Das siebenjährige Kartenhaus

Die DWZ-Abfrage: nicht erreichbar. Der NRW-Ergebnisdienst: nicht erreichbar. Die Seiten von mehr als 100 Schachvereinen: nicht erreichbar. Der Badische Jugend-Grand-Prix: nicht erreichbar.

Diese Liste ließe sich fortsetzen.

Das deutsche Schach hat sich ein Kartenhaus gebaut, indem es vor Urzeiten seine Mitgliederdaten und vor sieben Jahren die DWZ-Daten in die Hände einer Einzelperson beim Württembergischen Schachverband gegeben hat. Im Sinne des DSB führen wir an dieser Stelle besser nicht aus, wie sich diese „Lösung“ datenschutzrechtlich darstellt. Aber wir stellen fest, dass das fragile Konstrukt nun zusammengebrochen ist.

Das Kartenhaus war im Lauf der Zeit immer größer geworden. Unter anderem der Schachverband NRW hat sich mit Zustimmung seiner Bezirke ebenfalls dazu entschlossen, sich und seine Daten der Württembergischen Willkür auszusetzen. Und in Württemberg haben sie ihren Jugendlichen und allen ihren Schachvereinen angeboten, in diesem Kartenhaus ein Zimmer zu beziehen. Bislang 104 Vereine haben dieses Angebot angenommen.

Hunderte Schachseiten lahmgelegt

Eine deutlich dreistellige Zahl von Untermietern hat sich ein Zimmer in diesem Haus eingerichtet. Je größer das Haus, desto größer das Risiko für den (haftenden!) Vermieter und alle Mitbewohner: Wenn einer der Untermieter Illegales anstellt, ob er sich nun eine Drogenküche einrichtet oder Hehlerei betreibt, dann kommt die Polizei und sperrt das gesamte Gebäude. Und der Eigentümer des Bauplatzes kassiert den Haustürschlüssel.

Unangenehme Montagspost vom Hostingservice ans Württembergische Schach.

Genau das ist jetzt passiert. Hunderte Webseiten des deutschen Schachs sind lahmgelegt, darunter die mit Abstand meistbesuchte und potenziell wervollste: die DWZ-Abfrage.

Die Daten liegen auf einem Server des Hostingdiensts Strato. Dieser Server ist nun gesperrt.

Warum genau die Polizei gekommen und der Haustürschlüssel einkassiert ist, liegt noch im Dunklen. Sicher ist, dass die württembergischen Websites auf einem Server des Hostingdiensts Strato liegen. Dieser Dienst hat nun irgendetwas in einem der vielen Schachzimmer als Widerrechtlich identifiziert. Und den gesamten Server gesperrt, der Auftakt eines aufwändigen Verfahrens, das sich über Monate ziehen kann. Es wäre erstaunlich, würden die Daten von heute auf morgen wieder freigegeben. Insofern hängt vieles davon ab, ob auf Seiten der Websitebetreiber aktuelle Backups vorhanden sind.

Nach unseren Informationen geht der Schachverband Württemberg dennoch davon aus, das Problem bald zu lösen. Es soll mit einer Beschwerde bei Google zusammenhängen, dass auf einer der Bezirksseiten ein Jugendlicher mit vollem Namen genannt ist. Diese Beschwerde habe Strato an den SVW weitergeleitet, dort sei sie ungesehen im Spam-Ordner gelandet.

So oder so, Beschwerden über die vollen Namen Jugendlicher auf Schachseiten würden für das gesamte Schach ein neues Fass aufmachen.

Es sieht ja keiner, und so lange keiner fragt…

Am Bodensee ist das Gerücht angekommen, es gebe kein aktuelles Backup der DWZ-Daten. Wenn das stimmt, muss unter Umständen alles, was über Monate längst erfasst worden war, neu eingegeben werden. Eventuell können die Bayern helfen: Weil der Bayerische Schachbund der Auslager-Lösung des DSB nie getraut hat, sollen dort stets tagesaktuelle Backups der deutschen Ratingzahlen verfügbar sein. Unsere heutige Anfrage beim Pressesprecher des Schachbunds, ob ein aktuelles Backup vorhanden ist, wurde bislang nicht beantwortet.

Das Problem mit den bei einem Dritten liegenden Mitgliederdaten scheint die DSB-Führung nicht so hoch anzusiedeln, zumindest lässt sich dem Wenigen, was der DSB öffentlich macht, nicht entnehmen, dass das Problem erkannt ist und einer Lösung zugeführt werden soll. Es sieht ja keiner, und so lange keiner fragt…

Die DWZ-Abfrage sehen jede Woche 100.000 Leute und mehr. Nachdem das Problem jahrelang immerhin als solches aufgefallen war, hat beim jüngsten Hauptausschuss Präsident Ullrich Krause angekündigt, das Wertungs- und Informationssystem neu entwickeln zu lassen. Unsere Anfrage beim Pressesprecher des Schachbunds, ob das Projekt ausgeschrieben und was der Stand der Dinge ist, wurde nicht beantwortet.

Auf der Website des Schachbunds wird derweil mit dem Stinkefinger ausschließlich nach Württemberg gezeigt.

(Dieser Text ist im Lauf des 11. März mehrfach mit neuen Informationen aktualisiert worden. Finales Update: Am späten Nachmittag des 11. März scheinen alle betroffenen Seiten inklusive der DWZ-Abfrage wieder zu funktionieren. Die Frage an den Schachbund nach der DeWIS-Neuentwicklung bleibt unbeantwortet.)

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