Projekt „Mama besiegen“, erster Versuch: Einen Angriff planen, wie geht das?

Oli (8) hat zur Vorbereitung auf seine erste Saison nach seinem Wettkampf gegen Papa jetzt auch noch einen Wettkampf gegen Mama begonnen. Bravo!

mamaoli

Aber Mama ist auch eine harte Gegnerin, strategisch geschult durch die tägliche Lektüre dieses Blogs. Und doch prognostizieren wir, dass Oli Mama vor Papa besiegen wird, weil Mama zwar strategisch glänzt, aber taktisch schwächelt, wo Papa nichts einstellt.

Bis sie besiegt ist (und danach), wird Oli auch von Mama eine Menge lernen. Wie man sich zu Beginn der Partie aufbaut, wohin die Figuren gehören, wie sie zusammenspielen sollen, all das demonstriert Mama in dieser Partie wunderbar, während Oli wieder voreilig nach Angriffen fischt, wo keine sind. Mama muss gar nichts Spektakuläres anstellen, nur normale Züge machen, und dann steht sie plötzlich auf Gewinn.

Auch diese Partie werden wir im Lauf von Olis Entwicklung noch einmal hervorkramen, um das Thema „Plan“ und „Königsangriff“ zu besprechen. Wenn der eine kurz und der andere lang rochiert hat, so wie in diesem Duell, dann folgt fast unweigerlich ein beiderseitiger Königsangriff – und der muss geplant werden. Wie das geht, steht hier.

Mama-Oli
Trainingspartie August 2018

(!=sehr gut, !?=interessant, ?!=zweifelhaft, ?=Fehler, ??=grober Fehler)

1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lc4

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„Wie beginnt man eigentlich eine Schachpartie?“

Mama als treue Leserin dieses Blogs hat die Grundregeln verinnerlicht: Zu Beginn einen Bauern ins Zentrum, dann zuerst die Figuren entwickeln, die dem König für die Rochade im Weg stehen, damit sie jederzeit den Monarchen in Sicherheit rochieren kann.

3… Lc5

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Sollten Anfänger Eröffnungstheorie lernen? Natürlich nicht. Die Theorie spiegelt ja nichts anderes als die Prinzipien, denen Mama und Oli auch ohne Theorie folgen: Zentrum beherrschen, Figuren raus, König in Sicherheit.

Und doch kann es nicht schaden, zumindest Stellungen, die uns immer wieder begegnen, ein wenig zu kennen. Diese uralte zum Beispiel, die Grundstellung der „Italienischen Eröffnung„, wie sie bei jedem Kinderturnier in jeder zweiten Partie auf dem Brett steht. 3…Lf8-c5 war ein gesunder Entwicklungszug von Schwarz, der aber nicht wie die Alternative 3…Sg8-f6 den ungedeckten weißen Bauern auf e4 unter Druck setzt und Weiß zum Handeln zwingt.

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Weil bei der Weißen nichts hängt, bietet sich ihr jetzt eine Gelegenheit, sofort den Kampf ums Zentrum zu verschärfen. 4.c2-c3, gefolgt von 5.d2-d4, ist an dieser Stelle der übliche Zug – außer in der Überlinger Jugendabteilung. Unsere Jugendlichen (so sie denn zugehört haben) ziehen natürlich 4.b2-b4!, das altehrwürdige Evans-Gambit, das noch schärfer ums Zentrum kämpft (c2-c3 und d2-d4 folgt hier sogar mit Tempo) und wie kaum eine andere Eröffnung das Gefühl für Initiative und das Zusammenspiel der Figuren schult. Und gerade letzteres fehlt Oli noch, wie wir im Lauf der Partie sehen werden.

4. d3

4.d3 ist ein wenig statisch und blutleer. Andererseits: Sollen wir ernsthaft Mama für einen Zug kritisieren, den schon Caruana, Anand, Kramnik gespielt haben?

4… Sf6 5. Lg5

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Fesselt den Sf6 und bereitet die Standardmethode vor, um bei Kinderturnieren schnell Partien zu gewinnen: Während Schwarz …d7-d6 und …0-0 zieht, spielt Weiß Sb1-c3-d5, um die Fesselung des Sf6 auszunutzen. Mit einem Abtausch auf f6 zertrümmert Weiß dann den Bauernschutzwall des kurz rochierten schwarzen Königs und setzt diesen flugs matt. Funktioniert fast immer…

5… h6

…aber nicht mit Oli! Der will die Fesselung sogleich beseitigen.

6. Le3!?

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Interessante Entscheidung. Anstatt die Fesselung auf der Diagonalen h4-d8 aufrecht zu halten, begnügt sich Mama damit, Oli zu einer kleinen Schwächung seines Königsflügels provoziert zu haben. Und auch für Mamas 6.Lg5-e3 gibt es ein gewichtiges Argument: der schwarze Lc5 strahlte mitten ins weiße Lager, da kann es nicht schaden, ihn abzutauschen.

6… Lxe3 7. fxe3

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Jetzt hat sich Mama einen Doppelbauern auf e3/e4 eingehandelt. Aber womöglich ist das gar nicht schlimm. Das weiße Bauernpaket kontrolliert eine Menge zentraler Felder und verweigert dem Sc6 Zutritt zu seinem Wunschfeld auf d4. Außerdem ist nun die f-Linie offen, und damit hat Mama sich bereits eine Option für ihre Türme geschaffen, sobald die Entwicklung beendet ist. Türme lieben offene Linien.

Würden wir diese Stellung Papa zeigen und ihn bitten, drei gute Züge für Schwarz vorzuschlagen, er würde kurz aufs Brett gucken und dann …d7-d6, …d7-d5 und …0-0 als Kandidaten benennen. Papa beherrscht eben das kleine Schach-Einmaleins: Entwicklung beenden, König in Sicherheit, das zählt (fast immer) mehr als alles andere.

7… Sg4?

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Ohne Unterlass predigen wir „Zentrum, Zentrum, Zentrum“ und „Entwicklung, Entwicklung, Entwicklung“. OIi stellt seine Figuren trotzdem ins Abseits, Abseits, Abseits.

8. De2 

„Danke, Oli“, sagt Mama. Die Dame wollte mittelfristig eh die Grundreihe verlassen, damit nach der weißen Rochade die Türme verbunden sind und zusammenarbeiten können. Nicht nur hat Oli eine Figur auf ein schlechteres Feld als zuvor gestellt, er hat auch der Weißen geholfen, ihre Stellung zu verbessern.

8… O-O 9. Sc3 Sb4?!

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Oje. Das droht nicht einmal etwas. Wenn es wenigstens Hoffnungsschach wäre, dann würden wir vielleicht verstehen, warum Oli gleich noch eine Figur auf ein schlechtes Feld befördert.

10. O-O-O 

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Beide Könige in Sicherheit, Zeit für die Zwischenbilanz.

  • Mama hat alles entwickelt, die Türme verbunden, ihre Figuren stehen harmonisch, sie dominiert das Zentrum.
  • Oli hat nicht alles entwickelt, seine Figuren stehen im Abseits, und im Zentrum hat er nichts zu melden.

Mama hat die Eröffnung klar gewonnen, und sie musste dafür nichts weiter tun, als die normalen Züge zu machen: Figuren entwickeln, Bauern ins Zentrum, König in Sicherheit.

Anders als die beiden ersten Partien gegen Papa ist diese gekennzeichnet von Rochaden zu verschiedenen Seiten. Damit sind auch für beide die Pläne für die unmittelbare Zukunft festgelegt: Weiß und Schwarz werden den gegnerischen König angreifen, denn ihr eigener steht ja auf der anderen Seite des Brettes. Daher muss sich keine Seite sorgen, den eigenen Monarchen zu entblößen, wenn sie einen Bauernsturm gegen den des Gegners beginnt.

Die größeren Erfolgsaussichten beim gegenseitigen Sturm auf Königsbastion hat freilich Mama. Oli muss ja erst noch seine Entwicklung beenden, und Mama steht schon die f-Linie offen, auf der sie sehr bald Druck gegen f7 entwickeln könnte.

10… c6!

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Das ergibt Sinn. So wie Mama schon im vierten Zug per c2-c3 nach einem perfekten Bauernzentrum streben konnte, kann das nun Oli tun – und damit rechtfertigen, dass er mit seinem krummen neunten Zug das Feld c6 geräumt hat. …d7-d5 ist nun eine Option, vielleicht auch …b7-b5 als Beginn eines Angriffs auf den weißen König.

11. d4

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Geht erst einmal im Zentrum voran und betont das für Schwarz unangenehme Gegenüber von Turm und Dame auf der d-Linie. Das kann so verkehrt nicht sein.

11… b5

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Und dieses, wer weiß, mag sich ja zu einem Königsangriff entwickeln. Jetzt hängt bei Weiß auf c4 eine Figur…

12. Sxe5?? 

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…und Mama stellt sie prompt ein. Nun einfach 12…Sg4xe5, danach …b5xc4, und Oli könnte sich einer Mehrfigur erfreuen.

12… bxc4??

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Verweigert das unfreiwillige Geschenk. Jetzt kann Mama den Springer auf g4 schlagen, und materiell ist es wieder ausgeglichen.

13. Sxg4 d5

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Oli hat im Zentrum eine Bauernspannung kreiert. Wie wir unlängst beleuchtet haben, sind weniger erfahrene Schachspieler vom Verlangen getrieben, solche Spannungen aufzulösen, um die Angelegenheit übersichtlicher zu gestalten. Auch Mama ist ein Opfer dieses Verlangens, wie sich gleich zeigt.

Was die weiße Idee ist, haben wir schon festgestellt: Königsangriff.

  • „Und wie bekommen wir Angriff?“
  • „Indem wir unsere Königsflügelbauern voranschicken, um die gegnerische Rochadestellung aufzuweichen.“
  • „Aber denen steht doch unser Springer auf g4 im Weg?“
  • „Bietet sich dem Springer vielleicht ein besseres Feld?“
  • „Oh, ja. e5 sieht nach einem verlockenden, zentralen Stützpunkt aus.“
  • „Bingo! Von e5 aus würde der Springer den Königsangriff unterstützen, h- und – g-Linie wären für einen Bauernsturm geräumt, und dazu wäre die Dame nicht mehr an die Verteidigung des Springers gebunden und könnte selbst am Königsflügel eingreifen.“

So etwa sähe es aus, wenn Weiß im Dialog mit einem guten Spieler einen Plan entwickelt, wie es weitergehen könnte.

14. e5?!

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Der Schwarze sollte dasselbe Ziel verfolgen wie die Weiße: Königsangriff, auch wenn ihm das schwerer fällt, weil er im Lauf der Partie schon so viel Zeit verschwendet hat. Aber jetzt hat Mama ihrem Oli ein wenig geholfen, indem sie die Diagonale b1-h7 geöffnet hat. Die bettelt ja förmlich darum, dass sich auf ihr ein schwarzer Läufer niederlässt, um nach c2 zu spähen. Dann hätte sogar der Springer b4 plötzlich einen Job.

14… Lxg4?!

Hmpf. Einen Läufer für einen Springer zu geben, das gefällt uns generell meistens nicht so gut und umso weniger, wenn es für den Läufer eine so schöne Alternative gab.

15. Dxg4

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Danke, Oli. Anstatt passiv zum Beschützer eines Springers degradiert zu sein, steht die mächtigste weiße Figur nun bereit, dem schwarzen König einzuheizen.

Schwarz sollte sich jetzt schleunigst nach Möglichkeiten umsehen, seinerseits Spiel gegen den weißen König zu entwickeln. Immerhin, die b-Linie steht ihm dafür ja offen, und außerdem steht auf a8 ein Turm, der gar nichts macht. 15…Ta8-b8 zum Beispiel sieht aus wie ein sehr guter Zug: macht aus einer passiven und unbeteiligten Figur einen potenziellen Angreifer.

15…f5?

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Danke, Oli. Anstatt gegen den weißen König vorzugehen, schwächt er den Bauernschutzwall seines eigenen Königs. Und zu allem Übel verschafft er der Weißen auch noch einen gedeckten Freibauern auf der e-Linie.

Hallo, Oli? Gedeckter Freibauer, schonmal gehört? Wir würden uns sehr wundern, wenn Schachfreund Björn Lengwenus dieses Thema in einer der ersten drei Fritz&Fertig-Folgen nicht behandelt hätte.

Das „?“ bekommt Oli auch für das, was nun folgt. Anstatt nach Gegenchancen zu suchen, spielt er konsequent am falschen Flügel weiter.

16… Dh5 f4 17. exf4 Txf4

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Das größte Oli-Problem, auch in den ersten beiden Partien gegen Papa zu besichtigen: Anstatt dafür zu sorgen, dass seine Figuren zusammenarbeiten, schickt Oli einzelne weit vor, um dann festzustellen, dass sie gar nichts leisten. Sobald wir das in den Griff bekommen haben, sobald sich ein Gefühl für Harmonie und Zusammenspiel entwickelt hat, wird Oli automatisch den nächsten Spielstärkesprung machen.

18. Thf1 

Die f-Linie will Mama dem Schwarzen nicht überlassen.

18… Th4

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Ein Stratege muss Oli erst noch werden, ein gewiefter Taktiker ist er schon. Zwar spielt Oli auf der falschen Seite des Brettes, aber dass auf h2 ein Bauer ungedeckt herumsteht, das sieht er sofort. Nur könnte Weiß den leicht retten: Jetzt Dh5-f7+, dann h2-h3, und auf h4 hätte sich die nächste schwarze Figur ins Abseits verlaufen (während der Ta8 und die Dd8 immer noch auf ihren Ausgangsfeldern herumstehen).

19. Qf3? Rxh2

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Ein Turm auf der zweiten Reihe, immerhin, das ist für den Gegner immer ein Quell der Sorge. Der aktive Turm könnte Oli Gegenchancen verschaffen, sobald der g2-Bauer weggeräumt und die Sicht auf die weiße Königsstellung frei ist.

20. Df7+ Kh8 21. e6??

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Voreilig lässt Mama ihren Freibauern marschieren, dabei hätte sie erst zum Beispiel per 21.Tf1-f2 ihren g2-Bauern schützen sollen, um danach vorzumarschieren. Jetzt kann sich Oli retten: 21…Dd8-g5+ 22.Kc1-b1 Dg5xg2, und angesichts des Drucks von Springer, Dame und Turm gegen c2 muss Mama sogar aufpassen, dass sie nicht noch verliert. Plötzlich würden die eben noch versprengten schwarzen Figuren zusammenarbeiten.

21… De8??

Versucht, den weißen Sturm aufzuhalten und die ins schwarze Lager eingedrungene weiße Dame zu befragen. Aber für Verteidigung ist es zu spät.

22. Tde1!

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Mama ist taktisch anfällig, das haben wir im 12. und 21. Zug deutlich gesehen. Aber abgesehen davon spielt sie blitzsauberes Schach: Figuren verbessern, Figuren zusammenarbeiten lassen. Der Td1 stand ohne Aufgabe da, also bringt ihn Mama ins Spiel, damit er den Freibauern anschiebt. Das kann sich Oli genau so abschauen.

22… Dxf7 23. exf7

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Der Freibauer ist nicht mehr aufzuhalten. Weiß wird als nächstes auf der Grundlinie eindringen, danach zieht der Bauern vor und verwandelt sich in eine Dame. Schwarz kann nichts dagegen tun. Warum? Weil zwei Drittel seiner Truppen beschäftigungslos im Abseits herumstehen, während die weiße Armee dort zusammenarbeitet, wo es zählt.

23… Tf8 24. Te8 

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Und Oli gab sich geschlagen.

1-0

Wir fordern Revanche!

4 Kommentare zu „Projekt „Mama besiegen“, erster Versuch: Einen Angriff planen, wie geht das?

  1. Hallo, Herr Schormann!

    Ja, ich bin gespannt auf die Trainingspartien von Oli gegen Papa oder Mama, in denen Oli es lernt, eigene Ideen und Pläne zu entwickeln, um die besten Züge zu finden, die dazu etwas leisten, also seine Zugfindung und sein Schachdenken sich dabei in diesem Sinne langsam verbessert! Wie wird dieser „Aha“-Effekt, dieser „Knackpunkt“ in der Zugfindung herausgearbeitet und dargestellt werden?

    MfG
    G. Härtel

    1. Hallo Herr Härtel, das ist das Ziel dieser Serie: Olis Fortschritt dokumentieren und seine Aha-Erlebnisse so beschreiben, dass die Leser (Eltern und ihre Kinder in erster Linie, aber natürlich auch jeder andere Anfänger) davon profitieren können. Es gibt ja nicht diesen einen großen Aha-Effekt. Besser beim Schach zu werden, ist eher eine Folge von vielen kleinen Aha-Momenten. Im Idealfall gelingt es uns in jeder Partie aufzuzeigen, wo der nächste Aha-Moment zu finden sein wird.

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