Post von der Schachverwaltung

Misstrauen und Verachtung gegenüber den Spielern demonstriere der Deutsche Schachbund mit seiner Spielervereinbarung, formulierte unlängst Robert Hübner. Aus der Luft gegriffen war das nicht. Wer sich gelegentlich umhört, nach welchen Prinzipien der Schachbund regiert wird, speziell wenn es um seine Jugend geht, der findet Begriffe wie „Misstrauen“ und „Verachtung“ im Zusammenhang mit dieser Organisation naheliegend.

„Sinnvolles Miteinander ist nur auf der Basis gegenseitigen Vertrauens möglich“, schrieb DSB-Ehrenmitglied Hübner außerdem. Tja, da hat er wohl Recht. Du kannst noch so viele Paragrafen aneinanderreihen, ein Miteinander wird das nicht erzeugen. Das bedarf in erster Linie des Vertrauens und eines gemeinsamen Ziels. Zum Beispiel dem, dass man Leute, die sich zum Schachspielen treffen, Schach spielen lässt (was für Schiedsrichter der oberste Leitsatz sein sollte übrigens).

Die Unterwerfungserklärung, erstmals 2013 auf der DSB-Website so genannt, ist mit einer Geschichte schlechter Kommunikation verknüpft. Hier ein Apparat, der Mitteilungen absetzt, dort ein empfindsamer Großmeister, der keine Apparatsmitteilungen mag und dagegen trefflich zu polemisieren versteht. Und so drehen wir uns seit sieben Jahren um ein Papier, das keine Aufregung verursachen würde, wäre jemals freundlich erklärt worden, worum es hier eigentlich geht und warum wir das brauchen.

Jetzt hat der Schachbund wieder eine Spielervereinbarung für Deutsche Meisterschaften geboren. Deren Vorwort bestätigt Hübner, es beginnt mit Verachtung: „Unterwirf dich meiner Gewalt!“, befiehlt der Verband seinen Spielern.

Würde mir jemand einen Befehl ins Gesicht bellen, an einem guten Tag würde ich ihn bitten, es noch einmal freundlich zu versuchen, mir zu erklären, was die Chose soll, und dann wäre ich wahrscheinlich bereit anzuhören, was er zu sagen hat. An einem schlechten Tag bekäme er diese zweite Chance nicht. So spricht man keine Menschen an, zumindest keine, die einfach nur Schach spielen und Freude daran haben wollen.

Die Schachverwaltung und ihre Papiere

Seriously, Leute, auch wenn es sieben Jahre her ist, wie kann jemand ernsthaft ein Wortungetüm wie „Unterwerfungserklärung“ erfinden? Im Zusammenhang mit einem Spiel? Als Nicht-Jurist habe ich dieses Ungetüm jetzt gegoogelt und festgestellt, dass es Juristen in erster Linie im Zusammenhang mit Zwangsvollstreckungen verwenden.

In der Schachverwaltung sind sie traditionell sehr gut darin, ellenlange Papiere zu gebären, an denen dann eine Reihe Bürokraten ausgiebig herumfeilt, bevor das Papier in einer Schublade landet – und dort bleibt. Angesichts dieser Expertise sollten wir zumindest davon ausgehen können, dass das neueste Elaborat inhaltlich wasserdicht ist?

Die neue Spielervereinbarung: „Geht so nicht.“

Andererseits, es hat nur fünf Seiten voller Paragrafen. Vielleicht wären ja zehn Seiten doppelt so gut?

Oder besteht vielleicht die Möglichkeit, dass sich der Schachbund mit seinen bemühten Paragrafenpapieren Sanktionsgewalt über etwas verschaffen will, in dem er nicht alleinherrschaftlich herumsanktionieren darf, und wenn er noch so viele Paragrafen aneinanderreiht?

Am Bodensee sind wir per Twitter mit einem Schachfreund verbunden, der ist im Hauptberuf Geschäftsmann, und als solcher interessierter Laie in rechtlichen Dingen. Als er die neue Spielervereinbarung sah, hat er an mancher Stelle gestutzt und sie dann seinem Anwalt gezeigt. Der wiederum hat nicht gestutzt, sondern mit dem Kopf geschüttelt: „Geht so nicht.“

Was jetzt folgt, ist juristisch alles andere als wasserdicht. Es handelt sich nur um die spontanen Reaktionen eines juristisch interessierten Schachfreunds und seines Anwalts.

Kann natürlich sein, dass die beiden keine Ahnung haben.

Erklärt uns Schachspielern, dass wir ein Problem haben, und dass uns allen gedient wäre, wenn die Vereinbarung unterschrieben würde. Nehmt uns mit und versucht es mal mit Freundlichkeit, anstatt zu befehlen: „Unterwirf dich!“

Sowas macht misstrauisch.

7 Kommentare zu „Post von der Schachverwaltung

  1. Das Ganze, lassen wir den unglücklich gewählten – und hier boshaft verballhornten — Namen der Vereinbarung einmal weg, das Ganze ist eine Erweiterung der Regeln zum Schutze fair verfahrener Spieler. Wer kann etwas dagegen haben?
    Entstanden ist die 1.Auflage dieser Spieler-Vereinbarung, als dem DSB nach ein, zwei Betrugsfällen der Profis plötzlich dämmerte, dass er den verantwortlichen Spieler mit keinerlei Sanktion, insbes. nicht mit einer Sperre belegen konnte (um die ehrlichen Spieler, auch die Amateure z.B. im Open, vor fortgesetztem Betrug zu schützen), weil die Schachbundesliga ein eigenständiger Verein mit vor allem eigenständigem Regelwerk ist. Der DSB hat also in diesem Sinne mit der (ohnehin überflüssigen) Schachbundesliga gar nichts zu tun. Man darf vermuten, dss ebendas auch allen der scheinheiligen Beteiligten und Wehklagenden bestens bekannt ist.
    Überflüssig ist diese Liga, weil darin nur Spieler aufeinander treffen, die einen Tag später an der nächsten Straßenecke im Turnier oder der Auslands-Liga XY ganz genau so wieder aufeinander treffen. Es wurde – durchaus konsequent – zwischen zwei solcher Profis sogar schon bis zur (völlig überraschenden …) Remis-Vereinbarung mindestens eine komplett identische Partie abgeliefert, die eine in der Liga A, die andere in B. Wer so was und ähnliche Faxen sehen (und bezahlen) möchte, wird diese durchgängig mit Ausländern besetzte Liga mögen.
    Erst recht nach der Zerschlagung der Dt. Schachjugend findet in der Buli Nachwuchsförderung im Sinne von Sprungbrett ohnehin nicht statt und den Vereinen bringt die Liga gar nichts. Die ihre pladdernden Trolleys grußlos vom Flughafen zum Brett schiebenden Koryphäen haben ja mit dem sie bezahlenden Verein zumeist gar nichts zu tun (es gibt vermutlich Ausnahmen).

    1. Das Papier ist mir herzlich egal. Mich entsetzt, wie es dargeboten wird. Es müsste ja nur jemand sagen „dieses und jenes sind die Probleme, wir müssen das machen, helft uns bitte, liebe Spieler“, und dann haben wir keinen jahrelangen polemischen Eiertanz. Stattdessen bekommen die Spieler das Pamphlet vor den Latz geknallt und haben sich zu fügen. So kreierst du halt einen Aufstand.

      Und wenn du schon so ein Ding von oben herab anordnest, dann mach es wenigstens so, dass sich nicht der erstbeste Anwalt, den ich frage, darüber totlacht und sagt „geht gar nicht“.

      Besagte neue Vereinbarung hat mit der Bundesliga nix zu tun übrigens, die macht es hoffentlich besser. Und wenns um Trolleyschiebende GM geht, die dem Schach so gar nix bringen, sind wir wieder beim Mäzenatentum und Herberts Histörchen. Eine Sponsor würde nur Profis einfliegen lassen, wenn er etwas dafür bekommt. Vielleicht mal ein Trolleyunternehmen fragen, liebe Vereine?

      1. Der einzige, der hier bislang einen Aufstand kreiert sind Sie Herr Schormann. Schreiben Sie doch mal wieder einen Artikel zum Thema Schach.

        1. Interessante Anmerkung, Herr Hendrich – nach meinem Eindruck ist der gesamte Artikel absolut zum Thema Schach geschrieben, pointiert verfasst und interessant recherchiert mit Fachmeinungen aus erster Hand.

          Und Aufstand? Sehe ich nicht, nur eine berechtigte Rückfrage zum Thema Unterwerfungserklärung.

  2. Lieber Conrad Schormann, eigentlich lese ich die Schachperlen ganz gern. Aber manchmal fände ich es gut, wenn sie ein wenig journalistischer wären. In diesem Text erfahre ich zum Beispiel an keiner Stelle, ob die Vereinbarung für den Freizeitvereinsspieler gedacht ist (wohl eher nicht) oder für den Spitzenschachspieler. Sollte letzteres der Fall sein, fiele aus der Argumentationskette schon ein wichtiges Glied heraus. Spitzensportler müssen sich in allen Sportarten Dingen unterziehen, die der Freizeitsportler als jenseits der Menschenwürde bezeichnen würde: unangekündigte Blut- oder Urinproben zum Beispiel. Mit anderen Worten: ich konnte diesen Text leider nicht zuende lesen, weil mir zu lange nicht erläutert wurde, ob er für mich Vereinsspieler relevant ist oder nicht.

    1. Hallo Thorsten,

      die neue Vereinbarung bezieht sich auf Deutsche Meisterschaften. Wenn du an einer solchen teilnimmst (auch Schnellschach, 2. Ligen, Frauenbundesliga) ist das für dich relevant. Kannst du dem Link im Text zur Vereinbarung entnehmen. Ich habe das jetzt noch im Text ergänzt. Du hast natürlich Recht, das hätte da stehen sollen, ich hätte beim Aufnehmen der Debatte nicht voraussetzen sollen, dass das jeder weiß. Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen sind ambitionierte Freizeitsportler.

  3. Ausgerechnet die Spitzensportler sind davon weniger betroffen, denn weder für die 1. Bundesliga noch für das Masters oder das Masters der Frauen verlangt der DSB diese Unterwerfungserklärung… (auch ansonsten scheint mir die Auswahl ausgesprochen willkürlich – für die Blitzeinzelmeisterschaft wird die Spielervereinbarung verlangt, für die Blitzmannschaftsmeisterschaft nicht, für den Einzelpokal ist sie erforderlich, für den Mannschaftspokal nicht, für die 1. und 2. Frauenbundesligen ist sie es, für die Frauenländermeisterschaft nicht).
    Und was soll der Unsinn mit den Dopingkontrollen – ich bin überzeugt, dass keines der Mittel auf der Verbotsliste die schachliche Leistung steigert, aber Schachspieler, die wegen einer Allergie oder Asthma in ärztlicher Behandlung sind, dürfen jetzt nicht mehr an deutschen Meisterschaften teilnehmen ohne eine Sperre zu riskieren. (Und warum gehen die Herren und Damen Funktionäre nicht mit gutem Beispiel voran und ermächtigen die NADA, beim DSB-Kongress Dopingkontrollen durchzuführen?)

Hinterlasse hier deinen Kommentar