Stiller Star hinter den Kulissen: Magnus‘ Mann für die Taktik

2016 zögerte Martin Bennedik, seine Entwicklung ins Netz zu stellen. „Der Algorithmus war ja noch nicht perfekt.“ Bennedik ließ sich zwar überreden, versah chesspuzzle.net aber mit einem „Beta“-Symbol  – „in Entwicklung“. Vier Jahre später steht das „Beta“ immer noch da, und Martin Bennedik findet seine Seite immer noch nicht perfekt.

Für Magnus Carlsen ist sie gut genug. Das Team des Weltmeisters hat Martin Bennedik angeheuert, um den neue Play-Magnus-Taktiktrainer „Tactics Frenzy“ mit Taktiken zu füttern. Jetzt lässt Bennedik rund um die Uhr drei von der Play-Magnus-Gruppe gesponserte Server laufen, auf denen sein Taktik-Algorithmus Schachpartien nach Schachpuzzles durchsucht.

Martin Bennedik. | Foto: privat

Seit 2003 arbeitet Martin Bennedik als selbstständiger .NET-Entwickler. Samsung steht auf der Liste seiner Kunden, O2, die Telekom. Während seiner Fortbildungen, „die muss ich als Selbstständiger auf eigene Zeit und eigene Kosten organisieren“, entstehen gelegentlich Schachprojekte. „So verbinde ich Hobby und Beruf.“

Ein erstes dieser Schachprojekte erregte 2008 weltweite Aufmerksamkeit. Bennedik hatte eine Silverlight-App entwickelt, die Liveübertragungen von Schachpartien möglich macht. „Heute klingt das trivial, damals war das neu.“ Marc Crowther band Bennediks App in seine The-Week-In-Chess-Seite ein, fütterte sie mit den Zügen Kramniks und Anands in Bonn und ermöglichte den Besuchern, die Partien online live zu verfolgen.

„Das muss sich doch besser lösen lassen.“

Als Selbstständiger mit Familie und wenig Freizeit hielt Bennedik jahrelang ausschließlich per Fernschach Kontakt zu den 64 Feldern. „Dabei verlernt man das Rechnen. Die Taktik macht ja die Engine.“ Also probierte Fernschach-IM Bennedik Taktiktrainer im Internet aus, als er nach langer Pause für den SV Frankfurt-Nord in der Landesklasse wieder ins Nahschach einsteigen wollte. 

Taktiktrainer gab es viele, keinen von denen fand Bennedik gut. „Bei manchen Puzzles sagt das System, du habest die Aufgabe gelöst, aber die Stellung ist noch gar nicht klar. Bei anderen machst du einen Zug, der gewinnt, hast aber verloren, weil ein anderer Zug klarer gewinnt.“

„Das muss sich doch besser lösen lassen“, dachte Bennedik. Mit zwei Freunden, Oliver Koeller und Felix Kleinschmidt, entwickelte Bennedik Kriterien, um zum Beispiel das Nebenlösungsproblem zu beherrschen. Gibt es einen zweiten, suboptimalen Gewinnzug, soll das Programm sagen „Es gibt einen besseren Zug“, und der Spieler darf es noch einmal versuchen.

Vier Jahre später steht das „beta“ immer noch da.

2016 stand der erste Algorithmus. Binnen zwei Monaten baute Bennedik eine Website, ließ sich überreden, sie online zu stellen – chesspuzzle.net war geboren. Seitdem läuft es vollautomatisch und ist doch „work in progress“. Gelegentlich findet Bennedik immer noch Puzzles, die dem Menschen nicht schlüssig erscheinen. Sogleich macht er sich daran, den Algorithmus weiter zu verfeinern, um derlei Ausschuss künftig automatisch auszusortieren.

Beim Durchforsten einer Partie sucht der Algorithmus nach Stellungen, in denen ein einziger Zug gewinnt oder remis hält – das Hauptkriterium für ein Puzzle. Ist so ein Zug gefunden, versucht die Maschine, darum ein Puzzle zu bauen: ein Lösungsbaum entsteht. Wird der Baum zu groß, weil zum Beispiel die Verliererseite den Verlust sehr lange hinauszögern kann, bricht die Maschine ab und sucht nach der nächsten Position. Auch wenn der gefundene einzige Zug zu einfach ist, ein simples Schlagen zum Beispiel, wird daraus kein Puzzle. Derzeit generiert chesspuzzle.net vollautomatisch 250 bis 300 Schachaufgaben pro Tag.

Die Königsaufgabe: eine Maschine lehren, was schön ist

Mittlerweile sind die vielen, viele Aufgaben auf Bennediks Seite nach Schwierigkeit sortiert – und mehr. 2019 kam eine Klassifikation nach taktischem Motiv dazu. Die Maschine erkennt jetzt selbstständig Gabeln, Spieße, Ablenkungen und dergleichen. Seitdem kann der User gezielt taktische Motive üben. “Für Anfänger ist das besonders hilfreich“, sagt Bennedik. „Ich benutze diese Option auch für das Training mit den Kindern in unserem Club.“

Ob er jemals die Königsaufgabe bewältigen wird? Die bestünde darin, einer Maschine einen Sinn für Ästhetik zu vermitteln. „Was schön ist, habe ich meinem Algorithmus leider nicht beibringen können.“ Und so bleibt für Bennedik die Aufgabe, besonders attraktive Puzzles per Hand zu markieren. Diese „Puzzles des Tages“ schickt Bennedik per Sozialen Medien in die Runde.

Chesspuzzle.net erfreut sich längst einer bemerkenswerten Reichweite, Tendenz steigend. „Das liegt auch daran, dass jeder Webmaster meine Puzzles bei sich einbinden kann.“ Außerdem ist Bennediks Twitter-Account ein Faktor. Sobald eine WM-Kandidaten-Qualifikation läuft, versorgt Bennedik via Twitter die Schachszene mit Statistiken, denen sich entnehmen lässt, welcher Spieler wie gut oder schlecht im Rennen liegt.

In guter Gesellschaft: Die Köpfe hinter „Tactics Frenzy“.

Seit einigen Monaten kooperiert Bennedik mit der Schachbundesliga, deren aktuelle Spieltage er sogleich nach Taktikaufgaben durchforstet. Zu einer internationalen Kooperation kam es jetzt, als dem norwegischen Großmeister und Carlsen-Freund Jon-Ludvig Hammer die Taktikseite aus Frankfurt auffiel. Bald erreichte Bennedik eine Anfrage der Play-Magnus-Gruppe, ob er nicht an der Entwicklung von „Tactics Frenzy“ mitarbeiten wolle. Seitdem ist Bennedik eines der Gesichter der neuen Taktik-App aus dem Carlsen-Schachimperium.

Seitdem ackert sich sein Algorithmus auf drei von Play Magnus gesponserten Servern rund um die Uhr durch pgn-Dateien, um daraus neue Puzzles für die Carlsen-App zu filtern. Der Input aus Norwegen hilft Bennedik, sein System und dessen Ergebnisse noch besser zu machen. Zuletzt hat er an Endspiel-Taktiken gearbeitet – und an der Frage, wann eine Stellung gewonnen ist. Das muss nämlich nicht der Fall sein, auch wenn die Maschine „plus zwei“ sagt – es könnte ja eine Festung auf dem Brett stehen. Und ein Puzzle, in dem ein vermeintlicher Gewinn nur zum Remis führt, will Bennedik tunlichst vermeiden.

Nicht nur neue Puzzles für die norwegische Taktik-App liefert der Algorithmus. Play Magnus benutzt ihn auch, um vorhandene anhand Bennediks strenger Kriterien zu prüfen – und zweifelhafte auszusortieren. Was Tactics Frenzy seinen Nutzern vorsetzt, soll Aha-Momente auslösen, kein Stirnrunzeln.

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