Der Live-Ticker zur Schach-WM 2021: Magnus Carlsen – Ian Nepomniachtchi 5:3

Schach-WM 2021 in Dubai: Hier bist du stets auf dem neuesten Stand. Partiebeginn freitags bis sonntags, dienstags und mittwochs um 13.30 Uhr. Montag und Donnerstag sind Ruhetage.

Die Partien live verfolgen:

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7. Dezember, 5:3:

7.40: Hier tickert der Ticker ab dem 7. Dezember weiter:

6. Dezember, 5:3

14:00: Sicher ist, Ian Nepomniachtchi muss etwas tun, will er tatsächlich noch das Ruder herumreißen. Eine zentrale Spekulation geht so: Spielt er Königsgambit? Es ist ja erst drei Monate her, da nutzte Nepo die Uralt-Eröffnung, um beim Norway Chess Alireza Firouzja zu besiegen, den neuen Weltranglistenzweiten. Nun könnte ein beinahe hoffnungsloser Rückstand im WM-Match eine neuerliche Gelegenheit sein, zu derart drastischen Maßnahmen zu greifen?! Die erste WM-Partie mit dem Königsgambit wäre es übrigens nicht. Emanuel Lasker hat es in der elften Partie seines WM-Matches gegen David Janowski in Berlin 1910 auch gespielt – und gewonnen. Ein gutes Omen?

10.05: Die WM-Partien für Anfänger und Gelegenheitsspieler herunterbrechen, eine schöne Idee, angestoßen vom Deutschen Meister Jonas Rosner und der DSB-Breitensportreferentin Sandra Schmidt. Nachdem Rosner anfangs ohne Multiplikator einsam vor sich hinsendete, hat der Schachbund sich jetzt dieses Projekts angenommen und verteilt Rosners Videos auch über seinen YouTube-Kanal. Partie acht aus Rosners Perspektive:

9.30: Wegen Menschenrechtsverstößen hat das Europaparlament im September einen Boykott der Expo in Dubai gefordert. 192 Länder, darunter Deutschland, hat das nicht davon abgehalten, ihren Pavillon in einem Polizeistaat aufzubauen, in dem Homosexualität strafbar ist, in dem Wanderarbeiter unter üblen Bedingungen schaffen und in dem von staatlicher Repression bedroht ist, wer sich kritisch äußert. In der Bericherstattung über die Schach-WM hat sich das kaum niedergeschlagen. Nur Nicholas Bergh, WM-Reporter der norwegischen Zeitung Aftenposten, bemüht sich, die dunkle Seite der glitzernden Urlaubsstadt Dubai auszuleuchten. Als Bergh in einer Pressekonferenz Magnus Carlsen fragte, was er von diesem Austragungsort hält, antwortete der: “Gute Frage. Kein Kommentar.” In der gestrigen Ausgabe des Aftenposten hat Bergh die Geschichte des Menschenrechtsaktivisten Ahmed Mansoor in den Schachkontext gestellt. Mansoor sitzt seit 2017 in Haft, 2018 wurde er zu einer zehnjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er hatte in den Sozialen Medien Reformen und Beachtung der Menschenrechte in den Vereinigten Arabischen Emiraten gefordert.

Vor seiner Verhaftung nannte sich Ahmed Mansoor augenzwinkernd “Der letzte Mann, der spricht”: Wie die Vereinigten Arabischen Emirate ihren berühmtesten Kritiker zum Schweigen brachten. | Screenshot via Human Rights Watch
Kasparow-Karpow 1984.

9.00: Kann Nepo noch einmal zurückkommen? Suchen wir nach historischen Referenzen, nach Vorbildern, die zwei Verlustpartien zurücklagen und trotzdem den Titel gewonnen haben. Wir finden Max Euwe, der 1935 gegen Alexander Aljechin zurücklag und doch, sensationell seinerzeit, den hochfavorisierten Titelträger entthronte. Und wir finden Bobby Fischer. Der lag 1972 gegen Boris Spassky schon nach zwei Partien 0:2 zurück und gewann doch. Beide Matches waren deutlich länger als das von 2021, Euwe-Aljechin spielten bis zu 30 Partien, Fischer-Spassky bis zu 24. Offen ist, wie das auf sechs Gewinnpartien angesetzte Match zwischen Garry Kasparow und Anatoli Karpow 1984/85 ausgegangen wäre. Schon nach 9 Partien stand es 4:0 für Karpow, nach 27 Partien 5:0. Dann kam Kasparow zurück, aber nachdem er sich mit 2 Siegen in Partie 47 und 48 auf 3:5 herangekämpft hatte, brach FIDE-Chef Florencio Campomanes den zu diesem Zeitpunkt fast ein halbes Jahr andauernden Wettkampf ab, angeblich, um die Gesundheit der Spieler zu schonen.

5. Dezember, 5:3

19.50: Zusammenfassung eines denkwürdigen Schachwochenendes:

19.45: Nepomniachtchi entschuldigt sich beim Publikum für diese Vorstellung: “Das war unterhalb GM-Level.”

17.35: 1:0.

17.00: Zwei Bauern weniger, die Stellung verloren, aber noch nicht aufgabereif. “Für Magnus eine einfache technische Aufgabe”, sagt Fabiano Caruana. Und will nicht darüber reden, ob sich ein 3:5-Rückstand aufholen lässt. „Die Zeit läuft ihm weg, aber wir können nicht über ein mögliches Comeback sprechen, bevor sich Ian nicht stabilisert hat. Die siebte Partie mag ein Versuch gewesen sein, stabil zu werden, aber wir sehen heute, dass das nicht gereicht hat. Ian in bester Verfassung kann auf Augenhöhe mit Magnus spielen. Solche Fehler wie heute, die passieren einem Spieler seiner Klasse nicht. Wie gut er eigentlich ist, haben wir ja zu Beginn des Matches gesehen, sie waren auf Augenhöhe. In der großartigen sechsten Partie war sogar Ian derjenige, der Gewinnversuche unternommen hat, bevor es ihm entglitten ist. Das war eine Weltklassepartie. Diese achte war das nicht, das war Magnus gegen einen 2200er.“

16.40: Kein hartnäckiger Widerstand, das scheint jetzt schnell den Bach herunterzugehen. 26.Tf4 mit Angriff auf f7 ist eine fürchterliche, kaum zu parierende Drohung. “Plus vier” sagt die Maschine.

16.10: Nicht am Zug, trotzdem am Brett. Voller Fokus. Dies ist die Gelegenheit, das Match so gut wie zuzumachen. Nepo, am Zug, ärgert sich hinter den Kulissen – und muss den Frust ausblenden und seinerseits den Fokus finden, um jetzt den hartnäckigstmöglichen Widerstand zu leisten und Probleme zu stellen.

16.00: Nepo greift daneben! 21…b5? Magnus kann jetzt 22.Da3+ nebst Dxa7 spielen, und der Lc4 ist tabu wegen Da8+ und aus. “Game over”, sagt, etwas voreilig, Anish Giri, der für chess24 an der Seite von Judit Polgar kommentiert. Game over, so weit ist es noch nicht, aber wir nähern uns der Vorentscheidung im Match.

15.40: Geht da noch was? Und wenn ja, für wen? Ungewöhnliche Konstellation: Die Struktur symmetrisch, aber normalerweise würde jetzt auf der e-Linie das letzte Material weggesaugt, und das wäre es dann. Hier gehört Weiß die e-Linie, aber seine Perspektiven dort sind limitiert durch den sich anbahnenden und potenziell kräftigen schwarzen Aufmarsch am Königsflügel. Remisträchtig, ja. Remis`? Noch lange nicht.

15.10: Früher hätte sich nicht nur der Schreiber dieser Zeilen die Finger danach geleckt, es kaum erwarten können: der große Peter Svidler kommentiert die WM, mal mit Evgeny “Miro” Miroshnichenko, mal mit Exweltmeister Vladimir Kramnik. Aber zur Schach-WM 2021 ist das Angebot derart groß und durchweg derart gut, dass am Bodensee tatsächlich erst zur achten Partie zum ersten Mal Svidler läuft. Die heute übetrieben zahlreichen und ausgiebigen (Werbe-)Untgerbrechungen auf dem chess.com-Kanal haben das Umschalten ausgelöst.

14.15:

14.00: Korrektur, Nepo zieht nicht das gefährliche 9…0-0 (ein Anzeigefehler am Bodensee?), sondern nach knapp 17 Minuten 9…h5. What!? Jetzt wird er mit in der Mitte festgenageltem König spielen müssen. Niclas Huschenbeth hat sich schon ein Urteil gebildet: “Nepo played 8…Bd6 too quickly, being deceived by the seemingly harmless symmetrical position. Great prep by Team Carlsen!”, twittert der YouTube-Großmeister.

13.45: Russisch. Das sieht arg symmetrisch aus. Aber noch stehen Puppen auf dem Brett, noch ist Leben in der Bude. Das Leben hängt unter anderem damit zusammen, dass Schwarz jetzt nicht gänzlich unbedrängt seinen König aus der offenen e-Linie rochieren kann. Weiß würde Dh5 antworten und bekäme garstiges Spiel gegen die Bastion des schwarzen Königs, die sogleich zu einer ersten Lockerungsübung gezwungen wäre. Aber wenn nicht Rochade, was dann? Diese Frage stellt sich Nepo eine Viertelstunde lang – und rochiert dann doch. Schaun mer mal.

Bild

10.30: Eine zündende Idee gegen Russisch oder im Katalanischen könnte Team Carlsen für die heutige Weißpartie gut gebrauchen. Wenn der einstige WM-Herausforderer Nigel Short eine solche Idee hätte, er würde eher seinen Kopf in einen Zementmischer stecken, als sie Carlsens Teamchef Peter-Heine Nielsen zu verraten. Die Abneigung des jetzigen FIDE-Vizepräsidenten Short gegen den langjährigen Carlsen-Sekundanten hängt mit der Neigung Nielsens zusammen, von der FIDE das einzufordern, was die neue Führung um Präsident Arkadi Dvorkovich und Vize Short vor ihrer Wahl versprochen hat: Transparenz und Verlässlichkeit. Das hat bislang nicht so richtig funktioniert, und Nielsen ist derjenige, der Short zur Twitterweißglut bringt, indem er immer wieder den Finger in diese Wunde legt. Wenn etwa aus unbekannten Gründen ein sechsstelliger Dollarbetrag eines Verbandssponsors auf das Privatkonto eines führenden FIDE-Manns wandert, dann weiß die Schachszene in erster Linie davon, weil Peter-Heine Nielsen es publik macht. Magnus Carlsen kann mit diesem Dauerkonflikt zwischen seinem Teamchef und dem WM-Ausrichter leben. Dazu befragt, kommentierte er knapp, für Nielsen gelte Meinungs- und Redefreiheit. Wichtiger als eine Debatte um diese Baustelle wäre dem Weltmeister wahrscheinlich eine zündende Idee gegen Russisch oder im Katalanischen. Ob Nielsen ohne Shorts Hilfe eine gefunden hat, werden wir in drei Stunden sehen.

Jon-Ludvig Hammer (groß) und Robert Hess bei der Analyse des Geschehenen. | via chess.com/YouTube

9.45: Den großen emotionalen Moment der siebten Partie schufen nicht die Spieler, sondern ein Beobachter. US-Großmeister Robert Hess war bei seinem kritischen Ausbruch in Richtung Herausforderer (16.10 Uhr, 4. Dezember) anzumerken, wie sehr er mitfiebert. Hinterher ruderte Hess ein wenig zurück, stellte klar, dass er sportlich bei weitem nicht auf Augenhöhe mit einem Ian Nepomniachtchi steht, blieb aber bei seiner Kritik in der Sache. Und Fabiano Caruana, jemand auf Nepo-Augenhöhe, stimmte ihm zu. Wenig später holten sich die beiden Input von außerhalb des Studios. Und der fiel unterschiedlich aus. Levon Aronian diagnostizierte ein Problem bei der Attitüde in Team Nepo, gar nicht so sehr bei der konkreten Vorbereitung auf Partie sieben. Carlsen-Vertrauter Jon-Ludvig Hammer sah das anders: Magnus habe dieselbe passive Stellung und denselben Plan gespielt wie in der fünften Partie, trotzdem habe Nepo nichts Bissiges parat gehabt, dass zu etwas anderem führt als ins baldige Nirgendwo. Allerdings ist Hammer auch mit der Weiß-Vorbereitung seines langjährigen Weggefährten nicht einverstanden. Magnus’ Spiel mit Weiß fehle die Ambition – außer in Partie zwei. “Und die hätte er um ein Haar verloren.”

4. Dezember, 4:3

16.30: Familie Carlsen bestätigt indirekt, dass dieses ein guter Tag für den Herausforderer gewesen wäre zu versuchen, alles herauszuquetschen, was drin ist. “Seit Jahren nicht so aufgewühlt nach einem Sieg” hat Henrik Carlsen gestern Nacht seinen Sohn erlebt. “Ich war so müde, hatte quasi nicht geschlafen”, erklärt Magnus Carlsen. Sein wesentlicher Gedanke während der siebten Partie sei gewesen, dass es “Ian wahrscheinlich noch schlechter geht”.

16.15: Das Argument “Heute möchte ich nur schnell Feierabend machen” lässt Fabiano Caruana nicht gelten. “Diese Chance bekommst du nur einmal. Ausruhen kannst du nach dem Match.”

16.10: Wow, Robert Hess ist sauer. “Fast unentschuldbar auf WM-Level” sei es, hier auf f6 zu tauschen und damit den Schwarzen zu entlasten, ihm die Verteidigungsaufgabe zu vereinfachen, anstatt bei vollem Brett weiter mit Raum- und anhaltendem, leichten Stellungsvorteil zu operieren. Womöglich ist dies die Stelle gewesen, die zeigt, wie sehr Nepo heute einfach nur schnell Feierabend machen wollte, auch wenn es bis dahin recht angenehm für ihn aussah.

16.05: Und dann ganz schnell das Brett gestaubsaugt. Remis.

16.00: Wir sehen das Gesicht, ein symmetrisches. Zeichnet sich jetzt schon das ab, was hier um 12.50 Uhr als “wäre keine Überraschung” bezeichnet worden ist? Magnus könnte damit gewiss leben, und Nepo mag sich nach dem gestrigen Drama heute nicht nach einem weiteren fühlen.

15.40: Die Stellung wird jetzt ihr Gesicht für das weitere Mittelspiel bekommen, abhängig davon, wie die beiden nach 21…c5! die Spannung im Zentrum lösen (oder erhalten). Die Maschine ist mittlerweile sehr einverstanden mit der schwarzen Stellung, es sei gänzlich ausgeglichen, meldet der elektronische Helfer.

15.10: Forcierte Abspiele vermeiden, sich langsam reinbeißen: Erwin L’Ami, Sekundant von Anish Giri, erklärt auf Twitter, was der Weltmeister tut: “Today, play has been very similar to Magnus’s previous games with the black pieces. He again chose a system where he may be slightly worse, yet solid. The idea seems to be to equalize slowly but surely, avoiding forcing lines.”

14.05: Besser als der Ausfall des elektronischen Brettes in der ersten Partie: Stromausfall im Studio von chess.com, aber offenbar schnell behoben laut Daniel Rensch.

https://twitter.com/DanielRensch/status/1467117125491847169

13.45: Aber auch dieses finden die Fachleute günstig für Weiß. Der Sc3 beugt schwarzem …d5 vor, schwarzem …Le6 auch (dann käme Sd5), und das typische …Sa5 nebst …c5 ist für Schwarz auch nicht in Sicht, während der schwarze Le7 sich eingesperrt fühlt. “Erstaunlich, Nepo hat keine Schwierigkeiten, vorteilhafte Stellungen zu bekommen. Was fehlt, ist, dass er sie verwertet”, sagt Großmeister Robert Hess.

13.40: Oh, nein. Nepo weicht von der fünften Partie ab, obwohl die so günstig für ihn war?! 11.d3 ergibt eine andere Struktur, eine andere Partie. Im chess.com-Stream hat Fabiano Caruana dazu eine Menge zu erzählen. Die beiden Kontrahenten befinden sich inmitten Caruanas Vorbereitung auf das WM-Match 2018.

13.35: Nepo macht so weiter wie bisher, Anti-Marshall. Keine Überraschung. Überraschend ist vielleicht, dass Magnus Carlsen ebenfalls so weitermacht wie bisher. …Tb8, das ist ein Nebenweg, vielleicht nicht der allerbeste, und damit war Carlsen in der fünften Partie in Schwierigkeiten geraten, wandelte am Rande der Verlustgefahr. Was hat er für heute ausgekocht? Er wird die fünfte Partie verbessern müssen, bevor Nepo das tut.

12.50: Bislang war die Verwunderung unter den zuschauenden Fachleuten groß. Ist das wirklich Ian Nepomniachtchi, der da Magnus Carlsen gegenübersitzt, der launenhafte Nepo, oder handelt es sich womöglich um einen Sergej Karjakin 2.0, eine verbesserte Version des WM-Herausforderers von 2016? Solide, wo Solidität angebracht war, mutig, wo er Chancen witterte, bis in die Haarspitzen präpariert, ganz ohne Aussetzer und zu schnelle Larifari-Züge, und das garniert mit einem Repertoire, das genau darauf abgestimmt zu sein scheint, dem norwegischen Schach-Endgegner das Leben so schwer wie möglich zu machen. Und jetzt? Nepo wird Luft reinlassen müssen, und das umso mehr, je näher die 14. Partie rückt. Andererseits: Schwer vorstellbar, dass er nach dem gestrigen Drama nicht angeschlagen und gänzlich unbeeindruckt ist. Heute noch eine Nummer-Sicher-Partie, bevor er aufdreht, wäre vor diesem Hintergrund vorstellbar, ein wenig ereignisreiches Remis keine Überraschung. Andererseits würde ihn ein Wegschenken dieser Weißpartie zwingen, kommende Woche umso mehr Risiko zu nehmen. Seien wir gespannt. Gute halbe Stunde noch, dann geht’s los.

Ian Nepomniachtchi. | Foto: Niki Riga/FIDE

11.00: Bevor wir jetzt nach vorne gucken, müssen wir Ian Nepomniachtchi abfeiern. Was der Russe gestern abgeliefert hat, das war in jeder Hinsicht eines ambitionierten WM-Herausforderers würdig. Mit einem neuen Eröffnungskonzept konfrontiert, hat er sich nicht eingeigelt, sondern mutig gewehrt. Und ist mit Schwarz gleich mehrfach auf den vollen Punkt gegangen. 11…b5, Extraklasse. Und es war Nepo, der mit 17…gxf6 die Damen auf dem Brett ließ und Gewinnchancen suchte. Es war Nepo, der mit 25…Tac8 ein weiteres Ungleichgewicht provozierte, indem er die heikle Konstellation Dame vs. 2 Türme zuließ. Ohne diesen Herausforderer wäre diese Ausnahmepartie nicht möglich gewesen. Nach dem brutalsmöglichen Niederschlag am Ende des gigantischen Ringens hat es Nepo vor dem Presse-Gericht wacker zusammengehalten. “No big deal” sei die Niederlage in der längsten Partie der WM-Geschichte gewesen, log der 31-Jährige, bevor er sich in die arabische Nacht und die Obhut seines Teams zurückzog. Gönnen wir ihm, dass er gut geschlafen hat.

9.25: Zum Griechen geht er gerne, aber wenn es so lange dauert… Für den Spruch des Tages war gestern Mister Chessexplained Christof Sielecki zuständig (siehe Tweet unten). Mister The Big Greek Georgios Souleidis hatte ihn eingeladen, gemeinsam im Stream die sechste Partie zu kommentieren. Dass das acht Stunden dauert, hatte Sielecki nicht erwartet. Die Twitch-Extraschicht führte dazu, dass Sieleckis geplanter freitäglicher Arbeitsabend ausfiel. Am heutigen Samstag musste er sich schon um 6 Uhr aus den Federn quälen, um an seinen neuesten Chessable-Projekten zu arbeiten.

8.40: 5 Jahre und 9 Tage musste Magnus Carlsen auf diesen Sieg in einer klassischen WM-Partie warten, ein Sieg, der sich über 2 Tage erstreckte. Als nach 7 Stunden und 47 Minuten Spielzeit und 136 Zügen Ian Nepomniachtchi die Hand übers Brett reichte, war es in Dubai 17 Minuten nach 0 Uhr. Mit 136 Zügen hatten die beiden die längste Partie der WM-Geschichte gespielt (Rekord bis dahin: Viktor Kortschnoi versus Anatoli Karpow, Baguio City 1978, 124 Züge) – und konnten den Arbeitstag damit nicht beschließen. Interviews und Pressekonferenz standen auf dem Programm. Fun Fact: Die gestrige Partie hat länger gedauert als alle Episoden des Queen’s Gambit zusammen.

“Wie fühlen Sie sich?” | Foto: David Llada/FIDE

8.35: Das WM-Ritual vor dem Einschlafen fiel am Bodensee gestern aus: die eloquent-instruktive Analyse der Partie von Alejandro Ramirez anschauen. Gestern war es zu spät geworden. Holen wir das halt heute Morgen beim ersten Kaffee nach.

8.30: Fünf Stunden noch, dann geht’s endlich weiter.

3. Dezember, 3,5:2,5

21.17: 1:0 nach 136 Zügen. Brutal. Episch.

21.10: Matt in 60 laut Supercomputer Sesse.

Bild

20.55: Wie lang war eigentliche die längste WM-Partie jemals? Diese hat jetzt die 120-Züge-Marke überschritten. Und wir sind im Tablebase-Territorium (siehe Link unten), können das perfekte Spiel ablesen. Egal wie hart Magnus das knetet, Gott oder eine Tablebase würden die schwarze Stellung halten. Für Nepo grenzt diese Aufgabe nach 7,5 Stunden ans Übermenschliche.

20.20: Die letzte Wendung. Dieses ist das Endspiel, mit dem Magnus erstmals nach 5 Jahren eine WM-Partie gewinnen will. Theoretisch kann Schwarz das halten. Und praktisch? Nach 7-stündiger Massage ohne Zeit auf der Uhr? “A very tough ending to defend”, sagt Fabiano Caruana.

20.15: Magnus 1 Minute, Nepo 4. Aber Nepos Stellung schwieriger zu spielen.

20.05: Was für eine Schlacht. Egal, wie das ausgeht.

19.50: Die weißen Türme sind voll mobilisiert, eingedrungen auf der achten Reihe. Aber wozu führt das? Wo ist der Plan? Beiden Akteuren läuft die Bedenkzeit davon, bald werden beide allein auf ihr 30-Sekunden-Increment pro Zug angewiesen sein. Das macht Fehler wahrscheinlicher.

19.30: Der schwarze a-Bauer ist gefallen – aber der weiße f-Bauer hat sich bewegt. Judit Polgar mag das gar nicht, viel zu früh für ihren Geschmack. Jetzt hat Schwarz Gegenspiel wegen des unsicheren weißen Königs, während Weiß es erst einmal nicht schafft, den schwarzen h-Bauern als Ziel aufs Korn zu nehmen. Es ist weiter völlig unklar, ob Nepo diese ausgiebige Massage überstehen wird oder nicht, wir werden hier noch ein Weilchen sitzen. Aber die schwarzen Remischancen erscheinen sehr real.

18.50: “Gegen Anatoli Karpov möchte ich das nicht mit Schwarz verteidigen”, sagt Judit Polgar. Etwa lieber gegen Carlsen, liebe Judit? Die schwarze Strukur ist ruiniert, aber solange der schwarze Freibauer lebt und beide weißen Türme bindet, ist Schwarz nahe am okay. Wird der Freibauer ewig leben?

17.50: Sogar in beide Richtungen ist das Pendel ausgeschlagen, es ging hin und her und stand auf des Messers Schneide in beiderseitiger Zeitnot. Beide verpassen Wege, klar in Vorteil zu kommen. Jetzt üben wir ein Endspiel, dass tendenziell ausgeglichen, aber weit entfernt von klar ist. Aufregend!

17.05: Zwei Türme oder die Dame, was ist besser? Springer oder Läufer, was ist besser? Die übliche Antwort beim Schach: It depends… Wir sind im Endspiel, ausgeglichen, aber die beiden Fragen zeigen, dass Ungleichgewichte auf dem Brett stehen. Ob das Pendel noch in die eine oder andere Richtung ausschlägt?

15.20: Symmetrische Struktur, aber volles Brett. Mit Lg5 deutete Magnus an, dass er bereit ist, sein Läuferpaar aufzugeben, um die schwarze Struktur am Königsflügel zu schwächen. Dann alles tauschen, dann mit König nach h6 laufen und das Endspiel gewinnen? So einfach wird es in der Partie wahrscheinlich nicht. Objektiv betrachtet, hat Nepo seine Eröffnungsprobleme überzeugend (und mutig!) gelöst, alles entwickelt, und die Lage ist ausgeglichen. Nach einer Interpretation von Jonathan Tisdall dürfte Magnus damit trotzdem zufrieden sein: Der Weltmeister wolle einfach nur möglichst schnell bekanntes Terrain verlassen, um einen Kampf Mann gegen Mann zu bekommen, sein altes Erfolgsrezept aus der Prä-AlphaZero-Ära

Rechts die tatsächliche Position, links läuft der weiße König nach h7. | via chess.com/YouTube

14.30: Von Magnus’ neuem Konzept überrascht, in unbekanntes Terrain geführt, wählt Nepomniachtchi den aggressivsten Weg, sich zu wehren: …b5. Das sieht taktisch superanfällig aus angesichts der Ansammlung ungedeckter Figuren auf der c-Linie und des katalansichen Läufers, der jetzt potenziell bis a8 guckt. Aber die Maschine sagt, das geht, das ist sogar der beste Zug.

14.05: Er nimmt ihn nicht. Und er ist offensichtlich auf sich gestellt, fernab jeglicher Vorbereitung. Und eine halbe Stunde hinterher auf der Uhr.

14.00: Tiktok tiktok, macht die Uhr (nicht, es ist ja eine elektronische). Wenn Nepo nimmt hat er einen Bauern mehr, wird objektiv okay sein, aber für lange Zeit unter positionellem Druck stehen in einer Konstellation, die Magnus vorbereitet hat. Aber gibt es einen Weg, den Bauern nicht zu nehmen und ebenfalls eine Stellung zu bekommen, die objektiv nahe am Ausgleich ist?

13.55: Bauernopfer! “Ein komplett neues Konzept”, jubiliert Fabiano Caruana, und chess.com-Chef Danny Rensch “fühlt es schon”. Selbst die Maschine sagt, Weiß habe prächtige Aussichten, gute Kompensation für seinen Bauern zu bekommen. Allerdings muss Nepomniachtchi erst einmal die Frage beantworten, ob er dieses Opfer annimmt.

13.45: Okay, Katalanisch oder zumindest ein naher Verwandter. Und Nepo denkt. Sicher ist, dieses wird kein bis zum 20. Zug präpariertes Theorieduell, sondern eine Partie von Beginn an. Ginge es nach Magnus, dann wahrscheinlich eine schwerblütige, strategische, lange Partie. Ob Rechenteufel Nepo die Sache taktisch aufladen und anheizen kann? Im Stream erklären sie gerade, wie Weiß gesplittete Damenflügelbauern verhindert, sollte Nepo jetzt auf c4 schlagen.

13.35: Katalanisch! Wird es ein Schlafwagenkatalane oder ein wilder Ritt wie in Partie zwei? Oder am Ende gar kein Katalane? Auf dem Brett steht 1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.g3. Mit 3…g6 könnte Nepomniachtchi Weiß auch auch in ein Beton-Abspiel seines geliebten Grünfeld-Inders locken.

12.10: Was passiert, wenn ein schachinteressierter Laie an den falschen WM-Stream gerät, beschreibt Watson-Autor Philipp Reich heute ausführlich: “Doch die Einstiegshürde ist für Laien viel zu groß. Katalanische Eröffnung, russische Verteidigung – das kommt mir alles spanisch vor. Die zu erwartenden Züge werden von den Youtube-Experten viel zu schnell vorgetragen. Keine Chance, dass ich da gedanklich mitkomme. Dabei wäre beim aktuellen Modus mit der vielen Bedenkzeit ja gerade genügend Zeit vorhanden, um die Beweggründe für die einzelnen Züge oder Strategien verständlicher auszuführen.” Reich findet, Schach müsste auch für Laien zugänglich gemacht werden – und übersieht, dass das längst der Fall ist. Perlen-Autor Jochen Jansen dazu:

Besagten Houska-Howell-Laien-Stream von chess24 hat Magnus-Manager und -Tourdirektor Arne Horvei erfunden und konzipiert. Wohl und Wehe von Horveis-PlayMagnus-Gruppe hängen erheblich davon ab, ob es dem Unternehmen gelingt, mit solchen Angeboten dem Schach neues Publikum zuzuführen und dieses zu halten. Darüber haben wir unlängst ausführlich und im Detail mit Horvei gesprochen:

9.00: Die Schach-WM 2021 läuft noch, da wirft schon die Schach-WM 2022 ihre Schatten voraus. Fünf der acht Teilnehmer des Kandidatenturniers 2022 stehen fest, einer wird in Dubai ermittelt – oder nicht? Angenommen, Magnus Carlsen verliert das WM-Match, würde er sich beim Kandidatenturnier 2022 neu anstellen? Ob sich diese Frage stellen wird, werden wir in zwei Wochen wissen. Schon jetzt, seitdem die Dezember-Weltrangliste der FIDE veröffentlicht ist, wissen wir, dass beim Grand Prix 2022 die potenziellen WM-Kandidaten in einem ungekannten Maße Schlange stehen werden. Weil es keinen Rating-Platz gibt, weil sich zudem mit Alireza Firouzja und Jan-Krzysztof Duda zwei Youngster fürs Kandidatenturnier qualifiziert haben, weil Remiskönig Teimour Radjabov einen Platz geschenkt bekommen hat, müssen die Schachfreunde und mehr als würdige WM-Kandidaten Ding, So, Giri und wie sie alle heißen ab Februar 2022 beim Grand Prix in Berlin und Belgrad um die letzen beiden Spots kämpfen. Mittendrin: Vincent Keymer bei seinem ersten Anlauf in einem WM-Qualifikationszyklus.

Der 1972er-WM-Tisch

8.25: Während sich um die WM-Stühle oft verrückte Geschichten ranken (siehe Link unten), erlangen die meisten WM-Tische bald den Status eines exklusiven Sammlerstücks oder eines Exponats in einem Museum. Zur WM 2021 wollte die FIDE den Schöpfer des 1972er Tischs, den isländischen Designer Gunnar Magnússon, ehren, indem sie Carlsen und Nepomniachtchi auf einem Replikat des Schachmöbels spielen lässt, auf dem vor knapp 50 Jahren Bobby Fischer und Boris Spassky gespielt haben. Aber das ließ sich rechtlich nicht verwirklichen, der Tisch von 1972 soll ein Unikat bleiben. Und so ist der 2021er-Tisch nun an diejenigen angelehnt, mit denen bei der Schacholympiade 1966 in Havanna gespielt wurde. Ein besonderes Feature: Damit die Müsli- oder Schokoriegel der Spieler nicht am Rande der Spielfläche ein WM-unwürdiges Bild abgeben, befinden sich unter dieser Fläche kleine Ablagen, in denen Carlsen und Nepo bunkern können, was sie brauchen, falls der kleine Hunger kommt.

Das Brett, das nicht nur den beiden Protagonisten in Dubai die Welt bedeutet. | Foto: FIDE

Was bisher geschah:

(Titelfoto: Eric Rosen/FIDE)

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Amontillado
Amontillado
6 Monate zuvor

“Angenommen, Magnus Carlsen verliert das WM-Match, würde er sich beim Kandidatenturnier 2022 neu anstellen?” Wie sicher können wir uns eigentlich sein, dass er, im Falle er gewinnt, seinen Titel nächstes Jahr verteidigen wird? Er hat schon nach den letzten WM-Matches gegen Karjakin und Caruana immer Zweifel offengelassen, ob er zur Titelverteidigung überhaupt antreten wird, und hat auch wiederholt deutlich gemacht, dass er keine große Lust auf diese Matches hat. Erst kürzlich hat er wieder zum besten gegeben, dass er auch ganz gut ohne den Titel leben könnte. Ich schätze mal, dass er trotzdem immer wieder antritt, dürfte zum einen am… Weiterlesen »

Gerald
Gerald
6 Monate zuvor
Reply to  Amontillado

Ich nehme nicht alles für bare Münze, was Profisportler öffentlich verbreiten. Letztlich werden 2 Mio. Preisgeld zwischen Carlsen und Nepo aufgeteilt. Welche Turniere können da mithalten? Im Schach ist das schon ein sattes Preisgeld. Daneben gibt es noch einen großen Werbeeffekt. Die WM wird von viel mehr Leuten beobachtet als z. B. das Tata Steel Tournament. Letztlich kann ein WM-Titel auch besser vermarktet werden als jeder Turniersieg. Warum soll Carlsen also lieber 14 Partien bei einem Turnier als bei der WM spielen? Ich halte seine Äußerungen daher für Taktiererei, um den WM-Modus mehr nach seinen Wünschen gestalten zu können. Ein… Weiterlesen »

Last edited 6 Monate zuvor by Gerald
Lukas
6 Monate zuvor

Nach dem unfassbaren Match 6 wohl kaum überraschend, dass diese Partie relativ zielstrebig und zügig in Richtung Remis ging. Hoffentlich haben sich die beiden für das Spiel heute erholt und Nepo fängt an, etwas mehr Risiko zu gehen. Es bleibt spannend!

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