Nochmal Heusenstamm

Als wir neulich einem Rechtsanwalt die Spielervereinbarung des Deutschen Schachbunds gezeigt haben, hat der sich köstlich amüsiert – und dann festgestellt: „Geht so nicht.

Um sich über die Turnierordnung des Schachbunds zu amüsieren, bedarf es nicht einmal juristischen Sachverstands. „Die Temperatur muss 20 bis 23 Grad Celsius betragen, die Deckenhöhe mindestens 2,60 Meter“, steht da zum Beispiel. Als ob wir bei 23,5 Grad unter einer 2,55 Meter hohen Decke nicht Schach spielen könnten.

Spannungsfeld zwischen Regeln und Wirklichkeit

Angesichts solch willkürlich festgeschriebenen Unfugs ist die Leistung der meisten Schiedsrichter nicht hoch genug einzuschätzen. Einerseits steht in den Regeln „muss“ statt „soll“, andererseits spiegeln diese Regeln nicht die Wirklichkeit in den meisten Spiellokalen. In diesem Spannungsfeld müssen Schachschiedsrichter arbeiten.

Das funktioniert, weil die meisten Schiedsrichter statt der Turnierordnung ihren Menschenverstand benutzen, um festzustellen, dass gespielt werden kann. Zwar gibt es kaum einmal einen Mannschaftskampf, bei dem nicht gegen die Muss-Regeln aus der Turnierordnung verstoßen wird, aber so lange sich der Schiedsrichter als Schachermöglicher versteht, spielt das keine Rolle. Dann ist die Decke halt 2,55 Meter hoch, na und?

„Macht zieht an“: Der „Fall Heusenstamm“ in der FAZ.

Neulich in Heusenstamm hatte der Schiedsrichter schon vor Beginn des Wettkampfs beschlossen, an diesem Wochenende Schach zu verhindern. Wer sich über diesen Schiedsrichter erkundigt, dem wird das Bild eines Menschen gezeichnet, der sich über seine profunde Kenntnis von Regeln und Turnierordnungen definiert. Eines Menschen, der Leuten, die das nicht interessiert, dennoch Vorträge über eben diese Regeln aufzwingt. Und der nach Anlässen sucht, Anlässe einfordert sogar, um diese Regeln durchzusetzen, seitdem ihm sein Schiri-Zertifikat die Macht dazu gibt.

Nach unserem Schlaglicht hat erst die Frankfurter Allgemeine Zeitung die Sache aufgegriffen. Und sogar noch mehr Episoden über besagten Schiedsrichter herausgefunden, als wir gehört hatten. Jetzt hat auch „Karl“ das Heusenstammm-Thema dekliniert und ähnlich eingeordnet wie die FAZ.

„Der Schiri ist schuld“, ist es so einfach?

„Regelwerk wichtiger als der Sport“: Der „Fall Heusenstamm“ im Karl.

Angesichts dieser einseitigen, unvollständigen Bewertungen ist es wohltuend, vom Verkündungsorgan des Schachverbands Württemberg eine andere Perspektive serviert zu bekommen. Dass ausgerechnet der Regelnazi an den Formalien scheitert, weil er vergisst, den Spielberichtsbogen auszufüllen, ist tatsächlich ein komischer Aspekt dieser eigentlich traurigen Angelegenheit.

Komisch ist auch die Bewertung „angesehener FIDE- und Internationaler Schiedsrichter“. „Ansehen“ haben wir ebenso wie die FAZ ebenso wie Karl kaum feststellen können, stattdessen einen Ruf, und der ist wenig schmeichelhaft. Außerdem Unerfahrenheit. FIDE-Schiedsrichter ist er gerade erst geworden, dieses war sein erster Zweitligaeinsatz.

Hätte der Eklat vermieden werden können?

Schon im ersten Heusenstamm-Schlaglicht haben wir festgestellt, dass Medaillen immer zwei Seiten haben. In diesem Fall ist das auf der einen Seite ein unerfahrener Schiedsrichter im Macht- und Regelrausch, auf der anderen Seite ein Verein, von dem sich die Mitbewerber um den Bundesligaaufstieg nach eigenen Angaben seit Jahren wegen unzureichender Spielbedingungen provoziert fühlen.

Wer so eine Konstellation sehenden Auges zulässt, der riskiert genau die Eskalation, zu der es jetzt gekommen ist. Hätte sie vermieden werden können? Wie stellen wir sicher, dass sich so ein Fall nicht wiederholt? Diese Fragen stellen erstaunlicherweise weder die oben zitierten Publizisten noch die vielen Schachfreunde, die im Forum den Fall Heusenstamm sezieren.

Deckenhöhe 2,60 Meter? Zweite Liga Süd im Heusenstammer Obergeschoss.

Haben sich die Zweitliga-Mitbewerber in all den Jahren jemals so laut über die vermeintlichen Missstände in Heusenstamm beschwert, dass es bei der Spielleitung angekommen ist? Dann hätte Jürgen Kohlstädt als Leiter der Bundesligen womöglich den erfahrenen Diplomaten geschickt, den die Situation erforderte, nicht einen regelgeilen Liganeuling. Andererseits: In der Schachszene heißt es, dass Kohlstädt Konzepte wie „Exempel statuieren“ viel näher liegen als lösungsorientiertes Vorgehen. Ob bewusst genau dieser Schiedsrichter geschickt wurde? Dieser Verdacht liegt nahe angesichts der Standleitung zwischen Schiri und Liga-Chef, aber wir wissen es nicht.

Kollege Computer

„Nach meiner Kenntnis war Heusenstamm jetzt zum ersten Mal auffällig“, sagt Bundesturnierdirektor Gregor Johann, fügt aber hinzu, dass er womöglich nicht das ganze Bild kennt. Weder habe er jemals selbst in Heusenstamm geschiedsrichtert, noch sei er ein intimer Kenner der Zweiten Liga Süd, insofern könne er nicht sagen, ob die Konstellation in Heusenstamm vorab als heikel zu erkennen war.

Womöglich war es Kollege Computer? Die deutschen Schachschiedsrichter arbeiten mit einem Tool, das die potenziellen Schiedsrichter vorsortiert, bevor sie einen Einsatz zugewiesen bekommen. Wer am betreffenden Spieltag anderswo schiedsrichtert oder verhindert ist, wird gar nicht erst angezeigt. Wer Mitglied eines der beteiligten Vereine ist, auch nicht. Die übrigen werden nach Entfernung zwischen Wohnort und Spielort sortiert. Ganz oben steht derjenige, der am nächsten dran wohnt. Ein Klick des Staffelleiters, und er ist als Schiedsrichter eingeteilt. Im „Fall Heusenstamm“ dürfte besagter Schiedsrichter derjenige ganz oben in der Liste gewesen sein.

Spielbetrieb ausgesetzt: Wie es weitergeht, weiß niemand. In den Top acht der vier Süd-Vereine, die um den Aufstieg wetteifern (Baden-Baden II gehört nicht dazu) finden sich insgesamt vier Spieler mit der Nationalität „GER“.

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