Der wertvollste Sekundant der Welt: Kazimdzhanov wird Niedersachse

Rustam Kazimdzhanov wird Leistungssportberater des Niedersächsischen Schachverbands. Anfang November trifft sich der Usbeke erstmals in Hannover mit Trainern und Spielern zu einem dreitägigen Workshop. Dafür hat er ein Curriculum erarbeitet, an dem sich demnächst die Schacharbeit in Niedersachsen orientieren soll.

Im Hauptberuf ist Rustam Kazimdzhanov (am Brett) der Kopf des Teams von Fabiano Caruana (links). Selbst spielt Kazimdzhanov nur noch gelegentlich, dieser Tage zum Beispiel beim Grand Swiss auf der Isle of Man, wo er Weltmeister Magnus Carlsen ein Remis abknöpfte. (Foto: Maria Emelianova/chess.com)

An nationalen Richtlinien wird das, was Kazimdzhanov für Niedersachsen entwickelt, eher nicht ausgerichtet. Der Coach des Weltranglistenzweiten Fabiano Caruana soll gezielt Erfahrungen und Erkenntnisse aus seiner langjährigen Arbeit auf Weltklasseniveau einbringen. „Wir wollen beweisen, dass das, was ein moderner Spitzentrainer macht, Leute auch auf Landesebene auf ein Niveau heben kann, das uns bislang vorenthalten war“, sagt Michael S. Langer, Vorsitzender des Niedersächsischen Schachverbands.

Anand, Karjakin und Caruana zum WM-Kampf geführt

Was Magnus Carlsen am Brett ist, das ist Rustam Kazimdzhanov abseits davon. Zwar war der 39-Jährige einst selbst Weltmeister, nachdem er 2004 die FIDE-K.o.-WM gewonnen hatte, und er ist nach wie vor ein veritabler Großmeister aus der 2650+-Liga, spielt aber kaum noch, weil er als Trainer so gefragt ist wie kaum ein anderer. „Wertvollster Sekundant der Welt“ nennt ihn die FAZ.

Als Sekundant half er 2008 Visvanathan Anand, im Match gegen Vladimir Kramnik den Weltmeistertitel zu gewinnen, und er blieb an Anands Seite, als der seinen Titel 2010 gegen Veselin Topalov und 2012 gegen Boris Gelfand verteidigte. 2014 trainierte er den späteren WM-Herausforderer Sergej Karjakin, seit 2016 unterstützt er Fabiano Caruana als Sekundant. Vor und während des im Tiebreak entschiedenen WM-Kampfs 2018 gegen Magnus Carlsen war Kazimdhanov der Kopf von Team Caruana.

„Der wervollste Sekundant der Welt“ schrieb die FAZ im März 2018.

In Deutschland ist „Kazim“ auch kein Unbekannter, und das hängt nicht nur mit seinem Wohnsitz in der Nähe von Bonn zusammen (den der Schach-Globetrotter selten sieht). 2011 verpflichtete ihn der Deutsche Schachbund als Trainer für die Nationalmannschaft – die prompt die Europameisterschaft gewann. Bis heute schwärmen Spieler von dieser Erfahrung, die das nationale Schach zumindest für die Dauer eines Wettbewerbs auf ein neues Level hievte.

Fundraising füllt die niedersächsische Kasse

Weltklasse werden wollen sie in Niedersachsen noch nicht, aber zumindest dafür sorgen, dass die heimischen Spitzenspieler im Lande bleiben, so dass sich die heimischen Vereine in den höchsten nationalen Ligen etablieren können. Zuletzt etwa war der ehemalige Deutsche U18-Meister Jari Reuker aus Delmenhorst zum SV Werder Bremen gewechselt, weil er dort in der Bundesliga spielen kann, der stärksten Liga der Welt.

Abgehalten wird der erste Kazimdzhanov-Workshop in den Hannoveraner Räumen der Lottostiftung. Deren Fördergelder tragen schon länger erheblich zu der mittlerweile hohen sechsstelligen Summe bei, die das niedersächsische Schach seit 2013 per Fundraising generiert hat.

Nun hatte der Verband einen Antrag gestellt, in dem er das Ziel ausgab, mit Hilfe eines Welt-Spitzentrainers die Spielstärke seiner Eigengewächse signifikant zu erhöhen. „Dafür wurde uns erst einmal ein hoher vierstelliger Betrag bewilligt“, erklärt Langer. Er steht jetzt in der Pflicht, der Stiftung die Erfolge des Projekts zu vermitteln, um Kontinuität herstellen zu können. „Ich hoffe, dass sich aus diesem Anschub die Finanzierung für die kommenden Jahre ableitet.“

Der niedersächsische Leistungssportreferent Lukas Hoffmann sieht eine Menge Potenzial im Land – und will es jetzt ausschöpfen.

6 Kommentare zu „Der wertvollste Sekundant der Welt: Kazimdzhanov wird Niedersachse

  1. Zuletzt etwa war der ehemalige Deutsche U18-Meister Jari Reuker aus Delmenhorst zum SV Werder Bremen gewechselt, (…)

    Jari Reuker spielte zuletzt 2017/18 Mannschaftskämpfe für Union Oldenburg in der 2. Bundesliga Nord. In der Saison 2018/19 war er in der Oberliga Nord-West ebenfalls dort gemeldet, hat aber nicht gespielt.

    Aus der Perspektive des Bodensees liegen Delmenhorst und Oldenburg natürlich sehr nah beieinander…

    1. An der Stelle habe ich tatsächlich um eine Formulierung gerungen. Nehme ich die Stadt des Vereins oder seine Heimatstadt. Es gibt zwei Oldenburgs, insofern wäre „von Oldenburg nach Bremen gewechselt“ nicht eindeutig gewesen. Jari Reuker kommt aber eindeutig aus Delmenhorst. Insofern wirst du mir bei „Jari Reuker aus Delmenhorst“ keinen Fehler nachweisen können 😉

      1. Wie wäre es dann mit „…der aus Delmenhorst stammende, und zuletzt für den SK Union Oldenburg spielende…“?

        SF Lukas Hoffmann schreibt allerdings in dem angehängten Artikel, dass SF Reuker aus Gleidingen kommt. Das ist offenbar ein Stadtteil von Laatzen, wo noch ein anderer Spieler mit dem gleichen Nachnamen Mitglied ist. Außerdem habe ich auf die Schnelle gefunden, dass er früher für Wildeshausen (!) gespielt hat. Das ist noch so ein Kaff in der Norddeutschen Tiefebene, etwas südlich von Delmenhorst und Oldenburg.

        Es ist nicht einfach! 😉

        1. Das wäre sehr schön, könnte aber beim in Sachen Zweite Liga Nord unkundigen Leser ein Fragezeichen auslösen, ob es sich denn um das Oldenburg in Niedersachsen handelt, oder ob Reuker womöglich schon vor seinem Wechsel nach Bremen an ein anderes Bundesland verloren gegangen war. Insofern bleibe ich erstmal bei „Jari aus Delmenhorst“, das ist nicht falsch und schön kurz. Aber ich freu mich über weitere Vorschläge.

          Jari Reuker stammt aus Hildesheim, wohnt jetzt in Delmenhorst, hat nach meinen Infos als Kind für Gleidingen gespielt, später für Wildeshausen. Vielleicht sollte ich seine Karriere in einem anderen Beitrag mal im Detail aufarbeiten, damit keine Fragen offen sind.

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