welche Rolle spielen bei euren Überlegungen die Sponsoren der Schachbundesligisten?

Die Sponsorensituation ist allemal ein Faktor, der Ungewissheiten birgt. Werden die Vereine in ein paar Monaten noch über Zuwendungen in vergleichbarer Höhe verfügen können? Sollten wir in eine Wirtschaftskrise schlittern, wonach es aussieht, ist nicht auszuschließen, dass das auch den einen oder anderen Geldgeber eines Bundesligavereins betrifft.

Was ist mit der Bundesliga-Endrunde, eine der größten und schönsten Veranstaltungen des deutschen Schachs?

Wir sind mit den Verantwortlichen des Ausrichters, den Schachfreunden Berlin, sowie mit dem Deutschen Schachbund im Gespräch, der für die 1. Frauen-Bundesliga verantwortlich ist. Die Schachfreunde Berlin wiederum reden mit dem Hotel und den Sponsoren. Sobald ich dazu öffentlich etwas sagen kann, werde ich das tun. Noch ist das nicht der Fall.

Die WM-Kandidaten Fabiano Caruana und Maxime Vachier-Lagrave im Einsatz für Serienmeister OSG Baden-Baden während der Bundesliga-Endrunde 2019. | Foto: Maria Emelianova/chess.com

Spielen zu wenig Deutsche in der Schachbundesliga?

Jedenfalls sinkt der Anteil deutscher Spieler tendenziell leicht. Darum debattieren wir unter dem Arbeitstitel „Förderung einheimischer Spieler“ die Idee, eine Grenze einzuführen, unter die dieser Anteil nicht sinken darf. Wir reden über ein bestimmtes Minimum an Partien im Lauf einer Saison, die von einheimischen Spielern bestritten werden müssen. Ich bin dafür, so etwas einzuführen, und hoffe, dass eine solche Regelung dann auch in der zweiten, vielleicht sogar dritten Liga kommt.

Keine Regelung, um gezielt junge einheimische Spieler zu fördern?

Nein, aber das würde sich automatisch ergeben, weil das Leistungsschach immer jünger wird. Schachspieler werden heute viel früher ausgebildet, sie werden immer jünger sehr stark, tendenziell beenden sie auch ihre Profilaufbahn eher, als das früher der Fall war. Diesen Trend sehe ich in allen Sportarten, beim Schach auch. Darum würden von einer „Homegrown“-Regelung in erster Linie junge deutsche Spieler profitieren.

FIDE-Generaldirektor Emil Sutovsky hat gesagt, online sei in den kommenden Monaten die Marschrichtung des Schachs. Es wird sogar debattiert, anstelle der jetzt verschobenen Schacholympiade eine Art Ersatzolympiade online auszuspielen. Auf Lichess boomt derweil die Quarantäne-Bundesliga. Ist für die reguläre Schachbundesliga ein Spielbetrieb online denkbar?

Online wäre in vielerlei Hinsicht ein anderer Wettbewerb. Wir könnten nicht einfach ausgefallene Runden dieser Saison im Internet ansetzen. Oder generell den Spielbetrieb ins Internet verlegen, das geht nicht. Über eine Online-Bundesliga könnte man natürlich nachdenken – als zusätzlichen Wettbewerb, um eine Spielpause zu überbrücken zum Beispiel. Aber es wären einige Fragen zu beantworten, bis geklärt ist, wie das praktisch funktionieren soll.

Das charmanteste Bild, das die Schachbundesliga zuletzt produziert hat, zeigt den Aachener Spitzenspieler IM Christian Seel, der sich in den Karnevalstagen als Krokodil (oder ist es ein Saurier?) ans erste Brett setzte. | Foto: SC Viernheim
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[…] Markus Schäfer im Gespräch dieser Seite sagte, über eine Online-Bundesliga „könne man nachdenken„, haben die Briten schon eine organisiert. 170 Teams sind angemeldet, dazu 28 […]

Walter Rädler
Walter Rädler
2 Monate zuvor

Doofe Frage: Sind solche Quoten gesetzlich überhaupt noch erlaubt? Sie widersprechen doch gültigem EU-Recht.

Walter Rädler
Walter Rädler
1 Monat zuvor

Die Fußball-Bundesliga bestimmt aber nicht, wie viele Minuten Deutsche auf dem Spielfeld sein dürfen. Das ist ein ganz heikles Thema, ehrlich gesagt warne ich davor, man begibt sich auf Glatteis. Das habe ich aus dem Internet, ich interpreitere dies als ganz, ganz klares Nogo! Wenn du sagst, ein Deutscher muss spielen, heißt das, ein Ausländer darf nicht spielen und somit st es nicht durchsetzbar! Was bedeutet „Freizügigkeit der Unionsbürger“? Die Freizügigkeit bedeutet zum einen, dass jeder Unionsbürger grundsätzlich das Recht hat, sich in der Europäischen Union frei zu bewegen, in jeden anderen Mitgliedstaat einzureisen und sich dort aufzuhalten. Dieses Recht… Weiterlesen »

Krennwurzn
Krennwurzn
1 Monat zuvor

Es ginge ganz einfach und vollkommen rechtskonform, aber das will ja keiner, weil dann müsste man wirklich professionalisieren: EIN Spieler EIN Klub und zwar weltweit!

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[…] Spielbetrieb ausgesetzt: Wie es weitergeht, weiß niemand. In den Top acht der vier Süd-Vereine, die um den Aufstieg wetteifern (Baden-Baden II gehört nicht dazu) finden sich insgesamt vier Spieler mit der Nationalität „GER“. […]

La Bahia
La Bahia
27 Tage zuvor

Man kann doch einfach eine allen anderen Sportarten entsprechende Regelung treffen, dass man nur in einem Land für Mannschaftskämpfe antreten kann. Dann würde sich vieles von selbst regeln.
Es wäre mal interessant zu erfahren, welche Lobby das Antreten von Schachspielern in mehreren Ländern befürwortet.
Abgesehen davon wäre es zur Reduzierung der immensen Reisekosten bedenkenswert, auf eine dezentrale Regelung ähnlich der 2. Bundesliga zu setzen und am Ende mit den Staffelmeistern den Titel auszuspielen.

Der Tiger von Meppen
Der Tiger von Meppen
27 Tage zuvor
Reply to  La Bahia

Der wesentliche Unterschied zu anderen Sportarten ist doch: 1. Schach ist eine Individualsportart. Ich muss nicht mit den anderen zusammen trainieren, sondern reise zum Spiel an, und danach wieder ab. 2. Kein GM kann davon leben, in (nur) einer Liga zu spielen. Mehr als vielleicht 200 oder 300 EUR pro Partie gibt es nur für Weltklassespieler. Die MÜSSEN also in 10 verschiedenen Ligen antreten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen – oder sich andere Verdienstquellen suchen. Viele Länder führen ihre Meisterschaften übrigens in Turnierform in einer Woche durch. Wie viel „Karenzzeit“ muss man denn dann den Spielern geben, nachdem sie bei… Weiterlesen »