Keymer vs. Carlsen, nächster Versuch

Gegen Alexei Sarana 2,5:0,5 gewonnen, gegen Jan-Krzysztof Duda auch. Bis ins Finale des Siegerbaums der ersten Division des „Chess.com Classic“ war Vincent Keymer ohne große Mühe durchspaziert. Wieder erwartete ihn ein Match gegen Magnus Carlsen, wieder gestaltete er es auf Augenhöhe, wieder verlor er eine hochklassige Begegnung knapp, wieder war mehr drin.

Keymer hätte die zweite Partie des Matches gegen Magnus Carlsen mit dem alles andere als offensichtlichen 25.Dc4 fast schon gewinnen können. Auch in der dritten mit Schwarz war er am Drücker.

Dieses Online-Match am Sonntag war eines unter außergewöhnlichen Umständen. Carlsen und Keymer hatten einander am selben Tag schon einmal gegenüber gesessen: in Warschau beim „Superbet Rapid+Blitz“, dem Auftakt der Grand Chess Tour 2024. Das Turnier am Brett und der Auftakt des Turniers am Bildschirm überschnitten einander. Eine Reihe von Grand-Chess-Tour-Teilnehmern in Warschau eilte nach dem Ende der jeweiligen Runde ins Hotelzimmer, um von dort aus in der Champions Chess Tour weiterzuspielen.

Zum ersten Mal Grand Chess Tour: Vincent Keymers Rapid-Partie gegen den kaum älteren Wunderknaben Arjun Erigaisi, der ihm in der Weltrangliste für den Moment enteilt ist.

So überrascht es nicht, woraus Magnus Carlsen nach eigener Aussage einen wesentlichen Teil der Motivation dafür bezog, Vincent Keymer am Ende eines weiteren langen Arbeitstages zu besiegen: zwei freie Tage. In der Champions Chess Tour kann Carlsen jetzt ausruhen und zuschauen, wer ihm am Mittwoch im „großen Finale“ begegnen wird.

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Es könnte zu einem neuerlichen Duell mit Vincent Keymer kommen. Der Deutsche spielt am Montagabend im „Verliererfinale“ gegen den Sieger eines Matches zwischen Alireza Firouzja und Jan-Krzysztof Duda darum, wer gegen Carlsen ins „Grand Final“ einzieht. Abseits der Perspektive, sich einmal mehr mit der Nummer eins der Welt zu messen, geht es für Keymer auch darum, Tourpunkte zu sammeln, um sich fürs hochdotierte Tourfinale zu qualifizieren. Außerdem winkt die vorzeitige Qualifikation fürs nächste Turnier der Serie.

Am Montagabend gegen den Sieger aus Duda vs. Firouzja, am Mittwoch erneut gegen Magnus Carlsen? | via Champions Chess Tour

Während er bei der Champions Chess Tour bislang überzeugte, schaut Vincent Keymer auf eine durchwachsene Premiere bei der Grand Chess Tour zurück. Als Wildcard war der 19-Jährige erstmals Teil eines Grand-Chess-Tour-Felds, das nach einem Rapid-Rundenturnier ein doppelrundiges Blitzturnier spielte. Das Rapid lief weniger gut, erst in der neunten und letzten Runde gelang Keymer sein erster Sieg. Danach blitzte er sich Stück für Stück die Rangliste hinauf, bis ihm das Ende misslang. Mit sechs Niederlagen in Folge beendete Keymer das Blitzturnier.

Wijk-Sieger Wei Yi spielte in der Champions Chess Tour phasenweise wie entfesselt. Dennoch hätte er diese Partie gegen Vincent Keymer verlieren müssen. Aber Keymer entging mit fünf Sekunden auf der Uhr ein Patttrick.

In der Abschlusstabelle bedeutete das Rang neun unter zehn Teilnehmern. Abseits der Zahlen ließ sich das Phänomen beobachten, das Keymer seit einiger Zeit begleitet. Sein gewaltiges Potenzial deutet er regelmäßig an, ohne es in Punkte umzusetzen. Gäbe es in der Grand Chess Tour (und nicht nur dort) eine Rangliste der ungenutzten Chancen, Keymer stünde weit vorne. Sobald er dieses Problem abstellt, wird er einen weiteren Satz machen – dahin, wo die für den Moment enteilten anderen Wunderknaben seiner Generation schon sind: Abdusattorov, Gukesh und Erigaisi, Nummer 5, 6 und 7 der Welt.

Vincent Keymers Schwarzpartie gegen WM-Herausforderer Gukesh, gespielt am Sonntag in der Grand Chess Tour.

Während Keymer am Ende des Blitzturniers strauchelte, legte Magnus Carlsen eine Serie von zehn Siegen in Folge hin. Nachdem er mit 2,5 Punkten Rückstand auf den bis dahin entfesselt spielenden Wei Yi in den Tag gestartet war, überholte er den Chinesen doch noch. Weit über dem Rest des Feldes zogen beide einsam ihre Kreise. Carlsen gewann das siebte Turnier in Folge – und fand anerkennende Worte für den Konkurrenten einen halben Punkt dahinter: „Eine unglaubliche Leistung“ hatte er gesehen, eine Leistung, mit der Wei Yi jedes andere Turnier gewonnen hätte. Nur eben nicht dieses.

Abschlusstabelle des “Superbet Rapid+Blitz” in Warschau. | via chess.com

Nicht nur Vincent Keymer, eine Reihe von deutschen Kaderspielern focht in den vergangenen Tagen online und am Brett um Preisgeld und Elopunkte. Bei der im doppelten K.o.-System ausgespielten Champions Chess Tour verpasste Rasmus Svane in der Qualifikation, dem „Play-in“, knapp den Sprung in Division III. Dmitrij Kollars und Matthias Blübaum, Nummer zwei und drei der deutschen Rangliste, schafften es in Division II. Kollars war sogar kurz davor, sich zum zweiten Mal zu Keymer, Carlsen & Co. in die erste Division durchzukämpfen.

Beide sind nach soliden Leistungen ausgeschieden. Blübaum ereilte das Paarungspech, nach einer Niederlage im Auftaktmatch gegen Daniil Dubov im Verliererbaum auf die Nummer zwei der Welt zu treffen, Fabiano Caruana. Nach einer Niederlage in der ersten Partie gewann Blübaum die zweite und zwang den WM-Herausforderer 2018 in die Verlängerung. Dort setzte sich Caruana durch.

Dmitrij Kollars besiegte zum Auftakt den Fast-WM-Kandidaten Leinier Dominguez. Nach einem 2:2 über die reguläre Distanz von vier Partien gewann Kollars die beiderseits couragiert geführte Entscheidungspartie. In der Runde danach verlor Kollars 0,5:2,5 gegen Levon Aronian und war nun ebenfalls im Verliererbaum gelandet, wo der zweite Fast-WM-Kandidat 2023 wartete: Wesley So.

Nach drei Partien inklusive Armageddon stand es 1,5:1,5. Nur war es So gelungen, die entscheidende dritte Partie mit den schwarzen Steinen zu remisieren. Der US-Großmeister zog in die nächste Runde ein, Kollars war nach der zweiten Matchniederlage draußen.

Die Entscheidungspartie im Match zwischen Dmitrij Kollars, deutsche Nummer zwei, und US-Supergroßmeister Leinier Dominguez, der Ende 2023 beinahe WM-Kandidat geworden wäre.

Alexander Donchenko stand am Sonntag bei der mit 125.000 Dollar dotierten „Dubai Police Global Chess Challenge“ vor einem neuerlichen Triumph nach seinem Sieg unlängst beim Open auf Formentera. Beim von der Polizei (!?) in Dubai ausgerichteten Super-Open stand er eine Runde vor Schluss an der geteilten Tabellenspitze. Dann verlor er die letzte Partie gegen den Inder Aravindh (Elo 2670).

Der am Ende viertplatzierte Hans Niemann sagte während des Turniers in Dubai, dass er unbedingt versuchen möchte, der Open-Mühle zu entkommen, wo es angesichts superstarker, unterbewerteter Konkurrenz kaum Elo zu gewinnen, aber umso mehr zu verlieren gibt.

In dieser letzten Runde ging es für Donchenko nicht nur um den Turniersieg. Mit einem Sieg hätte er in der deutschen Rangliste wahrscheinlich die Svane-Brüder überholt. Damit wäre er in der fünfköpfigen Nationalmannschaft für die Schacholympiade 2024 gewesen. Stichtag für die Nominierung ist laut DSB der 1. Juni.

Die ersten Vier werden nach Elo nominiert, der Fünfte von Bundestrainer Jan Gustafsson, der zumindest keinen offensichtlichen Grund hat, nicht auf die ersten Fünf der Eloliste zurückzugreifen. Donchenko steht nach seiner Abschlussniederlage in Dubai auf Rang sechs. Zu Olympia wird er womöglich dennoch fahren, aber als Eröffnungscoach und -helfer, nicht als Spieler.

Alexander Donchenko zerlegt in Dubai den Königsinder von Bibisara Assaubayeva.
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Thomas Richter
Thomas Richter
10 Tage zuvor

Mal abgesehen davon, dass er sich wohl nicht so äußern würde, wenn die letzte Runde (wie beim Grenke Open) für ihn nach Wunsch gelaufen wäre, argumentiert Niemann durchaus kreativ: die Nummer 8 der Setzliste Aravindh (Elo +11) bleibt außen vor, die Nummer 11 Yilmaz (Elo -21) wird berücksichtigt. Dabei war dieses Open – nur drei der top10 der Setzliste unter den ersten neun (bedeutet auch vier- bis fünfstelliges Preisgeld) – eher eine Ausnahme. Zum Vergleich Opens davor: Sardinia World Chess Festival: sechs der nominellen top8 auf den ersten sechs Plätzen Grenke Open: acht der top10 unter den besten 10 Menorca… Weiterlesen »