Großmaul vs. Heulsuse

“Am Tag bevor er den größten Schachspieler der Welt besiegte, war Hans Niemann ein 19-jähriger Amerikaner mit lockigen Haaren, den nur Hardcore-Schachfans kannten – als flegelhaftes Großmaul in der Regel. Wie damals im Juni, als er im Finale eines Turniers in Prag verloren hatte und dann im Ballsaal des Veranstaltungshotels stand und gegen die Stadt und die Unterkünfte wetterte.”

Der beste Text, der seit langem über die Carlsen-Niemann-Affäre zu lesen war, beginnt mit den Ereignissen am 17. Juni 2022 in einem der 15 Konferenzräume des Prager Vier-Sterne-Hotels Don Giovanni, ein Haus mit tadelloser Reputation. Die Autoren David Segal und Dylan Loeb McClain von der New York Times steigen nach Niemanns Niederlage gegen Vincent Keymer im Stechen um den Turniersieg in Prag ein, um ihren Protagonisten vorzustellen – und dessen Hang, sich danebenzubenehmen.

Im Juni 2022 in Prag standen der Deutsche und der US-Amerikaner gleichauf an der Tabellenspitze. Keymer gewann das Stechen – und Niemann benahm sich daneben.

Später im Jahr sollten Keymer und Niemann eigentlich erneut aufeinandertreffen. Der Deutsche Schachbund plante ein Match seines Spitzenspielers gegen den US-Boy. Aber Anfang September nahm das Drama seinen Lauf, und Hans Niemann war sehr bald nicht mehr nur der 19-jährige Lockenkopf, den außer Schachfreaks niemand kannte. Niemann wurde binnen weniger Tage zum zweitbekanntesten Schachspieler der Welt.

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Keymer sagte den Wettkampf ab, wahrscheinlich in erster Linie wegen des im Raum stehenden Cheating-Vorwurfs, der ein Thema berührt, das ihm besonders am Herzen liegt. Womöglich hat auch Niemanns Ausraster im Hotel Don Giovanni dazu beigetragen, dass Keymer das Match mit dem Unberechenbaren verweigerte. Gälte es, einen Gegenentwurf zu Hans Niemann zu skizzieren, heraus käme jemand wie Vincent Keymer mit seiner unbedingten Sachlichkeit, die selten Emotion durchscheinen lässt.

„Für mich ist es keine Überraschung, diese Topspieler zu schlagen. Ich fühle mich ja schon wie einer von ihnen”, sagte Hans Niemann nach seinem Zweitrundensieg beim Sinquefieldcup über Shakhriyar Mamedyarov. Tags darauf gewann er mit Schwarz gegen Magnus Carlsen.

Nach einer mit Details gespickten Rekapitulation der Ereignisse seit dem “Sinquefield Cup” landen Segal und McClain bei jemandem, dessen tadellose Reputation im Lauf der Affäre den einen oder anderen Kratzer erlitten hat: Anti-Cheating-Professor Kenneth Regan. Dessen Erkenntnisse seien mit Vorsicht zu genießen, hat Fabiano Caruana zu Protokoll gegeben, wahrscheinlich der lautstärkste Vertreter der großen Mehrheit der Elitespieler, die tendenziell oder eindeutig auf Magnus Carlsens Seite stehen.

Die New York Times hat Regan mit der im Hans-Niemann-Report von chess.com zu findenden Erkenntnis konfrontiert, in der Geschichte des Schachs sei vor Niemann niemand so schnell von knapp 2500 auf knapp 2700 Elo gestiegen. “Das ist einfach falsch”, sagt Professor Regan dazu. Chess.com habe die “pandemische Verzögerung” nicht berücksichtigt. Als Covid umging, habe Niemann nicht am Brett, aber online “fast manisch viel Schach” gespielt – was seine Elozahl nicht berührte.

Eine Folge der Carlsen-.Niemann-Affäre: Selten sind aus Edelfedern so viele bemerkenswerte Schachgeschichten geflossen wie zuletzt. Eine der herausragenden: Das Porträt des Time-Magazins über Kenneth Regan.

Als er dann wieder am Brett saß, “war er wie ein Student, der pausenlos gepaukt hatte, ohne eine Prüfung, in der er zeigen konnte, was er gelernt hat”. Zu diesem pandemischen Verzögerungseffekt kommt die schiere Zahl der gewerteten Turnierpartien, 259 etwa im Jahr 2021, ein Vielfaches dessen, was andere Schachprofis absolvieren.

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Zu Niemanns Partien am Brett bleibt Regan bei der Auffassung, es sei unfair, Betrug zu unterstellen. “Es gibt dafür keine Hinweise”, eine ähnliche Einschätzung wie die im chess.com-Report, in dem es heißt, es gebe keinen Anlass für einen konkreten Verdacht.

Die New York Times wirft nun die Frage auf, warum es den Hans-Niemann-Report überhaupt gibt. Für Online-Betrug nach 2020 fänden sich darin keine Hinweise, für Betrug am Brett auch nicht – außer der vagen Formulierung, dass “bestimmte Aspekte” der Partie vom 4. September gegen Magnus Carlsen “verdächtig waren”. Welche Aspekte das sein mögen, lässt chess.com ebenso im Dunkeln wie Carlsen, der sich darauf beruft, Niemann habe während der Partie gewirkt, als sei er nicht bei der Sache.

Auf Segal und McClain wirkt das Vorgehen, als solle Niemann für dieselben Vergehen zweimal bestraft werden. Nach dem ersten Ausschluss von der Seite folgte nach Magnus Carlsens kryptischer Anklage ein neuerlicher Ausschluss inklusive dem von der hochdotierten “Global Championship” im Oktober. Es liegt nahe zu vermuten, dass hier ein Geschäftspartner einem anderen beisteht.

Chess.com hält dagegen, das Unternehmen habe die Sperre von Niemann geheim halten wollen, aber er habe sie während des Interviews beim Sinquefield Cup selbst öffentlich gemacht – und sei nicht ehrlich gewesen, was das Ausmaß seiner Vergehen betraf. “Wir mussten uns verteidigen”, teilte chess.com-CEO Erik Allebest der New York Times mit. “Und das wollten wir so gründlich wie möglich tun.”

Hans Niemann möge er überhaupt nicht, sagt Ben Finegold. Aber im großen Schachkonflikt ist er trotzdem auf Niemanns Seite. Es gehe schließlich um die Wahrheit, nicht um Sympathie.

US-Großmeister Ben Finegold lässt das nicht gelten: “Jeder Makel, der Carlsen anhaftet, würde die 82 Millionen Dollar beflecken, die gerade für den Erwerb von Play Magnus ausgegeben wurden.” Chess.com wolle die Kritik am Weltmeister abschwächen, indem es die Aufmerksamkeit vom Ankläger zurück auf den Beschuldigten lenkte.

Im Schach ist es nicht leicht, jemanden Gewichtiges zu finden, der sowas öffentlich ausspricht. Ein potenzieller Informant erklärte den Autoren, er befürchte, von der Seite ausgeschlossen zu werden, wenn er sie in der Presse kritisiert. Und das könne er sich nicht leisten, seine Schüler spielten und studierten schließlich auf chess.com. Dessen Chefs beschreibt die New York Times ambivalent: “Freundlich und zuvorkommend, echte Fans des Spiels, die die Bewunderung vieler Spieler gewonnen haben. Aber auch gefürchtet, zumindest von einigen.”

“Eine Heulsuse”

Finegold fürchtet sich offenbar nicht. Der 53-Jährige mit eigenwilligem Humor und Hang zur Polemik gehört zu denjenigen Schachspielern, die sich während der Pandemie auf Twitch und YouTube selbst zur Marke gemacht haben. Seine Kanäle geben ihm die Freiheit, Magnus Carlsen als “eine große Heulsuse, die sich entschuldigen sollte” zu bezeichnen.

Seine Kontroverse mit chess.com inklusive der gelegentlichen Friedensschlüsse, bevor neuer Krach ausbricht, pflegt Finegold mit Hingabe, so intensiv, dass ihm jetzt chess.com-Co-Chef Daniel Rensch eine E-Mail schickte, deren Inhalt laut New York Times “wie eine nicht sehr subtile Drohung” klang. Inhalt: Ob Finegold wegen all der negativen Dinge, die er über chess.com gesaqt habe, nicht besser davon Abstand nehmen sollte, auf chess.com Schach zu spielen. Gegenüber der Zeitung sagte Rensch, der E-Mail-Austausch mit Finegold sei “gut und gesund” gewesen.

Alle neuen Entwicklungen stets im Carlsen-Niemann-Thread auf dieser Seite

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Anton
Anton
1 Monat zuvor

Was macht eigentlich die durch den Skandal gegründete Anti-Cheating-Fide-Kommision? Oder anders, wann hören wir mal von ihr zu welchen Erkenntnissen sie gelangt ist?

Matthias Hausknecht
Matthias Hausknecht
1 Monat zuvor

Ich schließe mich Herrn Richter an. Wer eine andere Meinung vertritt als die vom Establishment propagierte, darf das nicht, ohne daß seine Reputation Kratzer bekommt. Ich bin deshalb ganz auf der Seite unserer authistischen Heulsuse und seiner supergrossmeisterlichen Handpuppen.

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor

Es geht ja eher nicht um “Meinungen”, sondern darum auf Basis welcher Methoden und Daten man betrifft Cheating Schlussfolgerungen zieht. Regan gebraucht objektive Kriterien, andere verwenden ihr “Bauchgefühl”. Nur zu Niemanns Elo-Aufstieg äußerte Regan eine – ebenfalls datenbasierte – Meinung. Ich war nun neugierig und betrieb ein bisschen Zahlenspielerei: Wie viele _Partien_ brauchten Jungtalente etwa für die Elo-Hunderterschritte 2500-2600 und 2600-2700? “Etwa” da ich offizielle Elozahlen berücksichtigte, nicht Live-Ratings. Es gibt noch mehr Faktoren, die es womöglich etwas relativieren, Rechenfehler schließe ich auch nicht aus. Aber mein Ansatz war “ergebnisoffen” – bei chess.com vermute ich, dass sie Parameter so auswählten… Weiterlesen »

Chris
Chris
1 Monat zuvor
Reply to  Thomas Richter

Wobei auch die Partien als alleiniges Mass nicht unbedingt gut sind. Die Partien sind wichtig um die Spielstärke vernünftig zu repräsentieren, aber viele Partien in kurzer Zeit bedeuten auch das diese mit Wenig vorbereitung gespielt werden und wenig Zeit für Training dazwischen ist. Was einerseits Bedeutet ja es hilft die effekte der Pandemiepause zu reduzieren, bei dem die Elo eingefrohren war … Aber bei schlecht vorbereiteten Spielen, ist die Performance eher schlechter ebenso bei wenig Pausen zwischen diesen -> er spielt eher schlechter als seine Spielstärke und dürfte tendenziell noch stärker sein (folgt noch größere Verbesserung). Bei Aliza war der… Weiterlesen »

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor
Reply to  Chris

All das kann man erwähnen aber auch jedenfalls relativieren: Viel trainiert hatte er wohl in der Zeit zuvor, als Schach am Brett kaum möglich war. Er spielte dann vor allem offene Turniere, bei denen sich beide kaum aufeinander vorbereiten können da Paarungen ja erst kurz vorher bekannt sind. “Bei Aliza war der Pfad zum Super GM auch eher absehbarer” beinhaltet vielleicht auch, dass er eine Lobby hatte – wie auch Praggnanandhaa, der objektiv gegenüber den anderen Jungtalenten Nachholbedarf hat. Keymer hatte international nicht unbedingt eine Lobby. Erigaisi war auch “auf einmal irgendwie da”: Ende 2017 hatte er mit 14 “bescheidene”… Weiterlesen »

Last edited 1 Monat zuvor by Thomas Richter
Chris
Chris
1 Monat zuvor
Reply to  Thomas Richter

Die Gerüchte rund um Niemann waren ja nicht neu, ich meine auch Nepo erwähnte das er bei seiner Nominierung überlegt hatte selbst zurückzuziehen.

Aber Niemann Post Game analysen sind teils auch sehr cringe, da war auch in Sinquefield Cup was dabei das er Eröffnungen die er offensichtlich vorbereitet hatte nicht verstand oder Carlson eröffnung schon von Carlson gesehen hatte.
Der Tweet danach musste nicht sein, aber das aufgeben nach einen Zug danach kann ich verstehen wenn man ein sehr ungutes Gefühl hat.

Thomas Richter
Thomas Richter
1 Monat zuvor

Warum hat die Reputation von Ken Regan “Kratzer erlitten”? Weil er Beweise (bzw. jedenfalls klare Indizien) verlangt, statt Vorverurteilungen und die Kampagne gegen Niemann zu unterstützen? Darum ging es ja Caruana: Er sagte (zu einem anderen anonymen Spieler) “Cheater”, Regan fand keine Beweise – und Caruana hat nicht deshalb Recht, weil er (noch) bekannter ist und die höhere Elo hat.

“[Caruana] der lautstärkste Vertreter der großen Mehrheit der Elitespieler” – lauter als Nakamura, oder ist der kein Elitespieler?

Last edited 1 Monat zuvor by Thomas Richter
Meter
Meter
1 Monat zuvor
Reply to  Thomas Richter

Caruana sagte, Regans Analysen seien mit Vorsicht zu genießen, weil er (Caruana) mindestens einen Fall kenne, in dem ein “sicherer Betrüger” durch Regans Methodiken entlastet worden sei.

https://www.chessdom.com/fabiano-caruana-i-would-take-regans-analysis-with-a-large-grain-of-salt/