Hans Niemann: Klage abgewiesen

Hans Niemanns 100-Millionen-Dollar-Klage ist gescheitert. Richterin Audrey Fleissig hat sie in allen Anklagepunkten zurückgewiesen. In Sachen „Verstoß gegen das Kartellrecht“ und „Verschwörung“ ist die Entscheidung der Richterin des Bezirksgerichts Missouri rechtskräftig. In Sachen „Verleumdung“ sieht sich das Bezirksgericht nicht zuständig.

Drama zu Ende? “Nein”, sagen Hans Niemanns Anwälte.

Für Niemann steht jetzt die Tür offen, die Verleumdungsklage auf einer höheren Ebene weiterzubetreiben. Niemanns Anwälte Terrence Oved und Darren Oved haben gegenüber dem Wall Street Journal schon angekündigt, jetzt ein einzelstaatliches Gericht (state court) anzurufen, um dort ihre Sache vorzubringen.

“Wir sind sehr erfreut über die gerichtliche Verfügung, mit der die Klage von Hans Niemann abgewiesen wurde”, sagten Nima Mohebbi und Jamie Wine von Latham & Watkins, den Anwälten von Chess.com. “Unsere Mandanten sind froh, dass diese Geschichte ein Ende hat, und sind dankbar, dass sich alle Parteien nun auf die Weiterentwicklung des Schachspiels konzentrieren können.

Niemann hatte den damaligen Weltmeister Magnus Carlsen, die zwischenzeitlich von chess.com für gut 80 Millionen Dollar übernommene Play-Magnus-Gruppe, Hikaru Nakamura, chess.com und chess.com-Chef Daniel Rensch auf „nicht weniger als 100 Millionen Dollar“ Schadenersatz verklagt. In der am 20. Oktober 2022 beim Eastern Missouri District Court eingereichten Klage stand unter anderem, die Beklagten hätten sich abgesprochen, um ihn, Niemann, des Betrugs zu bezichtigen, seinen Ruf zu untergraben und seine Karriere zu zerstören.

Niemann sah sich als Einzelkämpfer gegen ein Monopol, das das Schach nach Belieben beherrsche und dominiere. Seine Klage betonte mehrfach die vereinte Marktmacht der Beklagten, die zudem ihre Influencer, Nakamura allen voran, als Verstärker für ihre mutmaßliche Kampagne benutzten.

Die Kartellfrage ebenso wie die nach einer gemeinschaftlichen Verschwörung gegen Niemann sind nun vom Tisch. Was bleibt und voraussichtlich in einer höheren Instanz erörtert werden wird, ist Niemanns Vorwurf, die Beklagten hätten ihn zum Opfer einer Verleumdungskampagne gemacht.

In den vergangenen Monaten und Wochen haben Niemanns Anwälte mehrfach nachgelegt, um zu verhindern, dass die Klage abgewiesen wird, wie es die Beklagten Anfang Dezember beantragt hatten. Oved&Oved versuchten darzustellen, dass Carlsen immer neue Geschütze gegen Niemann auffährt, um darüber hinwegzutäuschen, dass ihm jeglicher Beweis fehlt. Carlsen soll Teamkollegen bezahlt haben, um Niemann zu verunglimpfen, und den Berlin lebenden IM Lawrence Trent animiert haben, öffentlich zu sagen, er habe Beweise gesehen. Nakamura wiederum soll eine gewisse Historie darin haben, andere Schachmeister wegen vermeintlichen Cheatings an den Pranger zu stellen.  

Zuletzt ging es um von chess.com veröffentlichte und teilweise wieder gelöschte Memes, Bilder in den Sozialen Medien, die zeigen sollen, dass die vermeintliche gemeinschaftliche Anti-Niemann-Kampagne aller Beteiligten unverändert weiterläuft. Unter anderem ein Meme aus einem “Avengers”-Film, das PlayMagnus getwittert hatte, sollte als Beweis dienen.

Ein öffentlich wenig beachteter, aber von beiden Seiten intensiv beackerter Nebenstrang war der Versuch von Niemanns Anwälten, chess.com zu zwingen, seine Eigentümerstruktur offenzulegen. Wem chess.com zu welchen Anteilen gehört, ob, wie kolportiert, das Unternehmen womöglich enger mit FIDE-Partnern verknüpft ist als bekannt, das bleibt vorerst internes chess.com-Wissen.

Auf 150 Einträge ist die Gerichtsakte im Lauf der vergangenen Monate gewachsen. Mit der Entscheidung vom 27. Juni steht nun fest: Das mehrfache Erweitern der ursprünglichen Klageschrift hatte ebenso wenig Erfolg wie er Versuch, chess.com transparent zu machen.

Welche Erfolgsaussichten Niemanns Klage hat, ist in der Schachszene von Beginn an heiß debattiert worden. Nach einem Bericht von El Pais ist auch in Sachen „Verleumdung“ die Gemengelage nicht klar: Carlsens Äußerungen könnten als Meinung auf der Grundlage der Meinungsfreiheit und nicht als klarer Fall von Verleumdung interpretiert werden. Offenbar erwarten aber Niemanns Anwälte, dass das Pendel in der nächsten Instanz in Richtung Verleumdung ausschlägt.

https://youtu.be/tL9PTOhsmUI
Anfangs spielten Magnus Carlsen und Hans Niemann gemeinsam im Sinquefield Cup 2022. Nachdem Niemann Carlsen geschlagen hatte, stieg der Norweger aus, und das Drama nahm seinen Lauf.

Auslöser des Rechtsstreits war der Sieg Niemanns gegen Magnus Carlsen beim Sinquefield Cup in Saint Louis/Missouri am 4. September. Carlsen hatte zunächst angedeutet, dann explizit gesagt, dass es nach seiner Auffassung bei dieser Partie nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Ein halbes Jahr später findet sich (außer Carlsen) kein Schachexperte mehr, der glaubt, Niemann habe bei dieser mittlerweile bestuntersuchten Partie der Schachgeschichte betrogen.

Zum Zeitpunkt der Partie wusste der angehende chess.com-Botschafter Magnus Carlsen besser als andere um Niemanns Historie als minderjähriger Cheater auf der Online-Plattform. In diesem Wissen hatte er nach eigenen Angaben schon erwogen, sich vom Sinquefield Cup zurückzuziehen, als kurzfristig Niemann ins Feld rutschte.

Carlsen vs. Niemann, die Partie. | Foto: Lennart Ootes/Sinquefield Cup

Als die beiden einander dann gegenübersaßen, spielte nicht Niemann außergewöhnlich gut, sondern Carlsen deutlich schlechter als normal. “Carlsen ist am Ende einfach eingebrochen”, hat etwa Exweltmeister Viswanathan Anand gesagt. Gleichwohl waren anfangs fast alle Elitespieler eher auf Carlsens Seite.

Fabiano Caruana, Nummer drei der Welt, ist in der Zwischenzeit zurückgerudert: Niemann sei nicht der einzige, der beim Online-Schach betrogen habe, aber bei den meisten anderen sei es öffentlich nicht bekannt. “Dass Niemann jetzt zum Sündenbock gemacht wird, ist meiner Meinung nach unfair”, sagte Caruana der Zeitung Aftenposten.

Seitdem die Klage im Raum steht, haben sich die Wege der beiden Hauptprotagonisten getrennt. Carlsen, unverändert die Nummer eins der Welt, hat seinen Weltmeistertitel nicht verteidigt. Zuletzt erweckte er den Anschein, nachholen zu wollen, was ihm während der Dekade seiner Schach-Regentschaft versagt war. Carlsen hat in den vergangenen Monaten viel Poker gespielt, Partys gefeiert, auch ein wenig Schach gespielt, aber das speziell bei seinem Hausturnier „Norway Chess“ erfolglos: keine Partie gewonnen, minus 18 Elo, für seine Verhältnisse eine historisch schlechte Leistung.

Nach Elo tief in den roten Zahlen: Magnus Carlsen beim “Norway Chess”. | via 2700chess.com

Niemann hat da weitergemacht, wo er stand, bevor er 2022 als einer der aufgehenden Sterne des Schachs zunehmend Einladungen zu Rundenturnieren bekam. Der 20-Jährige bekommt solche Einladungen jetzt nicht mehr, und er spielt wieder Open, eines nach dem anderen. Allein in den ersten 27 Tagen des Junis hat er 28 Turnierpartien auf zwei Kontinenten absolviert. Seiner Elozahl, die zwischenzeitlich auf 2708 geklettert war, tat dieses geballte Schachprogramm in den vergangenen Wochen nicht gut. Mit gut 2680 steht Niemann in der Live-Weltrangliste auf Rang 58.

Spielt und spielt und spielt: Hans Niemann im Juni 2023. | via 2700chess.com

Die Auswirkungen des Falls auf das Turnierschach sind unübersehbar: Verbände, Ausrichter und Organisatoren nehmen Cheating mehr denn je als konsequent zu bekämpfende Bedrohung wahr. Verzögerte Livestreams und Metalldetektoren werden bei großen Turnieren mehr und mehr zum Standard, und Schachverbände intensivieren die Anti-Cheating-Ausbildung.

Offen ist, wie es nun mit dem lange fertigen, aber seiner Veröffentlichung harrenden Carlsen-Niemann-Bericht des Schach-Weltverbands FIDE weitergeht und welche Konsequenzen der hat. Teile dieses Berichts dürften für Carlsen wenig schmeichelhaft ausfallen. Der amerikanische Mathematiker Ken Reagan, der als weltweit führender Experte für Betrug im Schach gilt und für die FIDE als Anti-Cheating-Ermittler arbeitet, hat schon öffentlich gesagt, dass sich in Niemanns Partien seit 2020 keine Beweise für Betrug finden.

Die Untersuchung der FIDE zu Magnus Carlsens Betrugsvorwurf gegen Hans Niemann ist seit Februar beendet. Ursprünglich sollten der Bericht und gegebenenfalls daraus folgende Disziplinarmaßnahmen gegen beide Großmeister im April veröffentlicht werden. Anfang Mai hieß es dann, die FIDE wolle Entwicklungen im Zivilverfahren zwischen den Kontrahenten abwarten. Mit dem Abweisen der Klage hat sich eine entscheidende Entwicklung nun eingestellt.

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Carlos
Carlos
5 Monate zuvor

Das Erschreckende an dieser ganzen Geschichte ist für mich die ungeheure Kommerzialisierung, ja, Macht- und Marktkonzentration, die mit dem Aufschwung und der Popularisierung des einstigen Nischensports ‚Schach’ seit Corona einhergeht und die der Fall Niemann so nebenbei offenbart.  Plötzlich geht es um viel Geld und Dritte wittern ungeheure finanzielle Möglichkeiten.  Ich gehöre nicht zur Riege derjenigen, die Niemann lebenslang stigmatisieren wollen, als müsse er zeitlebens büßen für jugendliche Untaten. Wer macht mit 15 keinen Blödsinn? Wer probiert nicht alle Möglichkeiten, vom delikaten Posten zum Mobbing zum Haten, die das Netz so bereitstellt? Man muss ins Erwachsensein hineinwachsen dürfen und ich… Weiterlesen »

Mulde
Mulde
5 Monate zuvor

Die FIDE also tut gar nichts, weil sie dafür keinen Grund zu haben glaubt. Niemann erst recht nicht, der geht ja noch nicht mal zum Friseur. Carlsen spürt, dass seine Spielkraft nachlässt und zieht sich von diesem Schach-Niveau zurück; der “Fall Niemann” ist ein willkommener Anlass. Trotz der überraschend langen Ära seiner schachlichen “Weltherrschaft” erlangte der langweilende Mini-Wikinger nie den Status seiner Vorgänger Morphy, Capablanca, Aljechin, Fischer und Lisbeth Pähtz. Und in Deutschland startet in irgendeiner B-Klasse schon der Carlsen-Nachfolger ans Brett. Werden wir Carlsen vermissen? Wohl kaum.