Mihail Marin: „Verstanden habe ich nur, was ich mir selbst erklären kann.“

Mihail Marin und Maria Yugina dürften zu den bekanntesten Schach-Ehepaaren zählen. Meisterhaft spielen sie beide, er sogar großmeisterhaft. Abseits des Brettes glänzt sie mit ihrer Malerei, er als Autor. Am Tegernsee haben wir die Russin und den Rumänen zum Schachgespräch getroffen.

„Seit ich ein Kind war, träume ich davon, Neuschwanstein zu sehen“: Maria Yuginas Traum ist jetzt wahr geworden. (Foto: Maria Yugina/Facebook)

Mihail, ich habe eine Beschwerde.

Mihail: Oh?

Vor Jahren, als ich angefangen habe, meine Megabase nach möglichst instruktiv kommentierten Partien zu durchsuchen, sind mir immer wieder deine aufgefallen. Bald habe ich einfach nur noch nach „Kommentator Marin“ gesucht, weil es ja keinen Besseren gibt. Aber mein Eindruck ist, du lässt uns heute viel weniger an deinem Wissen teilhaben, als das früher der Fall war.

Mihail: Danke für die Blumen! Das eine oder andere Aktuelle müsste es schon geben, oder? Vielleicht war das früher tatsächlich mehr, weil ich mit Rainer Knaak befreundet bin, der das ChessBase-Magazin gemacht hat. Wir schätzen einander, er hat mich oft gezielt angesprochen, aber jetzt ist er im Ruhestand.

Wie entstehen deine Kommentare?

Eines der Werke von Maria Yugina.

Partien zu kommentieren oder Bücher zu schreiben, ist ein zeitaufwändiger Prozess. Ich muss sicher sein, dass ich Dinge in aller Tiefe verstanden habe. Das erkenne ich daran, dass ich sie mir selbst erklären kann. Erst wenn das klappt, erst wenn ich mir sicher bin, dann schreibe ich Sachen so auf, dass der Leser bestmöglich von meiner Vorarbeit profitiert.

In aller Tiefe? Kannst du das definieren?

Mihail: Schachverständnis und -wissen hat mehrere Ebenen. Alle Schachschreiber, ich ja auch, arbeiten mit Computern. Wir schauen uns Partien an und erklären dann die Ideen hinter Varianten und Bewertungen der Maschine. Nur entwickelt sich so kein fundamentales Verständnis. Darum löse ich mich oft ganz bewusst von dieser Methode, vor allem, wenn ich ein Buch schreibe. Ich baue mein Brett auf, spiele eine Partie nach oder analysiere eine Position und fokussiere mich auf meine Gedanken und Ideen. Natürlich habe ich dafür nicht immer Zeit.

Was bist du? Schachspieler? Autor? Coach?

Mihail: Spieler! Danach fühlt es sich tief in mir an, so nimmt mich auch Maria wahr. Mehr Zeit verbringe ich allerdings als Autor von Büchern oder DVDs, davon lebe ich in erster Linie. Training gebe ich gelegentlich noch, aber nur, wenn es wirklich passt. Gänzlich erfolglos bin ich darin ja auch nicht. Als ich angefangen habe, mit Daniele Vocaturo zu arbeiten, stand er bei 2360 Elo. Acht Monate später war er Großmeister. Und ich war Sekundant von Judit Polgar, als sie nach einer 14-monatigen Babypause zurück ans Brett kam.

Mihail Marin bei den Offenen Internationalen Bayerischen Meisterschaften am Tegernsee. (Foto: Thomas Müller/Tegernseer Tal Tourismus)

Und du, Maria?

Maria: Ich bin Malerin! Eine Schachmalerin.

Ich hab‘ dich am Brett gesehen. Die Anspannung, den Kampf. Und du hattest hier am Tegernsee in der ersten Runde einen Großmeister an der Angel. Das sah nach Schachspielerin aus.

Maria: Ich liebe es zu rechnen, Varianten durchzugehen. Leider läuft mir am Ende oft die Zeit davon, so war es auch in der ersten Runde.

Mihail: Maria hat viele Talente. Einen grünen Gurt im Capoeira zum Beispiel. Oder sie hat Preise bei Schwimmwettbewerben gewonnen. Und wenn sie am Brett sitzt, dann macht sie keine Kompromisse.

Maria: Schon, aber die Frage war ja, wer oder was ich bin. Und die Antwort darauf lautet „Malerin“. Etwa mit 19 habe ich angefangen zu malen. Jeden Tag, auch während ich studiert und als Schachlehrerin gearbeitet habe. Malen ist meine Leidenschaft. Seinerzeit hatte ich einen Privatlehrer, jetzt ist die Malerei mein Beruf. Vor etwa einem Jahr habe ich nach und nach begonnen, mich auf Schachmotive zu fokussieren.

Als der „legendäre GM und Autor“ Mihail Marin jetzt auf Twitter auftauchte, war das FIDE-Kommunikationschef David Llada einen Tweet wert.

Und jetzt lebt Ihr als reisendes Schachspieler-Maler-Autoren-Paar. Wie seid Ihr einander begegnet?

Mihail: Willst du, Maria?

Maria: Nein, erzähl du.

Mihail: Gesehen haben wir uns zum ersten Mal in Tallinn 2016, Europäische Blitz- und Schnellschachmeisterschaft. Ich hatte 36 Stunden nicht geschlafen, es war dunkel und kalt. Ich stand in der Anmeldeschlange und fragte mich, was um alles in der Welt ich hier tue. Und dann stand plötzlich dieses Mädchen vor mir und fragte, ob hier die Anmeldung ist. Wenig später haben wir uns in Wien für ein paar Tage gesehen, da habe ich sie schon gefragt, ob sie mich heiratet.

Liebe!

Mihail: Ja (lächelt).

Habt Ihr eine besondere Beziehung zu Deutschland?

Maria: Ich nicht. Aber was ich bislang gesehen habe, gefällt mir sehr gut. Neuschwanstein! Seit ich ein Kind war, träume ich davon, das Schloss zu sehen.

Mihail (in exzellentem Deutsch): Darf ich auf Deutsch antworten? Deutsch war meine erste Fremdsprache in der Schule. Als Kind war ich in den Ferien viele Male bei einer Familie in Brasov, Kronstadt, zu Gast, die Deutsch sprach. Da habe ich es richtig gelernt. Leider habe ich viel vergessen seitdem, weil ich lange kaum einen Draht nach Deutschland hatte. Das änderte sich, als ich angefangen habe, für ChessBase DVDs aufzunehmen. Um wieder in die Sprache einzutauchen, habe ich den „Zauberberg“ von Thomas Mann gelesen. Ich dachte, fange ich doch gleich mit dem Schwierigsten an. Und ich habe es durchgelesen.

Von den Legenden lernen: Mihail Marin hat im Lauf der Jahre so viele Werke publiziert, es ist schwierig, nur eines herauszupicken. In diesem unternimmt er eine Reise durch ein Jahrhundert Schachstrategie, von Rubinsteins Turmendspiel-Technik über Petrosjans Qualitätsopfer bis zu Magnus Carlsens Pragmatismus.
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