Machtkampf im deutschen Schach: Pfenning oder Krause?

Beim Deutschen Schachkongress im Juni wird es zu einer Kampfabstimmung um das Spitzenamt im deutschen Schach kommen. Uwe Pfenning, Präsident des Badischen Schachverbands, kandidiert für das Amt des DSB-Präsidenten. Der Soziologe aus Baden wird Amtsinhaber Ullrich Krause herausfordern. Teil von Pfennings Mannschaft wird voraussichtlich Ralf Chadt-Rausch vom Schachbund NRW sein. Weitere Mitstreiter für sein Schattenpräsidium hat Pfenning noch nicht benannt.

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Uwe Pfenning. (Foto: Wikipedia)

Lange hatte es geheißen, Michael Langer, Landespräsident in Niedersachsen, würde beim Kongress das amtierende Präsidium herausfordern. In einem Video-Interview bei ChessBase stellte Langer nun klar, dass er keinerlei DSB-Ambitionen hegt. Langers Absage soll für Pfenning den Ausschlag gegeben haben, nun selbst zu kandidieren, um den Wählern eine Alternative zum amtierenden Präsidium zu bieten.

Pfennings Kandidatur ist in erheblichem Maße eine Folge des Skandals um Dirk Jordan, der im vergangenen Jahr das deutsche Schach erfasste und nun ein Dutzend Juristen beschäftigt. Der mit Pfenning befreundete Dresdner Schachverkäufer hatte als Organisator der Deutschen Amateurmeisterschaft Hotelprovisionen für sich behalten, die er aus Sicht seines Auftraggebers, des DSB, nicht hätte behalten dürfen. Im Raum steht ein mittlerer sechsstelliger Euro-Betrag.

Eine E-Mail-Anfrage dieser Seite an Pfenning zu seiner Kandidatur blieb unbeantwortet. Anderen Schachfreunden gegenüber begründet Pfenning seine Ambitionen so, dass er sich für den „Fall Jordan“ mitverantwortlich fühlt und die Angelegenheit nun reparieren wolle. Als 2016 aus dem „Ramada-Cup“ die „Amateurmeisterschaft“ wurde, hatten Pfenning und Chadt-Rausch für den DSB mit Jordan die neuen Verträge ausgehandelt. Auch in denen war – wie in den Jahren zuvor – offenbar nicht explizit festgeschrieben, dass jegliche Einnahmen aus dem Turnier dem Auftraggeber zustehen, nicht dem Organisator.

Als die Unregelmäßigkeiten jetzt auffielen, drängte Pfenning den DSB, sich nicht von Jordan zu trennen. Aber der Verband tat das Gegenteil, belangte Jordan juristisch und organisierte die Amateurmeisterschaft fortan auf eigene Faust. Seitdem das Band zu Jordan gekappt ist, fällt der Badische Schachverband auf Bundesebene in erster Linie durch strikte Opposition zum DSB auf, eine „Fundamentalopposition“, wie Beobachter sagen.

Der DSB, ein reformbedürftiger Apparat

Fast 150 Jahre nach seiner Gründung präsentiert sich der Deutsche Schachbund als reformbedürftiger Apparat. An gutem Willen vieler Streiter für das Schach fehlt es nicht, aber Verzagt- und Trägheit sind so fest im System verankert, dass sie jeglichen Enthusiasmus leicht ersticken. Abseits des guten Willens würde es nicht schaden, die im Verband vorhandenen Schacharbeiter nach Talent, Fähigkeit und Handwerkszeug einzusetzen und einzubinden, anstatt sie zum Dillettieren zu zwingen. Und sollte sich Berlin einmal zu einer Entscheidung durchringen, dann geht nicht viel ohne den guten Willen der mächtigen Landesfürsten, deren Popo durchgehend gezuckert werden muss, damit ja keiner querschießt.

Hierarchische, ehrenamtliche Verbandsstrukturen, nicht nur im Schach, bergen die Gefahr, dass eitle Quatschköpfe ohne Macherqualität und Stallgeruch an die Spitze des Systems geraten, auf Ämter fixierte Leute, die in erster Linie Ansprachen halten und fürs Pressefoto posieren möchten. Sogar an der Spitze eines der beiden größten deutschen Landesverbände steht so ein ins Amt verliebter Funktionär, jemand, der (das zeigte seine Neujahrsbotschaft 2019) kaum einen kohärenten Gedanken fassen, kaum einen Satz unfallfrei formulieren kann. Jemand, der öffentlich Spalterei betreibt, anstatt zu vereinen.

Staub abschütteln, durchregieren

Die kommende Wahl ist wichtig. Während sich der DSB jetzt vom größten Skandal seit langem (jemals?) erholen muss, gilt es zugleich, endlich den Staub abzuschütteln und offensiv die Botschaft zu verbreiten, was für eine großartige, verbindende, segensreiche Sache Schach ist. Obendrein würde es helfen, fände sich ein Kandidat mit der Kraft und dem Willen, national einfach mal durchzuregieren, vielleicht sogar jemand, der international relevante Signale aussendet, anstatt hinterherzulaufen, um Deutschland im Konzert der Schachnationen aus der Bedeutungslosigkeit zu führen. Einen Quatschkopf kann sich das deutsche Schach gerade nicht leisten, dafür gibt es zu viele Baustellen.

Also: Pfenning oder Krause?

Wer das Wirken Uwe Pfennings betrachtet, dem fällt dessen Gabe auf, engagierte Macher um sich zu scharen. Ob wir nun nach Karlsruhe, Baden-Baden oder Heitersheim schauen, im Badischen Land sind die verschiedensten Schach-Leuchttürme entstanden, wie es sie anderswo nicht im entferntesten gibt, getragen von tatkräftigen Leuten, die wissen, was sie tun. Solche Leute einzubinden, anstatt sie mit Verstaubtheit und Beratungsresistenz abzuschrecken, ist speziell im Schach eine bemerkenswerte Leistung.

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Dieser badische Schach-Leuchtturm strahlt stets zu Ostern besonders hell. (Foto: Schormann)

Wer sich nun bei diesen Leuten nach ihrem Landespräsidenten erkundigt, der hört in erster Linie Kritik. Pfenning rede viel, mache wenig, lade gerne zum Essen ein und sei in erster Linie aufs Repräsentieren, daneben auf Verbandsstrukturelles wie das Einrichten von Ausschüssen und Kommissionen fokussiert, weniger auf das Schach an sich. In der Tat sind in der jüngeren Vergangenheit wenige originäre Ideen Pfennings nach außen gedrungen – außer natürlich der, dass der DSB in der Affäre Jordan alles falsch gemacht habe. Würde ein DSB-Präsident Pfenning dieses alte Fass wieder öffnen, das wäre ein schädlicher Schritt zurück.

Was Krause von Pfenning lernen könnte

Ideen sind das Pfund von Ullrich Krause. Während rückwärtsgewandte Schächer die darbenden Vereine stärken wollen, indem sie Online-Schach als Teufelszeug deklarieren, verbindet Krause beide Welten, der einzig richtige Weg. Die DWZ-Lizenz, die deutsche Online-Meisterschaft gehen in diese Richtung, ja, sogar in Richtung eSport schielt der Amtsinhaber. Nur steht der mit limitierter Macht, limitierten Mitteln und limitiertem Personal da – und kompensiert diese Defizite nicht ideal. Mal will Krause alles am liebsten selbst machen und verzettelt sich in Micromanagement, das zu nichts führt, mal hält er sich raus und lässt seinen Apparat machen, was auch zu nichts führt.

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Ullrich Krause. (Foto: Wikipedia)

Um seine Ideen effektiv und schnell umzusetzen, bräuchte Krause einen Adjutanten, der die vom Präsidenten vorgegebenen Prioritäten abarbeitet und vorantreibt, ungeachtet der Verzagtheit des Apparats und der Unbeweglichkeit von Landesfürsten. Krause kann zwar auf DSB-Geschäftsführer Marcus Fenner zurückgreifen, aber der führt nun einmal das Tagesgeschäft und ist als Folge der Jordan-Affäre ansonsten ausgelastet damit, die Deutsche Amateurmeisterschaft neu auf die Beine zu stellen und auf Facebook zu verbreiten, wie toll das funktioniert.

In Sachen Adjutant könnte Krause vom Politiker Uwe Pfenning lernen: Der hat mit Irene Steimbach in Baden eine tatkräftige, uneitle Zuarbeiterin an seiner Seite installiert. Aber anders als der nach Ämtern strebende Pfenning ist der freundlich-milde Krause eben kein Politiker, sondern Schachspieler. Würde der DSB-Präsident seine Zeit in erster Linie beim Verhandeln mit den osteuropäischen Bulldozern des Schachs verbringen, wahrscheinlich wäre der mit gepflegten Intrigen und gerissenem Ausbooten vertraute Pfenning tatsächlich die bessere Wahl.

Andererseits ist Krause derjenige mit den Ideen, die das deutsche Schach voranbringen würden. Was fehlt, sind Leute, die ihm effizient helfen.

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