Das Nadelöhr im Quarantäneschach

Wer in den Quarantäneligen von ganz unten nach ganz oben will, der muss durch ein Nadelöhr, und das heißt dritte Liga. Von Liga zehn bis drei sind die Ligen dreigleisig, ab Liga zwei geht es eingleisig weiter. Und das bedeutet, dass aus den drei dritten Ligen jeweils nur ein Team aufsteigt.

Neulich haben wir an dieser Stelle orakelt, dass Sebastian Bogners stets mit drei Großmeistern besetztes Schachschul-Team in die erste Liga durchmarschieren mag, um sich dort neben den Schulschachprofis als zweite Schweizer Mannschaft zu etablieren.

Vor dem Bildschirm statt im Bett: das U12-Nationalteam

Tja. In Liga 3A stoppte der Höhenflug der Schweizer Garde, sie landete auf Rang vier, stattdessen schlüpfte Offline-Zweitligist TSV Schönaich mit GM Ante Saric am Spitzenbrett durchs Nadelöhr. Wie stark diese dritte Liga besetzt war, lässt sich daran ablesen, dass es selbst für den Kölner SK Dr. Lasker, bei dem vor wenigen Tagen noch die Meisterschaftskorken knallten, „nur“ für den dritten Platz reichte.

Wir haben hier in den vergangenen Wochen vom Quarantäne-Höhenflug des Sauerland-Schachs berichtet. Für das Team des Schachbezirks Sauerland endete dieser Höhenflug nun ebenfalls vorläufig in Liga 3B, in der sich ein internationales Team mit zwei Großmeistern an der Spitze den Aufstieg in Liga zwei erkämpfte. Da musste sich auch die deutsche U12-Nationalmannschaft hinten anstellen (gehören deren Mitglieder in der Quarantäne-Spielzeit 20-22 Uhr nicht eh ins Bett anstatt vor den Bildschirm?).

Deutschlands oberster Schacherklärer Christof Sielecki mit seinem SV Dinslaken gehört ebenfalls zu denjenigen, die seit mehreren Spieltagen versuchen, der dritten Liga zu entrinnen. Wie für den SK Münster 1932 und die SG Kaiserslautern 1905 hat es nicht gereicht.

Was passieren kann, wenn das Nadelöhr dritte Liga überwunden ist, zeigte jetzt das Beispiel des Düsseldorfer SK 1914/25. Dem Aufstieg in Liga zwei ließen die Düsseldorfer gleich einen weiteren folgen. Am kommenden Donnerstag mischen sie in der ersten Liga mit.

Ob sie dafür eine ihrer Schachlegenden gewinnen können? In Düsseldorf spielen einige der klangvollsten Namen des internationalen Schachs, allen voran der ehemalige WM-Finalist Jan Timman, der einstige Weltklassespieler Ulf Andersson sowie der viermalige Seniorenweltmeister Anatoly Vaisser. Andererseits sind schnelle Klicks wahrscheinlich eher nicht die Spezialität solch gesetzter Herren, darum waren die Düsseldorfer gut beraten, sich anderswo nach Verstärkung umzuschauen. Und die haben sie gefunden.

Jan Timman und Ulf Andersson: Wer diesen beiden Legenden unseres Spiels begegnen möchte, muss nach Düsseldorf fahren, Zweitligaschach gucken. | Foto: Düsseldorfer SK

Beim Aufstieg in Liga eins half Georg Meier mit. Weil der oft erfolgreich beim Titled Tuesday mitmischt, weil er neulich ein Blitz-Match gegen die Nummer 15 der Welt gewonnen hat, haben wir Meier bis vor ein paar Tagen sogar für den besten Blitzspieler im Lande gehalten. Dieser Status ist allerdings zumindest ins Wackeln geraten, nachdem Meier jetzt bei der Deutschen Internetmeisterschaft Daniel Fridman und Vincent Keymer den Vortritt lassen musste. Am Donnerstag werden die beiden einander womöglich in der ersten Liga begegnen: Fridman (alias „ledinavelosipede“) für seine Mülheimer, Meier für Düsseldorf.

Allemal war Meier jetzt der beste Spieler der zweiten Liga, und das noch vor dem ägyptischen Schweden Bassem Amin, dem stärksten Spieler Afrikas.

Meister wurde wie am Sonntag in der Woche davor der Hamburger SK.

Aufsteiger SV Wattenscheid brachte neben seiner Oberligatruppe wieder drei starke GM und Ex-Wattenscheider an die Bretter,  Evgeni Najer, Alexander Rustemov und Florian Handke – und muss doch zurück in Liga zwei. Umso bemerkenswerter ist, dass sich unter anderem der weniger prominent besetzte Verbandsligist SC Grunbach standhaft in der ersten Liga hält, dieses Mal unterstützt von GM Jergus Pechac (ELO 2497) aus Slowenien.

Andrej Durica, der Schlüssel zu allem

Hinsichtlich des Grunbacher Quarantäne-Schach-Projekts erreicht uns eine Nachricht des Vereinsvorsitzenden Dirk König:

„Es hat sich hier, sagen wir, ein deutsch-slowakisches Freundschaftsprojekt ergeben. Wir haben in unserer ersten Mannschaft (Verbandsliga) unter anderem FM Patrick Höglauer, FM Tomas Danada und Miroslav Kleman gemeldet. Diese Spieler sind alle in der Liste der 10 besten Punktesammler in unserer Bundesligamannschaft dabei. Auf Platz 11 liegt übrigens bemerkenswerter Weise der Organisator unseres ersten Teams, Andrej Durica, mit einer onboard-DWZ von 1829, der als barry-allen eine tolle Online-Saison spielt. Andrej, in der Slowakei geboren und in Deutschland wohnhaft und beruflich tätig, ist auch der Schlüssel zu allem. Er kennt alle Spieler persönlich. Die nominell stärksten Spieler sind – neben FM Höglauer und FM Danada – die Schachfreunde FM Samir Sahidi und FM Marek Karas. Ansonsten haben wir die eine oder andere Unterstützung von Schachfreunden aus der Umgebung – ohne Titel.“

Andrej Durica vom SC Grunbach ist Kopf und Motor des deutsch-slowakischen Quarantäneschach-Freundschaftsprojekts. Dieses Foto ist auf einer Schachreise der Grunbacher zum Schachverein Gournay (Frankreich) im Rahmen der Städtepartnerschaft mit Gournay entstanden. Es zeigt Andrej Durica mit (links) Claire Hacout (Tochter des Vorsitzenden in Gournay) und Karin Höglauer (Mutter der Grunbacher Spieler Patrick und Jenny Höglauer).
Wer sich fragt, was gerade auf dem Perlen-Nachttisch liegt: Dieses Werk des Düsseldorfer Zweitligaspielers Jan Timman, in dem er einen persönlich geprägten Blick auf die Weltmeister von Euwe bis Kasparow wirft. Bis auf Aljechin kannte Timman jeden dieser Herren, hat gegen einige von ihnen gespielt. Und zur Lektüre gibt’s eine Reihe instruktiv kommentierter Partien.

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