Wir halten die Spannung – oder nicht? Das c4-c5-Dilemma im Damengambit (II)

Im Lauf der Partie ergeben sich auf dem Schachbrett oft mehrere Schauplätze, die unter Spannung stehen. Schlechte Spieler sind getrieben vom Verlangen, diese Spannung aufzulösen, um die Lage übersichtlicher zu gestalten. Gute Spieler halten die Spannung. Sie lösen sie nur auf, wenn sie etwas dafür bekommen.

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In der Grundstellung des abgelehnten Damengambits steht schon nach zwei Zügen das Zentrum unter Spannung. Meistens erhöht nun Weiß mit 3.Sc3 den Druck auf den Punkt d5, was es dem Schwarzen schwer macht, später das befreiende …e5 oder …c5 durchzusetzen. In der Folge kann Weiß eine Vielzahl von Strukturen und Plänen anstreben.

Dieser Flexibilität würde er sich mit dem schrecklichen Zug 3.c5? berauben. Für die nahe Zukunft hätte Weiß jetzt nur noch einen Plan, nämlich einen Bauernsturm am Damenflügel. Und dem kann der Schwarze sogleich auf typische Weise den Zahn ziehen: 3…b6!, und nach 4.b4 a5 stellt Weiß fest, dass seine Bauernmasse zerbröselt, weil 5.a3 wegen der Fesselung auf der a-Linie nicht geht. So viel zum Thema Bauernsturm.

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Weiß bliebe nichts Besseres als 4.cxb6 axb6, was den schwarzen Einfluss im Zentrum stärkt und den weißen schwächt: Weiß hätte vom Zentrum weg geschlagen, Schwarz in Richtung Zentrum. Bald lässt Schwarz …c5 folgen, baut seinerseits Druck gegen d4 auf und steht schon etwas besser.

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In der Grundstellung des Chebanenko-Slawisch ist die Angelegenheit weniger eindeutig.

Wieder gilt, dass sich Weiß per 5.c5 der Flexibilität beraubt und den Druck vom schwarzen Zentrum nimmt. Und wieder liegt die weiße Zukunft allein am Damenflügel, aber dort ist die Konstellation in diesem Fall günstiger als im Beispiel zuvor. Mit 5.c5 legt Weiß den Finger auf die schwarzfeldrigen Löcher in der schwarzen Struktur, die nach dem Zug …a6 entstanden sind.

Würde Schwarz jetzt oder später sein typisches …b6 (oder …b5) versuchen, Weiß könnte auf b6 schlagen, ohne dass Schwarz mit einem Bauern Richtung Zentrum zurückschlagen kann. Auf dem schwarzen Damenflügel würden weiter schwarzfeldrige Löcher klaffen, auf c5 sogar noch ein zusätzliches, und auch der rückständige c-Bauer könnte zum Zielobjekt des weißen Spiels auf der c-Linie werden.

Wie Schwarz dem Vorstoß c4-c5 begegnet: Anknabbern oder im Zentrum zurückschlagen

Den vorwitzigen c5-Bauern sofort per …b6 anzuknabbern, ist gleichwohl nur eine Option für Schwarz, dem weißen Vorstoß zu begegnen. Die andere ist der zentrale Gegenschlag …e5 – meistens mit der Idee, die weiße Bauernkette f2-e3-d4-c5 per …exd4 zu verkürzen und in der Folge Spiel gegen deren Basis d4 zu organisieren, kombiniert mit Spiel auf der e-Linie. Schwarz muss Weiß ja beschäftigen, damit der nicht in aller Ruhe über die schwarzen Schwächen am Damenflügel herfällt.

Alternativ versucht Schwarz gelegentlich, sich per …e4 Freiheit am Königsflügel zu verschaffen, um dort seine Truppen gegen den weißen König aufmarschieren zu lassen. Wie so ein Königsangriff laufen kann, hat in einer verwandten Struktur unlängst in Moskau der junge deutsche Großmeister Rasmus Svane trefflich demonstriert.

Für Schwarz ist es logisch, nach 5.c5 seinen lebensnotwendigen Vorstoß …e5 unmittelbar vorzubereiten, derweil Weiß versucht, ihn zu verhindern. 5…Sbd7 6.Lf4 Sh5 (Diagramm) ist eine häufige Zugfolge, die den Kampf um das Feld e5 illustriert.

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Kampf um das Feld e5.

Weiß könnte nun 7.e3 ziehen, so wie es neulich unser Schachfreund Lothar hätte tun sollen, um das Feld e5 im Griff zu behalten. Er kann auch 7.Ld2 ziehen und erst einmal feststellen, dass der bescheiden postierte Sh5 Weiß die Option e2-e4 mit (potenziellem) Angriff der Dd1 auf eben diesen Springer eröffnet, so dass Schwarz nicht 7…e5 ziehen kann.

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Typisches Szenario: Schwarz hat frühzeitig seinen Lc8 entwickelt, und Weiß stürzt sich sogleich per Db3 auf den nun nicht mehr verteidigten Punkt b7. Aber die Opposition der Damen auf der b-Linie ist komfortabel für Schwarz, so wie sie ist.

Weiter kommt Weiß nur mit – genau, 6.c4-c5.

Für beide plausiblen schwarzen Antworten, 6…Dxb3 und 6…Dc7, hat der Weiße einen Plan. Nach 6…Dxb3 7.axb3 besteht der in erster Linie in seinem Bauernsturm am Damenflügel, um sich dort eine Angriffsmarke zu schaffen (c6 in der Regel). Den Vorstoß b3-b4-b5 kann Schwarz wegen der Fesselung auf der a-Linie nicht mit …a6 stoppen. Er könnte aber mittels 7…Sa6 den b-Bauern aufhalten. Dann hat Weiß  mit 8.Ta4 und 8.e4 zwei interessante Möglichkeiten.

6…Dc7 beantwortet Weiß mit 7.Lf4!. Den Läufer darf Schwarz nicht schlagen, weil dann der Ta8 verloren ginge. Also 7…Dc8, und für Schwarz ist vorerst jegliches aktive Spiel vom Tisch. Weder …b6 noch …e5 sind in naher Zukunft Optionen. Auch für Weiß ist es nicht einfach weiterzukommen, aber er erfreut sich erst einmal Raumvorteils, größerer Aktivität und hat an allen Fronten potenzielles Gegenspiel unter Kontrolle.

Antwort 87

Joachim Schmidt – Arno Dirksen, Überlingen, Januar 2018

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Stümperhafter Zug.

Mit …c5-c4 nimmt sich Schwarz alle Flexibilität. Jetzt hat er nur noch den Plan “Bauernsturm am Damenflügel”, aber dafür steht ihm auch noch sein dösiger Sb6 im Weg.

Weiß hat erheblichen Vorteil. Er kann unmittelbar e3-e4 spielen und im Zentrum sowie am Königsflügel vorgehen, während der Schwarze ewig brauchen wird, bis er am Damenflügel etwas Greifbares organisiert hat (falls er überhaupt dazu kommt).

Antwort 88

Sergej Pokrovski – Hubert Rapp, Überlingen, März 2017

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Ein Zug am Rande der Stümperhaftigkeit.

Es bestand schlicht keine Notwendigkeit für Weiß, sich derart festzulegen und sich Optionen zu nehmen, zumal mit einem nicht entwickelten Königsflügel. Stattdessen hatte Weiß zwei gute Möglichkeiten, nach Vorteil Ausschau zu halten.

Einmal natürlich das thematische Db3 (vergleiche das dritte Beispiel oben). Nach …Db6 wäre c5 dann tatsächlich ein guter Zug. Außerdem war der einfache Entwicklungszug Sf3 möglich, verbunden mit der Idee Sh4 und Jagd auf das schwarze Läuferpaar.

Antwort 89

Jürgen Lerner – Christian Ketterer, Überlingen, November 2014

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Stümperhafter Zug.

Im Damengambit mit Lf4 sind die Weißen eher geneigt, c4-c5 zu ziehen, um dank des Lf4 die Diagonale h2-b8 komplett zu kontrollieren. Aber warum nicht den Schwarzen erst einmal im Unklaren lassen, was die Pläne sind? c4-c5 läuft ja nicht weg, und in diesem Fall geht das arg verfrühte  6.c4-c5 sogar nach hinten los.

Schwarz spielt das typische 6…b6 (vergleiche erstes Beispiel), und dem Weißen hilft es nicht viel, dass er in diesem Fall mit 7.b4 a5 8.a3 zumindest den c5-Bauern behaupten kann. Nach 8…Se4 hat Schwarz schon erheblichen Vorteil, der sich auch auf seiner Option …Sc6 mit weiterem Druck auf den weißen Damenflügel begründet. Die weiße Bauernmasse am Damenflügel ist wackeliges Zielobjekt des schwarzen Gegenspiels anstatt Fundament des weißen Plans.

Glaubst Du nicht? Ist aber so. Damit Du die Stellung und die Konsequenzen von 6.c5? b6! wirklich verstehst, schau sie Dir am besten mit Computerhilfe genauer an. Hier ist die Stellung schon aufgebaut, viel Spaß.

Im Lf4-Damengambit kann sich der Weiße anhand zweier einfacher Grundregeln orientieren, die ihm helfen zu erkennen, ob c4-c5 ein veritable Option ist oder nicht.

  • Droht Schwarz, sich im nächsten Zug mit …c7-c5 zu befreien, ist c4-c5 oft eine gute Möglichkeit, den Schwarzen einzuschnüren. Aber das gilt eben nur, wenn die unmittelbare Antwort …b6 entkräftet ist, und das ist sie hier noch nicht.
  • Der typische schwarze Konter …b6 usw. ist viel stärker, wenn der schwarze c-Bauer noch auf c7 statt auf c6 (vergleiche zweites Beispiel oben) und der Springer auf b8 statt d7 steht. Während ein Bauer auf c6 tatsächlich zur Angriffsmarke für den Weißen werden mag, hilft ein freies Feld c6 dem Schwarzen, eine wirksame Aufstellung zu finden.

Antwort 90

Lothar Knebel – Hansjörg Nohl, November 2017

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Spielbar, aber nicht frei von Stümperhaftigkeit.

Weiß kann sich 7.c4-c5 leisten, weil der Schwarze mit 6…c6?! schon einen Fehler gemacht hat, indem er sich zu einer passiven Aufstellung verdammt.

Gehen wir einen Zug zurück:

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Die Schachfreunde Lothar und Hansjörg hatten tatsächlich eine theoretische Grundstellung (eine “Tabiya”) aus dem Damengambit mit Lf4 erreicht.

Schwarz hat hier im Wesentlichen zwei Züge: Entweder sofort 6…c5 oder 6…Sbd7 (mit der Idee 7…c5), was Weiß gerne mit 7.c4-c5 beantwortet, um …c5 zu verhindern.

6…c6 dagegen ist ziemlicher Mumpitz. Der Zug leistet nichts und verliert nur Zeit, weil Schwarz ohne das thematische …c5 nicht auskommen wird, wenn er ausgleichen will.

Vielleicht ergibt sich ja tatsächlich ein Szenario, in dem ein Bauernsturm am Damenflügel für Weiß die beste Option ist. Dann kann er immer noch c5 spielen. Nach 6…c6 steht Schwarz erstmal ohne aktive Ideen da, für Weiß besteht kein Grund, nicht flexibel zu bleiben. Und es boten sich eine Reihe thematischer und guter Züge an. 7.Tc1, 7.Dc2, 7.h3, 7.Ld3.

Flexibel bleiben! Die Spannung halten!


Alles, was du über das Damengambit wissen möchtest (und dich nie zu fragen trautest): In wenigen Wochen kommet diese Everyman-Neuerscheinung auf den Markt, eine Neuauflage gleich zweier Werke über das Damengambit.
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