Bobby Fischer und sein Drehstuhl

Mehr ein halbes Dutzend Stühle hatten die Organisatoren des Kandidatenfinales 1971 auf der Bühne des Theaters in Buenos Aires bereitgestellt. Bobby Fischer testete einen nach dem anderen. Fischer ging von Stuhl zu Stuhl, nahm Platz, erhob sich, schüttelte den Kopf.

Würde das Match scheitern, weil sich keine passende Sitzgelegenheit für Fischer findet?

Colonel Edmund Edmondson, Geschäftsführer des US-Schachverbands, löste das Dilemma auf. In einem Büro im Theater sah er einen Drehstuhl, gepolstert, überzogen mit schwarzem Leder. „Lasst Bobby den probieren“, sagte Edmondson. Der Stuhl wurde auf die Bühne gebracht, und siehe da, dem Großmeister gefiel, worauf er saß.  

“Darauf kann ich am besten denken”

Tigran Petrosian, Fischers Gegner, gefiel das Aluminium-Leder-Konstrukt aus US-Produktion überhaupt nicht. Der Armenier ließ sich kurz nieder, stand auf – und sagte: „Njet.“ Zu modern, zu avantgardistisch erschien dem Exweltmeister dieser Eames-Drehstuhl. Petrosian ließ sich einen zwar gepolsterten, aber ansonsten einfachen Stuhl aus Holz bringen.

Petrosian (links) auf Holz unterlag Fischer auf Aluminium/Leder. | Foto via Youtube

Eineinhalb Jahre später und gut 11.000 Kilometer nördlich begann vor dem WM-Match 1972 die Suche nach einem Stuhl für Fischer von neuem. Mehrere Modelle standen bereit, Fischer gefiel keines. Aber dieses Mal löste der angehende Weltmeister die Stuhlfrage selbst. Fischer wies Colonel Edmondson an, ihm für das Match gegen Boris Spassky genau den Stuhl zu besorgen, auf dem er 1971 Petrosian 6,5:2,5 geschlagen hatte, Charles und Ray Eames, Modell ES 104: „Darauf kann ich am besten denken.“

Der einstige Air-Force-Mann Edmund Broadley Edmondson (1920-82) war von 1963 bis 66 Präsident, von 1966 bis 1975 Geschäftsführer des US-Schachverbands. | Foto: US Chess

Nur gab es in ganz Island kein Modell ES 104, und die Zeit drängte. Edmondson rief in der Heimat an und ließ seine Helfer vom US-Verband ausschwärmen, um möglichst schnell ein Exemplar aufzutreiben. In einer New Yorker Ausstellung des Möbelproduzenten Hermann Miller an der Madison Avenue in New York wurden sie fündig. Edmondson ließ den Stuhl nach Island fliegen. Die Kosten für das Sitzmöbel, 471,60 Dollar, erließ der US-Verband den Isländern, „ein Zeichen unseres Respekts und der Freundschaft mit dem isländischen Volk“.

Gudmundur Thórarinsson unterzog diese Freundschaft sogleich einem Stresstest. Als der Präsident des isländischen Schachverbands am 10. Juli 1972, dem Tag vor der ersten Partie, Fischers ES 104 auf der Bühne in Reykjavik sah, sagte er: „Es sähe besser aus, hätten Spassky und Fischer denselben Stuhl.“

Leider ist nicht überliefert, wie Colonel Edmondson reagiert hat, als er das hörte.

Sicher ist, dass der Wunsch der Isländer am Abend des 10. Juli bei Bill Crooks landete, Kundendienstchef bei Herman Miller am Unternehmenssitz in Zeeland, Michigan. Crooks rief Herman Millers New Yorker Showroom-Manager John Buglisi zu Hause an. Der hatte zwar den gewünschten Stuhl in seiner Ausstellung, aber keine Idee, wie er ihn binnen eines Tages ins gut 4.000 Kilometer entfernte Reykjavik verfrachten sollte.

Per Luftfracht an Mister Spassky

via Herman Miller

Den größten Teil seiner Nacht verbrachte Buglisi am Telefon mit Ferngesprächen. Der Herman-Miller-Händler klingelte so lange Führungskräfte der isländischen Fluglinie „Icelandic Airlines“ aus dem Bett, bis die ihm zusagten, den Stuhl am nächsten Tag nach Island zu fliegen.

Diesen Verhandlungserfolg seines New Yorker Händlers nahm Hugh de Pree, Präsident von Herman Miller, erfreut zur Kenntnis. De Pree ließ ein Telegramm an Thórarinsson aufsetzen: „Wir stimmen zu, dass Spassky und Fischer identische Stühle haben sollten. Ein weiterer von Eames entworfener Ledersessel wird heute per Luftfracht an Mister Spassky geliefert.“

Kosten für diesen zweiten Stuhl: keine, ein Geschenk des Herstellers. In einer Limousine ließ de Pree den Stuhl zum Kennedy Airport bringen, damit er über Nacht nach Island fliegt und am 12. Juli in Reykjavik für Mister Spassky bereitsteht.

Match of the Century begins in Reykjavik | ChessBase
“Bobby, welcome to Island.” “Yeah.” – Mit diesem Dialog zwischen Gudmundur Thórarinsson (links) und Bobby Fischer begann das Match des Jahrhunderts. | Foto via ChessBase

Allein, würde Spassky darauf sitzen wollen? Tigran Petrosians entschiedenes „Njet“ noch im Ohr, hatte Edmund Edmondson die Isländer gewarnt: Auch Spassky würde diesen Stuhl nicht bequem finden. Fischer mit seinen knapp 1,90 Meter Körpergröße und seinem athletischen Kreuz sei körperlich von einem ganz anderen Format als sein Gegenspieler. Der passende Stuhl für Fischer sei noch lange kein passender für Spassky.

Tatsächlich zeigen Fotos vom Tag der nie gespielten zweiten Partie den wartenden Spassky auf dem Holzstuhl, auf dem er auch die erste Partie (die mit 29…Lxh2) gewonnen hatte. Ihm gegenüber auf der anderen Seite des Tisches steht Fischers verwaister Charles-Eames-Stuhl, auf dem der Amerikaner an diesem Tag nicht mehr Platz nehmen sollte. Die zweite Partie gewann Spassky kampflos.

Design-Ikone des 20. Jahrhunderts

Ob der Icelandic-Airlines-Flug mit Spasskys Stuhl an Bord Verspätung hatte? Ob Spassky anfangs auch „Njet“ gesagt hat? Sicher ist, dass Boris Spassky die folgenden Partien auf dem in Reykjavik eingeflogenen Duplikat des Fischer-Stuhls bestritten hat, ganz so, wie es sich Gudmundur Thórarinsson im Sinne eines stimmigen Bühnenbilds ausgemalt hatte. Einige Quellen geben sogar an, Spassky habe darauf bestanden, denselben tollen Stuhl wie Fischer zu bekommen – eine Legende, wahrscheinlich ersonnen vom Marketing der Büromöbelindustrie.

Im Lauf des Matches geriet Fischers Stuhl ins Zentrum eines Verdachts der sowjetischen Delegation. Vor der 17. Partie verbreitete Spasskys Sekundant Efim Geller, sein Schützling wede mit “elektronischen Elementen oder chemischen Substanzen im Spielsaal” beeinflusst. Geller konnte die bösen Elemente oder Substanzen sogar genau lokalisieren: in Fischers Stuhl.

Fischer nahm diesen Verdacht amüsiert zur Kenntnis. Die Organisatoren nahmen ihn ernst. Bei einer Untersuchung des Stuhls fanden sie keine Substanzen und Elemente, stattdessen einen vergessenen Schraubenzieher und zwei tote Fliegen.

Auch dank des Fischer-Spassky-Matches ist der Charles-Eames-Drehstuhl zu einer Design-Ikone des 20. Jahrhunderts geworden. Die Isländer haben 1972 mit den beiden geschenkten Stühlen ein veritables Schnäppchen gemacht. Wer heute den Stuhl kauft, auf dem einst Bobby Fischer am besten denken konnte, der bezahlt knapp 5.000 Dollar.   

Die zweite, nie gespielte Partie: Schiedsrichter Lothar Schmid startet die Uhr. Boris Spassky wartet auf Holz, obwohl sein Drehstuhl schon per Luftfracht hätte angekommen sein müssen. Ihm gegenüber wird Fischer nicht Platz nehmen, Spassky gewinnt kampflos. | via YouTube

Wird fortgesetzt. Eigentlich sollte dieses eine Geschichte über die überdimensionierten und mittlerweile aussortierten Ledersessel beim Kandidatenturnier in Jekaterinburg werden. Aber schon eine erste Suche nach schachistorischen Bezügen offenbarte die Beziehung zwischen Bobby Fischer und seinem Charles-Eames-Weltmeister-Drehstuhl, Modell ES 104, die nie zusammenhängend aufbereitet worden war. Darum erzählen wir diese Geschichte heute separat. Den wunderbaren Jekaterinburger Bling-Bling-Ledersesseln nach Oligarchengeschmack nehmen wir uns im Lauf der kommenden Tage an.

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