Masters-Siegerin Fiona Sieber: „Eine Woche ohne Schach würde ich nicht aushalten.“

Die deutsche Jugendmeisterschaft hat sie sechs Mal gewonnen (vier Einzeltitel, zwei mit der Mannschaft), Jugend-Europameisterin war sie auch. Sogar der Gewinn des Masters, des Turniers der stärksten deutschen Schachmeisterinnen, stand schon auf der Liste der Erfolge von Fiona Sieber, bevor die Physikstudentin im August in Magdeburg zum Masters 2020 antrat – als nominell schwächste Spielerin des Turniers.

„Das war ein Vorteil“, sagt Fiona Sieber. Eine Elisabeth Pähtz muss damit rechnen, dass alle Gegenspielerinnen sich so intensiv wie möglich auf sie vorbereiten. Die Achtgesetze, gemeldet in Magdeburg, Bundesliga-Gastspielerin in Lehrte, ging davon aus, dass das Element der Überraschung für sie arbeitet. Außerdem war sie frei vom Druck, unter dem eine Turnierfavoritin agiert.

Am Ende erzielte Fiona Sieber großartige 5,5 Punkte aus 7 Partien. Schon eine Runde vor Schluss stand ihr zweiter Sieg beim German Masters fest. Wir haben mit Fiona über ihren Erfolg in Magdeburg und ihre Pläne für alles Weitere gesprochen.

Masters-Siegerin Fiona Sieber. | Foto: Deutscher Schachbund

Fiona, wie hast du die von Corona geprägten Monate erlebt?

Die ersten Wochen der Corona-Zeit waren schon sehr merkwürdig. Zunächst war kaum abzuschätzen, welche Auswirkungen die Pandemie noch haben würde. Vor allem war es ungewiss, wann ich wieder eine Schachpartie von Angesicht zu Angesicht würde spielen können. Für mich ergaben sich jedoch auch positive Aspekte: Ich konnte viel Zeit mit meiner Familie verbringen, da ein Online-Studium auch von Göttingen aus machbar ist. Sehr interessant fand ich es, ein ,,Fernstudium“ ausprobieren zu können, da in Physik normalerweise noch auf Kreidetafeln und Präsenz gesetzt wird. So kam ich erstmals in den Genuss von Onlinematerialien und konnte meinen Tag frei einteilen. Außer meinem Studium stand nicht mehr viel auf der Agenda, sodass ich mich stark auf Schach konzentrieren konnte.

Hast du dich vor dem Masters eingerostet gefühlt? Oder war nach langer Pause die Spiellust das überwiegende Gefühl?

Seit Februar hatte ich keine einzige Partie mehr gespielt. Dafür habe ich eher mehr trainiert als vorher. Glücklicherweise wurden schnell Online-Angebote aufgestellt und auch die Landestrainerin Tatjana Melamed hat mich sehr unterstützt. Die Trainer und auch meine Vereinskollegen von Aufbau Elbe Magdeburg waren ja genauso von Corona betroffen und wollten das Beste daraus machen. So fühlte ich mich gut vorbereitet. Allerdings musste ich damit rechnen, dass das für alle anderen Spielerinnen auch zutrifft. Auf das German Masters habe ich mich sehr gefreut und ihm beinahe entgegengefiebert. Das Training und die Partien sind zwei Seiten einer Medaille. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Das im Training neu erworbene Wissen möchte ich schließlich zügig auch in der Turnierpraxis testen.

Nominell standest du am Ende der Rangliste, andererseits hattest du das Masters schon einmal gewonnen. Mit welcher Erwartung/welchem Ziel bist du hingefahren?

Am Ende der Rangliste zu stehen, hat mich nicht gestört. Ich betrachte das eher als Vor- denn Nachteil, weil man das Element der Überraschung nutzen kann. Vor zwei Jahren war es ja ähnlich. Als Favorit ist es eine zusätzliche Herausforderung, ein Turnier zu gewinnen, da zum Beispiel bereits in der Partienvorbereitung die Gegnerinnen dann mehr Ressourcen aufwenden. Ich bin davon ausgegangen, dass ich gegen jede Teilnehmerin gewinnen kann und umgekehrt auch jede gegen mich. Es war mir auch klar, dass die Partie gegen die Turnierfavoritin Elisabeth Pähtz sehr hart werden würde. Dennoch wollte ich jede Partie auf Sieg spielen, auch wenn dies das Verlustrisiko erhöht. Als Letzte der Setzliste ist das auch die einzig sinnvolle Strategie, wenn man einen Treppchenplatz erringen will.

Gab es einen Punkt, an dem du dir gesagt hast: „Ok, jetzt gewinne ich das Ding?“

Ja, natürlich: Als Melanie Lubbe das Partieformular unterzeichnet hatte. Dann war es praktisch amtlich, dass ich mit 5,5 aus 6 in die letzte Runde gehen würde. Während des Turniers fokussiere ich mich nur auf meine laufende Partie. Der Blick auf die Tabelle und die Partien der Mitspielerinnen kommt immer erst hinterher.

Vor der letzten Runde standest du schon als Siegerin fest. Hat es das schwierig gemacht, nochmal dein Bestes abzurufen?

„Lehrreiche Partie“: Fiona Sieber gegen Elisabeth Pähtz. | Foto: Deutscher Schachbund

Nein, überhaupt nicht. Ich konnte entspannt spielen, denn ich hatte ja nichts zu verlieren. Es war ja von Anfang an klar, dass die Partie gegen Elisabeth sehr schwer werden würde. Selbst wenn es gelingen sollte, sie in Zeitnot zu bringen, wäre nichts gewonnen, da sie auch eine sehr starke Schnell- und Blitzschachspielerin ist. Für mich war es daher wichtig, von einer so starken Spielerin wie Elisabeth etwas mitnehmen zu können, und mein Bestes zu geben. Im Nachhinein kann ich bestätigen, dass die Partie sehr lehrreich war. Ich denke da auch an einen Satz meines Vaters, den er mir ganz zu Beginn meiner Schachkarriere mitgegeben hat: „Es ist keine Schande, gegen eine(n) Stärkere(n) zu verlieren!“

Wenn du im Nachhinein auf die Partien schaust, was waren die kritischen Momente? Auf dem Brett, auch psychologisch, falls es welche gab.

Natürlich gab es einige kritische Momente, als die Partien auf Messers Schneide standen. Die Partie gegen Josefine Heinemann war eine der härtesten. Wir haben schon oft gegeneinander gespielt und kennen jeweils die Stärken und Schwächen der anderen. Josefine hatte sich gründlich präpariert und ich bin prompt in ihre Vorbereitung gelaufen. Die ersten 15 Züge konnte ich nur reagieren. Dann gelang es mir langsam, meine Stellung zu verbessern und Gegenspiel aufzubauen. Wichtig war es dann, die Initiative nicht mehr aus der Hand zu geben. Erst nach 80 Zügen war die weiße Stellung endgültig unhaltbar geworden.

In der Partei gegen Melanie Lubbe (siehe oben, Anm. d. Red.) war einer der kritischen Momente 13.Tb1, mit dem ich vorher nicht gerechnet hatte. Nach diesem Zug war Melanie am Drücker. Im nächsten kritischen Moment, vor 18.g4, wollte Melanie vermutlich das Problem mit ihrem König in der Mitte endlich lösen. Psychologisch ist dies sehr verständlich, die ganze Partie ohne den Turm vom Königsflügel und mit dem König im Zentrum zu spielen, widerspricht unserem schachlichen Grundverständnis. Jedoch erlaubte gerade diese Stellungsöffnung mir endlich dynamisches Spiel für meine geopferten Bauern, sodass ich ab diesem Punkt ein gutes Gefühl hatte.

Natürlich gab es in jeder Partie kritische Momente, diese alle aufzuzählen wäre eine langwierige Angelegenheit.

Bei der Abschlussgala des Schachgipfels. | Foto: Arne Jachmann/Deutscher Schachbund

Du absolvierst jetzt ein Semester in Paris, bedeutet das Schachpause?

Das ist ja ein ganz hässliches Wort. Auf gar keinen Fall. Ich würde nicht einmal eine Woche ohne Schach aushalten, schon ein Tag ist schwierig… Selbstverständlich habe ich ein Schachbrett und Schachliteratur dabei. Da es in Paris auch viele Schachvereine gibt, bin ich gerade dabei mich umzusehen, ob ich irgendwo interessante Spielpartner finde. Ich rechne damit, dass mir dieser Kulturwechsel auch in schachlicher Hinsicht neue Denkanstöße gibt.

Was sind deine schachlichen Ziele/Ambitionen? Und die beruflichen?

Mein Ziel ist es, mich für die WM der Frauen zu qualifizieren. Dafür kann man sich über die Frauen-EM qualifizieren. Um dies zu erreichen, muss ich natürlich noch einiges verbessern. Des Weiteren strebe ich an, Deutschland bei Mannschaftsturnieren wie Olympiade und EM vertreten zu dürfen. Außerdem habe ich vor, den WIM gegen den WGM-Titel zu tauschen, was aber zurzeit nicht ganz einfach ist, da geeignete Normenturniere noch rar sind. Beruflich möchte ich gerne 2021 meinen Bachelor in Physik abschließen und dann den Master beginnen. Und falls auch das gut klappt, könnte ich mir durchaus noch eine Promotion vorstellen.

Das nächste Turnier?

Bisher habe ich noch kein konkretes Turnier ins Auge gefasst. Vielleicht finde ich sogar hier in Paris oder der Umgebung ein passendes Turnierangebot. Weihnachten werde ich voraussichtlich wieder in Deutschland sein und falls die dann geltenden Quarantäneregeln das zulassen, auch möglichst bald wieder Turniere spielen. Über Weihnachten und Neujahr gab es ja in Vor-Corona-Zeiten vielfältige Angebote. Ich hoffe, dass das auch in diesem Jahr so sein wird.

Die Maskenpflicht im Großraum Paris hält Fiona Sieber nicht davon ab, sich umzuschauen. Hier inspiziert sie den Pont Alexandre III. | Foto: privat
4.2 6 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
7 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments