Herr Springer spielt Dauerschach

Als ich als siebzehnjähriger „Spätberufener“ am selben Abend, als Deutschland sein Auftaktspiel bei der Fußball-Europameisterschaft 1992 zu bestreiten hatte, erstmals einen Schachklub betrat, wollte ich eigentlich nur bis zum Ende des Jugendtrainings bleiben. Denn BRD gegen GUS (= kleines Länderquiz für die jüngeren Perlen-Leser 🙂 wollte ich mir später daheim am Fernseher auf keinen Fall entgehen lassen!

Schach lernen mit Helmut Pfleger: Die Schachreise mit Bauern-, Turm- und Königsdiplom zu beginnen, so wie einst Martin Hahn, ist heute nicht mehr so verbreitet wie früher, aber immer noch sinnvoll.

Die Schachregeln hatte ich mir ein paar Jahre zuvor mit Hilfe von Helmut Pflegers Buch „Zug für Zug“ selbst angeeignet und bis dato mangels menschlicher Kontrahenten fast ausschließlich gegen meinen Plastikpartner „Kasparov Companion III“ geübt. Als ich irgendwann gegen die unteren Spielstufen nicht mehr immer nur jämmerlich verlor, hielt ich die Zeit für reif, um bei einem Schachverein reinzuschauen. Ein paar hippe Eröffnungsbücher des DDR-Sportverlags von Alexei Suetin, Lew Polugajewski und co. hatte ich zuvor auch schon am Start.

Was die konkreten Varianten betraf, verließ ich mich auf die Züge des Meisters: Kasparow hatte bei der Schach-WM 1990 mit Weiß fast ausschließlich mit 1.e4 begonnen und Karpow mit 1.d4; Kasparow gewann die WM, Karpow nicht. Also musste doch 1.e4 der beste Anfangszug sein – logisch! Ebenso hielt ich es zunächst auch beim Kopieren seiner mir gar nicht liegenden Schwarz-Eröffnungen. Ach, war die Welt damals einfach.

Unser Autor Martin Hahn hat Icke Häßlers Traumtor nicht live gesehen. Er hatte sich nicht vom Schach losreißen können.

Den Fußballabend und Thomas „Icke“ Häßlers spätes Traumtor zum 1:1 habe ich seinerzeit – noch immer beim Vereinsabend sitzend – verpasst. Unvorstellbares war geschehen: an diesem Abend beim SK 1926 Nördlingen/Ries (Gerd-Müller-Stadt!) war mir Schach erstmals wichtiger gewesen als Fußball! Bald wurde ich in meiner Geburtsstadt auch Vereinsmitglied mit allem Pipapo und nach einem halben Jahr führten mich die Cracks des Vereins in die Zauberwelt des Staufer-Opens in Schwäbisch Gmünd ein …

Als ich selbiges Turnier neulich wieder mal als Zuschauer besucht habe, sah ich beim Betreten des Turnierorts im schönen Stadtgarten-Ambiente als erstes die Schachlegende Artur Jussupow inmitten des großen Bücherstandes leibhaftig an einem Trainingsbrett sitzen und mit Kindern seiner Schachgruppe deren abgeschlossene Partien besprechen. Unweigerlich musste ich an 1993 zurückdenken. Beim stressfreien Kiebitzen und gemütlichen Quatschen mit alten Bekannten und Freunden ergab sich wie von selbst die Idee zu dem folgenden Gedicht „Dauerschach“ über einen fiktiven Viel-Spieler.

Während er noch in Wijk am Brett sitzt oder der Weltklasse über die Schulter schaut, überlegt Herr Springer schon, wohin ihn seine Schachreise als nächstes führt. Frau Springer stinkt das langsam. | Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess

Dauerschach

Herr Springer spielt grad dauernd Schach,
Spielt Düsseldorf und Böblingen,
Spielt Wijk aan Zee und denkt schon nach:
Wo spiel ich dann – was wäre wenn

Ich ohne große Analyse 
Und ohne dass ich ihr was sag,
En passant nach Neustadt düse,
Und Anfang März dann noch nach Prag?

Er ringt mit sich und weiht sie dann
Doch noch ein in seine Pläne:
„Schatz, sag mir, ob ich fahren kann,
Denn ich hab grad eine Strähne!“

Sie sieht ihn an und spricht empört:
„Mir stinkt es – du denkst nur an dich!
Du bist ein Freak, du bist gestört, 
Wenn das passiert, dann gehe ich!“ 

Die nächsten Tage schweigen sie,
Unterlassen selbst das Zanken;
Sie trennt sich in der Phantasie
Und erschrickt an dem Gedanken …    

Sie ist betrübt und er verletzt, 
Letzte Worte weh’n durchs Zimmer:
„Bezüglich Schach, was machst du jetzt?“
„Na, ich spiel Englisch, so wie immer!“

Unter seinem Pseudonym „Nathan Rihm“ hat Martin Hahn bereits zwei Gedichtbände veröffentlicht. Mehr über ihn auf der Nathan-Rihm-Fanpage bei Facebook (Kontakt: nathanrihm@gmx.de).

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