50. Dortmunder Schachtage: IM-Titel, GM-Norm und Turniersieg für Dinara Wagner | Frederik Svane und Alexander Donchenko triumphieren im Open

Blübaum, Donchenko, Svane, Svane. Wagner, Heinemann, Schneider. Besou. Fünf Monate vor der Europameisterschaft sind fast alle Kandidat:innen für die Nationalmannschaften in Dortmund versammelt. Die einen spielen ein stark besetztes Open, die anderen ein Rundenturnier. Für die Arrivierten geht es darum, ordentlich Elopunkte zu sammeln, um im Team zu sein, das ab dem 10. November in Montenegro um Medaillen kämpft. Rund 500 Amateure haben derweil Gelegenheit, den Besten über die Schulter zu schauen oder sie gar selbst ans Brett zu bekommen.

IM Dinara Wagner! Zwei Runden vor Schluss hatte Dinara Wagner IM-Norm und -Titel unter Dach und Fach, nach dem Schlussrundenremis gegen Ruben Gideon Köllner kam noch ihre zweite GM-Norm dazu, außerdem der Sieg im Sportland-NRW-Cup mit 7/9. Im Video: Wagners schwer erkämpfter Achtrundensieg über ihre Nationalmannschaftskollegin Jana Schneider.

Der Plan, die Dortmunder Schachtage nach dem Einmotten des Superturniers neu hinzustellen, ist schon über drei Jahre alt. Aber Corona funkte den Veranstaltern dazwischen, sodass sie es erst in diesem Jahr mit der 50. Auflage so machen können, wie sie sich das vorgestellt haben: ein Schachfestival, das Spitzen- und Amateursport verbindet, das auf Anhieb eines der größten im Lande ist und Potenzial für mehr hat.

Vom 24. Juni bis 2. Juli laufen die Wettkämpfe: an den ersten beiden Tagen nur die Open und das Rundenturnier, der Sportland-NRW-Cup; ab dem 26. Juni noch dazu das No-Castling-Turnier mit Vorjahressieger Dmitrij Kollars, Fabiano Caruana, Vladimir Kramnik und Pavel Eljanov. Die Partien beginnen täglich um 15 Uhr, am letzten Turniertag um 13.30 Uhr.

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Livepartien, Ergebnisse

Sportland-NRW-Cup nach der neunten Runde. | via Turnierseite
Spitzenstand A-Open nach der neunten und letzten Runde. | via Turnierseite

Details auf chess-results.com

|| 2. Juli

No-Castling-König Caruana

Fabiano Caruana gewinnt das No-Castling-Turnier. Dmitrij Kollars schlägt sich mit zwei Partiegewinnen achtbar in diesem Feld, kann gleichwohl seinen Vorjahressieg nicht wiederholen.

Turniersieg und GM-Norm für Dinara Wagner!

Dinara Wagner hat sich mit einem Schlussrundenremis gegen Ruben Gideon Köllner den Sieg beim Sportland-NRW-Cup und ihre zweite GM-Norm gesichert. Köllner, der selbst mit einem Sieg seine zweite GM-Norm hätte erzielen können, war sein London-System derart missraten, dass er nach 18 Zügen die Friedensofferte Wagners akzeptierte.

Turniersiegerin Dinara Wagner.

Svane und Donchenko mit 7,5/9 an der Spitze

Frederik Svane hat sich früh mit einem Remis den Sieg im A-Open gesichert. Auf Seiten Alexander Donchenkos bedurfte es eines mehr als 80-zügigen Kraftakts, um gleichzuziehen. Svane und Donchenko stehen am Ende punktgleich mit 7,5/9 an der Spitze des A-Opens.

Immer alles auskämpfen!

■ Die gute Nachricht eine halbe Stunde nach Rundenbeginn: Es sieht aus, als würde an allen Spitzenbrettern des A-Opens gekämpft. Das kann sich natürlich schnell ändern – aber vielleicht bleibt es ja so?!

Spielerinnenmann

■ In der allgemein interessierten Öffentlichkeit dürfte Dennis Wagner mit jedem berichtenswerten Erfolg seiner Gattin Dinara, wenn überhaupt, als Spielerinnenmann wahrgenommen werden. Wir beim Schach wissen natürlich, dass der Großmeister und ehemalige Schachprinz Wagner mit den Blübaums und Donchenkos die Ausnahmebegabung teilt, sich aber gegen eine Profilaufbahn entschieden hat. Im A-Open hat Wagner in der achten Runde die Kombi des Tages gespielt. Leidtragender war auf der schwarzen Seite Ashot Parvanyan:

Dennis Wagner (2598) – Ashot Parvanyan (2425)
50th Sparkassen Open-A 2023 Dortmund, 2023.07.01

Weiß zieht und gewinnt.
(Du willst lösen? Klick aufs Brett!)

|| 1. Juli

Zwei Open-Siege?

Frederik Svane pflügt mit einer 2814-Performance durch das Dortmunder A-Open, ist jetzt alleiniger Tabellenführer mit 7/8 und steht vor dem Turniersieg. Alexander Donchenko ist mit seiner 2793-Performance nicht viel schlechter unterwegs, liegt aber einen halben Punkt zurück. | Foto: Paul Meyer-Dunker

■ Wer hätte das nach der Viertrundenniederlage gegen Alexander Donchenko gedacht? Nach seinem Erfolg vor zwei Wochen in Teplice steht Frederik Svane jetzt in Dortmund vor dem zweiten Turniersieg in Folge.

“Fantastisch” fand Schachtage-Sprecher Patrick Zelbel Svanes 22 Züge tiefe Vorbereitung auf den Sizilianer des indischen GM Aryan Chopra (Elo 2626), die dem 19-Jährigen einen Vorteil bescherte, den er ebenso geduldig wie hartnäckig bis zum vollen Punkt verdichtete. Jetzt ist es nicht schwierig, in der morgigen Paarung am ersten Brett ein schnelles Remis zu prognostizieren. Ob Donchenko dann mit Schwarz versuchen wird, noch auf 7,5 Punkte zu kommen und gleichzuziehen? Ab 13.30 Uhr (!) werden wir es sehen.

Spitzenpaarungen der neunten Runde. | via Turnierseite

Zwei Endspielnüsse

■ Über all dem Staunen, wie schnell sein kleiner Bruder Frederik die Eloleiter erklimmt, wollen wir nicht Rasmus Svane vergessen. Dank eines hart erkämpften Endspielsieges über den einstigen U16-Weltmeister Roven Vogel ist der Ältere der Gebrüder Svane vor der heutigen vorletzten und vorentscheidenden Runde des A-Opens mit 5,5/7 in einer prächtigen Position, noch ganz oben mitzureden. Wie hart Svanes gestriger Sieg erkämpft war, lässt sich am Schwierigkeitsgrad der folgenden Puzzles ermessen. Diese beiden Aufgaben lösen, wenn überhaupt, nur Fortgeschrittene. Falls du trotzdem zu lösen versuchen willst: bitte aufs Brett klicken.

Schwarz zieht und hält remis, Stellung nach 47.Kxc5: Hier kann es Roven Vogel mit Schwarz noch retten, und der erste schwarze Zug ist leicht zu finden. Der zweite nicht.
Weiß zieht und gewinnt, Stellung nach 49…Tb2: Jetzt ist es für Roven Vogel nicht mehr zu retten, aber nur, wenn Rasmus Svane den ganz schmalen Pfad zum Sieg findet.

Ein Bundestrainer

■ Als Teilnehmer des einstigen Superturniers hat Jan Gustafsson Dortmund-Erfahrung. Mit dem Wettbewerb 2008 – Gustafsson wurde Zweiter hinter Peter Leko vor Kramnik, Nepo, etc. – verbindet er besonders gute Erinnerungen, während er das Turnier 2012 aus seiner Erinnerung gestrichen hat, wie er jetzt im Schachtage-YouTube-Kanal erklärte. 2023 ist Gustafsson wieder da, nicht als Spieler, sondern als Bundestrainer. Bis auf Vincent Keymer sind ja all seine Schützlinge, die für das EM-Nationalteam 2023 infrage kommen, bei den Schachtagen versammelt. Er wolle ein wenig schauen, was läuft, und die Gelegenheit für das eine oder andere Gespräch mit den Herren Nationalspielern nutzen, sagt Gustafsson.

Zwar spielt er kaum noch, aber wenn doch, dann ist es oft sehenswert und instruktiv: Jan Gustafsson mit einer Lehrbuch-Partie aus der vergangenen Bundesliga-Saison.

Zwei Könige

■ Puh, da hätten wir ja beinahe etwas angerichtet. Zwar stand hier mahnend zwischen den Zeilen, dass es an Belästigung grenzen kann, anderen Leuten auf die Pelle und die Privatsphäre zu rücken, aber es hätte deutlicher formuliert sein können. Johannes Büchele und Michael Busse sei Dank, es ist trotzdem kein Schachtage-Selfie-Wettbewerb ausgebrochen, und die in Dortmund versammelten Supergroßmeister können weiter ungestört ihrer Wege gehen. Die beiden Edelfans haben ohnehin Substanzielleres zu tun: Büchele muss Schach spielen und Busse auf seiner Schachgeflüster-Seite seine Eindrücke aus Dortmund wiedergeben.

Busse und Büchele fotografieren jetzt einander.

|| 30. Juni

IM Dinara Wagner!

■ Noch ohne Gewähr, aber es sieht ganz danach aus, als würden 5,5 Punkte reichen. Nachdem sich Dinara Wagner neulich auf Zypern vier (!) Runden vor Schluss die IM-Norm gesichert hat, legt sie jetzt in Dortmund beim Sportland-NRW-Cup zwei Runden vor Schluss die nächste und damit den Titel nach. IM Dinara Wagner, bravo! Und wie neulich auf Zypern kann sie auch in Dortmund noch eine GM-Norm holen. Dafür müssten 7 Punkte aus 9 Partien her (auch das ohne Gewähr). In der letzten Runde gegen Ruben Gideon Köllner könnte es zu einem Duell kommen, in dem es neben dem Turniersieg auch darum geht, wer von diesen beiden sich seine zweite GM-Norm sichert. Noch dazu könnte ein indirektes Duell mit Elisabeth Pähtz kommen – und eine historische Ablösung. Gewinnt Wagner ihre letzten beiden Partien in Dortmund, müsste das schon reichen, um nach Elo vorbeizuziehen (nach DWZ ist das neulich schon passiert). Aber jetzt spielen wir erstmal die achte Runde, und dann schauen wir, was für alle Beteiligten drin ist.

Live-Weltrangliste via 2700chess.com

“Eine habe ich verdient”

Wie Alexander Donchenko mit einem Sieg über Matthias Blübaum seine Elozahl auf ein Allzeithoch von von 2682 hob und im A-Open mit 5,5/6 die alleinige Tabellenführung übernahm.

■ “In all den Jahren…”, sagte Alexander Donchenko, und das klang eher alt und weise als nach jemandem, der gerade einmal 25 Jahre jung ist. Aber tatsächlich blickt Donchenko auf mehr als eine Dekade des schachlichen Wettbewerbs mit Matthias Blübaum zurück, ein Wettbewerb, begonnen einst bei Jugendturnieren, fortgesetzt in der Prinzengruppe des DSB und heutzutage fortgesetzt im kleinen Zirkel der internationalen Klassegroßmeister und der nationalen Spitze. In all den Jahren also hat Alexander Donchenko tatsächlich nie eine Turnierpartie gegen seinen ewigen Widersacher gewonnen. Bis gestern. “Eine habe ich verdient”, findet Donchenko, den in der Live-Weltrangliste jetzt noch 7,5 Punkte von Vincent Keymer trennen. Keymer hat das Masters in Prag nach einem Schlussrundenremis am Freitag mit 4,5/9 abgeschlossen. Der 18-Jährige steht weiter bei 2690 Elo.

Der Selfiekönig II

■ Stand hier etwa, der Jedesheimer Schachreisende Johannes Büchele sei der Selfiekönig des deutschen Schachs? Falsch war das zwar nicht, aber eindeutig richtig auch nicht, schließlich gibt es mit Michael Busse einen zweiten Anwärter auf diesen Titel. Sobald der Schachflüsterer beim Schach jemanden trifft, den oder die man kennt, dauert es in aller Regel nicht lange, bis ein Dokument dieser Begegnung im Internet auftaucht. Nun, da Busse hinter den Dortmunder Kulissen unterwegs ist, können wir prophezeien, dass es nicht beim gemeinsamen Bild mit Kommentator Klaus Bischoff bleiben wird.

Rochade erlaubt?

■ Natürlich ist Dennis Wagner mit den Schachregeln vertraut. Selbiges gilt für Enis Zuferi. Der eine wäre nicht Großmeister, der andere nicht FIDE-Meister geworden, wüssten sie zum Beispiel nicht, wie beim Schach die Rochade geht. Aber wenn du derart vertieft in die aktuelle Stellung bist, dann vergisst du auch als Schachmeister schonmal, was sich wenige Züge zuvor abgespielt hat und welche Auswirkungen das auf die Zugmöglichkeiten hat. Ein Kuriosum:

|| 29. Juni

Was Meyer-Dunker im Urlaub macht

■ Was macht Schachbund-Öffentlichkeitsarbeiter Paul Meyer-Dunker, wenn er zwei Wochen frei hat? Schach und Öffentlichkeitsarbeit. Zu den Dortmunder Schachtagen hat er seine Knipse mitgenommen, spielt zwar auch selbst, findet aber Zeit, nebenbei draufzudrücken und den einen oder anderen Tweet abzusetzen. Vor dem Besou-Tweet (“mutiges Figurenopfer”) hätte vielleicht ein Blick in die Schachdatenbank nicht geschadet. Andererseits dürften derlei Hilfsmittel im Turniersaal verboten sein.

Wer ist denn hier die Nummer zwei?

Elo-Liveweltrangliste. | via 2700chess

■ Mal abgesehen davon, dass beide so stark in Form sind, dass der vorerst bei 2690 verharrende Vincent Keymer in Sichtweite kommt: Wer ist denn nun die deutsche Nummer zwei, Alexander Donchenko oder Matthias Blübaum? In der Liverangliste hat Donchenko jetzt seinen Kollegen überholt. Allerdings hat es Blübaum in der Hand, heute seinerseits zu überholen. Die beiden treffen aufeinander, aus deutscher Sicht die Partie des Tages in Dortmund.

Mittelfristig wird wahrscheinlich auch Frederik Svane mitreden wollen, wenn es darum geht, wer die Nummer zwei ist. Noch ist es nicht ganz so weit, wie sich in der fantastischen Viertrundenschlacht zwischen ihm und Alexander Donchenko zeigte.

Schiefe Tabelle

■ Der Stillstand auf dem Brett war kein Übertragungsfehler, die Fünftrundenpartie im Sportland-NRW-Cup zwischen Vadym Petrovskyi und Hussain Besou ist tatsächlich ausgefallen. Petrovskyi ist krank, wahrscheinlich nichts allzu Schlimmes. Voraussichtlich wird er am heutigen Donnerstag wieder einsteigen und seine Partie gegen Besou an einem Vormittag der kommenden Tage nachholen. Gute Besserung!

Top 60 oder 12 Stunden?

■ Ihre Erstrundenpartie gegen Michael Adams war toll (wenngleich erfolglos). Was danach kam, war weniger toll. Aber jetzt hat sich Josefine Heinemann ins Turnier gekämpft, und die Aufholjagd kann beginnen. Heinemann hat mit ihrem Twitch-Chat gewettet, dass sie am Ende unter den ersten 60 stehen wird. Verpasst sie dieses Ziel, muss sie ihre Zuschauer mit einem 12-Stunden-Marathon-Stream beglücken.

Endlich ein Sieg! Josefine Heinemann rollt das Feld jetzt von hinten auf.

|| 28. Juni

Der Selfiekönig

■ Die schwämerische Distanz bröckelt, der Autogrammjäger stirbt aus. Wo die Fans früher (als bekanntlich alles besser war) scheu dem Supergroßmeister einen Stift reichten und um eine Unterschrift baten, da fragen wir heute wie selbstverständlich nach einem Selfie, gerne eines in trauter Umarmung. König der Selfiejäger in der deutschen Schachszene ist wahrscheinlich der Jedesheimer Schachreisende Johannes Büchele, der in Dortmund schon dreifach Beute gemacht hat:

Köllner auf GM-Norm-Kurs

Köllner vs. Saltaev: Einen Turm hat Weiß schon ins Geschäft gesteckt. Jetzt muss er es ausknipsen. Wie geht das? (Du willst lösen? Klick aufs Brett!)

■ Fast drei Jahre lang sah es aus, als klebe Ruben Gideon Köllner auf einem zwischen 2400 und 2450 gelegenen Eloplateau fest. Nun hat er Anfang Juni in München seine erste GM-Norm und eine 2600-Performance rausgehauen, und es sieht ganz danach aus, als wolle er Ende Juni gleich die nächste derartige Klasseleistung nachlegen. Mit 3,5/4 führt Köllner den Sportland-NRW-Cup an. In der dritten Runde spielte er die sehenswerteste aller Partien (siehe Diagramm): Opfer, Opfer, Matt! Zu den beiden Verfolgern Dinara Wagner und Georgios Souleidis hätte sich um ein Haar Hussain Besou (11) gesellt, der in der vierten Runde auf Kurs war, einen weiteren GM-Skalp an seinen Gürtel zu heften, aber am Ende strauchelte. Am wenigsten zufrieden von allen Teilnehmer:innen dürfte Jana Schneider sein. Ihr unterlief schon in der Eröffnung gegen Souleidis ein bekanntes französisches Missgeschick. Trotz aller Versuche Schneiders, Kompensation zu finden, zog Souleidis die Sache Schritt für Schritt routiniert durch.

Was dem Schreiber dieser Zeilen einst in Bielefeld gegen Boris Spassky passiert ist, passierte Jana Schneider in Dortmund gegen Georgios Souleidis.

|| 27. Juni

Der aktuelle gegen einen ehemaligen Hoffnungsträger des deutschen Schachs: Frederik Svanes Glanzsieg über Valentin Buckels (im Video) führt zu einer aus deutscher Sicht aufregenden Viertrundenpaarung im A-Open: Donchenko versus Svane.

Wagner und Köllner

■ Würde Dinara Wagner regelmäßig Perlen-YouTube schauen, sie wüsste, dass Georgios Souleidis angenommenes Damengambit spielt, wenn er großen Respekt vor der Partie hat. Und den hatte er gegen die auf einer Erfolgswelle schwimmende Wagner gewiss. Überrascht und auf dem falschen Fuß erwischt, holte Wagner gegen Souleidis nicht viel raus, und der Vergleich endete bald unentschieden. Die Gelegenheit aufzuschließen nutzte Ruben Gideon Köllner, der mit einem feinen Angriffssieg inklusive doppeltem Figurenopfer seine Bilanz auf 2,5/3 schraubte und in Reichweite einer GM-Norm bleibt. Köllner und Wagner teilen sich jetzt die Tabellenführung im Sportland-NRW-Cup.

Weil sie am Brett so schnell fertig waren, besprachen Wagner und Souleidis ihre Partie gemeinsam fürs Publikum.

Die Causa Kramnik

■ Sollte der Russe Vladimir Kramnik in Dortmund spielen? Eine differenzierte Debatte darüber wäre angemessen gewesen, ebensolche Berichterstattung auch. Beides fand kaum statt. Eine, wenn nicht die Autorität, die dazu etwas hätte sagen können, saß Kramnik am Montag gegenüber. Tatsächlich hatte der ukrainische Großmeister Pavel Eljanov dazu schon etwas gesagt, vor der Europameisterschaft im März nämlich: “…Ich halte es für unmöglich, bis zum Ende des Krieges (d. h. bis zu unserem Sieg) gegen einen russischen oder weißrussischen Spieler (welche Flagge auch immer er hat) anzutreten”, schrieb Eljanov auf Facebook – und sagte die Europameisterschaft wegen der russischen Teilnehmer im Feld ab. Ein paar Monate später in Dortmund scheint er diese Haltung modifiziert zu haben. Die gemeinsame Analyse mit Kramnik und Schachtage-Sprecher Patrick Zelbel verlief freundlich und allein aufs Schach fokussiert:

Kamsky? Hjartarson?

■ Stand hier etwa, zwei ehemalige WM-Kandidaten seien Teil des Felds im A-Open? Mit einfachem Durchzählen ließe sich diese Falschmeldung entlarven: Adams, Hjartarson, Kamsky – tatsächlich sind es drei ehemalige WM-Kandidaten. Bzw. waren. Der Auslosung der vierten Runde entnehmen wir (neben der aufregenden Paarung Alexander Donchenko vs. Frederik Svane), dass das Kandidatentrio zumindest zur vierten Runde erheblich geschrumpft ist. Weder Johan Hjartason noch Gata Kamsky sind für die vierte Runde ausgelost, beide nehmen sich eine Auszeit und einen halben Punkt. Speziell im Fall des Isländers ist das nach seinem Katastrophenstart (0/3) allzu verständlich. Gata Kamsky wird zur fünften Runde mit 2,5/4 zumindest in einer ordentlichen Position sein, um eine Aufholjagd zu starten.

|| 26. Juni

Achtung, Ausbildung! Matthias Blübaums instruktiver Zweitrundensieg, außerdem ein Blick nach Prag, wo Vincent Keymer spielt, und einer in die Dortmunder Turniersäle.

Nationalmannschaftskandidaten

■ Die Riege der A- und B-Kaderspieler marschiert bislang geschlossen mit weißer Weste durch das A-Open – mit einer Ausnahme: Rasmus Svane ließ in der zweiten Runde gegen den schwedischen GM Ralf Akesson einen halben Zähler. Sein Bruder Frederik Svane ebenso wie Matthias Blübaum und Alexander Donchenko stehen derweil bei 2/2. Nicht nur diejenigen, die im November 2023 bei der EM die Nationalmannschaft bilden sollen, mischen im A-Open ordentlich mit, auch Mitglieder der Jugendeuropameistermannschaft von 2019. Ashot Parvanyan, seinerzeit Brett zwei, bekam allerdings in der zweiten Runde in Dortmund von Matthias Blübaum instruktiv seine Grenzen aufgezeigt (siehe Video oben). Sein Ex-Mannschaftskollege Valentin Buckels, seinerzeit Brett vier, bekommt heute gegen Frederik Svane die Gelegenheit, es besser zu machen.

Neulich in der Bundesliga sah Valentin Buckels, Europameister 2019, diese Bauernwalze von Vincent Keymer auf sich zurollen. Ob es ihm heute gegen Frederik Svane besser ergeht?

Norm-Kandidatin

■ Zwei Großmeister geschlagen, zwei Partien, zwei Punkte, alleinige Tabellenführerin. Dinara Wagner schwimmt weiter auf einer Erfolgswelle. Am Horizont erscheint jetzt schon ihre finale IM-Norm. Den Sportland-NRW-Cup führt sie mit 2/2 alleine an – was damit zusammenhängt, dass es keinem anderen Erstrundensieger gelang, einen zweiten Sieg nachzulegen. Georgios Souleidis, im feinen Zwirn der bestgekleidete Spieler der zweiten Runde, war gegen Hussain Besou (der am Wochenende im TV zu sehen war) nahe dran, sah sich aber hartnäckiger Verteidigung gegenüber und verpasste den einen oder anderen Ausknipser. Verarbeitet hat er die verpasste Chance sogleich auf YouTube:

WM-Kandidaten

■ Zwei ehemalige WM-Kandidaten mischen im A-Open mit. Michael Adams steht nach zwei Runden mit zwei Punkten dort, wo er hingehört: ganz vorne. Gegen Josefine Heinemann in der ersten Runde tat er sich allerdings nicht leicht:

Für Johan Hjartason läuft es 2023 in Dortmund deutlich schlechter als 1987 beim Interzonenturnier in Szirak, bei dem er sich mit Valery Salov den ersten Platz teilte. Seinerzeit hatte sich der Isländer mit diesem Erfolg für die Kandidatenwettkämpfe 1988 qualifiziert, wo er im Achtelfinale Viktor Kortschnoi ausschaltete, im Viertelfinale allerdings Anatoly Karpov unterlag. Ganz so klangvoll sind heuer die Namen seiner Gegenspieler nicht, und Hjartason spielt wahrscheinlich nicht mehr ganz so stark wie Ende der 80er. Er ist ja längst in allererster Linie Jurist. Am Brett muss er sich erst wieder eingrooven. Dafür hat er noch sieben Runden lang Gelegenheit.

|| 25. Juni

0:3 gegen die Großmeister

■ Gegen die Normjäger im Feld werden die drei Großmeister im Sportland-NRW-Cup einen schweren Stand haben. Das zeigte sich schon in der ersten Runde, als alle drei GM ihre Partien verloren. Dinara Wagner etwa scheint da weiterzumachen, wo sie beim Grand Prix auf Zypern aufgehört hat. Zum Auftakt überrollte sie GM Mihail Saltaev:

Im Video: Dinara Wagners katalanische Demonstration im Ruhrgebiet.

Französische Taktikfeinkost

Weiß zieht und setzt Matt. Du willst lösen? Klick aufs Brett!

■ Zum Jubiläum übertreffen die 50. Dortmunder Schachtage nach eigenen Angaben sämtliche Rekorde: 569 Teilnehmer:innen spielen mit, davon 555 im Sparkassen-Open, darunter 121 Titelträger. An den Brettern sind allein 31 Großmeister und 15 Frauen-Großmeister versammelt. Der Taktik-Hingucker des Tages gelang einem Gast aus Frankreich, dem IM Pierre Laurent-Paoli (Elo 2552). Für dessen indischen Gegner Karthik Rajaa (Elo 2276) seh es nach 27 Zügen schon arg trübe aus, und nach 27…Tce8 (siehe Diagramm rechts) war es dann endgültig vorbei. Laurent-Paoli erspähte ein Matt in vier Zügen – und zog…?

Griechische Unsterblichkeit

Georgios Souleidis hatte gar keine Lust, mit Schwarz gegen den topgesetzten GM Karthik Venkataraman anzutreten. Der spiele alles, gezielte Vorbereitung sei kaum möglich, berichtete er Schachtage-Sprecher Patrick Zelbel. Am Brett lief es dann umso besser, so gut sogar, dass Souleidis erwägt, seinem schönheitspreisverdächtigen Sieg vor 20 Jahren gegen den Georgier Merab Gagunashvili das Etikett “Unsterbliche” wegzunehmen. Was er am Freitag in Dortmund zelebrierte, könnte die neue griechische Unsterbliche sein:

(Titelfoto: Michelle Lassak/Dortmunder Schachtage)

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joschi
joschi
7 Monate zuvor

Sieht aus, als würde Deutschland bald eine neue Frauen-Nr. 2 bekommen: Elisabeth Pähtz

Jochen
Jochen
7 Monate zuvor

Gerüchteweise wurden in Dortmund am letzten Tag um 19:00 die Partien der A Gruppe unterbrochen, weil die B Gruppe ihre Siegerehrung auf dem Programm hatte. So eine Regelung haben sich meiner Vermutung nach nur Organisatoren ausgedacht, die eine Elo unter 1900 haben. Ein erfahrener Schachspieler weiß, dass so eine Partieunterbrechung extrem störend ist. Und warum nicht einfach warten, bis die A Gruppe fertig ist?

joschi
joschi
7 Monate zuvor

Selfiejäger? Peinlich!