Anand allein zu Haus

Eine Ikone, ein Teil unseres Lebens, ein Champion seit mehr als drei Jahrzehnten. Der Großmeister, der Unnachahmliche, der Sanfte, der Bescheidene, eine Ikone unserer Zeit – Visvanathan Anand.

Wäre der verbale Kniefall in der Anmoderation weniger ausführlich geraten, der Anchorman im indischen Fernsehen hätte vielleicht noch Zeit für eine vierte Frage gefunden. Andererseits:  Vishy Anand ist, speziell in Indien, all das, was oben steht, und noch viel mehr.

Aktuell sitzt der fünffache Weltmeister in Deutschland fest und kommt nicht weg. Im indischen Fernsehen hat er jetzt erzählt, wie das passieren konnte.

Vishy, wie ergeht es dir?

Ende Februar war ich in Deutschland angekommen, um in der Bundesliga für meinen Verein zu spielen. Weil recht bald ein weiteres Match angesetzt war, bin ich geblieben. Aber während dieser Zeit überschlugen sich die Ereignisse. Das Match wurde abgesagt, alle Flüge auch. Deutschland war eines der Länder, für das die Einreisebeschränkungen in Indien galten. Also bin ich jetzt gestrandet, wenngleich unter glücklichen Umständen. Ich bin in der Nähe von Frankfurt und habe ein Dach über dem Kopf.

Was macht so eine erzwungene Isolation mit einem Geist, der fünf Mal den Weltmeistertitel gewonnen hat?

Wahrscheinlich das gleiche wie mit allen anderen. Ich treffe keine Leute, bleibe zu Hause. Ab und zu gehe ich raus, um einzukaufen. Glücklicherweise kommentiere ich das Kandidatenturnier für chess.com. Das hilft, es beschäftigt mich für ein paar Stunden. Abseits davon: Ein Großteil meiner Arbeit findet eh am Computer statt. Und so mache ich viel Schach, ich kann jetzt manches aufarbeiten, das liegengeblieben war.  Im Videochat treffe ich jeden Tag Aruna und Akhil (Ehefrau und Sohn, Anm. d. Red.). Akhil findet das Daheimbleiben gar nicht so schlimm. Er beschäftigt sich viel mit Schach und Programmieren. Aber natürlich können wir es kaum erwarten, uns wiederzusehen.

Ein paar Worte zu deinen Landsleuten daheim?

Die Bedrohung ist schwer zu begreifen, man sieht sie ja nicht. Aber sie ist da, und sie ist tödlich. Wir sehen das in Ländern, in denen das Virus schon etwas länger umgeht als bei uns, Italien oder Spanien. Darum hoffe ich, dass die Menschen zu Hause bleiben. Mancher denkt bestimmt, ein kleines Meeting hier, eines da, das schade doch nicht. Das ist falsch. Wir müssen uns jetzt in Isolation begeben. Ich verstehe, dass das kein Spaß ist, aber es geht nicht anders. Mit dem Virus können wir nicht verhandeln.

Alle paar Monate erscheint ein Must-Have-Schachbuch, dieses ist eines: Ex-Weltmeister Visvanathan Anand, dieser Tage in Deutschland gestrandet, lässt anlässlich seines 50. Geburtstags seine Karriere Revue passieren, zeigt zentrale Partien, erörtert Lektionen, die er gelernt hat, und erzählt manche bis dahin unbekannte Anekdote.
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