Herr Bauer, Schachkreis Schwarzwald-Alb

Der geschätzte Schachfreund Claudius Caissa blieb stumm, als ich ihn neulich wieder mit der Frage nervte, ob er mir nicht irgendeine Idee zuschustern könne, über die ich für die Perlen vom Bodensee schreiben kann. „Ich nehme notfalls auch Trash-Themen; Lästereien, Beziehungsstress, Klatsch und Tratsch und so“, schob ich nach, was er mit einem leichten Kopfschütteln quittierte.

„Schreib über die Motivation mittelmäßiger Spieler, innerhalb der Mittelmäßigkeit besser sein zu wollen“, entgegnete er schließlich. „Und versuch wieder, eines Deiner Schach-Selfies mit einem Star in einen Bericht hineinzutricksen so wie bei Forrest Gump…

Forrest Gump ist ein US-amerikanischer Film von 1994.  Für die Darstellung der Hauptfigur Forrest Gump erhielt Tom Hanks den Oscar als bester Hauptdarsteller. Zahlreiche bereits gestorbene Personen der Zeitgeschichte wurden in den Film hineingeschnitten (John Lennon, John F. Kennedy, Elvis Presley…).   

… das hat doch schon mal ganz gut geklappt.“ Er grinste verschmitzt, und ich war mir nicht sicher, wie ernst sein Vorschlag wirklich gemeint war.  

Schließlich schrieb ich auf ein leeres Blatt: „Über die Motivation mittelmäßiger Spieler, innerhalb der Mittelmäßigkeit besser sein zu wollen“ und nahm mir vor, darüber ein Gedicht zu verfassen.

Alexander Kotow, ein Königsmörder?

Über den Titel kam ich nicht hinaus – fürs Ankurbeln der Inspiration brauchte ich unbedingt Gedankenfutter aus dem Leben. Mir fiel eine alte Geschichte ein, die ich in der Zeitschrift SCHACH gelesen hatte. Im Keller durchblätterte ich eine Menge verstaubter Hefte, bis ich bei der Ausgabe 05/2015 fündig wurde.

Der Großmeister und auch als Autor großmeisterliche Mihail Marin bespricht in seinem Artikel „Der Königsmörder“ das Gerücht, dass der KGB-Offizier Alexander Kotow, bis dahin ein mittelmäßiger Spieler, einst von seinem Arbeitgeber, dem russischen Komitee für Staatssicherheit, den Auftrag erhielt, Großmeister zu werden, um somit seine Kollegen auf deren Auslandsreisen in den kapitalistischen Westen besser überwachen zu können.

Ob wahr oder nicht wahr – das war der Stoff für eine Geschichte!

Nur fiel mir keine ein. Kurz schoss mir das Gesicht von Sean Connery und ein James-Bond-Szenario („From Russia With Chess“?) in den Kopf. Leider zu kompliziert für ein Gedicht.

Raus aus Moskau, rein in die württembergische Provinz

Und so lag das Vorhaben auf Eis, bis ich beim Lesen eines Artikels von Harald Keilhack auf der Seite des Schachverbands Württemberg über den folgenden Satz stolperte: „Alb-Schwarzwald war noch nie der Nabel der württembergischen Schachwelt.“ (Harald Keilhack in seinem Bericht über die Württembergische Blitz-Einzelmeisterschaft)

Alexander Kotow, Großmeister im Auftrag des KGB? Ob wahr oder nicht, allemal eine schöne Geschichte. Und allemal wurde er gut genug, um später als anerkannter Autor zu gelten. Über Kotows „Denke wie ein Großmeister“ streiten sich heute zwar die Geister, aber das „Schachbuch für die Meister von morgen“ empfehlen Trainer bis heute. Die Sprache könnte ein wenig entstaubt werden, der Inhalt ist zeitlos gut. | Foto: Jac Nijs

Endlich machte es Klick. Ich musste gedanklich nur raus aus Moskau und rein in die heimatliche Nachbarprovinz: Wie bei einem soeben freigelegten Isolani begann sich meine Denkblockade zu lösen.Sie verwandelte sich unmittelbar in dichterische Expansionslust inklusive sprachlicher Schnörkel und abseitiger Pirouetten. Nimzowitsch wäre stolz gewesen! Für einen besseren „Sound“ brauchte ich nur noch „Alb-Schwarzwald“ in „Schwarzwald-Alb“ tauschen, und schon stellten sich wie von selbst die folgenden Verse ein.

Nachdem es zuletzt um Herrn Springer gegangen war, stehen diesmal Herr Bauer und Herr König im Mittelpunkt:


Herr Bauer, Schachkreis Schwarzwald-Alb,
Der wäre gerne innerhalb
Seiner Mannschaft ein Brett weiter,
Denn er ist bloß Mannschaftszweiter.

Ein Herr König spielt an eins
Und ist Meister des Vereins,
Und ist dreist und unbescheiden –
Bauer kann ihn gar nicht leiden!

Herr Bauer, Schachkreis Schwarzwald-Alb,
Hätt’ schachlich gern Herrn Königs Skalp;
Plötzlich in der Lebensmitte
Plagen ihn die Defizite:     

Ein Trainer aus Tadschikistan
Nimmt per Skype sich seiner an,
Vorm Schlafen macht er nun im Bett,
Zur Steigerung der DWZ

Und um‘s besser drauf zu haben
Taktik-Training, Mattaufgaben,
Liest ein Buch vom Tigersprung,
Joggt und fühlt sich wieder jung.

Herrn Bauers Einsatz zahlt sich aus,
Er ist Herrn König bald voraus,
Schickt sich an, ihn abzuhängen
Und vom Spitzenbrett zu drängen;

Im nächsten Sommer ist’s so weit:
Er geht an eins, ganz ohne Streit,
Und macht nicht mehr so viel Fehler
Und hat siebzehnhundert Zähler!


Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook. Kontakt: nathanrihm@gmx.de

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