Sondersendung: „Ich gegen den DSB“

Arkadij Naiditsch will mit Hilfe eines Anwalts prüfen lassen, ob der Deutsche Schachbund einem deutschen Staatsbürger verweigern kann, unter deutscher Flagge zu spielen. Das kündigte der Großmeister jetzt auf seinem Twitch-Kanal an. Dort beklagte er unter anderem ein weiteres Mal, dass ihm DSB-Präsident Ullrich Krause keine Begründung für die ablehnende Entscheidung des Präsidiums genannt hat.

Auf Anfrage dieser Seite hatte Krause zum Präsidiumsbeschluss mitteilen lassen: „In einer Gesamtschau der sportlichen und persönlichen Bewertungskriterien entsprechen wir dem Wunsch von Arkadij Naiditsch nicht. Das Ergebnis wurde ihm danach mitgeteilt. Wir haben eine starke Nationalmannschaft.“

Was immer das bedeuten mag, Hauptmotivation der Funktionäre wird gewesen sein, den potenziellen Unruheherd Naiditsch aus dem deutschen Leistungssport herauszuhalten. Naiditsch neigt nicht nur dazu, amateurhaften Umgang mit professionellem Sport und Funktionärsmarotten anzuprangern, wenn er sie sieht, er erliegt auch allzu leicht der Versuchung, verbal weiter zu gehen, als gut für ihn wäre, dahin, wo es nur Freunde zu verlieren und keine zu gewinnen gibt.

Arkadij Naiditsch auf Sendung, angefeuert vom Chat. Die Aufzeichnung des 80-Minüters ist nur für Abonnenten seines Twitch-Kanals zu sehen.

Nachdem sein Interview auf dieser Seite für einige Stunden öffentlich war, ging Naiditsch am Samstag bei Twitch auf Sendung, um seiner Enttäuschung über die eisige Reaktion des Verbands auf seinen Wechselwunsch Luft zu machen. „Ich gegen den DSB“ hieß das fast 80-minütige Programm, in dem der in Thessaloniki lebende Großmeister gegen das DSB-Führungsduo Dr. Marcus Fenner und Ullrich Krause vom Leder zog, von den Urlaubsgewohnheiten dieser beiden über das Wahlprogramm des Präsidenten bis zum Doktortitel des Geschäftsführers.

Damit wird er die beiden Herren eher nicht bewogen haben, sich die Sache noch einmal zu überlegen. Und er hat ihnen ohne Not ein Argument geliefert, mit dem sie den Präsidiumsbeschluss rechtfertigen können.

Hoffen auf den Herausforderer

Anstatt sich ans Schiedsgericht zu wenden oder auf anderem Wege Diplomatie zu versuchen, dürfte Naiditsch mit diesem Auftritt den jüngsten Präsidiumsbeschluss zusätzlich zementiert haben. „Leider geht es beim DSB immer nur mit Anwälten“, erklärte Naiditsch, gab allerdings seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich mit der kommenden Wahl beim DSB-Kongress am 12. Juni die Verhältnisse in seinem Sinne ändern.

(Der Kongress wird entgegen dieser seit Freitag nicht korrigierten Falschmeldung isoliert abgehalten, nicht im Rahmen eines Schachgipfels. Das sportliche Programm dieses Gipfels 2021 mit Master- und Meisterschaften ist in die zweite Jahreshälfte verschoben. Das habe sich termin- und coronabedingt in Absprache mit dem Magdeburger Gipfelhotel nicht anders lösen lassen, teilte ein DSB-Sprecher auf Anfrage dieser Seite mit. Das Konzept, einen Schachgipfel zu veranstalten, bei dem Schachfunktionäre Schachspielern begegnen, stehe deswegen nicht infrage. 2021 sei eine Ausnahme. 2022 sollen Meisterschaften und Kongress wieder vereint werden.)

Beim Kongress im Juni „hat Ullrich Krause ja einen Herausforderer“, sagte Naiditsch hoffnungsvoll. Auch dieser Herausforderer saß am Samstag vor dem Bildschirm, schaute zu – und formulierte auf Twitter unmissverständlich, was er von der Sondersendung auf dem Naiditsch-Kanal hält:

Naiditsch kann das eine oder andere Argument in eigener Sache vorbringen. Aber er läuft Gefahr, bald niemanden mehr zu finden, der diese Argumente hören will. Als am Samstag mutmaßlich mehr deutsche Schachfunktionäre denn je Twitch schauten, war dieses Mal noch ein breites Meinungsspektrum zu hören, vom verständnisvollen „Er ist halt enttäuscht und emotional“ bis zum kopfschüttelnden „Selbstzerstörung“.

Anstatt um sich zu treten, kann Naiditsch auf die Kuriosität verweisen, dass ein Deutscher nicht unter deutscher Flagge spielen soll. Oder er kann auf den sportlichen Aspekt verweisen: Naiditsch lag vor seiner jüngsten sportlichen Krise konstant über 2700 Elo, Ende 2018 noch bei knapp 2740. Einen derart starken Spieler gibt es in Deutschland nicht, ja, es hat niemals einen nominell derart starken Spieler in Deutschland gegeben. Auch angesichts der Ü40-Recken im deutschen A- und B-Kader (die dort den DSB-Statuten nach gar nicht sein dürften), lässt sich feststellen, dass Naiditsch (35) noch nicht zum alten Eisen gehört, zumal im deutschen Kontext. „Ist es sportlich vertretbar, jemanden wie mich außen vor zu lassen?“, könnte Naiditsch fragen.

Und sollte es tatsächlich an der Wechselgebühr von vier- bis fünftausend Euro liegen, darüber ließe sich womöglich mit den Naiditsch-Vertrauten im Grenke-Schachzentrum sprechen. Denen wäre ein schwarz-rot-goldener Tupfer in der Aufstellung der stärksten Vereinsmannschaft der Welt wahrscheinlich sehr recht. Nur müsste für so ein Gespräch die Option Diplomatie auf dem Tisch liegen.  

Und die dürfte spätestens nach diesem Tweet am Montagmittag nicht mehr verfügbar sein:

Arkadij Naiditsch ist auf Konfrontationskurs.

(Titelfoto: FIDE)

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