Norway Chess für alle? Übertragungsrechte im Schach

Nachtrag, 6. Juni: Kurz nach Erscheinen dieses Beitrags hat Norway Chess seine Übertragungspolitik geändert:


Als sich Lichess am Dienstag an die Öffentlichkeit wandte, hatte das Schach eine neuerliche Debatte um Übertragungsrechte. „Wir entschuldigen uns für die Unterbrechung der Liveübertragung vom Norway Chess“, teilte Lichess mit. Wie in den Jahren zuvor hätten die Organisatoren den Zugriff auf die Partien an Dritte verkauft. Daher habe Lichess keinen Zugang. „Wir tun unser Bestes, um trotzdem die Partien zu zeigen.“

Mit „Dritte“ ist unter anderem chess.com gemeint. Auf Anfrage dieser Seite kündigte ein Sprecher des US-Unternehmens am Mittwoch an, dass sich der von Lichess öffentlich gemachte Zustand ändern soll. Gemeinsam mit dem Ausrichter des norwegischen Superturniers werde man daran arbeiten, in Zukunft jedem, der die Partien live zeigen will, Zugriff zu ermöglichen.

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Eigentlich sind die „Dritten“ chess24 und das zweite norwegische Fernsehen. Auch wenn das offiziell niemand bestätigt, sind der TV-Sender sowie das ehemalige Carlsen-Unternehmen, seit Herbst 2022 Teil der chess.com-Gruppe, in Sachen Norway-Chess-Übertragung miteinander vertraglich verbunden. Mutmaßlich deswegen ist seit Jahren schon der Zugriff auf die Liveübertragung aus Norwegen für andere Schachseiten eingeschränkt. Norway-Chess-Chef Kjell Madland ließ eine Bitte dieser Seite, den genauen Hintergrund zu erläutern, unbeantwortet.

„Aber das dürfen die doch gar nicht!“ Dieser der Lichess-Veröffentlichung folgende Aufschrei in den Sozialen Medien beruht auf einem Missverständnis. Doch, das dürfen die. Zwar sind Schachzüge in Meisterpartien ein öffentliches Gut, das jede und jeder nach Belieben verbreiten darf; trotzdem kann jeder Ausrichter mit seinem Live-pgn-Feed machen, was er oder sie will.

Wenn ein Ausrichter beschließt, nur einer Schachseite Zugriff auf die Livepartien zu geben, dann ist das sein Recht. Allerdings erscheint fraglich, ob so eine Einschränkung irgendeinen Sinn ergibt. Sobald die Livezüge auf der Übertragungsseite erscheinen, hindert niemand alle anderen Seiten daran, die Züge von dort zu übernehmen und bei sich zu präsentieren – so wie es jetzt wahrscheinlich beim Norway Chess 2023 geschieht.

Im Video: Anish Giri vs. Fabiano Caruana, einer der vielen Weltklassepaarungen, die in diesen Tagen beim superstark besetzten Norway Chess zu sehen sind (oder nicht).

Seit 2016 steht fest, dass die Züge einer laufenden Partie Informationen von öffentlichem Interesse sind, das Ergebnis einer fast 100-jährigen Debatte im Schach. Schon drei Jahre nach seiner Gründung, 1927 beim Kongress in London, beschäftigte sich der Weltverband FIDE mit der Urheberrechtsfrage.

In den Jahrzehnten danach stand diese Frage beim Welt- wie bei nationalen Verbänden immer wieder auf der Tagesordnung, ohne beantwortet zu werden. Zwar galt im Schach stets das Verständnis, dass Züge nicht urheberrechtlich geschützt werden können, aber lange hatte das niemand rechtlich klären lassen.

Robert Hübner hatte keinen Erfolg mit dem Versuch, seine Schachzüge zu schützen. | Foto: Lennart Ootes/Leiden Chess

Wo es um Rechtsfragen geht und die Möglichkeit, dazu Papiere zu verfassen, ist die deutsche Schachverwaltung nicht fern. Und das erst recht, wenn sie mit ihrem langjährigen Vorkämpfer aneinandergerät, dem auch in Rechtsfragen besonders sensiblen Robert Hübner.

Im März 1993 war es so weit. Hübner untersagte dem Bundesliga-Spielleiter Jürgen Kohlstädt, seine Partien zu veröffentlichen: Sie seien sein geistiges Eigentum. Zuvor hatte Hübner einen Präzedenzfall geschaffen, indem er nach einer Bundesligapartie sein Formular nicht abgab.

DSB-Rechtsberater Ernst Bedau sowie Großmeister und Jurist Wolfgang Unzicker nahmen sich der Frage an, ob Hübner tatsächlich Urheberrecht an seinen Schachzügen geltend machen kann. Am Ende ihres achtseitigen Gutachtens findet sich als Antwort ein klares Jein: Gegen Leute, die Partien kommerziell verwerten wollen, habe Hübner womöglich eine Handhabe. Nicht aber gegen den Deutschen Schachbund, der ja kein kommerzielles Interesse habe. 1994/95 scheiterte Hübner mit seiner Eingabe beim Bundestag, die erreichen sollte, dass der Gesetzgeber Schachpartien urheberrechtlich schützt.

Geheime Zeichen? Als 2007 Silvio Danailov beschuldigt wurde, seinem Schützling per Zeichensprache Züge durchzugeben, dienten solche verschwommenen Bilder als Indizien.

Wer 2010 das WM-Match zwischen Veselin Topalov und Viswanathan Anand verfolgte, der sah unter dem Live-Brett der Organisatoren diesen Hinweis: „Warnung! Es ist verboten, ohne Genehmigung der Organisatoren während der Live-Übertragung die Züge in anderen Medien zu zeigen. ChessBase verstößt gegen dieses Gebot.“

WM-Organisator und Topalov-Manager Silvio Danailov hatte schon in den Jahren zuvor versucht, sich Exklusivität auf seine Übertragungen zu sichern. Zudem hatte er das Hamburger Schachsoftwarehaus auf dem Kieker, mutmaßlich, weil dessen Website ausführlich dem Vorwurf nachging, Danailov gebe seinem Schützling Topalov per Zeichensprache Züge durch.

2011 zog Danailov, vertreten vom Berliner Anwalt Rainer Polzin, ChessBase wegen der WM-Übertragung vor Gericht – und verlor. Wettbewerbsrechtliche und andere Verstöße des Hamburger Unternehmens seien nicht festzustellen, urteilte das Berliner Landgericht, ein Urteil, das wenig öffentliche Aufmerksamkeit erhielt.

Als die eigentlichen „Bosman-Urteile“ des Schachs gelten zwei, die 2016 ergingen, als WM-Veranstalter Agon (heute: Worldchess) und chess24 um die Übertragung des WM-Kampfs zwischen Magnus Carlsen und Sergey Karjakin stritten. Agon hatte chess24 auf 4,5 Millionen Dollar verklagt. Eine einstweilige Verfügung sollte deren WM-Übertragung auf ihren eigenen Kanälen verhindern. Einen Tag vor dem Match lehnte ein Richter den Antrag ab. Auch das Moskauer Handelsgericht wies die Agon-Klage zurück.

So hart wie Ilya Merenzon (links, im Gespräch mit Spiegel-Reporter Florian Pütz) hat niemand um Übertragungsrechte im Schach gekämpft. | Foto: Worldchess

Worldchess-Chef Ilya Merenzon ließ nicht locker, bediente sich allerdings bizarrer Methoden. In Frankreich verklagte er eine Firma namens ArtdesEchecs.fr für deren Übertragung von vier Turnierpartien sowie des Stechens im WM-Match 2018 zwischen Magnus Carlsen und Fabiano Caruana. Worldchess gewann, was auch damit zusammenhängen mag, dass sich der Prozessgegner nicht verteidigte.

Niemand im Schach hatte vor der WM 2018 von ArtdesEchecs.fr gehört, und nach der WM sollte niemand wieder von diesem Unternehmen hören. Die Website ist nicht mehr erreichbar. Bewiesen wurde es nie, aber eine Recherche von Stefan Löffler legt nahe, dass Merenzon die Firma nur hatte gründen und WM-Partien übertragen lassen, um sie nach der WM erfolgreich dafür zu verklagen. Mutmaßlich wollte er so einen Präzedenzfall in seinem Sinne schaffen.

International nahm kaum jemand Notiz. Seit den 2016er-Urteilen gilt im Schach der Konsens, dass jede Website live gespielte Schachzüge nach Belieben verbreiten kann, wenn sie denn verfügbar sind.

Trotzdem entstand darüber Zwist zwischen den Branchengrößen chess.com und chess24, die einander vor der Übernahme in Abneigung und Misstrauen verbunden waren. Chess24 verdächtigte chess.com, sich nicht die Mühe zu machen, eigene Übertragungen einzurichten, sondern einfach zu kopieren, was bei chess24 zu finden war.

Um den Verdacht zu bestätigen, baute chess24 während der französischen Mannschaftsmeisterschaft 2019 ein trojanisches Pferd in seine Übertragungen ein, eine Zeile, in der stand „chess24 rocks“. Prompt stand auch in der Liveübertragung auf der Seite des Konkurrenten „chess24 rocks“ – peinlich. Chess.com-Chef Daniel Rensch entschuldigte sich öffentlich, berief sich auf „Misskommunikation im Übertagungsteam“ und gelobte Besserung.

Mit der chess24-Übernahme im Herbst 2022 hat chess.com eine Reihe von Übertragungsvereinbarungen des einstigen Konkurrenten übernommen, darunter die wenig sinnhafte mit dem „Norway Chess“, das als einziges Superturnier seit Jahren seine Live-pgn exklusiv nur an einen Partner vergibt. Aber das dürfte bald vorbei sein. Auf Anfrage dieser Seite ließ chess.com durchblicken, dass auch das US-Unternehmen wenig Sinn in dieser Regelung sieht.

Das für die Übertragung zuständige chess.com-Team schickte diese Erklärung an den Bodensee: „Chess.com ist der Überzeugung, dass Schachpartien für die Gemeinschaft frei verfügbar sind und bleiben sollten. Wir teilen die Feeds für unsere eigenen Veranstaltungen schon lange mit anderen Schachanbietern. Wir sind stolz darauf, mit einem Organisator wie Norway Chess zusammenzuarbeiten, der diese Ideale teilt. In Zukunft werden wir mit den Organisatoren von Norway Chess helfen, die Event-Feeds allen Websites zur Verfügung zu stellen, die über dieses großartige Event berichten möchten.“

Wer sich in der Subnische der Schachübertragungsfachleute umhört, der stellt fest, dass der von Lichess beklagte Missstand vielleicht nicht so eklatant ist, dass er öffentlichen Wehklagens bedarf. Und dass er sich leicht abstellen ließe. Offiziell teilt Norway Chess seinen Feed zwar nur mit einem Partner, hat aber nie ein Geheimnis aus dessen seit Jahren immergleicher Adresse gemacht. Es ist nicht bekannt, dass jemand, der von dort Daten zieht, Ärger bekommen hätte. Wofür auch?


Nachtrag, 1. Juni
Speziell zum letzten Absatz dieses Beitrags erreicht uns ein Statement von Lichess:

“Lichess wurde jahrelang gesagt, dass Norway Chess keinen PGN-Link verbreitet, mehrfach, von verschiedenen Leuten und sehr deutlich. Im Beitrag heißt es, Norway Chess habe “nie ein Geheimnis” um die Adresse seines Feeds gemacht. Aus unserer Sicht ist genau das passiert. Die Vorstellung, dass jeder wusste, wo das PGN zu finden ist, ist falsch. Wir wussten es zu Beginn der Veranstaltung nicht, hätten es aber gerne gewusst.”

Auf ihrer Website verlinken die Norweger ausschließlich zu chess.com. Offiziell bekommt nur die US-Firma Zugang zu den Zügen der Livepartien. Inoffiziell ist das allerdings nicht so eindeutig. | via norwaychess.no

(Titelfoto: Norway Chess)

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[…] Norway Chess für alle? Übertragungsrechte im Schach […]

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[…] Partys gefeiert, auch ein wenig Schach gespielt, aber das speziell bei seinem Hausturnier „Norway Chess“ erfolglos: keine Partie gewonnen, minus 18 Elo, für seine Verhältnisse eine historisch […]

Ludger Keitlinghaus
Ludger Keitlinghaus
8 Monate zuvor

Robert Hübner hatte seinerzeit mit dem Urheberschutz auf Schachpartien Ideen, die nicht funktionieren konnten.
Derartig konkurriert mit der in liberaler Demokratie üblicher Freiheit von Meinung und Information.
MFG
LK
PS: KA, wie es juristisch und bundesdeutsch mit der Verbreitung von audiovisuellem Material aussieht, das ja eigentlich in liberaler Demokratie nicht exklusiv zu verbreiten sein muss, wenn bereits öffentlich geworden.

Ludger Keitlinghaus
Ludger Keitlinghaus
8 Monate zuvor

BTW :
Diese “Bosmann-Urteile”, die die Schachbundesliga letztlich – mit Verlaub! – in eine Art Söldner-Liga (nichts gegen das “Salz” der Söldner) verwandelten (ansonsten waren schon bundesdeutsche Mannschaftswettbewerbe gemeint), kenne ich auch aus den Neunzigern, auch Herrn Polzin.
JFTR (“hust for the record”)
No problemo hier.