Alles neu in Dortmund! (Und warum wir eine Deutsche Schachtour brauchen)

Neulich rief frühmorgens der Präsident eines Schach-Landesverbands am Bodensee an. Am Vortag hatte er in der „Schach“ gelesen, das deutsche Schach sei schlecht vernetzt, die deutschen Schachmacher wurschtelten isoliert auf ihren Inseln vor sich hin. Er wusste nicht recht, ob er sich deswegen grämen soll, und am Ende einer schlaflosen Nacht griff er zum Hörer und fragte: „Bin ich gemeint?“

Hätte er sich die an dieser Stelle gebräuchliche Metaphorik vor Augen geführt, wäre er von allein darauf gekommen, dass er nicht gemeint ist. Schach-Landesverbände werden hier ja eher als „Bremsklotz“ bezeichnet. „Inseln“ sind im Perlenjargon solche Gebilde, auf denen private Schachmacher mit ihren Mitteln Schach so organisieren, wie sie sich das vorstellen, ohne dass ihnen jemand reinregieren kann.

Keine Brücken, keine Stege

Die deutschen Lande, vom Tegernsee über Karlsruhe bis Lübeck, von Aachen bis Erfurt, sind gespickt mit solchen Inseln. Die meisten von denen sind wunderbar gelegen, bieten höchste Urlaubs- und Schachqualität sowie fürsorgliche Gastfreundschaft. Gestern in Dortmund hat sich eine weitere dieser Inseln aus dem Schachozean erhoben, eine, die sich auf Anhieb als Paradies für Klötzchenschieber etablieren soll.

Leider sind zwischen all diesen Inseln keinerlei Brücken oder Stege gespannt, es gibt auch keinen Fährdienst, der sie verbinden würde. Nicht einmal ein telegraphischer Austausch ist eingerichtet, Rauchzeichen sendet auch niemand, und so wurschtelt eben jeder isoliert auf seiner Insel vor sich hin.

In Dortmund hat sich jetzt eine neue Insel aus dem Schachozean erhoben.

Würden sich die deutschen Inseldirektoren zusammentun und das ganze Jahr über kontinuierlich im Chor ein Loblied auf ihre Paradiese singen, sie würden viel besser gehört als der einzelne Inseldirektor, der kurz vor TurnierSaisonbeginn sein Lied anstimmt und dann wieder für ein Jahr verstummt.

Und das Geld, das sie sparen könnten!

Aktuell muss jeder Inseldirektor separat mit der Gewerkschaft für Bootstouren und Strandgymnastik verhandeln. Sprächen sie mit einer Stimme, es wäre viel mehr Bumms dahinter. Aber jeder muss alles allein stemmen, jede Aufgabe selbst angehen, auch solche Aufgaben, von denen er keine Ahnung hat – selbst wenn sie auf der Nachbarinsel dafür einen Experten zur Hand haben. Und vielleicht hat der Direktor auf der Nachbarinsel ja seinerseits Defizite, die sich im Gegenzug beseitigen ließen? Manus manum lavat.

Turnierveranstalter in anderen Ländern arbeiten längst zusammen, während in Deutschland jeder auf seiner Insel sitzt.

Ein Pool, aus dem jeder schöpfen kann

In Karlsruhe können sie Videos machen, in Berlin Twitter bedienen. Am Tegernsee haben sie einen großen Kommunikator. In Dortmund sind sie mit Vladimir Kramnik befreundet, in Erfurt mit Udo Lindenberg. Vielleicht sitzt in irgendeinem Schachschneckenhaus sogar jemand, der das große Ganze sieht? Offenbart hat sich so jemand seit Hans-Walter Schmitts Demission leider nicht.

Was allen Schachmachern fehlt, ist ein gemeinsames Portal und ein Pool, aus dem sich alle bedienen können, sodass jeder Zugriff auf das Beste hat, was das deutsche Schach anbieten kann: ein verbindendes Element, ein Netz, ein Dach für deutsche Turniere. „Deutsche Schachtour“ könnte es heißen, ähnlich organisiert wie die Schachbundesliga, nur mit dem Unterschied, dass bei der DST nicht nach der Gründung zwölf Jahre vergehen, bis jemand darauf pocht, kontinuierlich Reichweite zu erzeugen.

Schachturniere als Wirtschaftsfaktor

Von allein wird sich die Deutsche Bahn der Deutschen Schachtour nicht als Partner andienen. Aber wenn jemand der Deutschen Bahn zeigt, wie viele 100.000 Leute die DST auf all ihren vibirierenden Kanälen jeden Monat erreicht, wenn jemand erläutert, dass alle von denen potenzielle Reisende zu Schachturnieren sind, dass außerdem immer mehr Kommunen Schachturniere als Wirtschaftsfaktor verstehen, dann müsste sich eine Partnerschaft eintüten lassen. Die Bahn wäre jedenfalls doof, darauf nicht abzufahren.

Der einzelne Turnierveranstalter wäre viel zu klein, so eine Nummer zu stemmen. Gemeinsam: nicht einfach, aber machbar. Nicht von heute auf morgen, aber mittelfristig.

Das einstige Talent Ricky Lutz (rechts) hat seine Schachkarriere aufgegeben. Jetzt beackert er das weite Feld der Mobilität. Auf den Schachbund ist er nicht mehr so gut zu sprechen, seitdem der ihm vor gut sieben Jahren eine sinn- und perspektivlose Schachsause in Rechnung gestellt hat. Aber für die Deutsche Schachtour müsste seine Bürotür eigentlich offen stehen. Was die tut, ergibt nämlich Sinn. | Foto: Frank Hoppe/Schachbund

Mit dem Dortmunder Turnier fällt jetzt eines der beiden deutschen Superturniere weg, eine von zwei Gelegenheiten für deutsche Meisterspieler, sich im Rahmen eines Rundenturniers mit der Weltklasse zu messen. Das ist schade, einerseits. Andererseits war es abzusehen. In Dortmund waren sie in den 1990ern stehengeblieben, zuletzt hatte es den Anschein, als wollten sie gar nicht, dass jemand von ihrem Turnier erfährt.

Von jetzt auf gleich ein großes Open, geht das?

Schon während der 2019er-Auflage kursierte im Zusammenhang mit einem Wechsel in der Chefetage der Sparkasse Dortmund das Gerücht, das Turnier stehe vor dem Ende. Das hat sich nun bewahrheitet, aber die Gemengelage lässt sich auch als der dringend notwendige Schnitt, womöglich als Aufbruch interpretieren.

Bislang lief das Dortmunder Open am Rande des Superturniers mit, nun soll es sich von jetzt auf gleich als eines der großen deutschen Open etablieren. Angesichts der Lage, des Einzugsgebiets, des Spielorts (Westfalenhallen!) und nicht zuletzt des ausbaufähigen, aber für den Anfang veritablen 50.000-Euro-Preisfonds sollte das gelingen.

Ein interessantes Team haben sie in Form eines neuen Vereins auch zusammengetrommelt. Die üblichen Verdächtigen zwar, aber wahrscheinlich nicht die schlechtesten, angeführt von Carsten Hensel, der jetzt wieder aus der schachlichen Versenkung auftaucht und gleich mal den Frührentner und Fast-Dortmunder Vladimir Kramnik als Turnierbotschafter mit ins Boot geholt hat, ein repräsentatives Schwergewicht.

Dortmunds Turnierbotschafter Vladimir Kramnik, den der Dortmunder Turnierveranstalter Carsten Hensel einst gemanagt und ein Buch darüber geschrieben hat.

Wir widerstehen jetzt einfach mal der Versuchung, genüsslich Stilblüten, unfreiwillig Komisches und Grammatikschwächen auf der brandneuen, gestern Abend online geschalteten Website vorzuführen. Oder den Marken-Mix „chess trophy“ und „Dortmunder Schachtage“ in Frage zu stellen. Haben sie halt erstmal ein Turnier mit zwei Namen, was soll’s. Sie fangen ja gerade erst an.

Nichts, das sich verbreiten könnte

Wir sind ein allein dem Schach verpflichtetes Nachrichtenmedium, und als solches begeben wir uns auf der neuen Website sogleich in in die Kategorie „Presse“, um die Pressemitteilung zum neuen Turnier in Schachkreisen verbreiten zu können. Die gibt es bestimmt, beim Schach-Ticker ist sie ja schon online, und wir verstehen natürlich, dass ein unbedeutendes Blog vom See sich seinen Kram selbst zusammensuchen muss, anstatt in den Verteiler aufgenommen zu werden.

Sieh an, es gibt keine Pressemitteilung auf der Website. Na gut, gehen wir halt auf die neu eingerichtete Facebookseite. Da steht bestimmt etwas zum neuen Turnier in Dortmund, das wir in den Sozialen Medien mit der Schachszene teilen könnten. Anders als ihre Vorgänger werden sie bei der neuen „chess trophy“ ja wollen, dass sich herumspricht, was sie tun.

Auch dort: nichts, das sich verbreiten könnte.

Unter dem Dach der Deutschen Schachtour wäre das nicht passiert.

(Nachtrag: Bald nach Erscheinen dieses Beitrags erschien auf der Dortmunder Website eine Pressemitteilung zum „herrunterladen“ (sic) und auf der Facebookseite ein Link, den wir natürlich sofort mit der Schachgemeinde geteilt haben.)

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