Vom Seminar in die Quarantäneliga

Einerseits werden die Meister unseres Spiels immer jünger, andererseits schützt Alter nicht vor Spielstärkesprüngen. Diesen Zweiklang haben wir einst abgebildet, der Beitrag wurde schnell einer der meistgelesenen auf dieser Seite: „Von Wunderkindern und alten Säcken“.

Eher der zweiten Kategorie zuzuordnen ist Großmeister Thorsten Michael Haub (52) aus Siegen, der im Alter von 49 Jahren seine dritte und letzte Großmeisternorm erzielt hat und prächtig in obigen Beitrag gepasst hätte. Warum bei ihm die schachliche Blüte vergleichsweise spät einsetzte, hat Haub unlängst unseren Freunden von schach.com erklärt.

GM Thorsten Michael Haub. | Foto: schach.com

Als Schachgroßmeister ist Thorsten Haub von der SV 1920 Plettenberg in den immer stärker werdenden Quarantäneligen einer von Dutzenden, aber für die Truppe des Schachbezirks Sauerland ist Haub unverzichtbarer Leistungsträger. Wir haben in den vergangenen Wochen mehrfach über die Aufstiege des Sauerland-Teams berichtet. Angeführt von „DJ_Haubi“, gelang es den Sauerländern jetzt sogar, durch das Nadelöhr dritte Liga zu schlüpfen. Willkommen in Liga zwei.

Das Sauerländer Zugpferd: Auch auf chess.com als DJ_Haubi unterwegs.

Nachdem der reguläre 27. Spieltag in den Quarantäneligen wegen Serverproblemem ausgefallen war, fiel an dieser Stelle wegen Zeitproblemen die Berichterstattung über den am vergangenen Sonntag nachgeholten 27. Spieltag aus. Zumindest wollen wir nachtragen, wer Meister geworden ist, auch wenn das zu erwarten war: Wird sonntags gespielt, wird der Hamburger SK Meister, so geschah es auch am vergangenen Sonntag.

Am Donnerstag den Titel zu verteidigen, gelang nicht, im Gegenteil, es wurde sogar knapp.

Bevor am Donnerstag die Liga startete, war Hamburgs Nils Grandelius Teil eines der elostärksten Webinare der Schachgeschichte. „How to stream chess“ hieß das von unserer Partnerseite ChessTech organisierte Internet-Seminar, bei dem Fiona Steil-Antoni mit den Teilnehmern erörterte, wie sich Schach auf Twitch am besten präsentieren lässt. Unter diesen Teilnehmern: die Großmeister Judit Polgar, David Howell, Gawain Jones – und eben Nils Grandelius. Letzterer setzte in der Quarantäneliga sogleich um, was er gelernt hatte. Schwedens Nummer eins ist jetzt auch ein Schach-Streamer.

Dritter wurde der einstige Offline-Bundesligist SV Wattenscheid, der wieder unter anderem Evgeni Najer aufbot. Spekulation löste der unter dem Namen „Benefactorr“ spielende beste Wattenscheider aus: Das wird doch nicht Alexander Morozevich sein? Doch, ist er. 20 Jahre ist es her, da spielte Alexander Morozevich für Wattenscheid in der Bundesliga. Heute dokumentiert auch sein Mitwirken in der Quarantäneliga die Verbundenheit des Ruhrpottvereins mit seinen einstigen Bundesliga-Recken.

Wer weiß, vielleicht spielt ja demnächst neben Morozevich Levon Aronian für Wattenscheid Quarantäneliga? Auch dieser einstige Weltranglistenzweite hat einst seine Schachbundesliga-Laufbahn in Wattenscheid begonnen.

In dem Zusammenhang haben wir einen alten Text von Wattenscheids FM Timo Sträter gefunden, der auf der Seite der Schachbundesliga die Wattenscheider Jahre in der höchsten Spielklasse Paroli laufen lässt. Eine Leseempfehlung – an die sich die Frage anschließt, warum Sträter nicht mehr über Schach schreibt. Schade! Falls du das liest, Timo: Jemand derart wortmächtiges wäre in der Perlen-Autorenriege hochwillkommen.

Still, unbeteiligt, aber mit Verve und Hingabe

In Sachen „Wattenscheids Messias Moro“ teilte Sträter einst mit:

„Das Kapitel Morozevich war für Wattenscheid kurz, niemand konnte anderes erwarten. Der stille Russe blieb stets ansprechbar, hielt aber eine gewisse Distanz und wirkt auf Fotos jener Zeit oft merkwürdig unbeteiligt. Aber als wir die Punkte brauchten, erschien der Messias Moro, wenn auch nicht für Gotteslohn, und er deliverte. Er tat vielleicht nur, wofür er ausgebildet war, das aber mit Verve und Hingabe. Dass unsere Reise so lange weitergehen konnte, haben wir auch ihm zu verdanken.“

Der Quarantäneligen-Meister aus Kasachstan hat keine Morozevichs in der Mannschaft, auch keine Svanes oder Fridmans. Aber statt einzelnen überragenden Akteuren bringen die Kasachen mehr solide Spieler an die virtuellen Bretter als alle anderen. 40 Mann stark war das Astana-Team am Donnerstag, signifikant größer als jedes andere, und das bedeutet eine signifikant größere Chance auf Mitspieler, die einen Sahnetag erwischen.

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