Michael S. Langer zum Spielbetrieb: “Weigere mich zu resignieren.”

Den Spielbetrieb unterbrechen? Und falls nicht: Maskenpflicht am Brett? Mit der vierten Welle stehen solche Themen wieder ganz oben auf der Agenda, teilweise ruht der traditionelle Spielbetrieb schon. In Niedersachsen zum Beispiel. Wir haben mit Michael S. Langer, Präsident des Niedersächsischen Schachverbands, über die Entscheidung gesprochen, die gerade begonnene Saison auf Eis zu legen.

Michael, Niedersachsen hat den Spielbetrieb unterbrochen.

Ja, das hatten wir für den Fall angekündigt, dass in Niedersachsen die Warnstufe 2 in Kraft tritt. Und das ist jetzt zum 1.12. passiert.

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Deine Position war bislang, den Spielbetrieb trotz Pandemie laufen zu lassen: Diejenigen, die spielen wollen, sollen spielen, und alle anderen bleiben zu Hause. Was ist jetzt anders?

Michael S. Langer. | Foto: CSA

Meine Aufgabe als Präsident des Landesverbands ist, denjenigen, die spielen wollen, Angebote zu machen, so lange das irgendwie geht. Aber wir können ja nicht ignorieren, was das mit Warnstufe 2 einhergehende 2G+ bedeutet: Tests am Spielort, Tests maximal 24 Stunden alt, besondere und nicht abschließend klare Verfahren für Jugendliche und so weiter. Das überfordert den Amateursport, nicht nur im Schach.

Was ist mit eurer Landeseinzelmeisterschaft?

Unser jährlicher Höhepunkt sollte nach der Unterbrechung 2021 im Januar wieder in Verden stattfinden. Aufgrund der aktuellen Situation haben wir das Turnier auf unbestimmte Zeit verschoben.

Beim Spielbetrieb redet Ihr wahrscheinlich sehr bewusst von „unterbrechen“, nicht „abbrechen“?

Wir haben auch 2020 unterbrochen und im Spätsommer beendet. Die geplante Überbrückung 2020/21 musste gänzlich ausfallen. Einen Abbruch möchten wir unbedingt vermeiden, um den Schaden zu begrenzen bzw. zu verhindern.

Schaden?

Eigentlich bräuchten die Vereine seit Monaten kontinuierliche Wiederaufbauarbeit. Aber ohne Spielbetrieb ist das schwierig.

Nicht nur Wiederaufbauarbeit. Auch Integrationsarbeit. Es stehen ja jede Menge neue Leute vor den Türen. Wenn diese Türen jetzt geschlossen bleiben, das wäre bitter.

Ein zu langes Aussetzen des Spielbetriebs wird in unserer Vereinslandschaft dazu führen, dass sich noch mehr die Spreu vom Weizen trennt. Einige Vereine, die jetzt schon kriseln, werden nicht mehr in die Spur kommen. Dort steht das Vereinsleben bereits kurz vor dem Erliegen. Andere werden auch eine weitere Auszeit überstehen, vielleicht wachsen sie sogar. Wir haben ja schon in den vergangenen Monaten erlebt, dass Vereine unterschiedlich gut zurück zu ihren Abläufen gefunden oder sich neu erfunden haben. Das wird sich nach meiner Einschätzung so fortsetzen.

Wie sind die Mitgliederzahlen im Land?

Die aktuellsten Zahlen sind die aus dem Sommer, die traditionell eher Zuwächse abbilden. Aber darauf kann man sich schlecht verlassen, weil Neuzugänge zu diesem Zeitpunkt noch nicht beitragspflichtig sind. Der Beitrag wird mit den Zahlen Anfang 2022 ermittelt. Ich schaue derzeit weniger auf Gesamtstatistiken, mehr auf einzelne Vereine, meinen zum Beispiel. Der ist mit 79 Mitgliedern in die Pandemie gegangen und steht jetzt bei 104. Es gibt aber auch Gegenbeispiele, Vereine, die deutlich kleiner geworden sind. Das ist sehr unterschiedlich, und es hängt in den meisten Fällen damit zusammen, ob der Verein während der Pandemie online und kommunikativ unterwegs war oder nicht. Diejenigen, die wachsen, haben einen enormen Zulauf im Bereich des Breitenschachs. Mehrheitlich Leute, die aus dem Onlineschach zum Verein gefunden haben. Als Verband wollen wir die Mitgliederzahl so stabil wie in diesen Zeiten möglich halten.

Gerade jetzt wäre es toll, den neuen Leuten etwas anbieten zu können, sie einzubinden. Vielleicht haben wir beim Ausmalen künftiger Szenarien alle nicht verstanden, dass das Virus nicht weggeht? Vielleicht haben wir uns etwas vorgemacht? Es war immer von „nach der Pandemie die Rede“, obwohl ein „Danach“ nie abzusehen war.

Unabhängig vom Schach müssen wir uns gesellschaftspolitisch eingestehen: Wir befinden uns in der Pandemie, und das wahrscheinlich noch lange. Damit müssen wir arbeiten. Als normaler Bürger würde ich keinem Virologen widersprechen, der jetzt einen Lockdown einfordert, aber als Sportfunktionär, der ich nun einmal bin, weiß ich um die Auswirkungen. Nach einem Lockdown ab März, April, wenn es automatisch besser wird, wieder aufzubauen, wird unfassbar schwierig. Mittlerweile beziehe ich mich ja auf einen Erfahrungswert.

Auf Bundes- und Landesebene gab es zahlreiche Angebote, den Vereinen zu zeigen, wie sie die gegenwärtige Chance nutzen können. Hast du den Eindruck, dass die Zahl der sich gegen die Krise stemmenden und die Chance suchenden Vereine steigt?

Es gab nicht nur Fortbildungen und Angebote, auch Mittel. Wir in Niedersachsen haben 8.000 Euro Aufbauhilfe zur Verfügung gestellt. Darum haben sich Vereine beworben. Aber das Ausgeben des beantragten und dann zumindest anteilig bewilligten Geldes wird schwieriger als erhofft. Trotzdem, ich nutze mal die Gelegenheit: Mittel zu beantragen, ist weiterhin möglich und erwünscht.

Eine steigende Zahl von Vereinen, die sich neu erfinden wollen, sehe ich noch nicht. Die, die sich beworben haben, waren aktive Vereine, die ohnehin als rührig und innovativ bekannt waren. Die wollen die Mittel einsetzen, um Trainings zu organisieren, Werbemittel zu gestalten, online besser zu werden, solche Sachen. Bei den anderen, da muss ich der Realität ins Auge sehen, wird sich ohne einen Ruck der Niedergang fortsetzen. Dieser Niedergang wäre in den meisten Fällen die Folge einer Entwicklung, die lange vor der Pandemie begonnen hatte.

https://twitter.com/Bodenseeperlen/status/1458700932833849349
ZZ Minden, ein Beispiel für das Sterben von Vereinen, deren Vereinsleben nicht auf Nachhaltigkeit ausgerichtet aus.

Die Pandemie war nur ein Beschleuniger des Vereinssterbens bzw. der Vereinskonzentration?

Ja. Vereine, deren einziger Zweck im Mannschaftskampf besteht, die gibt es nun einmal. Das ist ja auch in Ordnung. Aber gerade jetzt bedürfte es in solchen Vereinen Menschen, die darüber hinaus und perspektivisch denken. Und das wiederum ist fordernd, sogar ermüdend in der gegenwärtigen Lage. Ich erlebe an mir selbst, wie es nervt, wie es an mir nagt, dass wir unsere Landeseinzelmeisterschaft absagen mussten. Ähnlich empfinden die Leute in Vereinen, mit denen ich spreche. Die fühlen sich in einer schlechten Dauerschleife gefangen.

Lass uns trotzdem versuchen, perspektivisch zu denken. Wenn du betonst „Unterbrechen“, wie ist der Plan fürs Wiederaufnehmen?

Wir haben einen Spielausschuss, und dem obliegt jetzt die Aufgabe, alles Weitere so zu planen, dass wir diese Saison erfolgreich beenden können. Genauso wollen wir den Ausfall der Landesmeisterschaft als Verschiebung betrachten. Wir müssen einfach schauen, was möglich ist und unser Handeln daran ausrichten. Einen fertigen Plan gibt es noch nicht. Für mich habe ich eine Grundeinstellung: Ich weigere mich, zu resignieren. Sobald es geht, werden wir Angebote unterbreiten. Das ist unser Job.

Geht es weiter? Und wenn ja, wie? Debatte zum Spielbetrieb mit Michael S. Langer, Andreas Jagodzinsky, Achim Müller, Christof Sielecki und dem Schreiber dieser Zeilen.

Was ist mit neuen Angeboten? Bislang redest du nur über den Spielbetrieb, wie es ihn immer gab, obwohl dem erkennbar die Akzeptanz eines Teils der Spieler fehlt. Wir waren uns ja schon vor Monaten einig, dass die Verbände ihre Angebote diversifizieren müssen.

Ich gehöre zur Arbeitsgruppe, die in Niedersachsen zusammen mit Bremen Hybridangebote entwickelt. Leider helfen im ländlichen Niedersachsen Angebote, die eine stabile Internetverbindung erfordern, vielen Vereinen herzlich wenig. Damit können wir diese Vereine jetzt noch nicht flächendeckend abholen.

Sind das nicht die Vereine, die eh sterben? Die anderen, die seit Monaten wachsen, haben offenbar eine Internetverbindung. Und das sind diejenigen, die ihren neuen Mitgliedern jetzt Angebote machen müssen. Ich registriere mit Erstaunen, dass seitens der Verbände keine Euphorie wahrnehmbar ist, nachdem eine Schachfirma angeboten hat, eine Hybrid-Liga einzurichten und zu begleiten, und Vereinen zu helfen, ihren Mitgliedern neue Angebote zu machen. Das organisierte Schach bekommt einen Elfmeter aufgelegt, aber keiner will ihn reinmachen.

Nein, es gibt Kontakt, wir sind interessiert einzusteigen, uns vielleicht an einem Leuchtturmprojekt zu beteiligen. Nach meiner Wahrnehmung sind wir in Niedersachsen generell digital deutlich besser aufgestellt als andere Verbände. Bei uns sind auch außerhalb des Vorstands sechs, sieben Schachfreunde damit beschäftigt, regelmäßig Angebote zu unterbreiten, derzeit noch ausschließlich online. Diese Gruppe lotet zum Beispiel gemeinsam mit Tornelo aus, was wir darüber hinaus machen können. Ich sehe alle möglichen Zusatzangebote aber als Ergänzung zum traditionellen Spielbetrieb, so lange nicht die, die sich etwas anderes wünschen, in der Mehrheit sind. Neues muss gut dosiert und durchdacht eingetütet werden, aber wir verschließen uns bestimmt nicht. Im Hier und Jetzt ist jedoch unser regulärer Spielbetrieb unsere Hauptaufgabe.

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Gerhard Lorscheid
Gerhard Lorscheid
2 Jahre zuvor

Interessant! Die Antwort auf die Entwicklung der Mitgliederzahlen ist ein Einzelbeispiel. Wenn sie auch nur um einen Schachspieler gestiegen wären, wäre es sicher erwähnt worden. Wie stark sind sie also gesunken?
Württemberg hat einen sehr guten Weg gefunden für den Fortgang der Saison. Eine Mannschaft kann einseitig einen Kampf verlegen. Wollen beide Mannschaften spielen, so dürfen sie das. Dies verlangt allerdings, dass ein Verbandspräsident sich selbst zurücknehmen kann.

acepoint
2 Jahre zuvor

«Das überfordert den Amateursport, nicht nur im Schach.» Sehe ich genauso, erst recht, wenn von weiter oben eine klare Linie fehlt. Wir (SV Münsterland, dem SBNRW untergeordnet) haben auch letzte Woche die Reißleine gezogen. Den Spagat zwischen den Sorglosen und den Besorgten – wie formuliert man das möglichst wertneutral? – bekommt man irgendwann nicht mehr hin. Als Vorstand/Spielausschuss/Funktionär trägt man meines Erachtens nicht nur eine Verantwortung für die Gesundheit der SpielerInnen. Und die Verordnungslage ist mittlerweile sogar schon für Juristen nicht immer eindeutig. Was aktuell bei den überlasteten Behörden gar nicht geht: die Verantwortung einfach auf Ausrichter bzw. bei Ligaspielen… Weiterlesen »

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