Unliebsame Gehaltsempfänger

Aktualisierung 24. April, Stellungnahme des Schachverbands Württemberg: Die Schlussfolgerung des Autors dieses Beitrags, es gehe beim Antrag “Personalkosten” um zwei Personen anstatt um die Sache, findet Württemberg “absolut unverständlich”. Ziel sei zu klären, ob es seitens des DSB einen Beschluss gab, die Eigenmittel fürs Personal aufzustocken. Es gelte, Rechtssicherheit zu schaffen. Sei die Angelegenheit geklärt, müsse es keine Reduzierung geben.

Bis Ende 2020 changierte der Schachbund nach außen zwischen unsichtbar und peinlich, drinnen – ein Tollhaus. So ging es nicht weiter. Marcus Fenner und Ullrich Krause sahen das, und sie taten das Richtige: professionelle Hilfe holen. Ein Sportdirektor wurde installiert, damit im Leistungssport Verlässlichkeit einzieht, und ein weiterer Öffentlichkeitsarbeiter, um das Schach einladend statt abschreckend aussehen zu lassen. Seitdem läuft’s.

Die Reihe von Katastrophen bis Ende 2020 ist hinlänglich dokumentiert, die Entwicklung zum Guten seitdem auch – könnte man meinen.

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Württembergs Schachpräsident Carsten Karthaus sieht das offenbar anders. Er will sich jetzt von der DSB-Spitze erklären lassen, ob „eine bewusste Entscheidung“ dazu geführt hat, zwei Leute einzustellen.

Was denn sonst, ließe sich fragen. Was wäre die Alternative zu einer „bewussten Entscheidung“? Unbewusstes Driften? Ein Schnellschuss im Delirium? Leider führt Karthaus nicht aus, wie er sich die Entscheidungsfindung an der DSB-Spitze ausmalt.

Das Schlimmste, was dem deutschen Schach passieren könnte, wäre, den Zustand von vor zwei Jahren wieder herzustellen – könnte man meinen.

Der Schachverband Württemberg wünscht sich offenbar genau das. Die DSB-Mittel für Personal sollen um 70.000 Euro reduziert werden, beantragen die Württemberger beim Hauptausschuss. Damit wäre das Volumen auf den Stand von vor zwei Jahren eingedampft, Geld für den Sportdirektor und den Öffentlichkeitsarbeiter wäre nicht mehr da. Käme es so, müsste Fenner wieder für alles zuständig sein. Fehlte nur noch, dass Boris Bruhn und Hans-Jürgen Weyer zurückkommen.

Mit der Deutschen Schachjugend hat die erfreuliche Entwicklung beim DSB seit Ende 2020 nichts zu tun – könnte man meinen.

Verleihung des goldenen Chessos 2016: Carsten Karthaus (2.v.l.), heute Präsident des Schachverbands Württemberg, damals Öffentlichkeitsarbeiter der DSJ, mit (v.l.) dem damaligen DSJ-Vorsitzenden Malte Ibs, dem damaligen DSJ-Leistungssportbeauftragten Bernd Rosen und dem damaligen DSJ-Geschäftsführer Jörg Schulz. | Foto: Deutsche Schachjugend

Trotzdem gelingt es Karthaus, einstiger DSJ-Öffentlichkeitsarbeiter, in seinem Antrag zu den DSB-Personalmitteln vier Mal den Begriff „DSJ“ unterzubringen. Und das wiederum führt zum Verdacht, dass es hier um etwas ganz anderes geht als um DSB-Personalmittel.

70.000 Euro per anno, das entspricht ziemlich genau dem Verdienst eines DSB-Sportdirektors plus einer DSB-Teilzeitkraft für Öffentlichkeitsarbeit. Diese beiden Stellen besetzen jetzt zwei Leute, die im entgegen aller Beteuerungen unverändert schwelenden DSB-DSJ-Konflikt eindeutig zu verorten sind: Kevin Högy und Paul Meyer-Dunker.

Der Fokus auf den Leistungssport von DSB-Sportdirektor Kevin Högy, bis zur Ausgründung der DSJ ebendort angestellt, repräsentiert den Gegenpol zum Fokus auf den Breitensport, für den der einstige DSJ-Geschäftsführer Jörg Schulz steht. Högy, der allgemein als Schulz‘ Nachfolger erwartet worden war (und es dann nicht wurde), steht außerdem eher auf Seiten derjenigen, die finden, dass es in der DSJ-Buchhaltung vor der Ausgründung akkurater hätte zugehen können, wenn nicht sollen.

Ein Dankeschön von der bayerischen Schachjugend, die gemeinsam mit der hessischen maßgeblich den Führungswechsel beim Deutsche Schachjugend e.V. betrieben hat.

Seitdem Meyer-Dunker beim DSB angeheuert hat, sieht er sich dem latenten Verdacht ausgesetzt, in jeglichen Funktionen als Fenner-Krause-Erfüllungshilfe im deutschen Schach unterwegs zu sein. Diesen Eindruck untermauerte er jetzt, als er bei der DSJ-Versammlung per Standleitung mit Marcus Fenner verbunden war, um dem Auditorium dessen Sicht der Dinge auf Finanzfragen weiterzugeben. Diesen Eindruck untermauerte er auch, als kurz vor dem Grand Prix in Berlin der DSB seine „Haltung“ in der Russen-Frage aufgab, um keinen Konflikt mit der FIDE zu riskieren – und sich Meyer-Dunkers Berliner Schachverband sogleich dem Schlingerkurs des DSB anschloss.

Und dann auch noch der 28.000-Euro-Antrag beim Hauptausschuss, mit dem sich Meyer-Dunker bei weiten Teilen der Schachjugend unbeliebt gemacht hat: Als Präsident des Berliner Schachverbands findet Meyer-Dunker, die DSJ schulde dem DSB 28.000 Euro. Weil die gemeinsame Kommission, die diese Sache klären soll, seit mehr als einem Jahr auf der Stelle tritt, beantragt Meyer-Dunker jetzt, der Schachjugend 28.000 Euro Zuschüsse zu streichen.

Paul Meyer-Dunker.

Die Angelegenheit lässt sich freilich ganz anders beurteilen. Die Mittel, die die DSJ dem DSB vorenthalten haben soll, sind in einer Zeit geflossen, in der es nur DSB-Mittel gab, nur einen gemeinsamen Haushalt. Die Jugendorganisation war Teil des DSB, und als solche kann sie dem DSB keine Mittel für eigene Zwecke abgezweigt und erst recht keine Schulden angehäuft haben.

Der Württemberger Antrag, das Gehalt von Högy und Meyer-Dunker einzufrieren, riecht streng nach Retourkutsche. Um die Sache geht es wieder einmal nicht. Dass die 70.000 Euro für die beiden sinnvoll investiert sind, sieht jeder, der verfolgt, was beim DSB passiert – und sich vor Augen führt, wie es dort vor zwei Jahren zuging.

Seit Mitte der 2010er-Jahre haben die Länder reihenweise Gelegenheiten verpasst, über Geld zu reden. Dass der DSB Jahr für Jahr an die 100.000 Euro mehr einnahm, als er ausgab, sah jeder (außer dem DSB-Vizepräsidenten Finanzen) anhand des kontinuierlich steigenden Kontostands. Trotzdem hat sich Jahr für Jahr niemand veranlasst gefühlt, einen Impuls einzubringen, wie sich hunderttausende Euro im Sinne des Schachs einsetzen ließen, damit das viele Geld nicht ungenutzt herumliegt (und am Ende noch die Gemeinnützigkeit gefährdet).

Was kommt rein, was geht raus, was steht unterm Strich?

Nachdem sich fast eine Dekade lang kein Landespräsident bemüßigt fühlte, steuernd und gestalterisch einzugreifen, gibt der Schachbund jetzt aus eigenem Antrieb Geld aus. Seitens der Länder wäre es gewiss angemessen, sich zu schämendarauf zu achten, dass das Pendel nicht in die andere Richtung ausschlägt: Wieviel kommt rein, wieviel geht raus, was steht unterm Strich? Klarheit darüber wäre wünschenswert.

Als Karthaus Mitte 2021 in Württemberg das Ruder übernahm, flankierte er seinen Antritt mit einer zwar viel zu langen, aber bemerkenswerten Erklärung, die den Anschein erweckte, es betrete nun ein ungeheuer moderner Spitzenfunktionär die verstaubte Bühne.

Auf der Ebene seines Landesverbands mag das tatsächlich der Fall sein.

Anstatt sich nun auf Bundesebene verantwortungsvoll einzubringen, reiht sich Karthaus bei dem Dutzend Landesvertreter ein, die ihr Pöstchen im DSB-Aufsichtsrat in erster Linie, wenn nicht ausschließlich nutzen, um persönliche Süppchen zu kochen: einfach mal zwei unliebsamen Leuten das Gehalt streichen.

Der Entwicklung unseres Spiels und Sports ist mit derlei Destruktivität nicht gedient, wieder einmal. Willkommen in der Schachverwaltung.

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von und aus dem Walde
von und aus dem Walde
1 Jahr zuvor

Von außen betrachtet, sieht das aus wie Kindergarten, was Karthaus veranstaltet. Nicht falsch verstehen, eine Aufsichtspflicht ist wichtig. Wurden die Haushaltsmittel wirtschaftlich und satzungsgemäß eingesetzt, kann sich der Deutsche Schachbund diese Stelle überhaupt leisten? Wenn diese Fragen mit ja beantwortet werden, dann ist der Antrag für mich unverständlich.   Die Arbeit von Högy kann ich als Normalschachspieler schlecht beurteilen, hier sollte man mal die Kaderspieler/Bundestrainer als Betroffene befragen. Die Arbeit von PMD ist für alle sichtbar, die auch nur ansatzweise die Berichterstattung im Internet verfolgen und etwas die sozialen Medien konsumieren. Von vorherigem digitalem Nichts ist die Arbeit des Schachbunds… Weiterlesen »

Walter Rädler
1 Jahr zuvor

Es wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. So steht es im Antrag”Bis zur Klärung des Sachverhalts beantragen wir die DSB-Eigenmittel für Personal von 377.000 € um 70.000 € auf 307.000 € zu reduzieren, um den Zustand vor der Ausgründung wieder herzustellen.” Ich interpretiere das so: a) Sie wollen einen genaue Erklärung für die sehr hohen Ausgaben b) Sie wollen in Zukunft keine Alleingänge in Haushaltssachen, was ja durchaus berechtigt ist. Die Öffentlichkeitsarbeit ist wesentlich besser geworden, was ja bei den finanziellen Mitteln auch ein Muss ist. Bei Breitenschach wird das 10000 Euro-Projekt mit den Schulen vergessen, was… Weiterlesen »

von und aus der Stadt
von und aus der Stadt
1 Jahr zuvor

Die Historie im DSB ist mir kaum bekannt, muss ich zugeben. Gleichzeitig empfinde ich die Entwicklungen im Breitensport aktuell negativ. Bspw. schleift es aus meiner Sicht sehr bei der DSAM. Im August soll das Finale stattfinden. Von 5 Qualifikationsturnieren sind erst 2 Termine bekannt. Auf Rückfragen wird nicht geantwortet. Wird hier die Arbeit und Förderung des Spitzensports verbessert, zu Lasten des Breitensports?

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[…] der für diesen Werbeffekt zuständige Mitarbeiter nicht vorher seinen Job verliert, wird die Schacholympiade 2022 nach dem Testlauf Europameisterschaft ein Reichweiten- und […]