Die Nummer eins: Keymer siegt in Prag

Vincent Keymer hat das “Challengers”-Turnier des Prager Schachfestivals gewonnen. Mit 6,5 Punkten aus 9 Partien und einer Performance von 2766 beendete der 17-Jährige das Turnier punkt- und wertungsgleich mit US-Großmeister Hans Moke Niemann. Den Blitz-Stichkampf zwischen diesen beiden entschied Keymer mit 2:0 für sich. Im kommenden Jahr wird er sich im Prager “Masters” mit Weltklassegegnern messen.

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Punkt- und wertungsgleich an der Spitze: Vincent Keymer und Hans Moke Niemann. | via @praguechess
Die mit einem Blitzstart herausgespielte Tabellenführung konnte Keymer nicht halten. Abdusattorov schloss bald auf.
Die zweite Stichkampfpartie, die das Turnier zugunsten Keymers entschied.

Lange hatte es ausgesehen, als würden Schnellschachweltmeister Nodirbek Abdusattorov und Vincent Keymer den Turniersieg unter sich ausmachen. Drei Runden vor Schluss hatten sich die beiden mit 4,5/6 um einen Punkt vom Rest des Felds abgesetzt.

In der siebten Runde trafen sie aufeinander, für beide eine Gelegenheit, mit einem vollen Punkt eine Vorentscheidung um den Turniersieg herbeizuführen:

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Ein komplexer Italiener: Abdusattorov gegen Keymer, die Partie der beiden besten 17-Jährigen der Welt.

Nachdem Keymer schon im Grand Prix zugunsten von 1…e5 zweimal von seinem Najdorf-Sizilianer bzw. Caro-Kann Abstand genommen hatte, setzte er auch Abdusattorov und dessen 1.e4 den Doppelschritt des Königsbauern vor. Diese Wahl, neu im Repertoire des Deutschen, führte zur ersten Italienisch-Turnierpartie Vincent Keymers überhaupt (wenn wir Partien aus Kinderturnieren ausklammern).

Die mangelnde Erfahrung in italienischen Strukturen machte sich bemerkbar, Keymer geriet in Probleme. Aber er vermochte das schlingernde Schiff trotzdem in den Remishafen zu steuern, nachdem Abdusattorov bei der einen oder anderen Gelegenheit versäumt hatte, ihm energisch zuzusetzen. Und so blieben die beiden gleichauf vorne.

Das vermeintlich “leichtere Restprogramm” witterten die Fans in erster Linie auf Grundlage der Achtrundenpaarung: Als deutlicher Elofavorit hatte Keymer Weiß gegen den Tschechen Jiri Stocek (2541), ein Spieler mit kleiner Remisquote, der den Kampf und eigene Möglichkeiten sucht.

https://youtu.be/Z9PKl-PSSuc
Aua! Stoceks Igel fuhr die Stachel aus, und Vincent Keymer musste sich auch in der achten Runde mit einem Remis begnügen.

Gegen Keymer ließ Stocek nicht viel zu. Nachdem die letzte von sehr wenigen Chancen, etwas Druck aufrecht zu erhalten, verstrichen war, endete auch diese Begegnung unentschieden – ebenso wie die Achtrundenpartie von Abdusattorov, der mit Schwarz gegen den Inder Krishnan Sasikiran hart um den halben Punkt kämpfen musste.

In der Zwischenzeit hatte Hans Moke Niemann das Straucheln seiner beiden Konkurrenten mit zwei Siegen genutzt.

Schon veraltet, so schnell geht das beim Schach: Hans Niemann steht nach der letzten Runde in Prag bei 2695 Elo, Keymer bei 2685.

Vor der letzten Runde lagen Keymer, Niemann und Abdusattorov zu dritt mit 5,5/8 gleichauf. Niemann siegte, Keymer auch – um Haaresbreite gegen den starken, sich lange hartnäckig wehrenden und letztlich doch kollabierenden Niederländer Max Warmerdam:

https://twitter.com/Meyer_Dunker/status/1537798686721310725

Die Schlusstabelle ergab ein kurioses Bild. Nach allen Wertungskriterien der Ausrichter (Sonneborn-Berger, Schwarzpartien, direkter Vergleich) standen Keymer und Niemann gleichauf an der Spitze, sogar nach Performance:

Ein Blitz-Stichkampf über zwei Partie musste her:

https://twitter.com/PragueChess/status/1537824017385771010

Kaum zu fassen, und es fühlt sich bestimmt an, als hätten wir etwas übersehen – aber was? Allem Anschein nach markiert der Sieg in Prag 2022 Vincent Keymers ersten Turniersieg, seitdem er als 14-Jähriger IM das Grenke Open 2018 gewonnen hat:


Neues gibt es auch aus Frankreich, wo der deutsche Großmeister Alexander Donchenko seine Fabelperformance in der französischen Liga…

zunächst fabelhaft fortgesetzt hat. Nach diesem Sieg über Jorden van Foreest, …

…den dritten 2700er nach Andrey Esipenko und Arjun Erigaisi, stand Donchenko sogar bei sieben Punkten aus sieben Partien am Spitzenbrett der französischen Liga.

https://twitter.com/fionchetta/status/1537093679076319234

Dieser Erfolg markierte allerdings das Ende der wunderbaren Serie. Es folgte eine Schwarzniederlage gegen den Ukrainer Anton Korobov. Donchenko steht jetzt bei 7/8, die Liga läuft noch.

(Titelfoto: Peter Vrabec/Prager Schachfestival)

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Stephan Brandes
Stephan Brandes
3 Monate zuvor

Fremdschämen: Hans Moke Niemann

Ich freue mich, dass Vincent den Blitzentscheid gewonnen hat, vor allem weil Niemann damit verloren hat. Vor dem Turnier war ich ziemlich angetan wie sich der US-Amerikaner entwickelt und gespielt hat. Nach seiner letzten Partie (die er gewonnen hat) und während Vincent noch spielte, gab er ein Interview/Partieanalyse auf Twitch bei IM Trend & IM Pähtz. Ich kann nur sagen, dass ich seltne irgendwo soviel Arroganz und Überheblichkeit gehört und gesehen habe. Sich über seine Gegner dermaßen abfällig zu äußern ist für mich ein NOGO. Wer immer kann sollte sich dieses Video mal ansehen.

Ursli
Ursli
3 Monate zuvor

Am Anfang dachte ich noch, dass er einen Witz macht, aber dann wurde es tatsächlich sehr schmerzhaft zum Anschauen.

Thomas Richter
Thomas Richter
3 Monate zuvor

War ein Stichkampf wirklich nur bei exaktem Gleichstand vorgesehen, bzw. spontan angesetzt – da man nicht beide zum Masters 2023 einladen wollte? Das ist wohl wichtiger als wer den Pokal bekommt. Hätte sonst eventuell ein halber Sonneborn-Berger Punkt entschieden? Formal hatte Keymer die (hinter dem Komma) leicht bessere TPR, da Niemann vor dem Turnier drei Elopunkte besser war – TPR bevorzugt in Rundenturnieren immer den Spieler mit der niedrigeren eigenen Elo. Offizieller fünfter Tiebreaker war allerdings Rating, immer zugunsten des Spielers mit der (minimal) besseren Elo. Das was Keymer nach Grenke Open 2018 zwischenzeitlich erreicht hat – u.a. Platz 2… Weiterlesen »

Eumelgnub
Eumelgnub
3 Monate zuvor
Reply to  Thomas Richter

Ist ja nicht nur Keymer – Gukesh, Niemann, Abdusattarov, Ergiasi – war die Truppe der fast im Gleichschritt auf 2700 zurasenden U20er jemals so groß?

Es dürfte sehr spannend werden, wie sich diese Jungs in den nächsten Jahren in Superturnieren schlagen werden, bisher haben sie ihre Zahlen ja vorwiegend gegen 2600er und schwächer erspielt.

Thomas Richter
Thomas Richter
3 Monate zuvor
Reply to  Eumelgnub

Beim goldenen Jahrgang 1990 (Carlsen, Nepomniachtchi, Vachier-Lagrave, Karjakin – dann noch Andreikin, Howell und Ivan Saric) ging es nach und nach. Nun vielleicht auch durch die Pandemie-Pause “Schlag auf Schlag” – alle hatten weiter an ihrem Schach gearbeitet aber konnten einige Zeit lang ihre Elozahl nicht verbessern.

Natürlich kann – kurz vor oder auch “kurz nach” 2700 noch ein “Motorschaden” eintreten. Keymer hatte ja in der Grand Prix Serie durchaus schon reihenweise 2700er und zeigte (beide Turniere zusammen genommen), dass er da durchaus mithalten kann.

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