Kein Entwicklungsland, keine Entwicklungshilfe: die Deutschen müssen es schon selbst machen

Die „neue“ FIDE ist angetreten, Schach in Entwicklungsländern mit Macht zu fördern. Als die ersten Dworkowitsch-Dollar Richtung Afrika flossen, schien das nur logisch. Aber nun bemüht sich der Weltverband obendrein, Schach in Ländern anzuschieben, die eher nicht der traditionellen Definition eines „Entwicklungslands“ entsprechen: Polen und Finnland?!

Wenn sie schon in Finnland und Polen das große Rad drehen, könnten sie dann nicht auch in Deutschland…? Auch dazu haben die FIDE-Oberen eine klare Meinung, und die ist ernüchternd. Die Deutschen sind nicht abgeschrieben, aber sie werden erst einmal alleine klarkommen müssen.

Anatoli Karpow auf Schach-Vortragsreisen in Finnland, auf Geheiß der FIDE eingeflogen vom russichen Atomenergie-Konzern Rosatom. (Foto: FIDE)

Wie aus dem Nichts stand jetzt plötzlich ein von der FIDE organisiertes Schachfestival in Helsinki auf dem internationalen Veranstaltungskalender. Mehrere Turniere, unter anderem eines anlässlich des 75. Geburtstags von Großmeister Heikki Westerinen (das der Jubilar gewann), eine Lektion von Anatoli Karpow, diverse Begegnungen von Schachfunktionären mit Machern und Offiziellen des öffentlichen Lebens in Finnland. Und die größten Medien des Landes berichteten. „Erstmals seit Jahren Schach auf den Titelseiten in Finnland“, jubelte FIDE-Vize Emil Sutovsky.

Den Sponsor ins Bild setzen I: Emil Sutovsky 2010 in Wijk an Zee, fotografiert von Frits Agterdenbos.

Bald wurde klar, dass dies der Auftakt einer skandinavischen/nordischen Initiative sein soll. Schweden, die Faröer, Island und nicht zuletzt Norwegen stehen für ähnliche Festivals auf der Agenda. „Wegen ihres Potenzials“, erklärte Sutovsky auf Nachfrage. „Entwicklungsland“ bedeutet für die FIDE ein Land, in dem sich mit möglichst kleinem Aufwand möglichst viel für das Schach bewegen lässt.

Und Deutschland? Das sei ja schon entwickelt und habe obendrein von sich aus alle Möglichkeiten, sagt Sutovsky, verweist auf die hohe Mitgliederzahl des nationalen Verbands ebenso wie auf die große Zahl bedeutender Turniere und den Status als führende Wirtschaftsnation. Eine FIDE-Entwicklungsinitiative zwischen Rhein und Oder ist deswegen eher nicht zu erwarten.

In Finnland waren die Figuren kaum eingepackt, da begann die Polnische Extraliga, ebenfalls von der FIDE gezielt angeschoben. In Polen wird diese nationale Mannschaftsmeisterschaft als Rundenturnier am Stück gespielt, ein durchaus veritables Turnier mit einem Dutzend Großmeistern jenseits der 2600 Elo, aber im Vergleich zur Schachbundesliga doch bescheiden. Bei uns kannst du mit einem 2600er-Schnitt absteigen, wenn es schlecht läuft. Wer den deutschen Titel gewinnen will, muss Weltklasse sein.

Die Unterstützerriege der polnischen „Extraliga“.

Bei der Vermarktung sind die Polen Weltklasse. Den Weltkonzern Coca-Cola hat FIDE-Vizepräsident Lukasz Turlej als Sponsor für seine nationale Liga gewonnen, dazu einige weitere Firmen und Organisationen. EuropeanChessTV übertrug täglich live, und David Llada vom FIDE-Marketing sorgte abseits davon für Reichweite in nationalen Medien und online.

David Llada,

Und die deutsche Bundesliga? „Aber die ist doch schon so stark“, sagt Llada. Natürlich habe die FIDE Interesse daran, mittelfristig auch die stärkste Liga der Welt zu unterstützen, aber erst einmal stehen solche Länder auf dem Tableau, in denen, da ist es wieder, das „Potenzial“  am größten ist. Dem Vernehmen nach laufen mit Coca-Cola schon Verhandlungen über weitere, größere Projekte – nicht in Deutschland. Aktuell unterstützt der Konzern das Frauen-Grand-Prix-Turnier in Russland.

Die Wahrnehmung der FIDE von Schachdeutschland ist verständlich. Was Sutovsky und Llada sagen, ergibt Sinn. Mehr Potenzial für Schachentwicklung gibt es anderswo, und Deutschland hat doch alles, was es braucht, um erfolgreich zu sein.

Nur lässt sich die Wirklichkeit in Deutschland eben auch ganz anders wahrnehmen. Verkrustete Strukturen, enorme Beharrungskräfte, keine Sponsorenakquise in großem Maßstab und Schach-Macher mit Scheuklappen, die auf ihren Inseln isoliert vor sich hinwurschteln, lassen Dynamik erst gar nicht entstehen. Der weltgrößte (?) Schachbund ist verstaubt, verstockt, verschlossen, die weltstärkste Liga (!) hält zwar gerade so den Kopf über Wasser, mehr nicht. Zwischen den großen Turnieren ist keinerlei Netz gespannt, keinerlei gegenseitige Befruchtung erkennbar. Scheuklappen auch dort.

Den Sponsor ins Bild setzen II: Elisabeth Pähtz beim Grand Prix 2019, fotografiert von David Llada.

Ein paar Sponsoren gibt es ja durchaus, aber die sind in erster Linie vom Goodwill bewegt, anstatt darauf zu pochen, dass ihnen das Schach zumindest Öffentlichkeit verschafft und zur Imagepflege des Geldgebers beiträgt. Im Marketing der Stadtsparkasse Dortmund etwa müssten sie sich während des Dortmunder Turniers dauerhaft und ausgiebig die Haare raufen angesichts des Erscheinungsbilds, das diese Veranstaltung außerhalb des Spielsaals abgibt. Warum unterstützt ein Unternehmen aus der in schwerer See befindlichen Windenergiebranche in sturer Treue eine Nationalmannschaft, deren Spieler keiner kennt? Auch dafür muss der Grund ein sozialer sein. Wirtschaftlich dürfte sich das kaum rechnen, und seitens des Schachs ist weder hier noch da das Bemühen erkennbar, zumindest mittelfristig Gegenleistungen zu erbringen.

Ein Schachfestival wie das in Finnland bräuchte Deutschland tatsächlich nicht. Turniere und Kongresse haben wir reichlich. Jemand aus dem Ausland, der für den deutschen Verband oder die deutsche Liga einen Weltkonzern als Sponsor anschleppt, wäre zwar gern gesehen, aber auf eine Weise auch peinlich, weil sich so etwas in einem Kraftprotzland wie unserem auch aus eigener Kraft stemmen lassen muss.

Nötig wäre eine Lektion in Aufbruchstimmung, Neuanfang und Miteinander, denn das kriegen wir Deutschen aus eigener Kraft nicht hin.

Ob es für so etwas bei der FIDE Instruktoren gibt?

(Der obige Text ist ein erweiterter Auszug aus der Kolumne „Schachgezwitscher“ in der kommenden Ausgabe der RochadeEuropa)

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