Artur Jussupow: „Zweite Plätze sind Niederlagen.“

Artur Jussupow sieht Fabiano Caruana als kommenden WM-Herausforderer und erfreut sich an der Entwicklung seines ehemaligen Schützlings Vincent Keymer. Das und mehr hat er unserem Autor Philipp Müller im ersten Teil des Interviews erzählt.

Heute, im zweiten Teil, fokussiert sich das Gespräch der beiden Schachtrainer auf den Nachwuchs. Den ersten Schritt in der Schachausbildung hält Jussupow für elementar wichtig. Nur wenn das Fundament richtig gebaut werde, könne daraus mittelfristig etwas Konkurrenzfähiges entstehen.

Der ehemalige WM-Halbfinalist und Weltranglistendritte versucht, die sowjetische Leistungssportkultur, der er entstammt, auch in Deutschland einzubringen. Allerdings mit einem wichtigen Unterschied: Wer hinter den Erwartungen zurückbleibt, wird nicht nach Sibirien verbannt 😉

Der DSB hatte jetzt Artur Jussupow verpflichtet, um bei der Deutschen Amateurmeisterschaft mit den Teilnehmern deren Partien zu analysieren. Eine solche Gelegenheit ließ sich Anna natürlich nicht entgehen. | Foto: Frank Müller/Deutscher Schachbund

Hatten die Polgars keine Ziele mehr? Alle drei Schwestern haben sich recht früh vom Schach zurückgezogen.

Ich hatte das Privileg, einige Zeit mit Judit zusammenzuarbeiten, deswegen kenne ich die Polgars ein wenig. Alle drei haben viel erreicht, auch Sofias Schach war auf einem hohen Level angekommen. Aber bei Frauen verschieben sich oft die Prioritäten stärker als bei Männern, nachdem sie eine Familie gegründet haben. Umso bewundernswerter finde ich, wie Judit weitergemacht hat. Sie hat ja auch als zweifache Mutter noch ihre Karriere vorangetrieben, das war bestimmt nicht einfach. Und sie war eine fantastische Spielerin auf unglaublichem Niveau, eine tolle Bereicherung für das Schach.   

Wenn du dich hier bei deinen U10-Kindern umschaust, träumst du auch von einem Weltmeistertitel?

Ein Traum, das trifft es wohl (lächelt). Aber wer weiß, wir setzen uns hier maximale, vielleicht unerreichbare Ziele. Ich entstamme einer Leistungssportkultur, das bringe ich auch beim Training in Deutschland ein. Im sowjetischen Sport gab es nur ein Ziel, den ersten Platz. Der Zweite wurde disqualifiziert und nach Sibirien geschickt (lacht). Okay, ganz so eng sehen wir das hier nicht, aber auch wir verstehen zweite Plätze als Niederlagen.

Schachunterricht in der Jussupow-Schachschule. | Foto: Philipp Müller

Mit dieser Attitüde hast du manchen erfolgreichen Schützling hervorgebracht.

Den einen oder anderen Spieler habe ich entwickelt, aber auch viel als Sekundant gearbeitet. Für Judit Polgar zum Beispiel, wir sprachen gerade darüber. Oder für Visvanathan Anand. Heute orientiere ich mich mit meiner Schachschule an dem, was einst Michail Botwinik mit uns gemacht hat: In seiner eigenen Schule hat er junge Leute von seinen Erfahrungen profitieren lassen. Er wollte gezielt etwas an die nächsten Generationen zurückgeben. Das will ich auch, das treibt mich an. Was ich als Profi, als Trainer oder auch von meinem Trainer Mark Dworetsky gelernt habe, das soll bleiben. Übrigens sollen auch Trainer davon profitieren, darum bin ich zuletzt in der Trainerausbildung etwas aktiver geworden. Ich lade öfter mal Trainer ein, hier zu hospitieren.

Deine Schachschule betreibst du als gemeinnützige Gesellschaft.

Im Sinne unseres U10-Projekts mit dem Schachbund und der Schachjugend ist es gut, dass es der Gesetzgeber erlaubt, gemeinnützige Firmen zu gründen. Das erlaubt uns, mehr ins Training zu investieren, als eine konventionelle Firma das könnte. Und das ist ein zentraler Punkt. Der erste Schritt der Schachausbildung ist wichtig, der muss richtig gemacht werden, um mittelfristig konkurrenzfähig zu sein.

GM Gukesh, 13 Jahre, Elo 2542, eines von zahlreichen Supertalenten aus Indien, mit denen Artur Jussupow den deutschen Nachwuchs gerne im Wettbewerb sähe: „Sich höchste Ziele zu setzen, finde ich wichtig.“ | Foto: Thomas Müller/Tegernseer Tal Tourismus

Konkurrenzfähig im Wettbewerb mit all den Wunderkindern aus Russland oder Indien…

Dort ist das Niveau sehr, sehr hoch. In Indien leben einfach unheimlich viele Leute, das macht es leichter, Ausnahmetalente zu finden. Außerdem hat Anand dort einen Schachboom ausgelöst. Aber ich würde nicht nur Indien und Russland nennen. Schauen wir in die USA oder nach China, auch dort ragt manches Talent heraus. Und diese Talente stoßen in ihrer Heimat auf die Voraussetzungen, sich weiterzuentwickeln.

Mit denen siehst du dich im Wettbewerb?

Sich höchste Ziele zu setzen, finde ich wichtig. Aber ich sagte ja schon, ich sehe die Dinge auch realistisch. Erst einmal wollen wir allen Kindern die Möglichkeit geben, auf hohem Niveau zu trainieren, als gemeinnützige Schule auch solchen Kindern, denen dazu die Mittel fehlen. Jetzt haben es in den ersten drei Jahren schon vier Kinder von uns in den deutschen Kader geschafft, das ist doch etwas. Natürlich haben es in erster Linie die Kinder selbst geschafft, aber wir haben unseren Beitrag geleistet. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz.

Trainerlegende Mark Dworetsky (stehend, links) schaut seinen großmeisterlichen Schülern Sergej Dolmatow und Artur Jussupow (sitzend, v.l.) über die Schulter. | Foto via ChessBase India

Mitmachen darf bei euch jeder?

Wir suchen gezielt Kinder, die motiviert sind, mit Eltern, die dahinterstehen. Die wollen wir unterstützen, so gut wir können – auch, indem wir Sponsoren für unsere Sache gewinnen. Wir wollen hier eine Konkurrenz schaffen, in der alle wachsen können. So wie ich es damals bei Botwinik erlebt habe. Ich bin mit Kasparow, Dolmatow, Psachis und vielen anderen angehenden Großmeistern auf die Schachschule gegangen. Das war eine tolle, fruchtbare Atmosphäre.

Dworetskys Vermächtnis: Sein Wissen und seine Erfahrungen aus vier Dekaden Trainerarbeit, die mehrere Jugendweltmeister, WM-Kandidaten und Großmeister hervorbrachte, hinterließ Mark Dworetksky in einer siebenteiligen Reihe von Trainingshandbüchern. Nach seinem Tod im September 2016 war der siebte Band unvollständig, aber da er das Material schon aufbereitet hatte und seine Wegbegleiter wussten, wie er es sortieren wollte, erschien posthum auch Band sieben („Entscheidungsfindung – Angriff und Verteidigung „), und die Reihe war komplett.

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