Das c4-c5-Dilemma ist oft keines

„Lerne aus Deinen Fehlern“ ist eine aus einer Fülle von Funktionen, die Lichess aufstrebenden Schachspielern anbietet, um besser zu werden. Sie ist Teil der automatischen Partie-Analyse, die Du mit einem Klick starten kannst, so dass eine Engine Deine gerade (oder neulich) gespielte Partie nach Fehlern durchforstet.

Tolle Sache, aber in der Praxis oft eher verwirrend als hilfreich. Wenn der Computer feststellt, dass Du eine Figur eingestellt hat, dann ist das offensichtlich. Aber selbst der hinsichtlich seiner Leistung arg beschnittene Lichess-Stockfish versteht so viel vom Schach, dass die Verbesserungsvorschläge der Maschine oft das weite Feld der Strategie berühren.

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Und dann meldet die Maschine „…b6 war der beste Zug“, und Du hast keine Ahnung, warum das so ist. Es ist ja keine Taktik im Spiel, die dafür sorgt, dass Schwarz per …b6 Material gewinnt oder Materialverlust vermeidet. Aber warum …b6 der mit Abstand beste Zug für Schwarz ist, das kann Dir die Maschine nicht erklären. Dafür bedarf es entweder eines Trainers oder Deiner spielstarken Freunde aus dem Schachforum, um die Sache aufzudröseln.

In der Stellung vor …b6 hat Weiß eine starke positionelle Drohung und Schwarz ein gewichtiges Problem.

Die Drohung ist c4-c5. Weiß würde sicherstellen, dass er dem Schwarzen auf der b-Linie einen rückständigen Bauern andrehen kann, gegen den er trefflich Druck entwickeln könnte. Dazu kommt noch der Hebel c3-c4, den Weiß bei Bedarf ansetzen kann, um auch im Zentrum weiterzukommen. Würde Schwarz nichts machen (z.B. …Kh8), nach c4-c5 wäre es ein Spiel auf ein Tor.

Kein Dilemma: Könnte er ungehindert c4-c5 spielen, das wäre riesig für Weiß.

Das schwarze Problem steht auf c8. Weiß hat alles entwickelt, Schwarz braucht noch eine Perspektive für den Lc8. Ideal wäre, der Läufer könnte nach a6 gehen, den c4-Bauern befragen und sich womöglich gegen den „guten“ weißfeldrigen Läufer des Weißen abtauschen.

Und nun stellen wir fest: …b6 schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe. Verhindert c4-c5, bereitet …Lc8-a6 vor. Nur so bleibt Schwarz in der Partie.

In diesem Fall musste der Schwarzspieler im Forum fragen, und zu seinem Glück bekam er erklärt, was so toll an …b6 ist. Die Schachfreunde vom Bodensee haben es da leichter. Sie müssen ja nicht einmal fragen. Sobald bei ihnen etwas fundamental schlecht läuft (oder gut, kommt vor, aber selten 😉 ), finden sie die kritische Stellung in ihrer Online-Schachschule.

Auch heute:

Antwort 92

Lothar Knebel – Thomas Isele, Überlingen, März 2018

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Plausibel, aber alles andere als notwendig. Die mit Abstand meisten Weißspieler entscheiden sich an dieser Stelle, per cxd5 eine Isolani-Stellung herbeizuführen.

Die Struktur nach 1.c4-c5 unterscheidet sich in einem wichtigen Detail von denjenigen, wie sie im Damengambit nach c4-c5 entstehen: Weiß setzt auf eine 3:2-Bauernmajorität am Damenflügel, und die stellt sicher, dass sein potenzieller Sturm am Damenflügel ganz schön gefährlich sein kann. Kommt der Weiße jetzt auch noch ungehindert zu b2-b4-b5, gerät Schwarz leicht in Schwierigkeiten.

Darum versucht Schwarz in der Regel möglichst bald, per …b6 die weiße Bauernmasse anzuknabbern und den Abtausch …bxc5 bxc5 zu erzwingen. Damit wäre der b-Bauer vom Brett. Den gedeckten Freibauern auf c5 blockiert Schwarz wirksam per …Sc6, dann kann er zum Beispiel per …Se4 und …Lf6 Druck gegen d4  aufbauen, unter Umständen auch …e5 spielen und das weiße Bauernduo d4/c5 komplett auseinandersprengen.

Wir schauen die Partie noch ein bisschen weiter an, denn der Schwarze gibt uns ein hübsches Beispiel dafür, wie Schwarz es nicht machen sollte.

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1…Sc6 ist noch nicht schrecklich, verstößt aber gegen eine einfache Grundregel: So lange Schwarz nicht …b6 und …bxc5 gespielt hat, bleibt der Sb8, wo er ist. Spielt Schwarz erst …Sc6 und danach …b6, dann ist der Springer anfällig für taktische Motive in Verbindung mit b4-b5 oder Lb5 mit Tempogewinn.

Weiter ging es mit 2.Lb5 Ld7 3.0-0 a6, und das…

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…verstößt gegen eine weitere Grundregel. Schwarz darf sich nicht einfach nur mit …a6 hinstellen und hoffen, dass er den weißen Sturm schon irgendwie stoppen kann. Aktiv spielen, Gegenspiel suchen!

Beim Schach gilt ja generell, dass wir dort, wo der Gegner stärker ist, eher stillhalten, als ihm Angriffsmarken zu präsentieren. Hier ist das nicht anders.

Spätestens  nach 3…a6 steht Weiß substanziell besser, weil dem Schwarzen nun das Gegenspiel ausgeht. Es folgt 4.Lxc6, und der Weiße hat neben dem anstehenden Sturm am Damenflügel auch noch die Option Se5 zur Verfügung.

Ein Fehler wäre 4.Ld3. Zwar wollen wir tendenziell den weißfeldrigen Läufer nach Möglichkeit auf dem Brett halten, aber hier verbieten es die konkreten Umstände. Schwarz wäre trotz seiner schlampigen Züge zuvor nun doch für 4…b6 richtig aufgestellt, und Weiß bekäme sofort Probleme.

Antwort 93

Sergej Pokrovski – Ulf Schreier, Überlingen, März 2016

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Notwendig, der einzige Zug, der dem Weißen Aussicht auf Vorteil bietet. Alle Alternativen führen zu einer für Schwarz günstigen Isolani-Stellung.

Schwarz ist nicht gut aufgestellt für den potenziellen weißen Sturm am Damenflügel. Er hat …a6 gespielt, und das passt nicht ins Konzept (siehe oben). Außerdem ist angenehm für den Weißen, dass er die Diagonale h2-b8 beherrscht.

Antwort 94

Jonas Engesser – Lothar Knebel, Überlingen, Oktober 2010

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Notwendig, der einzige Zug, der dem Schwarzen Vorteil sichert.

Weiß ist auf der Suche nach Gegenspiel am Königsflügel. Indem der Schwarze die Stellung verschließt und den Ld3 auf ein passives Feld zurücktreibt, nimmt er dem Weißen Optionen. Weiß darf sich nun erst einmal überlegen, wie er seine Truppen entknotet und wirksam neu sortiert, während das schwarze Spiel fast von alleine läuft.

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