Das Schachjahr 2019 – ein Rückblick (I)

Januar

Vladimir Kramniks Rücktritt

Das Kandidatenturnier 2018 bezeichnete Vladimir Kramnik als seine „letzte Chance, nach dem Titel zu greifen“.  Als diese Chance vertan war, begann in Kramnik der Entschluss zu reifen, das professionelle Schach an den Nagel zu hängen. Allerdings ließ er sich bis zum Januar Zeit, diesen Entschluss zu verkünden. Am Ende des Superturniers in Wijk an Zee erklärte Kramnik, er wolle sich nun anderen Dingen zuwenden. Gelegentlich Schnell- und Blitzschach wolle er aber weiterhin spielen.

Wir haben „Big Vlad“ einen dreiteiligen Rückblick auf seine Karriere gewidmet, von den Anfängen in Botwiniks Schachschule über erste internationale Auftritte, das WM-Match gegen seinen Förderer Garry Kasparov bis zu seinem Sturz vom Thron und vergeblichen Versuchen, diesen erneut zu erklimmen – unter anderem beim Kandidatenturnier 2013. Dort hatte Kramnik alle Chancen, einen gewissen Magnus Carlsen noch einmal auf Distanz zu halten.

Vladimir Kramnik – eine Karriere (I)
Vladimir Kramnik – eine Karriere (II)
Vladimir Kramnik – eine Karriere (III)

Wehmütiger Blick zurück? Im Januar 2019 in Wijk an Zee verkündete Exweltmeister Vladimir Kramnik seinen Rücktritt. || Foto: Alina l’Ami/Tata Steel Chess

Vincent Keymers Premiere

Die Organisatoren des „Tata Steel Chess“ in Wijk an Zee würden ja gerne einen Spieler aus dem großen Nachbarland für ihr A-Turnier einladen. Nur gibt es dort niemanden, der gut genug wäre, in der A-Gruppe zu bestehen. Aber vielleicht wächst in Duitsland ja jemand heran, der in den 2020ern zum Stammgast im A-Turnier wird?

2019 war das erste Jahr, in dem Vincent Keymer in der B-Gruppe mitspielen durfte, wo er gleich Gelegenheit bekam, sich an die Gegenwart der Schachelite zu gewöhnen. Später im Jahr stand für ihn ja das Grenke Classic auf der Agenda, bei dem sich der 14-Jährige mit den Herren Carlsen, Caruana & Co. würde auseinandersetzen müssen.

Gleich in der zweiten Runde gelang Vincent Keymer sein erster Sieg in Wijk an Zee. Den haben wir uns natürlich genauer angeschaut:

Holland in Not auf der Grundreihe

Vincent Keymer in Wijk, eingerahmt von seinem Trainer Peter Leko und dem kanadischen Weltklasse-Veteran Evgenij Bareev. || Foto: Tata Steel Chess

Februar

Leela versus Stockfish – eine Zeitenwende?

Bis 2018 waren Partien zwischen Engines zwar konkurrenzlos hochklassig, aber nicht schön anzuschauen. Dann kam AlphaZero, daraus entstand Leela, und die wurde nach und nach so gut, dass sie den besten traditionellen Engines das Wasser reichen konnte. Mit einem Male war das aufregend und attraktiv, weil zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze aufeinandertrafen.

Das Finale der Computerschach-WM TCEC 2019 zwischen Leela und Stockfish war das bei weitem attraktivste, das es jemals gegeben hatte, es produzierte eine Vielzahl spektakulärer Schlachten. Am Ende setze sich mit Leela erstmals eine selbstlernende Maschine über einen schnellen Brüter der traditionellen Machart durch. Hinsichtlich neuer, tiefer Strategien hat Leela allemal eine Zeitenwende im Schach eingeleitet. Allerdings ist der Kampf der Systeme noch nicht vorbei. Im Oktober 2019 schlug Stockfish im Finale gegen den Leela-Klon AllieStein zurück.

Das bedeutendste Match aller Zeiten

Das aufregendste Schachbuch des Jahres 2019: In „Game Changer“ dekonstruieren Matthew Sadler und Natasha Regan die Konzepte, derer sich AlphaZero bedient, und schlüsseln sie so auf, dass daraus für den Menschen anwendbare Rezepte entstehen.

Eine Ohrfeige aus Paris

Seit Jahrzehnten träumen nationale und internationale Schachpräsidenten den olympischen Traum – vergeblich. Nun sollte 2024 in Paris Schach endlich olympisch werden. Angesichts eines bestens vernetzten Sportpolitikers an der FIDE-Spitze, angesichts des 100-jährigen FIDE-Jubiläums 2024 sah es bei diesem neuerlichen Versuch, olympisch zu werden, besser aus als jemals zuvor.

Und es wurde wieder nichts. Zu kurzfristig hatte die FIDE ihre Kampagne gestartet, sie ungenügend vorbereitet. Surfen, Klettern und Skateboarden werden olympisch, Schach nicht. Eine individuelle Pleite handelte sich in diesem Zusammenhang der Deutsche Schachbund ein. Eineinhalb Stunden, nachdem die BBC das Scheitern der FIDE-Olympia-Kampagne gemeldet hatte, begann der DSB, sie öffentlich zu unterstützen.

Aus der Traum

Die seit neun Tagen laufende Kampagne der FIDE war gerade gescheitert, da begann der Schachbund, sie zu unterstützen. Angesichts des kuriosen Timings geriet der Umstand in den Hintergrund, dass der DSB Krause Unsinn erzählen lässt. Schach besitzt keinerlei Potenzial, den gemeinen Sportzuschauer zu begeistern. Vielleicht würde es den einen oder anderen faszinieren.

März

Großaktionär Gustafsson

Magnus Carlsen baut sich ein Schachimperium. Im März wurde bekannt, dass sein App-Unternehmen „Play Magnus“ den Mitbewerber „Chess 24“ übernimmt. Chef des Projekts ist ein Deutscher, Großmeister und Carlsen-Sekundant Jan Gustafsson,  der einst chess24 gegründet hatte.

In der Zwischenzeit ist das Carlsen-Imperium noch weiter gewachsen. Play Magnus/chess24 haben wenige Monate nach diesem Deal die Trainingsplattform „Chessable“ übernommen.

Play Magnus übernimmt Chess24

Der Boss und sein Projektleiter: Magnus Carlsen und Jan Gustafsson. || Foto: chess24

April

Pfenning oder Krause?

Die Affäre Jordan wäre ja leicht zu vermeiden gewesen. Es hätte nur jemand dem Veranstalter der Amateurmeisterschaft verbindlich aufschreiben müssen, was er darf und was nicht. Hat aber niemand. Dann stellte sich heraus, dass der professionelle Turnierveranstalter Jordan mit dem Veranstalten Geld verdient, und niemand will es geahnt haben.

Weg mit Jordan oder weiter mit Jordan? Das war die Gretchenfrage, um die sich die DSB-Präsidentenwahl 2019 drehte. Badens Präsident Uwe Pfenning war in den Ring gestiegen, um Amtsinhaber Ullrich Krause abzulösen. Pfenning hielt das rigorose Vorgehen des DSB und die Trennung von Jordan für falsch. Krause hielt sie für alternativlos.

Machtkampf im deutschen Schach

Glückwunsch und auf gute Zusammenarbeit: Nach geschlagener Schlacht gratuliert Uwe Pfenning (l.) dem alten und neuen DSB-Präsidenten Ullrich Krause. || Foto: Schachbund

Mai

Von Frankreich lernen

Ob beim DSB jemand eine Kampagne orchestriert, um den Präsidenten möglichst schlecht aussehen zu lassen? Wer das deutsche Schach verfolgt, dem offenbaren sich fast im Wochentakt Indizien.

Nachdem ihn sein Verband im Februar zum Gesicht der Olympia-Pleite gemacht hatte, traf sich Ullrich Krause im Mai mit FIDE-Präsident Arkadi Dvorkovich und dem französischen Schach-Chef Bachar Kouatly zum Gedankenaustausch. Und er brachte großartige Nachrichten mit: Der Weltverband setzt auf Deutschland als Ausrichter internationaler Turniere, und der DSB schickt sich an, ein französisches Erfolgsmodell zu übernehmen. Künftig sollen Großveranstaltungen (der Gipfel!) als Produkt verkauft werden, der DSB will nicht länger als Bettler dastehen.

Kurz vor der Präsidiumswahl fiel der DSB-Öffentlichkeitsarbeit nicht ein, Krause zum Gesicht dieses Erfolgs zu machen. Die frohen Botschaften des Präsidenten waren seinem Verband nicht einmal eine Meldung wert. Erstaunlich angesichts all der tollen Sachen, die Krause auf Anfrage dieser Seite zu berichten hatte:

Austausch mit Dvorkovich und Kouatly

Arkadi Dvorkovich (links) mit Bachar Kouatly, der es im heimischen Frankreich mit seinem zentralisiert organisierten Schach etwas leichter hat als sein deutscher Kollege. || Foto: Eteri Kublashvili

Juni

Short wird Münchner

Wer aus der zweiten Liga Ost in die Bundesliga aufsteigen will, der muss durch ein Nadelöhr. Aufzusteigen ist so schwierig, weil in dieser Liga unter anderem drei starke Münchner Vereine um die Meisterschaft ringen. Einer von denen ist MSA Zugzwang 82, und der verkündete im Juni den wahrscheinlich prominentesten Neuzugang aller Erst- und Zweitligisten.

Nigel Short, Schach-Globetrotter, ehemaliger WM-Finalist und amtierender FIDE-Vizepräsident schloss sich den Münchnern an. Was den Briten mit München verbindet und wie das Engagement zustandegekommen war, hat unser Autor Gerald Hertneck aufgedröselt.

Liga zwei – Nigel ist dabei

Nigel Short. || Foto: Maria Emelianova/chess.com

Kopf an Kopf im B-Turnier

Dass die Deutsche Meisterschaft „Masters“ heißt, ergibt wenig Sinn. Dass der Gewinner des nationalen B-Turniers zum „Deutschen Meister“ gekürt wird, noch weniger. Dieses nach außen kaum vermittelbare (und als Problem durchaus erkannte) Titeldurcheinander ist eine von vielen regulatorischen Altlasten, die das deutsche Schach mit sich herumschleppt.

Mit einer Änderung der Turnierordnung ließe sich die Sache reparieren, es müsste nur aus dem Masters die Meisterschaft gemacht werden und umgekehrt. Dem Vernehmen nach sträuben sich die Länder mehrheitlich gegen so eine Änderung, weil sie lieber Leute zur „Deutschen Meisterschaft“ schicken wollen als zum „Masters“. Sinn und Vermittelbarkeit zählen wahrscheinlich wenig, sobald der Landesfürst Pfründe identifiziert hat, die er verteidigen kann.

Am wichtigsten ist eh auf dem Brett, und da betrieben im Juni 2019 bei der so genannten Deutschen Meisterschaft zwei Schächer beste Werbung für ihren Sport. Die Großmeister Niclas Huschenbeth und Dmitrij Kollars lieferten sich ein fesselndes Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel und die Chance, 2020 beim so genannten Masters mitspielen zu dürfen. Am Ende setzte sich Huschenbeth hauchdünn durch, aber beide hatten eine Performance der erweiterten Weltklasse abgeliefert.

Unser Autor Jonathan Carlstedt hat mit seinem Schützling und Vertrauten Dmitrij Kollars eine Partie des jungen Großmeisters besonders intensiv beleuchtet:

Eine exklusive Englisch-Lektion

Dmitrij Kollars mit Jonathan Carlstedt. || Foto: Hoogeveen Schaak

Juli

Heimlicher Steuermann über Bord

Je mehr die Affäre Jordan das Tagesgeschäft bestimmte, je mehr der Verband die Amateurmeisterschaft zu seinem zentralen Projekt machte, desto mehr standen Vizepräsident Klaus Deventer und Geschäftsführer Marcus Fenner am Steuer des Tankers Schachbund. Im Juli musste einer dieser beiden heimlichen DSB-Chefs als Folge einer satzungswidrig abgehaltenen Präsidiumswahl gehen. Das DSB-Schiedsgericht entschied, dass statt Klaus Deventer Olga Birkholz als Vizepräsidentin gewählt worden war.

Deventers Abgang glich einer gewaltigen Erschütterung. Zwei Jahrzehnte lang hatte er den DSB mitgeführt, sich nebenbei als Schiedsrichter international einen veritablen Ruf erpfiffen. Nur hatte er eben auch im deutschen Schach manche Spaltung forciert, manches Porzellan zerbrochen. Und so repräsentiert sein Abgang eine Chance für einen Neuanfang. Mit Deventer an Bord, ein Beispiel,  hätten der Schachbund und Elisabeth Pähtz nicht wieder zueinander gefunden.

Olga Birkholz ist derweil nur offiziell Teil des neuen DSB-Führungsquartetts. Intern muss erst der Umstand einsickern, dass nun nach 140 Jahren erstmals eine Frau beim Schach mitregiert. Seine Weihnachts- und Neujahrsbotschaft an die Chefs der Landesverbände (die 90.000 organisierten Schachspieler bekamen keine) unterschrieb das DSB-Präsidium mit „Boris, Hans-Jürgen + Ullrich“.

Deventers Ende

Eine der letzten Amtshandlungen: Klaus Deventer (links) kürt den Deutschen Meister Masters-Gewinner Liviu Dieter Nisipeanu (Mitte). || Foto: Schachbund

Die späte Blüte des Igors Rausis

Der wunderbare Aufstieg von Großmeister Igors Rausis im Herbst seiner Karriere war Beobachtern schon seit Jahren verdächtig vorgekommen. Er repräsentiert zwei zentrale Probleme des Schachs: 1) Die Versuchung zu betrügen ist so groß, dass ihr nicht jeder widerstehen kann. 2) Es gibt kein verlässliches System, um Betrüger zu überführen und potenzielle Betrüger abzuschrecken.

Bei der FIDE läuft vieles so gut, in der Chefetage haben sie sich dermaßen daran gewöhnt, einander auf die Schulter zu klopfen, dass sie während des Falles Rausis eine Gelegenheit verpassten, kleine Brötchen zu backen. Stattdessen begleiteten Triumphgeheul und Lobgesang das Ende einer Causa, die eher nachdenklich machen sollte.

Wohin darf der Schiedsrichter gehen?

Das meistdebattierte Schachfoto des Jahres 2019.

(wird fortgesetzt)

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