Hingehen, beobachten, Details aufsaugen: Deutscher Schachpreis für Ulrich Stock

Ulrich Stock, Reporter der ZEIT, bekommt den Deutschen Schachpreis 2022. Das hat das Präsidium des Deutschen Schachbunds beschlossen. Laut Protokoll der Präsidiumssitzung vom 7. Juni, das dieser Seite vorliegt, wird DSB-Präsident Ullrich Krause Stock zur Preisverleihung nach Magdeburg zum Schachgipfel (12. bis 24. August) einladen.

Der Deutsche Schachpreis ist laut DSB “die höchste Auszeichnung des Deutschen Schachbundes für herausragende Verdienste um die Förderung des Schachs”. Es gibt ihn seit dem Jahr 2000, als der allgemeiner gehaltene Schachpreis den bis dahin verliehenen “Medienpreis” des DSB ablöste. Zuletzt hat der Verband Sebastian Siebrecht mit dem Schachpreis ausgezeichnet (2020), davor die Firma Grenke (2018), davor Gustaf Mossakowski und Erik Kothe (2017).

Reportergroßmeister Ulrich Stock. | Foto via ZEIT

Die Auszeichnung für Stock, das steht hier seit Jahren immer wieder, ist überfällig. Seit Jahrzehnten erfreut Stock die Leser des Blattes und zunehmend die der Website mit Reportagen, Porträts oder Features vom Schach, Stilformen, die in der Schachberichterstattung rar sind – auch mangels Autoren, die sie beherrschen. Unter den vielen Leuten im Schach, die schreiben, repräsentiert der “Reporter der Chefredaktion” die Handvoll derer, die gelernt haben, wie das geht.

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Wahrscheinlich ist der einstige Ausbilder an der Hamburger Akademie für Publizistik der einzige Schreiber im Schach, der sein Handwerk bis zur Meisterschaft vervollkommnet hat. Gewiss ist Stock derjenige, dessen Werke zu lesen am meisten Freude bereitet.

Die 24 Stunden von Emsdetten” heißt Stocks älteste im Online-Archiv auffindbare Schachreportage, veröffentlicht am 17. September 1998, damals und in den Jahren danach eine Ausnahme. Dem Archiv nach hat der Reporter und Schach-Vereinsspieler Stock (FC St. Pauli) erst in den 2010er-Jahren seine Schach-Schlagzahl merklich erhöht – vielleicht auf Wunsch des ZEIT-Herausgebers Helmut Schmidt?

Der einstige Bundeskanzler spielte leidenschaftlich Schach – in erster Linie mit seiner Frau Hannelore, genannt “Loki”. Nachdem Loki 2010 gestorben war, bot Stock Helmut Schmidt an, als Schachpartner einzuspringen. “Ich würde dafür auch zu Ihnen kommen”, habe er gesagt, berichtete Stock in einem Interview. Fortan spielten der Herausgeber und sein Reporter regelmäßig.

Da rauchen die Köpfe: Loki und Helmut Schmidt bei einer ihrer liebsten Freizeitbeschäftigungen.

Seine mutmaßlich letzte Schachpartie hat Helmut Schmidt gegen Ulrich Stock gespielt. Gut zwei Wochen vor seinem Tod am 10. November 2015 hatte er Stock in sein Reihenhaus nach Langenhorn zu einer Partie gebeten. “Lust auf Schach, ein gutes Zeichen“, mutmaßte Stock, als ihn nach einem Krankenhausaufenthalt Schmidts die Einladung aus dessen Büro erreichte. Die beiden sollten einander nach dieser Partie nicht wieder begegnen.

Stock schrieb weiter über Schach, übers internationale Spitzenschach meistens. Den Elitezirkus des königlichen Spiels macht er greifbar, indem er hingeht, fragt, beobachtet, zuhört, Details aufsaugt und daraus Reportagen schmiedet, die den Leser den Schachbetrieb aus nächster Nähe erleben lassen. Manchmal macht Stock Meinung. Zuletzt hat er dem scheidenden, matchmüden Weltmeister Magnus Carlsen strenge Zeilen ins Stammbuch geschrieben:

Zwischenzeitlich hat der ZEIT-Reporter sogar ein eigenes Sub-Genre erschaffen, die nacherzählte Schachpartie, …

…die ohne abstrakte Notation auskommt. Das Drama auf dem Brett bildet Stock in einer solchen Erzählung anschaulich und allgemeinverständlich ab, ohne dass der lesende Experte wegen fehlender Substanz die Nase rümpfen müsste.

Mit seinem eigenen Genre macht der analog geprägte Stock vor, wie sich mit nur einem Beitrag eine Herausforderung der digitalen Zeit meistern lässt: der Spagat zwischen allgemeinem und Fachpublikum. Schachsender brauchen dafür zwei Streams, wenn nicht mehr, wie unlängst Carlsens Tourdirektor Arne Horvei im Gespräch mit dieser Seite ausgeführt hat.

Wie gut Stocks Schachgeschichten bei den Lesenden ankommen, lässt sich nicht nur am emsigen Betrieb in der Kommentarspalte erkennen. Immer mehr Stock-Schach-Texte (gefühlt zumindest) warten hinter der Bezahlschranke auf ihre Leser – ein Indiz, dass Leute bereit sind, ein Abonnement abzuschließen, um sie zu lesen.

In der Annahme, dass Stocks Arbeitgeber die Preisverleihung notiert und verbreitet, besteht jetzt die Chance, mit dem Schachpreis für den Multiplikator Stock ein größeres als das übliche Schachpublikum zu erreichen, etwas, mit dem sich nicht nur der Schachbund traditionell schwertut. Wie der deutsche Verband ist auch die mit Preisen nicht geizende Laskergesellschaft noch nicht auf die Idee verfallen, ihre Preise dahinzugeben, wo sich eine gewisse Reichweite für das Spiel und den Sport erreichen lässt.

Stattdessen: die üblichen Verdächtigen aus der Schachblase werden ausgezeichnet, man klopft einander auf die Schulter, und niemand von draußen erfährt davon. Zuletzt, Gipfel der PeinlichEinfallslosigkeit, sind Laskergesellschaft, ChessBase und Schachbund dazu übergegangen, einander gegenseitig Preise zu verleihen.

Die jüngste Reform des DSB-Schachpreises ist erst zwei Jahre her, sie war wahrscheinlich gut gemeint, ist aber herzlich misslungen (Details dazu am Ende dieses Beitrags). Anstatt den Preis kleinteiliger zu machen, wäre in erster Linie wichtig, im Sinne des Schachs einen Preis zu erschaffen, der Schach dort ins Gespräch bringt, wo eben nicht ohnehin über Schach gesprochen wird. Eine neue Reform ist überfällig, eine, die Sinn ergibt, dieses Mal.

Andere machen es vor: Es gibt den Radfahrer des Jahres, den Krawattenmann des Jahres, den Brillenträger des Jahres. Warum, bitte, gibt es nicht (und das schon seit Jahrzehnten!) den Schachspieler/die Schachspielerin des Jahres?

Mit Gerhard Prill sitzt jetzt erstmals jemand im DSB-Präsidium, der Anlass zur Hoffnung gibt, dass beim Schachbund solche Chancen gesehen und genutzt werden. Und beim Kongress 2022 wird jetzt mit Ulrich Stock jemand anwesend sein, der am Beispiel seines einstigen Herausgebers trefflich erklären könnte, warum dem Schach der richtige Preis fehlt. Helmut Schmidt wäre der perfekte Kandidat für den Preis “Schachspieler des Jahres” gewesen.

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Ingo Althöfer
Ingo Althöfer
14 Tage zuvor

Ein schöner Artikel. Aus welchem Jahr ist das Foto der Schmidts im Bahnhof Bielefeld?

Thomas Richter
Thomas Richter
13 Tage zuvor

Was ist die Bildquelle? Im Gegensatz zum anderen Foto (“Foto via ZEIT”) und generell Fotos in Artikeln nicht erwähnt. Da müssten sich eigentlich auch Hinweise finden, wann es entstanden ist oder jedenfalls, wann es (wenn schon einmal veröffentlicht) zuerst veröffentlicht wurde.

Gustaf Mossakowski
13 Tage zuvor
Reply to  Thomas Richter

Kann man einfach mit Googles Bildersuche rückwärts herausfinden:

Hannelore and Helmut Schmidt playing chess in the election-campaign train, September 1980 | © BSB/STERN Photo Archive/Jürgen Gebhardt

Quelle: https://www.bsb-muenchen.de/en/collections/stern-photo-archive/stern-photographers/juergen-gebhardt/

Bildrechte nicht gekauft, Conrad?

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[…] Fast zwei Jahre lang stand hier, Ulrich Stock müsse der deutsche Schachpreis verliehen werden, nun bekommt er ihn. Nicht ganz so lange ist es her, dass hier zum ersten Mal stand, der einsam vor sich hin […]