Carlsen ausgekocht

Etwa vier Jahre ist es her, da zeichnete sich ab, dass der nächste Herausforderer von Magnus Carlsen mit hoher Wahrscheinlichkeit Wesley Barbasa So heißen würde. Bis auf den zweiten Platz in der Weltrangliste, bis zu einem Elo von 2822 führte ihn sein Aufstieg, bevor sich Ende 2017 Stagnation und sogar Rückschritte einstellten. Der Top-Ten-Spieler So sei zu solide, zu sehr auf Sicherheit bedacht, er sei zwar kaum zu bezwingen, aber gewinne nicht genug Partien, um noch einen weiteren Schritt zu machen, hieß es seitdem.

Leider spielt die Weltelite seit Monaten keine klassischen Turniere, die für die Elozahl ausgewertet werden. Erst im Januar 2021 steht mit dem Tata Steel Chess in Wijk an Zee (das So 2017 vor Carlsen gewann) wieder eines an, das höchstwahrscheinlich stattfinden wird, ein Grund, warum Magnus Carlsens Champions Chess Tour im Januar pausiert. Hätte es zuletzt „richtige“ Turniere gegeben, wer weiß, wie wir heute die Perspektive des gereiften, 27-jährigen Wesley So 2.0 einschätzen würden. Sicher ist, er hat jetzt binnen gut eines Jahres zwei Matches gegen Magnus Carlsen gewonnen.

Nachdem Wesley So Ende 2019 Magnus Carlsen im Schach960-WM-Finale 13,5:2,5 deklassiert hatte, war es dieses Mal beim Skilling Open, dem ersten Turnier der Champions Chess Tour, knapp. Am Ende eines zweitägigen, ausgeglichenen Schnellschachmatches, in dem die Kontrahenten Punch um Punch ausgetauscht hatten, musste der Tiebreak die Entscheidung bringen. In dem setzte sich der philippinische US-Amerikaner durch, verweigerte dem Champion ein Geschenk zu dessen 30. Geburtstag – und beeilte sich zu sagen, was er immer sagt:

Magnus Carlsen sei viel besser als er und jeder andere Schachspieler auf der Welt. „Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, dass ihn jemand im Lauf des kommenden Jahrzehnts entthront“, erklärte So nach dem Sieg im Gespräch mit der Times of India. „Am ehesten passiert das, sollte sich Magnus entschließen, sich anderen Dingen als Schach zuzuwenden.“

Ausführlicher Bericht zum Finale des Skilling Opens inklusive kommentierter Partien.

Sich selbst mag der bescheidene Wesley So also unverändert nicht ins Gespräch bringen. Aber dass dieser Junge Potenzial für Großes hat, verbreitete sich schon Mitte der 2000er in der internationalen Schachszene. Als 14-Jähriger wurde Wesley So 2007 Großmeister. Die erste Norm dafür hatte er in Deutschland erzielt: bei der Internationalen Bayerischen Meisterschaft 2006, die damals in Bad Wiessee gespielt wurde. 2009 sorgte So beim World Cup für Aufsehen, als er unter anderem Vassili Ivanchuk und Gata Kamsky aus dem Turnier kegelte und bis ins Achtelfinale vordrang.

Trotz solcher Erfolge sah Wesley Sos Lebensplanung keine Profikarriere vor. Das änderte sich erst, als er ein Studium in den USA aufnahm – und dort auch schachlich eine Infrastruktur vorfand, die ihm einen weiteren Aufstieg auf der Eloleiter erleichterte. Während seines glänzenden Schachjahres 2016/17, Sieg in Wijk, US-Meister, Nummer zwei der Welt, legte er die Basis dafür, beim Kandidatenturnier 2018 in Berlin erstmals nach der Krone zu greifen. Aber dort gelang es ihm bei weitem nicht zu bestätigen, was er in den beiden Jahren davor angedeutet hatte. Wesley So wurde Siebter.

Taktiken aus dem Skilling Open:

Carlsen, Magnus (2862) – Nakamura, Hikaru (2736)
Skilling Open Prelim chess24.com INT (11), 2020.11.24

Ja, für den Moment erfreut sich der Weltmeister einer Mehrfigur. Aber beide Spieler hatten vorausgesehen, dass das nicht von langer Dauer sein würde.

Schwarz zieht und hält die Partie offen.

(Du willst lösen? Klick aufs Brett.)


Firouzja,Alireza (2749) – Karjakin, Sergey (2752)
Skilling Open Prelim chess24.com INT (13), 2020.11.24

Weiß zieht und gewinnt.


GM Carlsen, Magnus – GM So, Wesley
Skilling Open KO 2020 chess24.com INT, 2020.11.29

Die erste Finalpartie zwischen Magnus Carlsen und Wesley So endete standesgemäß. Wesley So gab lächelnd auf, nachdem der Norweger demonstriert hatte, wie Weiß davon profitieren kann, dass er am Zug ist.

Weiß zieht und gewinnt.


GM Nepomniachtchi, Ian – GM Carlsen, Magnus
Skilling Open KO 2020 chess24.com INT, 2020.11.28

Wenn Magnus Carlsen auf Ian Nepomniachtchi trifft, dann ist es meistens kein Spiel auf ein Tor. Das Match gegen den Russen beim Skilling Open wäre weniger eng geworden, hätte Magnus Carlsen hier seine Gewinnchance genutzt. Stattdessen verlor er die Partie. Siehst du, was der Weltmeister übersehen hat?

Schwarz zieht und gewinnt.


GM Vachier-Lagrave, Maxime (2784) – GM Nakamura, Hikaru (2736)
Skilling Open KO 2020 chess24.com INT, 2020.11.26

„Schön und gut“, sagt Nakamura und zieht …Dd5. „Jetzt musst du mir erstmal zeigen, wie es weitergeht.“ Zeigst du es ihm?

Weiß zieht und gewinnt.


GM Aronian, Levon (2781) – GM Nepomniachtchi, Ian (2784)
Skilling Open KO 2020 chess24.com INT, 2020.11.26

Schwarz zieht und gewinnt.


Karjakin, Sergey (2752) – Anton Guijarro,D (2675)
Skilling Open Prelim chess24.com INT (12), 2020.11.24

Eine Regel des Skilling Opens besagte, dass die Zuschauer aus den in der Vorrunde ausgeschiedenen Spielern einen wählen können, den sie wiedersehen wollen. Allgemein erwartet worden war, dass das Votum Alireza Firouzja trifft. Aber stattdessen entpuppte sich der Spanier David Anton als Publikumsliebling. Dazu beigetragen hat sicher diese Demontage des einstigen russischen Verteidigungsministers.

Schwarz zieht und gewinnt.


Warum wir uns Oliver Reeh als glücklichen Menschen vorstellen können? Weil er mehr als drei Stunden als Stichwortgeber und Anspielstation neben Wesley So sitzen durfte, während der (nicht nur aus schwarzer Sicht, der Titel ist leicht irreführend) die Geheimnisse des langsamen Italieners erklärt: …a6 oder …a5? Wann lassen wir weißes Lg5 zu, wann lieber nicht? Und wollen wir lieber sofort …d5 durchsetzen, oder uns erstmal mit …d6 hinstellen?

(Titelfoto: Lennart Ootes)

5 3 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
2 Comments
Most Voted
Newest Oldest
Inline Feedbacks
View all comments