Schachlegende Jan Timman (72) kehrt zurück ans Brett

Nach einer 18-jährigen Pause nimmt Jan Timman wieder an der niederländischen Schachmeisterschaft teil. Der einstige Weltklassespieler, der zuletzt 2006 bei diesem Turnier spielte, kündigte gegenüber dem niederländischen Rundfunk seine Rückkehr zur Meisterschaft im Juli 2024 an. Der inzwischen 72-Jährige hat das Turnier seit seiner ersten Teilnahme 1969 neunmal gewonnen, öfter als jeder andere, zuletzt 1996.

Timman war von den späten 1970ern bis in die 1990er eine der führenden Figuren im internationalen Schachsport. Den Spitznamen “Best in the West” verdiente sich der ehemalige Weltranglistenzweite als derjenige unter den “westlichen” Spitzengroßmeistern, der am ehesten in die Phalanx der seinerzeit führenden Sowjets einzubrechen vermochte.

Jüngere Schachgeschichte, Prädikat lesenswert – vor Jan Timmans Kandidatenfinale gegen Anatoli Karpow 1990 erzählte der Spiegel die Geschichte eines Lebemanns und Schachgroßmeisters, der spät begonnen hatte, sein Potential vollends auszuschöpfen. Dazu ein Blick hinter die Weltschach-Kulissen kurz vor der Spaltung, die Timman 1993 ein “WM-Match” bescheren sollte.

Sein einziges WM-Match spielte der viermalige WM-Kandidat 1993 schon im Herbst seiner Karriere als Spitzenprofi gegen Anatoli Karpow, nachdem die eigentlichen WM-Finalisten Garri Kasparow und Nigel Short sich vom Weltverband FIDE losgesagt hatten. In Arnheim und Amsterdam unterlag Timman 8,5:12,5.

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Neben seinen Leistungen als Spieler hat Timman als Schachautor, -kommentator und -theoretiker und Studienkomponist bedeutende Beiträge geleistet. 1984 verantwortete er als einer von zwei Chefredakteuren die erste Ausgabe von “New in Chess”, für das Timman bis heute publiziert. Er ist Autor zahlloser Schachbücher.

Eine Zierde nicht nur für den Schachbuchschrank am Bodensee – “My World Chess Champions“: Jan Timman porträtiert zehn Schachweltmeister, die sein Leben und seine Karriere besonders beeinflusst haben. Pointiert und mit einem Auge fürs Detail erzählt er eine Reihe von Episoden, die vor der Veröffentlichung des Werks nicht bekannt waren.

Als Spieler ist Timman, Elo 2527, im neuen Jahrtausend immer kürzer, aber nie wirklich zurückgetreten. In Deutschland spielte er zuletzt in der Saison 2021/22 zwei Partien in der Schachbundesliga für den Düsseldorfer SK, dem er sich 2017 angeschlossen hatte. “Schach hat für mich nie an Faszination verloren. Ich habe noch nie eine identische Partie gespielt”, sagt Timman. Das klassische Spiel am Brett zieht er dem rasanten am Bildschirm vor. “Diese schnellen, digitalen Partien sind nicht so interessant. Geben Sie mir echte Bauern, Läufer und Türme”, erklärte er.

Jan Timman in der Schachbundesliga gegen den deutschen Großmeister Martin Krämer. | Foto: Jan Werner/Düsseldorfer SK

Neben der Liebe fürs Spiel ist ihm der Ehrgeiz erhalten geblieben. “Natürlich will ich gewinnen, wenn ich an einem Turnier teilnehme. Das war schon immer so, seit ich 1969 zum ersten Mal mitgespielt habe”, sagte Timman zur bevorstehenden Landesmeisterschaft nach 18 Jahren Pause. Timman plant durchaus, sich vorzubereiten, auch mit Computerhilfe, räumt aber ein, dass er die neueste Eröffnungstheorie “nicht mehr wie ein Besessener” studiert.

Die niederländische Meisterschaft läuft vom 6. bis 13. Juli in Utrecht. In Abwesenheit von Anish Giri und Jorden van Foreest, Nummer eins und zwei der Niederlande, werden am ehesten die 2600-Großmeister Max Warmerdam und Erwin l’Ami die Favoriten sein. Timman mag nicht prognostizieren, wie er abschneiden wird. “Ich habe keine Ahnung. Es ist einfach schön, wieder zu spielen.”

So sah es 1986 beim Spitzenschach in Tilburg aus. Neben Jan Timman im Bild: die Schachfreunde Hübner, Karpow und Ljubojevic. | Foto: Niederländisches Staatsarchiv

(Das Titelfoto zeigt Jan Timman mit seinem langjährigen Freund und Sekundanten Ulf Andersson am Rande eines Wettkampfs für den Düsseldorfer SK.)

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Karl - Heinz Groß Groß
Karl - Heinz Groß Groß
16 Tage zuvor

E. Henscheid hat 1977 einen großartigen Artikel veröffentlich:”Dostojewski,Boticelli und Karel Gott – Als Schachmeister noch Typen waren | Der Schachneurotiker

Hans-Georg Kleinhenz
Hans-Georg Kleinhenz
15 Tage zuvor

Eine kleine Korrektur: Das untere Bild stammt nicht aus Wijk aan Zee sondern vom Interpolis Turnier in Tilburg 1986.

Thomas Richter
Thomas Richter
16 Tage zuvor

Schwer zu sagen, wann Timman “kürzer trat” – definitiv erst nach der Pandemie, seither nur noch Mannschaftskämpfe, zuletzt nur noch in der relativ schwachen niederländischen Liga. 2013/14 hatte er sich nochmal von Elo 2584 auf 2626 verbessert, u.a. durch ein gutes Ergebnis bei Tata Steel Challengers. 2015 war die B-Gruppe dann ein Desaster (3/13, letzter Platz, 40 Elopunkte weg) – das war sein letzter Auftritt in Wijk aan Zee, sein letztes Turnier war Xtracon Open (zuvor Politiken Cup) 2019, ebenfalls misslungen. Zum Vergleich: für den ebenfalls 72-jährigen Oleg Romanishin geht es nach Elo auch bergab, aber er spielt tendenziell fast… Weiterlesen »

Frank Hoppe
Frank Hoppe
15 Tage zuvor

Auf welches Titelfoto bezieht sich der Bildnachweis, wenn gar kein Titelfoto da ist?
Bitte das CMS so konfigurieren, daß Titelfoto und evtl. Einleitungstext auch im kompletten Beitrag zu sehen sind.