Svane, aber welcher?

Offiziell gilt für die Nominierung der fünfköpfigen Nationalmannschaft der Stichtag 1. Juni, an dem die neue Eloliste der FIDE erscheint. Aber wie die Spitze der deutschen Rangliste aussehen wird und zwischen wem sich der Bundestrainer entscheiden muss, steht schon fest. Rasmus oder Frederik? Einen Svane-Bruder wird Jan Gustafsson für die Schacholympiade ab dem 10. September in Budapest als Spieler nominieren, den anderen aussortieren.

Die Top 10 der deutschen Eloliste Juni 2024.
Die deutsche Nummer fünf und sechs: Als unbezwingbare Wand am zweiten Brett hat Rasmus Svane (links) erheblichen Anteil am EM-Silber der Nationalmannschaft 2023. Aber würde jemand gebraucht, der kompromisslos auf den vollen Punkt geht, wäre wahrscheinlich Frederik Svane der richtige Mann. Bundestrainer Jan Gustafsson muss sich nun zwischen zwei Spitzengroßmeistern entscheiden, die etwa gleichstark sind, aber ganz unterschiedliche Spielertypen. | Foto: Sandra Schmidt

Seit Ende 2020 gilt die Regel, dass die ersten Vier der Eloliste im Team sind und der Bundestrainer frei entscheiden kann, wen er als Fünften mitnimmt. Seinerzeit hatte die Kommission für Leistungssport diese Regelung in erster Linie eingeführt, um sicherzustellen, dass der 16-jährige Vincent Keymer bei der Mannschaftseuropameisterschaft 2021 ins Team kommen kann, selbst wenn es nach Elo nicht reichen sollte. Nicht einmal die Fachleute hatten damit gerechnet, dass Keymer derart schnell die Eloleiter erklimmt, dass er Ende 2021 schon die deutsche Nummer eins ist und die ein Jahr zuvor erfundene “Lex Keymer” überflüssig.

Im Oktober 2021 erklomm Vincent Keymer erstmals den Spitzenplatz der deutschen Rangliste (nach DWZ). Es sieht nicht aus, als würde er diesen Platz bald räumen müssen.

Seitdem und wahrscheinlich für die kommenden zwei Jahrzehnte ist ein Platz im deutschen Team vergeben. Vincent Keymer steht über den Dingen. Bis auf Weiteres rangeln dahinter fünf etwa gleichstarke Spitzengroßmeister von internationaler Klasse um vier Plätze: Dmitrij Kollars, Matthias Blübaum, Alexander Donchenko, Rasmus Svane, Frederik Svane. Zwischenzeitlich stand das Szenario im Raum, dass sich dieses Quintett im ersten Halbjahr 2024 noch erweitern könnte, um Masters-Sieger Dennis Wagner oder Nakamura-Sekundant Niclas Huschenbeth etwa.

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Das Szenario ist nicht eingetreten. Keymer vorneweg, dahinter fünf Mann etwa gleichauf, dann eine kleine Lücke zu den Verfolgern: So sieht die deutsche Rangliste aus, seitdem Frederik Svane (20) im Sommer 2023 die 2600-Elo-Marke deutlich hinter sich gelassen hat. Auch diese Konstellation könnte für Jahre Bestand haben, und sie bringt mit sich, dass der Bundestrainer Jahr für Jahr die Qual der Wahl zwischen etwa gleichstarken Spielern hat, von denen einer außen vor bleiben muss.

Im Video: Dmitrij Kollars und Frederik Svane am Rande des Opens in München, befragt von Katharina Reinecke.

Womit diese Spieler die vergangenen Wochen vor der Elo-Abrechnung am 1. Juni verbracht haben, hat Dmitrij Kollars jetzt im Gespräch mit Katharina Reinecke auf DSB-YouTube offenbart: “Rechnen und zittern.” Kollars, in eigener Sache stets zurückhaltend, erwähnte allerdings nicht, dass er als deutsche Nummer zwei am wenigsten rechnen und zittern musste. Durchblicken ließ der 24-Jährige seinen Respekt für die beiden, von denen es einen treffen wird. Frederik und Rasmus seien “eindeutig gut genug” für die Nationalmannschaft. “Beide könnten spielen.”

Punktgleich ganz vorne, aber nach verfeinerter Wertung 227:228 hinten: das dramatische Ende einer starken Europameisterschaft, bei der die junge deutsche Mannschaft hauchdünn den ganz großen Coup verpasste.

Zusammen mit Kollars war Frederik Svane direkt nach einem Trainingslager der Nationalmannschaft in Magdeburg nach München gefahren, wo beide als Mitfavoriten das dortige Open im Rahmen des Münchner Schachfestivals spielen. Svane sagt, die Konkurrenzsituation belaste das Verhältnis der Top-Sechs untereinander nicht. Allzu viel gerechnet hätten auch er und Rasmus Svane nicht. Wie es steht, “wussten wir seit längerem. Jetzt trifft Jan eine Entscheidung”, fertig.

In der ersten Runde in München gegen seinen Vereinskameraden Jakob Weihrauch zeigte Frederik Svane, dass er bei Bedarf auch gediegene strategische Meisterstücke abliefern kann. Am Ende wiederum zeigte Weihrauch auf sehenswerte Weise, dass Schach demjenigen bis zuletzt Ressourcen offenbart, der danach sucht.

Trotz zehn Stunden Trainings am Tag, teils bis tief in die Nacht, Schach war nicht das einzige Spiel, mit dem sich die Nationalspielerinnen und -spieler während ihrer Trainingswoche mit Peter Leko und Frauen-Bundestrainer Yuri Yakovich beschäftigt haben. Für Teambuilding und körperliche Ertüchtigung standen das Trendspiel Spikeball und Lasertag auf dem Programm.

Peter Leko sei auch beim Lasertag ein guter Coach, als Spieler allerdings etwas zu passiv, hat Dmitrij Kollars festgestellt. Vincent Keymer hingegen, ließ Frederik Svane durchblicken, könnte auch beim Lasertag die deutsche Nummer eins sein, zumindest unter den Schachspielern.

Peter Leko steht nach seinem Trainingslager mit der deutschen Nationalmannschaft jetzt ein Comeback als Spieler der ungarischen bevor. Abgesehen von zwei Bundesligapartien im Sommer 2023 hat der einstige WM-Finalist seit März 2020 nicht mehr klassisches Schach gespielt. Stattdessen fokussierte er sich auf seine Arbeit als Trainer und wurde nebenbei zu einem der beliebtesten Schachkommentatoren. Aber bei ihrer Heimolympiade 2024 wollen die Ungarn das stärkstmögliche Team ins Rennen schicken.

Nach einem Bericht von chess.com (siehe unten) hat Leko anfangs zurückhaltend auf das Angebot reagiert, wieder zu einem Teil der ungarischen Mannschaft zu werden. Als Coach aushelfen, gerne, aber spielen würde er nur wollen, wenn die Mannschaft gut genug sei, um die Medaillen zu kämpfen. Dafür wiederum fehlte der beste Ungar, Richard Rapport, der zwischenzeitlich in Rumänien angeheuert hatte. Mit Rapport und Leko als Säulen des Teams gewannen die Ungarn bei der Schacholympiade 2014 die Silbermedaille.

Ob Rapport, Leko&Co. an die Erfolge der alten ungarischen Garde um Portisch, Ribli&Co. anknüpfen?

Nun ist der Wechsel Rapports zurück nach Ungarn offenbar beschlossene Sache. Schon beim Grenke-Classic über Ostern hatte er unter ungarischer Flagge gespielt. Nicht bezahlt ist bislang die Wechselgebühr von 50.000 Euro, die für den ungarischen Verband fällig wird, damit Rapport unmittelbar ohne zweijährige Zwangspause wieder für Ungarn antreten kann. An den Ungarn wird es nach chess.com-Informationen nicht scheitern. Bislang fehle die Zusage der Rumänen, Rapport ziehen zu lassen. Gleichwohl hat am Mittwoch die FIDE den Wechsel schon verkündet.

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joschi
joschi
19 Tage zuvor

Hab ich was verpasst? Warum ist Eli Pähtz bei dem Training nicht dabei gewesen (zumindest nicht am Gruppenbild)?

Ich würde übrigens Donchenko zuhause lassen. Er ist mir zuwenig konstant …