Auf Anhieb in die Nationalmannschaft: Dinara Wagner und Tykhon Cherniaiev, die Neuen im deutschen Kader

Die Leistungskader des Deutschen Schachbunds bekommen Verstärkung. Dinara Wagner, vormals Dordzhieva, wechselt nach ihrer Heirat mit Großmeister Dennis Wagner vom russischen zum deutschen Verband. Tykhon Cherniaiev (12), ukrainisches Supertalent, lebt nach seiner Flucht aus der Ukraine seit dem 8. März in Hamburg. Während Großmeisterin Wagner bei der Schacholympiade erstmals fürs deutsche Team spielen wird, könnte Cherniaiev im Juli bei der U12-Mannschafts-EM unter deutscher Flagge starten.

Beide Wechsel sind nicht kostenlos. Damit Wagner und Cherniaiev um eine Sperrfrist herumkommen und unverzüglich spielberechtigt sind, ist jeweils eine Transfergebühr an den Weltverband FIDE sowie eine Kompensation an den abgebenden Verband fällig, bei Wagner laut FIDE-Handbuch 2000 Euro an die FIDE sowie 4000 an den russischen Verband, bei Cherniaiev 500 an die FIDE sowie 1000 an den ukrainischen Verband. Der Deutsche Schachbund bestätigte auf Anfrage dieser Seite, dass er die Kosten trägt. Die Wechsel seien im sportlichen Interesse des DSB.

https://youtu.be/B7YZN7KKCbA
Dinara Wagner hat mit ihrem Sieg beim “Masters” in Darmstadt gleich mal einen Pflock eingeschlagen. Ende Juli bei der Schacholympiade wird sie erstmals Teil der deutschen Nationalmannschaft sein.

„Ganz generell möchten wir beide Spieler:innen in ihrer schachlichen Entwicklung unterstützen“, sagt DSB-Sprecher Arne Jachmann. Dinara Wagner sei nach ihrem Masters-Sieg nach DWZ die nationale Nummer zwei, Tykhon Cherniaiev sei zum Zeitpunkt der Entscheidung für den Wechsel weltweit die Nummer elf der Zwölfjährigen gewesen. Um solchen Ausnahmespieler:innen die nötige Unterstützung zukommen zu lassen, müssen sie Mitglied in den Kadern des DSB sein. Und das wiederum ist nur möglich, wenn sie bei der FIDE als für den DSB spielberechtigt registriert sind.  

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Beide Wechsel sind unterschiedlicher Natur. Bei Wagner, die in Deutschland studiert und einen Deutschen geheiratet hat, steht er im Einklang mit ihrer Lebenssituation und wird wahrscheinlich permanent sein. Anders Cherniaiev: Er wäre kein Schachdeutscher geworden, hätte nicht Russland seine Heimat überfallen. Es erscheint möglich, wenn nicht wahrscheinlich, dass er mittelfristig zurück zum ukrainischen Verband wechselt.

Die Trennung: Familienvater Sergey Cherniaiev blieb in Charkiw, um die Invasoren zu bekämpfen. Jetzt telefoniert er täglich mit seinem Sohn, der in Hamburg in Sicherheit ist. | via YouTube/PeshkaCh Tihon Chernyaev

Aber jetzt ist er mit Mutter Svetlana, Schwester Ustiniya und der Großmutter erstmal hier, während Vater Sergey daheim in Charkiw hilft, die Invasoren aufzuhalten und, so hatte es zuletzt den Anschein, zurückzudrängen. Täglich telefoniere er mit seinem Vater und bemühe sich, ihn zum Lachen zu bringen, erzählte Tykhon dem Hamburger Abendblatt, das dem Supertalent einen ausführlichen Beitrag widmete.

In der deutschen U12-Rangliste steigt Cherniaiev auf Anhieb auf dem ersten Platz ein – vor dem etwas jüngeren Hussain Besou aus Lippstadt, der in dieser Altersklasse ebenfalls zu den Weltbesten zählt.

Zu einem ersten sportlichen Vergleich dieser beiden Supertalente bei der Deutschen Meisterschach U12 (ab 5. Juni in Willingen) wird es nicht kommen. Cherniaiev verzichtet zugunsten eines stärker besetzten IM-Turniers in Norwegen auf die Deutsche Meisterschaft U12 (ebenso wie in der U14 Leonardo Costa, sodass es bei der “Deutschen” keinen Vergleich mit Marius Deuer geben wird).

Der Draht des Zwölfjährigen nach Hamburg war schon geknüpft, bevor russische Raketen in Charkiw einschlugen. Der einstige U10-Schnellschach- und Blitz-Weltmeister betreibt, unterstützt von seinen Eltern, schon seit 2017 einen YouTube- und einen Twitch-Kanal, auf dem er regelmäßig Schach streamt. 7.000 Menschen folgen ihm allein auf Twitch. Außerdem pflegt er auf chess.com ein vielbeachtetes buntes Blog, das seine Online-Schach-Abenteuer begleitet.

Die fröhlich-unbefangene Persönlichkeit des Supertalents war bei ChessBase aufgefallen und nicht zuletzt der Umstand, dass er bei den Zuschauern ankommt. Das deutsche Schachunternehmen nahm mit dem ukrainischen Schachnewcomer Kontakt auf, daraus erwuchs eine Partnerschaft – die nun in Hilfe für den Kriegsflüchtling Tykhon Cherniaiev mündete.

ChessBase-Chef Rainer Woisin stellte die Zweizimmer-Dienstwohnung des Unternehmens zur Verfügung, und der ChessBase verbundene Schulleiter Björn Lengwenus sorgte dafür, dass er zur Schule gehen kann. Was für ihn eine Premiere ist. Mit Klassenkameraden in einem Unterrichtsraum zu sitzen, kennt Tykhon nicht. In der Ukraine bestimmte nicht sein Stunden-, sondern sein Schachtrainingsplan den Tagesablauf. Schulunterricht hatte er in Charkiw auch, aber online und aus der Ferne.

In Deutschland muss sich nun das Schachtraining nach dem Stundenplan in der Hamburger Eliteschule für Sport richten. Ein Coach ist schon gefunden: Der einstige Bundestrainer Dorian Rogozenco trainiert seinen neuen Vereinskameraden beim Hamburger SK jede Woche für einige Stunden.

Gegenüber dem Hamburger Abendblatt betonte Woisin, dass es bei aller Hilfe nicht darum geht, dem deutschen Schach die Dienste eines Supertalents zu sichern. Der Antrieb sei, Tykhon die bestmögliche Förderung zu ermöglichen. Im Zeitungsbeitrag heißt es: „Alle Seiten wären glücklich, wenn Tykhon nach Kriegsende in seine Heimat zurückkehren könnte.“

(Titelfotos: Deutscher Schachbund)

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Thomas Richter
Thomas Richter
10 Tage zuvor

Wenn Cherniaiev tatsächlich wieder Schach-Ukrainer wird, bekommt der DSB ja die Kompensationsgebühr vom ukrainischen Verband zurück, jedenfalls im Prinzip und womöglich “mit viel Zinsen”. Da der Wechsel zum 1.4. erfolgte waren es wohl 2000 Euro für Elo 2200+ (erst danach ist er auf 2197 “abgestürzt”), ab Elo 2300 werden 4000 Euro fällig.

Ob man, wenn es soweit ist, darauf besteht oder bestehen sollte ist ein anderes Thema. FIDE würde wohl auf jeden Fall doppelt verdienen (wobei sie auch verzichten _könnten_)?

Chris
Chris
1 Tag zuvor

Hätte manCherniaiev nicht einfach so mit ins Förderprogramm nehmen können, ohne vorher einen verbandswechsel anzustreben?

Wirklich klar über seine entscheidung ist er vermutlich nicht, nach 2-3 Monaten in Deutschland.

Kommentator
Kommentator
10 Tage zuvor

Statt ausländische Spieler für viele tausend Euro einzukaufen, sollte der Deutsche Schachbund lieber einheimische Talente fördern. Dass der junge Mann die deutsche Meisterschaft zugunsten eines IM-Turniers im Ausland ignoriert, halte ich für miserablen Stil. Ist es nicht möglich, schachliche und finanzielle Förderungen von der Teilnahme an der deutschen Meisterschaft abhängig zu machen?

Last edited 10 Tage zuvor by Kommentator
Thomas Richter
Thomas Richter
10 Tage zuvor
Reply to  Kommentator

Oft teile ich Deine Ansichten, diesmal nicht. Zunächst müsste ja die genaue zeitliche Abfolge geklärt werden: 1) Wann wurde er für das IM-Turnier in Norwegen eingeladen und hat zugesagt? 2) Wann erfolgte der Verbandswechsel? Das ist dokumentiert, Ende März/Anfang April. Eine Frage wäre auch, ob Conrad Schormann das erst jetzt erfahren hat oder ob es für ihn nur im Doppelpack mit Dinara Wagner Nachrichtenwert hat. Ihr Transfer verlief nicht so glatt: notification date 6. April, transfer date 5. Mai (da war der russische Schachverband nicht kooperativ?) 3) Wann hat die Deutsche Schachjugend beschlossen, dass ukrainische Flüchtlinge direkt bei deutschen Meisterschaften… Weiterlesen »

Klaus Zachmann
Klaus Zachmann
9 Tage zuvor
Reply to  Thomas Richter

Das sehe ich auch so.
Tykhon Cherniaiev bringt es auch mehr, wenn er beim IM-Turnier mitmacht, weil er da mehr gefordert wird.
Supertalente sollten nicht genötigt werden bei einem Kinderturnier mitzumachen.
Die Gründe von Kommentator kann ich nicht nachvollziehen, zumal der DSB für die Jugendförderung wirklich mehr als genug Geld in der Kasse hat.