Zeit, dass sich was dreht: Levon Aronian und Schach960

Levon Aronian sieht den Punkt gekommen, an dem es Zeit ist, den Spitzenschachbetrieb auf Schach960 umzustellen. “Magnus ist bereit, ich bin bereit, fast alle sind bereit”, sagte der Armenier am Rande des Sinquefield Cups, der in den ersten fünf Runden zwei entschiedene Partien produziert hat. Aronian ist für Weltmeister Ding Liren, der abgesagt hat, ins Elitefeld gerutscht. 

Oder liegt es doch an der Müdigkeit, dass Sinquefields Männern das Gewinnen so schwerfällt?

Aronian versteht, dass eine Mehrheit der Amateure angesichts seiner Einschätzung erstmal schlucken muss. Für Amateure bleibe Schach ein reiches Spiel, in dem es in jeder Partie Neues zu entdecken gibt. “Für Profis sieht das leider anders aus.” Tief ausanalysierte Eröffnungen, die den Akteuren keinen kreativen Spielraum lassen, sind nach Aronians Darstellung ein nicht mehr zu lösendes Problem. 

Klassisches Schach tot? Levon Aronian im Interview am Rande des Sinquefield Cups. Über seinen Wunsch, künftig möge Schach960 gespielt werden, spricht er ab etwa Minute 4:10.

Moderne Engines als Teil des Schachs hätten es viel einfacher gemacht, das Spiel zu durchdringen. Mit den weißen Steinen gegen einen gut vorbereiteten Spieler sei es schwierig, überhaupt eine Partie zu bekommen, eine gehaltvolle Stellung mit Figuren auf dem Brett. Selbst gegen einen durchschnittlichen Großmeister müsse ein Weltklassespieler auf Fehler hoffen und darauf, dass der Gegner die Eröffnung nicht ausreichend kennt. Aronian gebrauchte eine Tennis-Analogie: “Ohne unforced errors des Gegners hast du keine Chance zu zeigen, dass du der bessere Spieler bist.”   

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Nach seinem Fünftrundensieg über Alireza Firouzja bekräftigte Aronian seine Einschätzung. Jeder Sieg in einer klassischen Partie über einen starken Spieler bedürfe eines kleinen Wunders. “Ich bin froh, dass es mir heute gelungen ist, so ein Wunder zu kreieren.” Aber nun nahe die Zeit, “auf die ich meine ganze Karriere gewartet habe”. Aronian hofft, dass schon in wenigen Jahren bei Eliteturnieren wie dem Sinquefield Cup 960 gespielt wird. 

In den vergangenen Jahren haben zahlreiche Spitzengroßmeister gesagt, dass ihnen 960 Freude bereitet und sie gerne es gerne öfter spielen würden. Nicht zuletzt hat Magnus Carlsen seinen Weltmeistertitel niedergelegt, um sich dem von Aronian skizzierten Problem in seiner ausgeprägtesten Form, WM-Eröffnungsvorbereitung, nicht noch einmal stellen zu müssen. 

Zwar steigt international die Zahl der 960-Wettbewerbe, zwar gibt es seit 2019 sogar eine Weltmeisterschaft, aber tatsächlich ist die Variante auf dem Elitelevel noch nie mit klassischer bzw. langer Bedenkzeit gespielt worden. Zwei für 2023 geplante Matches, in denen es erstmals dazu kommen sollte, fanden nicht statt: Magnus Carlsen vs. Ding Liren in Argentinien scheiterte, Magnus Carlsen vs. Hikaru Nakamura (amtierender 960-Weltmeister) in Las Vegas auch:

Hikaru Nakamura siegte im Finale der 960-WM 2023 über Ian Nepomniachtchi. Gespielt wurde Schnellschach.

Bestimmt repräsentiert Aronians Auffassung unter Elitespielern die Mehrheitsmeinung. Wie groß diese Mehrheit ist, ob wirklich “fast alle” bereit sind umzusteigen, wäre zu ermitteln. Vincent Keymer etwa gewinnt der enginegestützten Eröffnungsforschung auch positive Aspekte ab: Die Engines hätten zwar viele Eröffnungskapitel endgültig geschlossen, aber dank Engines sei auch viel entdeckt worden und noch zu entdecken, auf das ohne Hilfe kein Mensch kommt.  

“Schach ist noch sehr offen”, findet Vincent Keymer.

Auch beim WM-Match 2023 erweckte Schach1 nicht den Eindruck, ausgelutscht und totanalysiert zu sein. Ding Liren und Ian Nepomniachtchi lieferten sich im April das mit Abstand wildeste WM-Match der schachlichen Moderne. 

Wie Rocky Balboa gegen Ivan Drago: Als Ding Liren und Ian Nepomniachtchi um die Weltmeisterschaft im klassischen Schach kämpften, erweckte das gute, alte Schach1 nicht den Eindruck, am Ende zu sein.
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Amontillado
Amontillado
2 Monate zuvor

Ich hab den Eindruck, dass solche Vorschläge häufig von alternden Spielern kommen, deren beste Zeit hinter ihnen liegt. Manch einer scheint Probleme damit zu haben, die eigenen schwindenden Fähigkeiten zu akzeptieren und beschuldigt für seine zunehmenden Schwierigkeiten, sich auf Top-Niveau durchzusetzen, lieber das Spiel oder andere Faktoren. Ein Kramnik wollte plötzlich Schach ohne Rochade und ist inzwischen dazu übergegangen, einfach jeden des Betrügens zu beschuldigen. “Der andere hat geschummelt” ist sicherlich besser fürs Ego als “ich war nicht gut genug”. Aronian war einst einer der kreativsten Spieler der Welt. Der konnte jeden ausspielen, egal in welcher Eröffnung. Aber diese Zeiten… Weiterlesen »

Thomas H
Thomas H
2 Monate zuvor

Etwas heuchlerisch, was Aronian da zum klassischen Schach sagt. Nicht mehr möglich, Spiel zu bekommen? Inzwischen sieht man wieder häufig die russische Verteidigung, anscheinend weil die Berliner Variante immer noch nicht remisig genug ist? Mit Weiß dann Londoner System und sich beschweren, dass es langweilig ist? Den Topleuten geht es doch in erster Linie um die üppigen Antrittsgelder. Bloß unter den Top-20 bleiben, sonst gibt es keine Einladungen mehr. Da riskiert man eben gar nichts, man remisiert sich durch, wenn man in der Ratingliste zurückfällt, kostet das hundertausende von Dollar. Da kann das klassische Schach nichts dafür, das liegt am… Weiterlesen »

ebayer
ebayer
2 Monate zuvor

Im Artikel ist ein Fehler:
“Die Großmeister haben so lange auf einen Weg gewartet, wieder mehr Sponsorengelder zu kassieren.”
Das hat er eigentlich gesagt.

Ich finde es als Amateur halt einfach widersinnig, immer und immer wieder die gleichen Spieler gegeneinander antreten zu lassen. Das wird mir auch irgendwann langweilig, selbst als Zuschauer.

Last edited 2 Monate zuvor by ebayer
Georg Adelberger
Georg Adelberger
2 Monate zuvor

An Spielmöglichkeiten soll es nicht fehlen: Ich erlaube mir den Hinweis in eigener Sache: https://www.schachclubkreuzberg.de/5-internationales-schach960-festival-2024/ – 2023 immerhin mit Harikrishna, Navara, Friedman, Kollars,…. 09-11. Februar, samt Deutscher Meisterschaft im 960.

Eumelgnub
Eumelgnub
2 Monate zuvor

Aronian vergisst eines.

Ein Profi, egal in welchem Sport, lebt nicht im luftleeren Raum.

Er kann nur dann dauerhaft von seiner Tätigkeit leben, wenn ein öffentliches Interesse daran besteht.

Und wenn das Interesse an “normalem” Schach nun mal um ein Vielfaches größer ist, dann bleibt den Schachspielern nichts anderes übrig, weiter normales Schach zu spielen, wenn Sie davon leben wollen.

Ein Fußballprofi, dem plötzlich einfällt, dass Radball viel spannender und interessanter ist, kann auch nicht verlangen, dafür genau das gleiche Gehalt zu kassieren.

Mulde
Mulde
2 Monate zuvor

Herr Aronjan möchte also, dass irgendein anderes Spiel und eben nicht mehr Schach gespielt werde. Bitte, kann er ja so machen – aber was haben all die anderen damit zu tun? Solche Vorschläge gibt es bekanntlich mind. seit Capablanca. Ob Herr Aronjan genügend Leute findet, die als Sponsoren für sein Hallenhalma auftreten, wird man sehen müssen. Er wird jedenfalls viel zu tun haben, welche zu finden.

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[…] erst am Rande des Sinquefield-Cups hatte der US-Armenier gesagt, dass er schon eine Karriere lang von einem richtigen 960-Turnier träumt. Als er das sagte, wusste er freilich schon, dass sich ihm im Februar 2024 in Deutschland dieser […]